‘Fußball’

Brennerpass Bundesliga 2014 /2015 (4)

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SPIELTAG 4

Hamburg – Bayern 0:0 (0:0)
Liebe Hamburg-Fans, es tut mir leid, Euch enttäuschen zu müssen, aber Eure Mannschaft spielt immer noch Grütze. Einen couragierten bis vollkommenen übermotivierten Auftritt vor aufgepeitschten Fans hinzubekommen ist noch lange kein Paradigmenwechsel und haut mich auch nicht zwingend aus dem Schlafanzug, zumal selbst dieses Herz- und Hackspiel erst mit dem dritten Trainerwechsel in einem Jahr möglich war (das skurrile 3:0 gegen den BVB damals ignoriert). Ich spare mir also das Lob, bis der Verein auch mal gegen einen echten Konkurrenten gewinnt, gegen Bayern kann sich ja jeder motivieren.

Gegen den HSV dagegen offensichtlich nicht jeder. Das war grausig, was der FCB da auf den Platz gestochert hat. Diese Woche hab ich mich noch über das illoyale Pep-Zersägen in der SZ aufgeregt, aber am Samstag um 15:30 habe ich mich dann auch gefragt, wie Pep das immer macht: eine Elf hinzuknobeln, die so garantiert noch nicht im Entferntesten zusammen gespielt hat. Nach dem sehr guten Auflauf gegen Manchester, in dem endlich einmal Mario Götze das getan hat, was in seinem Vertrag steht und Alonso und Lahm sich in Personalunion dem Aufbau aus dem Mittelfeld gewidmet haben wie einem Kleinkind, dem man das Gehen beibringen muss, war jetzt wieder robben angesagt (no Verletzen-beim-Aufwärmen-pun intended). Lediglich Boateng spielt auf einem Hoch, das schon gegen Manchester faustharten Doping-Verdacht erweckte, nicht umsonst hielt ihn die UEFA nach dem Spiel eine Stunde lang in dem Katakomben fest. Im Ernst, Boateng sollte sich analog zu seinem windigen Bruder Kevin Prince in Jerome BoaKING umbenennen, denn Zweikämpfe mit ihm sind derzeit so aussichtsreich wie das Überleben Deines Lieblingshelden bei Game Of Thrones. Sehr engagiert finde ich auch diesen Bernat, der am Ende seiner ergebnislosen Amoksprints immer so herrlich resigniert schaut, als wolle er sagen “leckts mich doch einfach am Arsch”, aber viel zu höflich dafür ist. Würde ihm irgendjemand auf das Gerenne hin seine Pässe und Flanken abnehmen, er wäre glatt eine große Stütze fürs Offensivspiel. Gleiches gälte für Alaba, hätte er neben seinem irrwitzigen Spieltempo nicht verlernt zu schießen. Der Mann holzt durch die Gegend, als hätte man ihm gestern erst ein bionisches Bein angeschraubt, an das er sich erst gewöhnen muss. Gewöhnen mag ich mich irgendwie nicht mehr an Shaqiri. Ich kann mich an KEIN einziges Spiel in den letzten 10 Monaten erinnern, indem er sich für größere Taten auf dem Flügel (sprich das mystische Erbe von Robbery anzutreten) empfohlen hätte. Megamedioker auch diesmal. Megaabwesend vor und nach seiner Einwechslung: Lewandowski. Vielleicht braucht der seinen hausinternen Lucas Barrios als Ansporn, Pizarro hat sich (am Samstag) nicht gerade als Konkurrent erwiesen.

