Das falsche Tagebuch: 19. August 2014

Das Älterwerden ist mit das Großartigste, was mir je passiert ist. Das habe ich ja immer gehofft, aber nicht zu träumen gewagt, dass man als geborener Homo Hecticus nochmals so gelassen werden kann (für meine Verhältnisse versteht sich). Mein Problem war nie Indifferenz oder Wurschtigkeit, nie die Lethargie oder die Empathie. Ich war immer zuviel von allem. Emotional wepsig, weinerlich, weidwund. Geblieben ist davon überwiegend eine selbstgerechte Grantigkeit. Yes, ich kann endlich Schmerzen und unangenehme Dinge, Traumta und Herzlöcher verdrängen, wegschieben und unter den Teppich kehren wie andere Leute auch. Ich muss nicht mehr alles ausleben und Lieder darüber schreiben. Das macht mich glücklich. Die Melancholie ist eine dumme Sau.

Lesereise: Herbst

Es fehlen ja noch ein paar Termine von der großen Mandelreise in diesem Jahr. Die kann ich hiermit preisgeben. Freu mich, wenn’s wieder losgeht, hab auch extra ein paar ganz neue Lieder einstudiert. Auf deutsch sogar.

26.09.2014 Chemnitz – Weltecho
27.09.2014 Suhl – Provinzschrei
04.10.2014 Frankfurt, Feinstaub
05.10.2014 Karlsruhe – Kohi (Karlsruher Literaturtage)
22.11.2014 Berlin, Z-Bar, Krimimarathon

Und nicht zu vergessen das einzige und letzte Gebruder-Grim-Berlin-Konzert in diesem Jahr mit den geschätzten und wiedervereinigten Kollegen von HOT°.

17.10.2014 Gebruder Grim & HOT°, Grüner Salon, Berlin

Und so geht’s zu auf Lesereise:

Brennerpass: Supercup 2014

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Dortmund – Bayern 2:0 (1:0)

Ich bin mir sicher: wenn man nachts mit einem Ball in der Hand an Manuel Neuers Haus vorbeiläuft, stürmt er aus der Wohnungstür, schlägt einem den Ball aus der Hand und legt sich wieder hin, ohne je aufgewacht zu sein. Der Mann hat offiziell die Transformation zur Maschine vollzogen. Und das trifft sich gut, denn sonst hätte Bayern hier auch sein Brasilien erleben können.

Ich weiß nicht, was sich Pep von dem Spiel erwartet hat, aber wenn es etwas anderes als hochmotivierte und sich den Arsch abrennende Dortmunder waren, die den Bayern nach den hochgradig obsoleten Rummenigge-Sprüchen das Maul stopfen wollten, dann hat er sich wohl über den Sommer doch zuviel mit der katalanischen Unabhängigkeit (inkl. Demos in Berlin) beschäftigt. Vielleicht ist es ja wirklich die Sprachbarriere, vielleicht ist ihm nicht klar, dass der BVB born to kick Bayerns weary arses ist. Vor allem solange er mit einer obskuren und uneingespielten Dreierkette herumzündelt. Pep sagt, er braucht mehr Zeit, die er nicht hat. Klopp ist das wurscht, der spielt mit zwei Stürmern und der Raute aus dem Alten Testament, wenn es sein muss. Dass Klopp so ein Narzist und Ehrgeizling ist und gleichzeitig ein absoluter Pragmat, macht ihn zumindest kurzfristig immer zum besseren Trainer als Guardiola.

Obwohl ich schon die Befürchtung hege, dass die Bayern mit einem ziemlichen Kater in die Saison starten werden, weil es nach der WM endgültig nichts mehr gibt, was sie noch gewinnen können, hab ich gestern etliche Lichtblicke gesehen. Der hellste davon war Rode, aber auch Shaqiri hat eine neue Chance verdient, und dass ich Højbjerg-Fan bin, ist kein Geheimnis.

Fazit: diese kleine Demontage tut gerade den Weltmeistern ganz gut und bei den Dortmundern und ihrem erstaunlichen Fitnessgrad kann man nur hoffen, dass die sich nicht wieder bis zur Winterpause aufgerieben haben ob ihrer massiven Enthusiasmierung. “Hurensöhne”, singen wir auf jeden Fall so schnell nicht mehr und Marco Reus’ Austiegsklausel ist wohl auch eher ein Thema für Pérez als für Rummenigge. Man kann ja sicher auch mehr als 25 Mio zahlen, wenn man will, oder?

