Lauras Versuchung

3. February, 2010

Mein ehemaliger Fahrlehrer hat ein Buch geschrieben. Ein Umensch, der mich aus der Fahrschule geworfen hat, jemand, mit dem ich mich bis auf’s Messer gestritten habe. Und immer jemand, dem man nur die exotischsten Sexarten zugetraut hatte. Und jemand, der auch gerne mal zu den Fahrschülerinnen etwas netter war als zu Leuten wie mir. Dieser Mann hat ein Buch geschrieben. Und anfangs war ich noch so “hey, gibt’s doch nicht”, aber nachdem ich den Amazon-Link gefunden hatte, dann große Beruhigung. Und vielleicht kauf ich mir das Buch. Bei dem Preis. Günstiger ist im Verhältnis nur die Steuersünder-CD.

UPDATE: Mit großem Schrecken (jetzt doch) sehe ich, dass dieser Mann auch noch Reiseanekdoten als Superstecher in die Welt geschissen hat und ein weiteres erotisches Hauptwerk unter Pseudonym. Sicher alles eigenfinanziert, der Schund.

Russischer Spam

1. February, 2010

Hier hat sich alles festgefroren, könnte man meinen. Weil selbst der Akismet-Spam kommt offensichtlich aus der Tundra. Immer eine beispielhafte deutsche Kältesteppe ist auch das Berlin. Aber das Berlin ist einem nicht feindlich gesinnt, das ist ein populäres Missverständnis. Angegriffen von der Kälte fühlt sich nur derjenige, der auch sonst gern in die Defensive geht. Zum Beispiel weil der Arbeitskollege mehr verdient. Oder weil das einjährige Kind nur langsame Fortschritte im Englischunterricht macht. Oder der Baby-Yoga-Kurs zuviel kostet. Aber ansonsten ist es halt einfach kalt. Eine Weile hat keiner reagiert, weil so ein Frost ist ja auch immer eine gute Ausrede fürs Nichtreagieren auf irgendwas. Aber langsam tut sich was, das merkt man. Jetzt wieder der Mayer mit seinem Pathosgetriefe vom nahenden Frühling. Nein, so weit wie bis zum Frühling geh ich jetzt nicht. Hannibal ad portas, so spät ham wir’s noch nicht. Ein paar eiserne Vorräte müssen wir schon noch aufbrauchen bis zum Auftauen. Aber passieren tut schon wieder ein bisschen mehr als noch in der ersten Januarwoche, das kann ja wohl keiner leugnen. Phoenix haben einen Grammy bekommen und der Bruder vom Australier an der Ecke hat Sundance gewonnen. Und die Russen mit der Spaminitiative nicht zu vergessen. Also doch nicht alles festgefroren.

Verständnishorizont.

25. January, 2010

Heute, weil bemitleidenswert bettlägrig und erkältet, über Schwarze Löcher gelesen. Und über den Ereignishorizont. Es war mir nicht bewusst, wie viel Poesie in diesen Umständen steckt. Ein Stern, ein Riese, eine Existenz kracht vollkommen in sich zusammen. Das Resultat dieser Zerstörung ist viel zu groß, als dass das Universum mit seinen herkömmlichen Naturgesetzen den Verlust verkraften könnte und so entwickelt es ein eigenes Phänomen, eine galaktische Sickergrube, in der keine einzige der bekannten Regeln mehr gilt. Der Rand dieser Sickergrube nennt sich Ereignishorizont. Das Wort alleine, ich bitte dich. Wenn einer auf ein schwarzes Loch hinzufliegt, heisst es, dann merkt er, wie er sich nach hinlänglich bekannter Physik dem Ereignishorizont nähert. Irgendwann zumindest. Wenn ich aber jetzt eben dieser Person beim Hineinfliegen zuschaue, kommt er in meinen Augen nie am Ereignishorizont an, weil sich in meiner Perspektive grundverschiedene metrische Abhängigkeiten vermischen. Heute, weil ziemlich erkältet und im Bett, über Schwarze Löcher gelesen. Und über den Ereignishorizont. Und über den Zukunftslichtkegel. Wenig verstanden wie bei einem Keats-Gedicht, aber von der Poesie her genauso tadellos.

Der elektrische Brief

21. January, 2010

Ist ja selten der Fall, dass mich der Wirtschaftsteil der SZ zum Lachen bringt und vielleicht hab ich auch einfach was falsch verstanden, aber einen Brief per Internet zu versenden und dafür Geld zu bezahlen, das kann nur eine Pointe gewesen sein. In diesem Sinne: Respekt, Herr Gerdes, da hätten sie mich jetzt fast in den April geschickt.