Zurück zu Hamburg und dem neuen Wundertrainer Pep Zinnbauer, der mit markigen Sprüchen und verbalen Warnschildern seine Spieler zurück in die Realität, sprich auf das Niveau einer Bundesliga-Mannschaft holen will. Meine 5 Pfennig: das wird ein harter Ritt, denn was sind das für Profis, die sich zwar für ein grobschlächtig herausgewuzeltes Unentschieden gegen den Klassenprimus, nicht aber gegen Hannover 96 motivieren können? Stinktier-Frisur Berahmi hat Zinnbauer allerdings mit seiner Standpauke für Elbphilarmoniker erreicht. Vor drei Tagen aus dem Kader geflogen und jetzt neben Holtby der beste Mann auf dem Platz. (mehr …)

Brennerpass Bundesliga 2014 /2015 (3)

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SPIELTAG 3

Leverkusen – Bremen 3:3 (1:1)
Das Marquee-Match vom Wochenende. Eine Wildwasserfahrt von einem Fußballspiel mit Conaisseur-Momenten wie dem grandiosen Çalhanoğlu-Freistoß, aber auch jeder Menge Hack’n’Slay. Luxuriös, was die Levku-Offensive derzeit darbietet. Kießling ackert wie ein Grubenpferd, Bellarabi tanzt sich durch Gegnerreihen wie ein Buttermesser (ja, ich weiß, die Semantik), Son blitzt an einem vorbei wie ein Wetterleuchten und dann pumpen sich auch die Abwehrspieler wie Jedvaj nach vorne, als wär ihnen hinten zu wenig los. Dabei ist das ja grade nicht der Fall, wie die letzten Spiele und die Gegentore beweisen. Dieser sympathische Wille zur bedingungslosen Offensive kostet Kraft und defensive Konzentration. Das System Roger Schmitt funktioniert bei Mannschaften, die man mit schnellen Toren einschüchtern kann, ganz hervorragend, nicht aber bei Bremen, die derzeit (auch dank der Fans) über eine völlig unerschütterliche geradzu biestige Moral verfügen. Schmitt hat jedenfalls nach dem Spiel behauptet, der Fußball sei nicht gerecht, aber das Gegenteil ist der Fall: er ist unbestechlich und seine Regeln geben vor, dass Pfostenschüsse nicht als Tore zählen. Endgültigste Fußballweisheit: Im Fußball gewinnt nie das bessere Team, sondern das, das die meisten Tore schießt. Klasse Match und willkommen daheim Bender-Zwilling, der nicht bei Dortmund spielt. (mehr …)

Brennerpass Bundesliga 2014 /2015 (1)

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SPIELTAG 1

Bayern – Wolfsburg 2:1 (1:0)
Zugegeben, von beängstigender Frühform kann bei den Bayern keine Rede sein, aber bedenkt man, dass Pep Guardiola unter Ausrufung des Notstands aufgestellt hat, gibt es jede Menge Dinge zu entdecken, die optimistisch stimmen.
Allen voran freilich das Comeback von Holger Badstuber. Der hat in seiner Abwesenheit zwar ein paar Haare, aber keineswegs Federn gelassen, seine Zweikampfquote lag stellenweise über 90% und endlich kann ich auch wieder einen meiner Erfolgstweets von vor zwei Jahren rezitieren: “You know when you’ve been badstubered.”
Dann natürlich Babybel Gaudino, der sich vermutlich im Training noch Autogramme von den Weltmeistern geben hat lassen, bevor er sie aussteigen ließ wie bettwarme Prokuristen. Auch gut: Rode als Impulsjoker, auch wenn sein Tor nicht gezählt hat, weil man sich statt endlich den gottverdammten Videobeweis einzuführen, den Kopf darüber zerbricht, ob das Freistoßspray jetzt aus Sprühsahne oder Rasierschaum bestehen darf (Ich nehm das zurück: Freistoßspray ist der neue Hipster; easy target). Robben und Müller sind scheinbar ohnehin immer noch in der WM-Mauser, am besten steckt ihnen auch niemand, dass die vorbei ist. Nicht unerwähnt soll auch der Kollege Bernat bleiben, der in der Defensive zwar etwas zu sehr auf Distanz zum Gegner geht (als wäre er sich zu fein für ein physisches Habe-die-Ehre), aber dafür auf der Außenlinie herumderwischt und übersteigert als er wäre er der leibhaftige Monsieur.