Zu Javi Martinez fällt mir nichts ein. Farce, traurige.

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Das falsche Tagebuch: 11. August 2014

Ich war dann doch nicht in El Dorado, Templin. Weil wenn das Kind ausgerechnet an einem moderat sonnigen Augustausflugssonntag kränkelt und sich in der Wohnung festgenörgelt hat, kannst du nur noch Scheiße schreien und dir ein Eis holen. Dafür hatten wir wenigstens den Supermond, den keiner sehen konnte und den Erdogan-Erdrutsch, der nicht zu übersehen war. Ja, schade, dass jetzt doch wieder ein autokratischer Gottestaat aus der Türkei geworden ist. Aber es war ein Anfang, da kann man nach der nächsten Revolution ja wieder ansetzen. Überhaupt lass ich mich nicht von der Aussichtslosigkeit der Dinge in eine Ebola-Stimmung versetzen. Ich bin vielleicht verrückt oder auch nur Positivist (und man fragt sich eh, ob das nicht nur Auslegungsunterschiede sind), aber je mehr wir uns in die archaische Brühe reiten, desto mehr stärken wir den Common Sense und die intellektuelle Evolution und schwächen den Kapitalismus. Nur das ist halt ein ganz langwieriger Prozess, dessen nächste Ausbaustufe wir vielleicht erst mit Rollator erleben, und in einer Zeit, in der keiner mehr die nächste Ampel-Phase abwarten mag, weil’s jedem mit der Durchsetzung seines Lebenskonzepts so wahnsinnig pressiert, will eh keiner mehr weiter als bis zum Abendessen denken. Ich glaube ans Erwachsenwerden, ich glaub an die Bildung und manchmal auch an das Faustrecht der Prärie (meine Western-Phase, wir erinnern uns) wenn so eine Arschgeige seine Leute behandelt wie Ameisen. Am 9. September kehrt übrigens der Supermond zurück. Ich für meinen Teil kann das abwarten. Morgen früh hingegen kommt schon die Putzfrau. Die verrichtet zweifellos eine tolle Arbeit, aber manchmal frage ich mich, ob die Zeit, die man dafür aufbraucht, die Wohnung in einen Zustand zu versetzen, damit die Putzfrau putzen kann, nicht kongruent ist mit der, die man bräuchte um selbst die ganze Wohnung zu putzen.

Kurzkritik zu Dawn Of The Planet Of The Apes, Noah, Oculus

DAWN OF THE PLANET OF THE APES
Soweit ist es schon gekommen. Beim kleinsten Anzeichen von Dystopie fürchte ich um Leib und Leben meiner Familie. Ernsthaft jetzt. Sofort geistig bei Ebola und zwar den ganzen Film lang. Wenn man jung ist (also unter 39), hat man nichts zu verlieren außer seine Katze, die Großeltern, die Ehre und etliche Beziehungsversuche. Da hat der Tod beinahe nicht selten etwas Kurioses, Interessantes, wie er einem permanent gedanklich auf den Fersen ist. Man schaut Splatterfilme und hört Black Metal, man schreibt Elegien und schwelgt in Agonie. Fünf Jahre später traut man sich keine Zigarette mehr anfassen, sieht den Straßenverkehr als größte Bedrohung für die Menschheit an und erwartet jeden Tag den dritten Weltkrieg oder wenigstens dass der Russe kommt. Jetzt wo ich das los geworden bin: Dieser Film ist ein pathetisches, vorhersehbares Rührstück, das man aufgrund des hohen moralischen Anspruchs und der sehr guten Rhythmik eigentlich kaum verreissen kann. Oder? Mir ätzt aber doch viel Moralin ins Action-Getriebe und die Baukasten-Dialoge sind mir eigentlich auch zu – Verzeihung! – affig. Vielleicht sagt das ja am meisten über den Film: Dass ich ihn nicht mochte, obwohl ich ihm die Story, die Andy-Serkis-Show und das Weltenende abgekauft habe. Ich quasi unangenehm gerührt.