Eine weitere Möglichkeit ist, bestehende Geschäfte auszubauen, und das tun wir schon lange. Die dritte Möglichkeit sind neue Produkte wie der Brief im Internet. Die Menschen kommunizieren ja nicht weniger, sondern anders. Wir wollen die Eigenschaften des klassischen Briefs, also Vertraulichkeit, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit, in die elektronische Welt überführen. Früher musste man ins Reisebüro gehen, um eine Reise zu buchen – heute geht das per PC. Genauso wird man morgen einen Brief elektronisch vom PC verschicken können.

SZ: Wie hoch wird das Porto für den elektronischen Brief sein?

Gerdes: Über Preise rede ich noch nicht. Es wird aber zwei Varianten des Briefs im Internet geben: Entweder Sie schicken einen Brief elektronisch, und der Empfänger bekommt ihn in sein elektronisches Postfach. Oder sie schicken den Brief elektronisch, und wir stellen ihn als Ausdruck mit unserem Briefträger zu – das ist dann der hybride Brief.

Die Nachbarschaft

18. January, 2010

Weil ich neulich gesehen habe, dass jemand ein Hoffest veranstaltet hat. In Kreuzberg. Mitten im Winter. Im Hinterhof. Mit allen Nachbarn. Also, wo ich das gesehen habe, hat’s mir ein bisschen eine Gänsehaut versetzt. Weil die Nachbarn kennen ist eins, aber auch noch reden. Und am Ende noch anstoßen. Keine kommode Vorstellung für mich. Weil Grafentraubach, 800 Seelen, da wo ich herkomme. Gerede und Gerede und ganz viel Grüß-Gott-sagen-müssen. Schon auch schön landschaftlich, aber ich mag die Großstadt viel lieber, weil ich eben nicht mit Leuten reden muss, die ich nicht selbst eingeladen habe. Und schon gar nicht Prost trinken. Schlimm genug, dass die Nachbarn über mir ihren Bummsbass immer in die schlimmsten Partyhits reindrehen und auf meinem Arbeitszimmer abstellen. Ich sag nichts, weil ich Wegen-Musik-beschweren in Nuancen faschistisch finde, aber ich sag auch nichts, weil ich nicht reden will. Oder am Ende noch anstoßen. Mit den Nachbarn zu der Bummsbass-Musik.

Anvil

15. January, 2010

Headbanger und Headbangerinnen, schaut euch diesen Film an oder sterbt den bedauernswerten Tod wertloser Ungläubiger. Wirklich, das ist einer der besten Filme, die ihr je über Musik gesehen habt und sehen werdet. Der drückt alle Knöpfe, nicht nur bei Musikern. Ich konnte mich 90 Minuten nicht entscheiden, ob ich traurig oder bespaßt sein soll. Bitte tut dieser Band, die in ihrem Musikerdasein wirklich nichts aber auch gar nichts richtig gemacht hat (wenn man von den Gitarrensoli mit Vibrator mal absieht), den Gefallen und schaut diesen Film. Ich selbst konnte mich sogar noch an Anvil aus meiner Metal-Hammer-Jugend heraus erinnern. Schon damals war die einhellige Meinung der Journalisten: gute Band, aber miese Produktion, mieses Label und die miesesten Plattencover der Ära.

PS: Ich hab ihn im Original im Babylon Mitte gesehen. Kann sein, dass der erst noch anläuft im rückständigen Deutschland.

Kriminalgericht

13. January, 2010

gerichtUnd dann war ich in Moabit, am Kriminalgericht. Endlich verspricht ein Gebäude mal nichts, was es nicht auch halten kann. Architektur der ewigen Schuld. Erdrückung durch Wilhelminismus ist das Urteil, das schon mal grundsätzlich an alle ergeht, die hineingehen. Die, die ihr eintreten wollt, lasset alle Hoffnung auf genug Tageslicht fahren. Das erste elektrisch beleuchtete Gebäude in ganz Berlin, sagt Wikipedia. Mir hat sie auf Anhieb gefallen, die andauernde Anwesenheit von Drakonie, der unsubtile Anklang von höherer Strafgewalt. Falls jemand fragt, ich selbst stand nicht zur Anklage und Zeitzeugen für Volksverdummung wurden an jenem schneeverhangenen Dienstag im Januar auch nicht aufgerufen. Die eigene Schwester inmitten eines juristischen Referendariats mit der ersten Verhandlung war der Grund für meinen Auftritt vor Gericht. Der Fall selbst, ein dichter Milieuplot mit überraschenden Twists. Eine sich selbst zerstückelnde Zeugin, ein ganz wiefer, harter Burschido und ein Staatsanwalt, der fast vergaß, dass man sich als Zeuge nicht selbst belasten muß. Macht ja nix, weil stehen ja nur Biografien auf dem Spiel so einer halbstündigen Verhandlung. Quasi Fertiggericht, weil’s schnell gehen muss. Und dennoch ist es Burschido und der Zeugin mit den Neonazipostern grade recht geschehen. Und schon auch traurig die meisten Listen mit den Namen der Vehandlungssache und der Uhrzeit. 10:20 ausländischer Name, 11:15 türkischer Name, 11:50 türkischer Name. Man fühlt sich ja schon schuldig, das überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, aber Melancholie, schlechtes Gewissen und Naivitäten sind hier unter Angestellten schwer verpönt, sagt man mir. Anderthalb Stunden später wieder im freien Tageslicht, lastet das Kriminalgericht noch ein wenig auf dem bis dato arglos bürgerlichen Gemüt. Der Cappuccino im Kaffee gegenüber kostet 2,80 und ist viel zu groß. Altmoabit ist am Leben. Das Kriminalgericht und die JVA sind gar nicht wirklich da, wenn man nicht hineingeht.