Und was war negativ (von Rummenigges peinlichem und völlig sinnfreien Geschwätz über Dortmunder Wirtschaftskopisten mal abgesehen)? Ein paar sympathische (weil nicht gravierende) Schrägheiten von Neuer, etliche Plotlöcher und unnachvollziehbare Handlungssprünge im Spielaufbau, aber nichts, was die Zeit nicht richtet. Auch der BVB-Sturm ließ noch ein bisschen zu wünschen übrig, aber der eingesprunge Lewandowski-Rittberger nach Genießerzuspiel von Gaudino war ein netter Vorgeschmack und eine Torvorlage hat UNSER Lewi ja auch schon vorzuweisen. Götze hingegen ist alleiniger Weltmeister, der kann sich auf seinen Lorbeeren mindestens noch zwei Spiele ausschlafen. Wirklich unzufrieden bin ich nur mit zweien: 1. Shaqiri, der seine WM-Form pünktlich zu Saisonbeginn wieder abgelegt hat und 2. mit der neuen Harvey-Two-Face-Frisur von Højbjerg. Haben wir nicht aus dem Abgang von Contento gelernt, dass mit zunehmender haarstilistischer Exotik die Ballfertigkeit abhanden kommt, weil man vermutlich seine Prioritäten falsch setzt?

Wolfsburg war ein passabler Auftaktgegner. Wenn man bedenkt, wer da noch aller fehlt, aber sieht, wer jetzt schon spielt, kann man auch beinahe von einem Luxuskader sprechen. Einem, der Gala kann, aber auch rennt und beisst (Knoche, Arnold, Olic) und dem aber wie immer im Abschluss das nötige Quentchen Hirn fehlt, wie der Kollehe Malanda demonstriert hat (wobei der entgegen aller Unkenrufe wirklich bei dem Tempo kaum zu “nehmen” war). Die ballgewordene Lustbrumme von Olic zum Anschluss war die Ausnahme zur Regel. Insgesamt aber ein Saisonauftakt nach Maß, das Gestocher gegen Gladbach im letzten Jahr war sicher nicht besser. Auch Wolf-Christoph Fuss scheint guter Dinge zu sein, was man an der Begeisterung merkt, mit der er uns seine schlechten 90er-Jahre-Aphorismen aufs Brot schmiert. Aber wer bin ich, um zu beurteilen, was cool oder lustig ist. Geschmack ist demokratisch und Deutschlands Optimum an Zeitgeist und Humor sind Joko und Klaas. (mehr …)

Brennerpass: Supercup 2014

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Dortmund – Bayern 2:0 (1:0)

Ich bin mir sicher: wenn man nachts mit einem Ball in der Hand an Manuel Neuers Haus vorbeiläuft, stürmt er aus der Wohnungstür, schlägt einem den Ball aus der Hand und legt sich wieder hin, ohne je aufgewacht zu sein. Der Mann hat offiziell die Transformation zur Maschine vollzogen. Und das trifft sich gut, denn sonst hätte Bayern hier auch sein Brasilien erleben können.

Ich weiß nicht, was sich Pep von dem Spiel erwartet hat, aber wenn es etwas anderes als hochmotivierte und sich den Arsch abrennende Dortmunder waren, die den Bayern nach den hochgradig obsoleten Rummenigge-Sprüchen das Maul stopfen wollten, dann hat er sich wohl über den Sommer doch zuviel mit der katalanischen Unabhängigkeit (inkl. Demos in Berlin) beschäftigt. Vielleicht ist es ja wirklich die Sprachbarriere, vielleicht ist ihm nicht klar, dass der BVB born to kick Bayerns weary arses ist. Vor allem solange er mit einer obskuren und uneingespielten Dreierkette herumzündelt. Pep sagt, er braucht mehr Zeit, die er nicht hat. Klopp ist das wurscht, der spielt mit zwei Stürmern und der Raute aus dem Alten Testament, wenn es sein muss. Dass Klopp so ein Narzist und Ehrgeizling ist und gleichzeitig ein absoluter Pragmat, macht ihn zumindest kurzfristig immer zum besseren Trainer als Guardiola.