NOAH
Passiert mir nur selten, dass ich mich nach einem Film frage, was das Genre gewesen ist. Er fängt an wie Herr der Ringe für Bibeltreue, was ja auch passt, denn anders als Fantasy kann man das Thema religiösen Mythos eh nicht behandeln (außer man ist Mel Gibson). Der Film ist gespickt mit CGI, die Andy Serkis die Tränen in die Augen treiben würde, darunter schwülstigere Sonnenuntergänge als in “Sturm der Liebe” (ARD) und einer Umeltschutz-Botschaft, die Russell Crowe mit einer übertriebenen Gravitas herüberbringt als wäre er der Erzengel Al Gore. Dann wird der Film vollkommen unerwartet spannend (und das bei einer Geschichte deren Ausgang man kennt) und in seinen zwischenmenschlichen Verflechtungen interessant. Danach wird er zappenduster. Menschlich düster, so Nolan-mäßig. Und bleibt fatalistisch bis zum Schluss, auch der Schluss kann das Kaputte nicht mehr kaputt machen. Ich muss also konstatieren: die erste Hälfte größter Bullshit des Jahres, die zweite aufregend.

OCULUS
Spiegelhorror ist immer Horror. Ich find Spiegel wirklich gruselig und damit meine ich nicht meinen 39-jährigen Anblick jeden Morgen. Aber weil Oculus es ganz besonders gut und haunted machen will, installiert er zwei Zeitebenen, die sich immer mehr vermengen und am Ende kaum mehr von einander zu unterscheiden sind. Das ist technisch elegant gelöst, inhaltlich aber völlig von der Rolle, es ist praktisch unmöglich sich auf die Handlung einzulassen, weil ständig in der Zeit herumgesprungen wird, als hätte der Fluxkompensator Hämorriden. Den ach so schockierenden Schluss bekommt man allerdings schon in der ersten Viertelstunde des Films zugefaxt, wenn man sich nicht nebenbei im iPhone die Haare schön macht. Zusammenhalten tut das scherbige Spiegelkabinett die tolle (und gelegentlich leicht übermotivierte) Karen Gillan.

Das falsche Tagebuch: 7. August 2014

Schon wieder und immer noch im Westernwahn. Muss wohl am Wochenende nach El Dorado Templin fahren und den ganzen Tag ungehindert den schwarzen Cowboyhut tragen. Beeindruckt haben mich nachhaltig die Peckinpah-Western “Pat Garrett & Billy Kid” mit dem Dylan-Soundtrack und der Sterbeszene am unbebauten Fluss, und vor allem der sterbensvollerdreckige “The Wild Bunch”. Über Pike Bishop habe ich ein Lied geschrieben. Die Sergio Leones samt Eastwood hab ich schon letzten Sommer durchgebrütet, dieses Jahr sind Ford, Hawks und der Duke dran. “The Searchers” hat mich regelrecht eingedunkelt mit seiner Weltverneinung im Monument Valley. Der Western, überhaupt ein düsteres Genre, selbst “High Noon” ist alles andere als eine happy-go-lucky Heldensaga. “The Sons of Katie Elder” und “Stage Coach” sind als Nächstes dran. Es ist das erste Mal im Leben, dass ich John Wayne etwas abgewinnen kann. Weil ich ihn jetzt erstmals im Original reden höre vermutlich und da wird auch deutlicher, was für ein guter Schauspieler er war, ob man den reaktionären Hund jetzt mag oder nicht.

Die Frau, die mich neulich für den Tagesspiegel interviewte, hat nicht ganz zu Unrecht gesagt, ich hänge in den Mandel-Büchern in so archemännlichen Genres wie Detektiv, Metal und Wrestling herum. Kommt auch noch der Western dazu? Plötzlich habe ich so ein Bild vor Augen, wie der Mandel in El Dorado Templin im Saloon sitzt und dort als Pianist sein Geld verdient und ich sehe meine Chance, einen eigenen Western zu kreiern, wenn auch in der Uckermark. Aber nein, die Mandel-Bücher sind vorbei. Bavarian Gothic ist mein neustes Genre.

Und was immer das auch über mich aussagt, dass ich die Machomilieus mag (ich sage, es bedeutet nur, dass ich ein Kindskopf bin), in jedem lässt sich ganz ausgezeichnet das finden, was ich finden will: alle sind fürchterliche Opportunisten und Kompetitionisten, deshalb gibt’s auch Krieg auf der Welt. Ich will die Frauen von der Weltsünde nicht komplett ausnehmen, aber die ihnen im Lauf der patriarchischen Jahrtausenden aufgezwungene Zurückhaltung hat sie einen feinsinnigeren und manchmal auch hinterfotzigeren Opportunismus gelehrt: die Manipulation ist ein süßes Gift, und die eine oder andere gelegentliche Vergiftung ist mir lieber als die männliche Ultima Ratio, alles in Schutt und Asche zu legen und dann zu überlegen, wie’s weitergeht.

