Kurzkritik zu Dawn Of The Planet Of The Apes, Noah, Oculus

DAWN OF THE PLANET OF THE APES
Soweit ist es schon gekommen. Beim kleinsten Anzeichen von Dystopie fürchte ich um Leib und Leben meiner Familie. Ernsthaft jetzt. Sofort geistig bei Ebola und zwar den ganzen Film lang. Wenn man jung ist (also unter 39), hat man nichts zu verlieren außer seine Katze, die Großeltern, die Ehre und etliche Beziehungsversuche. Da hat der Tod beinahe nicht selten etwas Kurioses, Interessantes, wie er einem permanent gedanklich auf den Fersen ist. Man schaut Splatterfilme und hört Black Metal, man schreibt Elegien und schwelgt in Agonie. Fünf Jahre später traut man sich keine Zigarette mehr anfassen, sieht den Straßenverkehr als größte Bedrohung für die Menschheit an und erwartet jeden Tag den dritten Weltkrieg oder wenigstens dass der Russe kommt. Jetzt wo ich das los geworden bin: Dieser Film ist ein pathetisches, vorhersehbares Rührstück, das man aufgrund des hohen moralischen Anspruchs und der sehr guten Rhythmik eigentlich kaum verreissen kann. Oder? Mir ätzt aber doch viel Moralin ins Action-Getriebe und die Baukasten-Dialoge sind mir eigentlich auch zu – Verzeihung! – affig. Vielleicht sagt das ja am meisten über den Film: Dass ich ihn nicht mochte, obwohl ich ihm die Story, die Andy-Serkis-Show und das Weltenende abgekauft habe. Ich quasi unangenehm gerührt.

NOAH
Passiert mir nur selten, dass ich mich nach einem Film frage, was das Genre gewesen ist. Er fängt an wie Herr der Ringe für Bibeltreue, was ja auch passt, denn anders als Fantasy kann man das Thema religiösen Mythos eh nicht behandeln (außer man ist Mel Gibson). Der Film ist gespickt mit CGI, die Andy Serkis die Tränen in die Augen treiben würde, darunter schwülstigere Sonnenuntergänge als in “Sturm der Liebe” (ARD) und einer Umeltschutz-Botschaft, die Russell Crowe mit einer übertriebenen Gravitas herüberbringt als wäre er der Erzengel Al Gore. Dann wird der Film vollkommen unerwartet spannend (und das bei einer Geschichte deren Ausgang man kennt) und in seinen zwischenmenschlichen Verflechtungen interessant. Danach wird er zappenduster. Menschlich düster, so Nolan-mäßig. Und bleibt fatalistisch bis zum Schluss, auch der Schluss kann das Kaputte nicht mehr kaputt machen. Ich muss also konstatieren: die erste Hälfte größter Bullshit des Jahres, die zweite aufregend.

OCULUS
Spiegelhorror ist immer Horror. Ich find Spiegel wirklich gruselig und damit meine ich nicht meinen 39-jährigen Anblick jeden Morgen. Aber weil Oculus es ganz besonders gut und haunted machen will, installiert er zwei Zeitebenen, die sich immer mehr vermengen und am Ende kaum mehr von einander zu unterscheiden sind. Das ist technisch elegant gelöst, inhaltlich aber völlig von der Rolle, es ist praktisch unmöglich sich auf die Handlung einzulassen, weil ständig in der Zeit herumgesprungen wird, als hätte der Fluxkompensator Hämorriden. Den ach so schockierenden Schluss bekommt man allerdings schon in der ersten Viertelstunde des Films zugefaxt, wenn man sich nicht nebenbei im iPhone die Haare schön macht. Zusammenhalten tut das scherbige Spiegelkabinett die tolle (und gelegentlich leicht übermotivierte) Karen Gillan.

Das falsche Tagebuch: 7. August 2014

Schon wieder und immer noch im Westernwahn. Muss wohl am Wochenende nach El Dorado Templin fahren und den ganzen Tag ungehindert den schwarzen Cowboyhut tragen. Beeindruckt haben mich nachhaltig die Peckinpah-Western “Pat Garrett & Billy Kid” mit dem Dylan-Soundtrack und der Sterbeszene am unbebauten Fluss, und vor allem der sterbensvollerdreckige “The Wild Bunch”. Über Pike Bishop habe ich ein Lied geschrieben. Die Sergio Leones samt Eastwood hab ich schon letzten Sommer durchgebrütet, dieses Jahr sind Ford, Hawks und der Duke dran. “The Searchers” hat mich regelrecht eingedunkelt mit seiner Weltverneinung im Monument Valley. Der Western, überhaupt ein düsteres Genre, selbst “High Noon” ist alles andere als eine happy-go-lucky Heldensaga. “The Sons of Katie Elder” und “Stage Coach” sind als Nächstes dran. Es ist das erste Mal im Leben, dass ich John Wayne etwas abgewinnen kann. Weil ich ihn jetzt erstmals im Original reden höre vermutlich und da wird auch deutlicher, was für ein guter Schauspieler er war, ob man den reaktionären Hund jetzt mag oder nicht.