Obwohl ich schon die Befürchtung hege, dass die Bayern mit einem ziemlichen Kater in die Saison starten werden, weil es nach der WM endgültig nichts mehr gibt, was sie noch gewinnen können, hab ich gestern etliche Lichtblicke gesehen. Der hellste davon war Rode, aber auch Shaqiri hat eine neue Chance verdient, und dass ich Højbjerg-Fan bin, ist kein Geheimnis.

Fazit: diese kleine Demontage tut gerade den Weltmeistern ganz gut und bei den Dortmundern und ihrem erstaunlichen Fitnessgrad kann man nur hoffen, dass die sich nicht wieder bis zur Winterpause aufgerieben haben ob ihrer massiven Enthusiasmierung. “Hurensöhne”, singen wir auf jeden Fall so schnell nicht mehr und Marco Reus’ Austiegsklausel ist wohl auch eher ein Thema für Pérez als für Rummenigge. Man kann ja sicher auch mehr als 25 Mio zahlen, wenn man will, oder?

Zu Javi Martinez fällt mir nichts ein. Farce, traurige.

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Brennerpass Bundesliga 2014/2015: Tippspiel

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Liebe Brennerpassanten, es ist wieder soweit. Zumindest fast. Eine neue Bundesliga-Saison droht allen Fußballdesinteressierten Familienmitgliedern und Freunden und damit auch ein neues Tippspiel. Zu gewinnen gibt es mindestens ein unglaubliches Bücherpaket wie vergangene Gewinner (Martin, Feinschmeckerle, Eikman) bezeugen können. Es darf jeder mitmachen, der nicht bei der kroatischen Wettmafia arbeitet, sogar Dortmund-Fans. Mit dem Tippspiel beginnt dann freilich auch eine neue Staffel Bundesliga-Bloggerei aus dem Storytelling-Blickwinkel. Wer ihn noch nicht kennt: Der Brennerpass ist nicht die Spielverlagerung (zu wenig kompetentes Personal), dafür schau ich mir die Liga an wie ein Drehbuchschreiber. Frage mich, wo sind die Pointen, wo die Unfassbarkeiten, wo der Spannungsbogen. Natürlich geschieht das immer auch ein bisschen durch die Bayernbrille, aber das ist a) volle Absicht und b) die Schuld meines Vaters. Ich versuche mich in meinen Schelten und Abwatschreden, genau wie in der blanken Euphorie immer in Ausgeglichenheit und so etwas wie Fairness zu üben. Das heißt: jeder kriegt irgendwann sein Fett (und sein Lob) weg, da mach ich bei meinen Roten keine Ausnahmen.

Aber genug gepredigt, jetzt wird gemediasrest. Hinein ins kalte Nass, wer noch nicht angemeldet ist, die anderen übernimmt das System. Wenn du keinen Bock mehr hast, melde dich doch fairerweise ab, oder ich schmeiße dich bei demonstrativer Inaktivität im Lauf der ersten Wochen hochkant hinaus. Und eins noch: Ich mach das nicht für Geld, ich mach das für euch und für mich. (PS: Wir spielen ohne Fragen und Relegation)

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Brennerpass WM-Studio 2014 (25)

Deutschland – Argentinien 1:0 n.V.