Meine Frau sagt manchmal: “Gib’s zu, du magst keine Frauen.” Ich sag, das kann schon sein, aber ich mag Männer genauso wenig. Nur bei Männern hab ich das Gefühl ich könnt noch was zum Weltwohlergehen beitragen, weil ich unsere grauslichen Minderwertigkeitskomplexe besser kenne und verstehe. Und noch besser verstünde ich sie sicher nach einem Besuch in El Dorado Templin.

Brennerpass Bundesliga 2014/2015: Tippspiel

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Liebe Brennerpassanten, es ist wieder soweit. Zumindest fast. Eine neue Bundesliga-Saison droht allen Fußballdesinteressierten Familienmitgliedern und Freunden und damit auch ein neues Tippspiel. Zu gewinnen gibt es mindestens ein unglaubliches Bücherpaket wie vergangene Gewinner (Martin, Feinschmeckerle, Eikman) bezeugen können. Es darf jeder mitmachen, der nicht bei der kroatischen Wettmafia arbeitet, sogar Dortmund-Fans. Mit dem Tippspiel beginnt dann freilich auch eine neue Staffel Bundesliga-Bloggerei aus dem Storytelling-Blickwinkel. Wer ihn noch nicht kennt: Der Brennerpass ist nicht die Spielverlagerung (zu wenig kompetentes Personal), dafür schau ich mir die Liga an wie ein Drehbuchschreiber. Frage mich, wo sind die Pointen, wo die Unfassbarkeiten, wo der Spannungsbogen. Natürlich geschieht das immer auch ein bisschen durch die Bayernbrille, aber das ist a) volle Absicht und b) die Schuld meines Vaters. Ich versuche mich in meinen Schelten und Abwatschreden, genau wie in der blanken Euphorie immer in Ausgeglichenheit und so etwas wie Fairness zu üben. Das heißt: jeder kriegt irgendwann sein Fett (und sein Lob) weg, da mach ich bei meinen Roten keine Ausnahmen.

Aber genug gepredigt, jetzt wird gemediasrest. Hinein ins kalte Nass, wer noch nicht angemeldet ist, die anderen übernimmt das System. Wenn du keinen Bock mehr hast, melde dich doch fairerweise ab, oder ich schmeiße dich bei demonstrativer Inaktivität im Lauf der ersten Wochen hochkant hinaus. Und eins noch: Ich mach das nicht für Geld, ich mach das für euch und für mich. (PS: Wir spielen ohne Fragen und Relegation)

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Kurzkritiken zu Snowpiercer und The Raid II

SNOWPIERCER
Es kann kein Sci-Fi-Setting geben, das mir zu hanebüchen ist, wenn es nur cool genug mit der richtigen Arschbacke heruntergeritten wird. Und auch wenn Snowpiercer ein Stück Gehacktes aus verschiedensten Genres ist, bedient er doch in der Hauptsache die zwei menschlichsten aller menschlichen Fragen aufs vortrefflichste: Wer fährt den Zug und was kommt eigentlich am Schluss?

THE RAID II
Ballettgeknüppel der unbarmherzigen Knochenbrecherschule, (H)Arthaus quasi, allerdings mit einem ins fadenscheinig Komplexe aufgeblasenen Plot, das sich Jakarta-Fuchs und Sumatra-Hase gute Nacht sagen. Mir ist das tatsächlich auf Dauer zuviel Fraktur an Knochen und Handlung.

Das falsche Tagebuch: 29. Juli 2014

In unserem Wahn zu Gott und der Welt auf Teufel komm raus publizierte Position zu beziehen und dabei noch so pointiert wie möglich aufzucremen, räumen wir mittlerweile sogar hin und wieder ein, dass beide Seiten eines Disputs Recht haben könnten. Was mir viel zu wenig in Betracht gezogen wird: Niemand hat Recht, alle kehren vor der eigenen Haustür, weil sie unsichere Arschlöcher sind, deren einziger Spaß im Leben geblieben ist, sich an sich selbst zu ergeilen und andere alt ausschauen zu lassen. Planet Selfie. Vielleicht liegt’s auch nur an der stehenden Hitze, durch die man durchwaten kann wie einen Sumpf, dass ich so übelgelaunt bin und rhetorisch vor mich hinschwefle wie ein Furz ohne Druck. Ich meine, ist das normal, dass einen jede Zeitung, jeder Artikel zur Weißglut treibt, dass man nur noch sehen kann, wie der Mann/die Frau hinter den Zeilen sich selbst beim Schreiben einen harthobelt?