Schnee ist das neue Sonne

11. January, 2010

snow on the pines
there’s a message and it’s waiting there
through the trees and the salty air
(Pearlfishers – Snow On The Pines)

schnee

Ein paar Worte zum Schneetreiben und ein Foto, damit ihr seht, wie gut ich immer noch ausseh, auch wenn ich langsam ergraue. Schnee ist wie Sonne, ein bisschen schädlich aber überwiegend schön. Von mir aus kann’s ein halbes Jahr schneien und das restliche 30 Grad. Hauptsache hell. Es ist überhaupt die Helligkeit, die sich hauptverantwortlich für meine überwiegend gute Laune zeichnen muss. Klar, nachts auch schön, aber weil es sich so gehört, dass Dunkelheit. Aber tagsüber hell bitte und wenn schon keine freie Sicht auf’s Umland, dann wenigstens Dekoschnee. Bei uns in der Straße sieht’s aus, als wenn du in Ischgl vor’s Hotel trittst. Auto aus- oder einparken, keine Chance. Aber deswegen park ich seit zwei Wochen nicht mehr aus. Hin und wieder noch den Schnee vom Dach, weil Durchhänger vom Blechdach bis zum Autoradio runter. Jetzt übertreib ich. Noch was Schönes am Schnee: super Ausrede, wenn nichts geht und nichts gehen muss. Weil ja eh nichts geht so früh im Jahr und bei keinem was gehen kann wegen dem Schnee. Zwangsfrieden. Manche Leute sollte der Schnee noch viel mehr aufhalten. So dass sie gar nicht mehr aus dem Haus gehen können und ihrer unheilvollen Berufung nachgehen. Olli Schulz zum Beispiel. Von dem hab ich gerade bei Youtube ein Video gesehen, das ich aus sicherheitstechnischen Gründen nicht hier verlinken werde. Ich will nämlich sicher gehen, dass sich das niemand zumutet. Weil da singt er nämlich an Silvester mit der Heike Makatsch und grauenvoll. Auch von der Makatsch, auch wenn die der Grund ist, warum ich die Veranstaltung überhaupt geyoutubet habe. Könnte man ja meinen, dass Heike, jetzt wo sie Kinderlieder mit ihrem Freund auf Tonträgern veröffentlicht und Hilde Knef imitiert, singen kann. Denk nochmal drüber nach. Aber Schwamm drüber, weil tolle Frau trotzdem. Aber dass Olli Schulz lustig sein soll, ist eins der größten Missverständnisse der deutschen Unterhaltungsgeschichte, sofern die deutsche Unterhaltungsgeschichte überhaupt weiß, dass es Olli Schulz gibt. Dem würde ich jedenfalls soviel Daisy vor der Haustür wünschen, dass er gar nicht mehr rausgehen kann und andere mit seiner Vorstellung von Witzigkeit anzwiebelt. Ich würde auch selbst noch ein paar Schippen drauflegen.

Die Ballade vom Nacktscanner

6. January, 2010

Pseudopolitcomedy, unterste Schublade, nur für die ganz billigen Plätze, aber ich hab ja sonst nichts zu tun. Offensichtlich.

Den Braten jetzt schon gerochen

4. January, 2010

Das da unten ist mein Weihnachtsbraten. Ich hab ihn schon am Morgen eingesalzen und gewürzt. Eine minimale Prise Zimt hat sich am Ende leider gegen eine Übermacht an Schmorgemüse und Malzbier durchgesetzt. Geschmeckt hat er trotzdem, wenn auch weihnachtlich. Jetzt wo es so kalt draussen ist und der Silvestermüll noch auf den Straßen liegt (was er in Berlin bis März tut), kann man sich ein bisschen vorstellen, wie Nachkriegswinter aussahen. Der geschätzte Herr Kid kündigte jüngst in den Kommentaren schon das Jahrzehnt des Kohlenklaus an und irgendwie werd ich auch das Gefühl nicht los, dass der konsensuelle allgemein gültige Wohlstand bald seinen Ausstand feiern wird, und das tut mir im Prinzip nicht leid, aber die Leute werden immer gleich so gehässig, wenn’s ans eigene Eingemachte geht. Ein gute Metapher übrigens für das eigene Hab, dieses “Eingemachte”, find ich.

braten