Da hab ich mein Maul im Vorfeld aber proppevoll genommen, als ich dem Endspiel in einer Berliner Boulevardzeitung jegliche Spannung und Dramatik abgesprochen habe. Gnadenlos unterschätzt habe ich diese Argentinier aber wie hätte ich auch wissen sollen, was die drauf haben, sie haben es ja das ganze Turnier nicht gezeigt. In diesem Sinne ein ganz ironiefreies und herzliches Danke fürs Mitspielen, das war Fußball. Ich hatte aber auch nicht gedacht, dass dieses Spiel auf einer derart scharfen Klinge ausgetragen werden würde. Noch beim Warmlaufen ging eine ganze wärmende Zuversicht von den Deutschen und eine sorgenvolle Mimik von den Argentiniern aus. Sabella wirkte sogar so, als wäre ihm die Finalteilnahme eher unangenehm, nach dem Motto: ich weiß, dass ich hier eigentlich nichts zu suchen habe.

Doch dann haben ihm ein paar Dinge in die Karten gespielt: zum einen der Spontanausfall von Khedira und in der Folge der vom beinahe enthaupteten Kramer. Damit war Deutschland in der mittlerweile so implosionssicheren Chemie im Mittelfeld leicht geschwächt, auch wenn Kramer (kurz) und Schürrle (4ever) die Offensive auf Trab gebracht haben. Gleich zu Beginn passierten auch ein paar Konter, die den Argentiniern Selbstbewusstsein gegeben haben, weil sie gesehen haben, dass sie schneller als die Deutschen sind. Später wurde ihnen genau dieses Selbstbewusstsein wieder im Alleingang von Boateng genommen, dem man nachträglich den Ballon D’Or überreichen sollte und ihn Ronaldo wieder wegnehmen. Man kann eh getrost behaupten, dass diese angeblich so improvisierte Abwehrkette spätestens seit dem Algerien-Spiel die WM für Deutschland entschieden hat und das ganz ohne Zement.

In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel dann immer mehr zu Bastian Schweinsteiger in “Die Hard In A World Cup Final”. Der Schiedsrichter hat ja wirklich alles dafür getan, dass Schweinsteiger zerschmettert vom Platz getragen wird und Argentinien sich ins Elfmeterschießen schleppt, aber dann kam der beinahe schon entzauberte Zauberlehrling Götze, der sich ganz im Gegentrend zu seinen Verschwindetricks bei dieser WM in letzter Minute unsterblich gemacht hat. Und den einsamen Hauch der Unsterblichkeit muss er auch gespürt haben, als er alleine am Spielfeldrand stand statt mit den Kollegen zu feiern.

Noch mehr Respekt als der Kriegsgott Schweinsteiger und Marathon-Läufer Schürrle hatten die Argentinier aber vor der Medusa Neuer. In ihrem Blickfeld erstarrten Higuain und Palacio bei todsicheren Chancen zu Stein. Pünktlich zum Finale hat auch Mesut Özil sein erstes gutes Spiel im Turnier abgeliefert, Kroos dagegen war in der ersten Hälfte mies und fiel in der zweiten zumindest nur noch selten unangenehm auf. Gekämpft hat auch er, deshalb Schwamm drüber, aber ich prophezeie, dass sein Phlegma ihm auch bei Madrid im Weg stehen wird.

Am Ende bin ich erleichtert, aber nicht überrascht, denn es hat wirklich die konstanteste, spielerisch wertvollste und wohltemperierteste Mannschaft bei dieser WM gewonnen. Stolz bin ich nicht, denn ich hab ja nicht gespielt. Es ist nur eine Mannschaft, die ich mag, die einen Pokal gewonnen hat, den sie unbedingt gewinnen wollte. Eine Mannschaft mit einem guten Trainer. Am meisten freut es mich für Lahm und Schweinsteiger, die nach der Championsleague-Lücke in ihrem Leben nun auch diese Scharte in Gold auswetzen können.