Und dann Eltern, ich hasse Eltern. Andere Eltern hauptsächlich, die das Netz mit Fotos von kleinen Kindern, die nix dafür können, dass sie sich entwickeln, die sich nicht wehren können dagegen, dass sie als Menschgewordene Medaillen um die speckigen Hälse ihrer Erzeuger baumeln, verpesten. Aber auch manchmal mich selbst als Vater, weil mir außer dem larmoyanten “Lass uns reden”, ein bisschen hausüblicher Cholerik und blöden Sprüchen von den eigenen Eltern nichts einfällt bei dieser Hitze. Nur dem System fällt noch viel weniger ein als mir: Spiel Feuerwehrmann, mal mal was, spiel Kaufladen, geh klettern. Kindsein kann überhaupt der langweiligste Beruf sein.

Und dann die Religionen. Und die politische Korrektheit mit der alle so herumwürgen wie mit einer besoffenen Python, die zu schnapsschwer ist, um sich auf wichtige Dinge wie das Verschlucken von Mäusen zu konzentrieren. Man sieht ja an meiner behinderten Metapher schon, wie schwer es mir fällt, meine Verachtung für die Apotheose im Zaum zu halten. Weil nämlich die Religion an sich nur ein intellektuelles Relikt ist. Ein Rudiment, ein Ohrenwackler, ein geistiger Atavismus. Würde der Mensch seinen Raubtier-Egoismus überwinden, könnte er erstmals ein Mensch sein und müsste nicht vorgeben, religiös zu sein. Ist ja eh keiner, der bis fünf zählen kann und genug zu fressen hat. Nur ohne Religion ist es wie ohne Tageslichtprojektor an einer Schule. Müsste man rhetorisch schon wirklich was auf dem Kasten zu haben um einen ganze Stunde nur mit Inhalten und Stimme zu gestalten.

Der Wasserspielplatz nebenan hat nach anderthalb Jahren wieder auf. Vielleicht sollte ich meinen Wutschädel unter einen der überdimensionalen Spritzfische halten, bevor ich mit der infernalischen Laune etwas ins Internet schreibe.

Das falsche Tagebuch: 23. Juli 2014

Es ist mir schon während der WM aufgefallen. Zeitung aufschlagen und es ist Krieg. Und nicht nur auf den Schlachtfeldern – was für ein Wort immer noch – auch in aller Munde und Profile. Tragisch ist das nicht, aber tratzen tut es mich dennoch, wie plötzlich jeder einen Furz zum Tagesgeschehen auf Facebook lassen muss und das mit politischem Interesse oder gar Engagement verwechselt. Bizarr ist ja auch, dass die meisten Leute an ihre sogenannten Freundeskreise schreiben, von denen sowieso jeder die selbe großbürgerliche Meinung vertritt. Vorsicht Antisemitismus ruft es grade von überall her, von Poschardt bis taz wird dafür alles verlinkt, was nicht auf einer Flash-Seite steht. Und ich empfinde das als Beleidigung, ja als Affront. Als ob ich hier rumlaufe und “Scheiß Juden” schreie. Als ob ich nicht wüsste, was sich gehört. Ich nehme diese pseudohumanistische Aufklärungsgülle persönlich. Ich brauche keinen Poschardt und keine taz, ich lese doch schon die SZ, da werden alle nur denkbaren humanistischen Positionen als buntes Meinungsbuffet mit Wortwitzdressing, essayistischem Teigbaaadz und altjournalistischer Großkotzigkeit feilgeboten. Ich kann keine Meinung mehr hören, ich will nur noch Informationen. Eure Meinung schreit mich an und ich schreie zurück: “Scheiß Krieg, scheiß Darwin!” “Zen”, schreie ich. “Zenfix halleluja!” Nein, das ist gelogen, ich schreie ja gar nicht, ich bin mit dem Filius nach Niederbayern gefahren, an den See und ins Freibad, wo Schwimmengehen noch kein Event ist und auch keine 7,50 € Spaßbadzuschlag kostet. Dafür lassen wir uns von Stechmücken (vulgo: Staunsen) zerfleischen und merken wieder einmal, dass es gar kein gelobtes Land gibt (auch wenn die Kühlschränke bei der Mama/Oma tatsächlich niemals leer werden). Merk dir das, Nahostkonflikt.

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