Ein paar Beobachtungen von der Siegesfeier noch bevor wir alle ins Bett gehen, und da passt das “wir” dann auch endlich: Wie Höwedes und Hummels sich im Rasen geherzt und entspannt haben, hatte was von “Stand By Me”. Der eine ist Schalker, der andere sein theoretischer Erzfeind. Das sah mehr nach Liebe aus als zwischen so manchen herbeigerüschten Spielerfrauen und ihren Männleins. Auch schön wie Neuer und Großkreutz herumgetollt sind. Während Sepp Blatter den Lahm dann beinahe vor Begeisterung über sein eigenes Turnier unter sein Jackett genommen hätte, bekam Pille den Weltpokal von der unangenehm nach Erika Steinbach aussehenden brasilianischen Staatspräsidentin Rousseff sichtlich widerwillig überreicht. Natürlich musste Lukas Podolski noch vor allen anderen Siegergesten erstmal die Köln-Flagge auspacken, aber irgendeinen bleibenden Eindruck wollte er ja hinterlassen.

Einen bleibenden Eindruck hat bei mir auch Tom Bartels hinterlassen. Nachdem ich in der ersten WM-Woche noch twitterte, ich fände ihn “vollkommen okay”, bin ich jetzt bekehrt. Eine Platitüdenflak wie der gehört aufs Badeschiff oder ins deutsche WM-Quartier abgeschoben. Oder auf die Fanmeile. So, jetzt hab ich wenigstens auch noch eine Kriegsmetapher untergebracht. Apropos Krieg, wäre schön gewesen, wenn ein Spieler nach dem Spiel gesagt hätte, Israel und Palästina sollen sich nicht mehr ihre blöden Schädel zusammenhauen. Weltfrieden, ist das wirklich so ein abstrakter, ja strafnaiver Begriff geworden?

Ich geh jetzt ins Bett. Es war mir eine große Freude, hier berichten zu dürfen.

NACHTRAG
One last time in other news: Messi ist zum Spieler des Turniers gewählt worden. Von wem? Von Blatter? Und wäre es da nicht ehrlicher gewesen, man hätte ihm den Titel noch vor dem ersten Gruppenspiel verliehen?

Brennerpass WM-Studio 2014 (24)

Brasilien – Niederlande 0:3 (0:2)

Na schau her, dann war ja das Spiel um den dritten Platz doch nicht ganz umsonst. Hat es doch ein paar meiner Kernthesen dieser WM untermauert.

1. Brasilien kann nichts ohne Neymar, da kann Felipao umstellen wie er will.

2. Die Schiedsrichterleistungen bei dieser WM waren natürlich nicht alle so dürftig, aber insgesamt war das schon eine bizarre Anhäufung von Fehlentscheidungen. Siehe hier: Der Elfmeterpfiff außerhalb des Strafraums mit Trostgelb.

3. Holland hat nicht immer für große Unterhaltung, aber für umsichtigen Fußball mit Köpfchen und ansehnlicher Offensive gesorgt. Ein Einzug ins Finale wäre mehr als verdient gewesen, weil zweitbestes Team der WM.

4. David Luiz ist durch und durch powered by emotion und so gut das für eine Mannschaft sein kann, bei der’s grad läuft, so pestig ist das in einer Defätismusspirale. Kommt alles vom zuvielen Glauben an irgendwas.

5. Deutschland wird Weltmeister. Das hab ich hier reingeschummelt. Erst seit dem USA-Spiel gibt es da bei mir einen verhaltenen Optimismus. Das hab ich geschrieben: “Insgesamt ein Spiel das Mut macht, nicht, weil die Deutschen so filigran waren, sondern weil sie sich Wind und Wetter anpassen können wie alte Hasen.”

Brennerpass WM-Studio 2014 (23)

Niederlande – Argentinien 2:4 i.E.

Das war Schlafes Bruder statt Mutter Courage! Hätte ich mir den Wecker gleich aufs mutmaßliche Elferrittern (denn ein anderes Ergebnis als 0:0 war nie drin) gestellt, hätte ich wenigstens bequem in einer dafür vorgesehen Vorrichtung statt auf der Couch auf meinem iPad geschlafen. Argentinien hat seinen Zerstörungsfußball ohne schlechtes Gewissen fortgesetzt und Holland hat sich nichts getraut. Das war das eine Spiel, wo Louis Van Gaal mit seiner Schmidtchen-Schleicher-Taktik in Sabella und seinen Hundes des kalten Krieges seinen Meister gefunden hat. Abwartender geht halt nun mal nicht mehr. Fürs Finale gegen Deutschland sehe ich zwei Gefahren: 1. Die deutsche Mannschaft schläft ein und kassiert während der R.E.M.-Phase ein Tor oder 2. es geht bis zum Elfmeterschießen, in dem ein einstmals zweitklassiger Towart namens Romero (AS Monaco) plötzlich als hochstilisierter Elfmeterkiller wirken darf. Ansonsten aber ein ähnlich leicht ausrechenbarer Gegner wie Brasilien, nur eben ganz anders.

In other news: Gerd Gottlob hat das langweiligste Spiel dieser WM emotionaler und begeisterter kommentiert als Bela Rethy neulich das 1:7.

Brennerpass WM-Studio 2014 (22)

Brasilien – Deutschland 1:7 (0:5) (difficulty: amateur)

Gemessen an den Fähigkeiten beider Teams und dem bisherigen Turnierverlauf ein stringentes Ergebnis, das mich nicht so wahnsinnig überrascht, wie man meinen könnte – ein 4:0 hielt ich immer für möglich. Brasilien stand ja schon beim Eckball und Tor von Müller dermaßen verloren herum, man hätte auch diese dösigen Leute hinstellen können, die morgens in der S-Bahn nie Platz machen, wenn man einsteigt. Hätte mehr gebracht. Die Szene war für mich symptomatisch für das gesamte Spiel der Brasilianer bei dieser WM und hat den Überfallfußball der ersten zehn Minuten ins Lächerliche gezogen. Jetzt haben die Brasilianer ja weiß Gott keine schlechten Leute im Team, was mich zu zwei Thesen führt: 1. Scolari coacht einen ziemlichen Mumpitz zusammen 2. Dieser Haufen marginal überbezahlter Sonderlinge war in der kurzen Zeit nur über Euphorie und Autoerotik zu coachen. Als Quintessenz fürs gesamte Turnier fällt diese Niederlage dann auch kein Tor zu hoch aus und es ist lediglich traurig, dass so Mannschaften wie Chile, Mexiko und Kolumbien der Seleçao unter die Räder gekommen sind. Wobei die auch selbst schuld sind, denn wie man gesehen hat, braucht man nicht am CERN arbeiten, um die Brasilianer zu entschlüsseln.

Aber ja doch, zum Unvermögen des Gegners kam dann auch ein wenig deutsche Brillianz dazu. Ich fand zum Beispiel weniger Kloses billigen Abstauber toll, dafür aber grandios, wie er David Luiz durch massiven Körpereinsatz schon bereits am Anfang des Spiels für alle Zeiten den Schneid abgekauft hat. Und während andere vielleicht Mitleid mit dem greinenden Knäuel verspürt haben, ist dieses Herumheulen einfach nur ein Zeichen von gekränkter Eitelkeit und einem völlig überzogenen Nationalbewusstsein. Und am schlimmsten: wahrscheinlich sogar ein Dialog mit Gott. Fußballer und ihre “Frömmigkeit”, Thema für sich.

Wichtig, dass das mit dem Toreschießen überwiegend in der ersten Hälfte erledigt war, so konnte sich Manuel Neuer ein wenig fürs Finale einschießen lassen. Nach wie vor ist die angeblich nur aus Innenverteidigern bestehende Abwehrkette der eigentliche Star der Mannschaft and I’m also looking at you, beautiful Benni Höwedes. Dass der hierzulande eher ungeliebte Löw jetzt auch aufgrund seiner Umstellungen und vermeintlichen Taktik den höchsten WM-Sieg in einem Halbfinale sein Eigen nennen darf ist doch ein schönes Trostpflaster, wenn er am Sonntag seinen Meister in Louis Van Gaal findet. Aber im Ernst: ich hab noch Hoffnung – trotz des Spiels gestern.

Zum Schluss mach ich das, was Spiegel.de und Konsorten so gerne tun: Ich zitiere aus diesem verrückten Social Web.

“I’m gonna rip my ears off if I hear anybody using the words ‘German’ and ‘Efficient’ in the same sentence ever again.” (Chris von der Liverpooler Band Silent Sleep auf Facebook)

“Someone needs to make the Hulk angry.” (Noel Fielding auf Twitter)

“Someone needs to pick up the other Playstation Controller.” (Gary Warnett @gwarizm auf Twitter)

“Wonder if David Luiz is still ahead in FIFA’s player of the tournament competition.” (Gary Linker auf Twitter)

Brennerpass WM-Studio 2014 (21)

Argentinien – Belgien 1:0 (1:0)
Niederlande – Costa Rica i.E. 4:3

Hey, da ist ja Martin Demichelis. Und noch dazu auf demselben Spielfeld wie sein ehemaliger Arbeitskollege Van Buyten. Beide haben mir damals bei den Bayern schlaflose Nächte verursacht mit ihren schlimmen Schludrigkeiten in der Abwehr, aber als Demichelis ging, war Daniel VB plötzlich bockegut und ist es bis heute geblieben. Er ist einer der wenigen Spieler dieser WM die von vorne bis hinten durchgespielt haben. Bis gestern Abend. Die erste Halbzeit sah kurz so aus, als hätten Belgien und Argentinien die Rollen getauscht. Argentinien sprintete und attackierte und Belgien sagte: “Ja, ja, macht ihr erstmal.” Doch dann erinnerte sich Argentinien wieder an seine eigentliche Rolle bei diesem Turnier: den Fußball boykottieren und mit einem Tor Unterschied gewinnen. Und so hat Belgien zu spät bemerkt, dass die Tür zum Halbfinale gerade zugeht und sich von der Albiceleste auch noch das letzte Herzblut aussaugen lassen, so dass es am Ende so wirkte, als gehe die Niederlage schon in Ordnung. Und vielleicht war es so: selbst Pluster-Rhetoriker Wilmots hat gesagt, er sei sehr zufrieden mit der Mannschaft in dem Turnier gewesen und das kann er auch sein. Ich hab zumindest in den letzten Acht niemanden gesehen, der deutlich besser gewesen wäre, am wenigsten Argentinien.

Uh, das Hollandspiel. Zunächst einmal mehr eine Halbzeit, die man sich getrost hätte sparen können. Eigentlich die ersten 75 Minuten. Theatralik, Abseitsfallen und Navas lautet meine Kurzzusammenfassung auf dem Notizzettel. Dann kommt aber die größte Ungeheuerlichkeit der jüngeren WM-Geschichte und ich meine nicht den grausamen Chancentod Van Persie in der 88. Minute. Nein, es ist Zeit für Aloysius Paulus Maria van Gaal, Ritter von Nassau-Oranien, der dieser Tage scheinbar eine Lösung für jedes Problem parat hat. Man sollte den Mann unbedingt auch in der Stammzellenforschung tätig werden lassen. Auf jeden Fall wechselt er seinen tadellosen Torhüter Cillessen aus und bringt den offensichtlich für den herkömmlichen Spielbetrieb untauglichen Elfmeterkiller Krul, der dann quasi mit links das Spiel entscheidet und Holland ins Halbfinale einzieht, so als wär nix gewesen. Holy shit.

In other news: Die FIFA untersucht jetzt mit großem Trara den “Fall Neymar”. Was für einen Fall und was gibt es zu untersuchen? Muß Batman als freier Ermittler ran oder reicht auch Claus Theo Gärtner? Schau dir die Zeitlupe an, Blatter, gib dem Kolumbianer eine Strafe und sag deinen Refs, sie müssen nicht alles laufen lassen.

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