Die Frau, die mich neulich für den Tagesspiegel interviewte, hat nicht ganz zu Unrecht gesagt, ich hänge in den Mandel-Büchern in so archemännlichen Genres wie Detektiv, Metal und Wrestling herum. Kommt auch noch der Western dazu? Plötzlich habe ich so ein Bild vor Augen, wie der Mandel in El Dorado Templin im Saloon sitzt und dort als Pianist sein Geld verdient und ich sehe meine Chance, einen eigenen Western zu kreiern, wenn auch in der Uckermark. Aber nein, die Mandel-Bücher sind vorbei. Bavarian Gothic ist mein neustes Genre.

Und was immer das auch über mich aussagt, dass ich die Machomilieus mag (ich sage, es bedeutet nur, dass ich ein Kindskopf bin), in jedem lässt sich ganz ausgezeichnet das finden, was ich finden will: alle sind fürchterliche Opportunisten und Kompetitionisten, deshalb gibt’s auch Krieg auf der Welt. Ich will die Frauen von der Weltsünde nicht komplett ausnehmen, aber die ihnen im Lauf der patriarchischen Jahrtausenden aufgezwungene Zurückhaltung hat sie einen feinsinnigeren und manchmal auch hinterfotzigeren Opportunismus gelehrt: die Manipulation ist ein süßes Gift, und die eine oder andere gelegentliche Vergiftung ist mir lieber als die männliche Ultima Ratio, alles in Schutt und Asche zu legen und dann zu überlegen, wie’s weitergeht.

Meine Frau sagt manchmal: “Gib’s zu, du magst keine Frauen.” Ich sag, das kann schon sein, aber ich mag Männer genauso wenig. Nur bei Männern hab ich das Gefühl ich könnt noch was zum Weltwohlergehen beitragen, weil ich unsere grauslichen Minderwertigkeitskomplexe besser kenne und verstehe. Und noch besser verstünde ich sie sicher nach einem Besuch in El Dorado Templin.

Brennerpass Bundesliga 2014/2015: Tippspiel

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Liebe Brennerpassanten, es ist wieder soweit. Zumindest fast. Eine neue Bundesliga-Saison droht allen Fußballdesinteressierten Familienmitgliedern und Freunden und damit auch ein neues Tippspiel. Zu gewinnen gibt es mindestens ein unglaubliches Bücherpaket wie vergangene Gewinner (Martin, Feinschmeckerle, Eikman) bezeugen können. Es darf jeder mitmachen, der nicht bei der kroatischen Wettmafia arbeitet, sogar Dortmund-Fans. Mit dem Tippspiel beginnt dann freilich auch eine neue Staffel Bundesliga-Bloggerei aus dem Storytelling-Blickwinkel. Wer ihn noch nicht kennt: Der Brennerpass ist nicht die Spielverlagerung (zu wenig kompetentes Personal), dafür schau ich mir die Liga an wie ein Drehbuchschreiber. Frage mich, wo sind die Pointen, wo die Unfassbarkeiten, wo der Spannungsbogen. Natürlich geschieht das immer auch ein bisschen durch die Bayernbrille, aber das ist a) volle Absicht und b) die Schuld meines Vaters. Ich versuche mich in meinen Schelten und Abwatschreden, genau wie in der blanken Euphorie immer in Ausgeglichenheit und so etwas wie Fairness zu üben. Das heißt: jeder kriegt irgendwann sein Fett (und sein Lob) weg, da mach ich bei meinen Roten keine Ausnahmen.

Aber genug gepredigt, jetzt wird gemediasrest. Hinein ins kalte Nass, wer noch nicht angemeldet ist, die anderen übernimmt das System. Wenn du keinen Bock mehr hast, melde dich doch fairerweise ab, oder ich schmeiße dich bei demonstrativer Inaktivität im Lauf der ersten Wochen hochkant hinaus. Und eins noch: Ich mach das nicht für Geld, ich mach das für euch und für mich. (PS: Wir spielen ohne Fragen und Relegation)

>> BRENNERPASS TIPPSPIEL 2014/2015: HIER ENTLANG!

Kurzkritiken zu Snowpiercer und The Raid II

SNOWPIERCER
Es kann kein Sci-Fi-Setting geben, das mir zu hanebüchen ist, wenn es nur cool genug mit der richtigen Arschbacke heruntergeritten wird. Und auch wenn Snowpiercer ein Stück Gehacktes aus verschiedensten Genres ist, bedient er doch in der Hauptsache die zwei menschlichsten aller menschlichen Fragen aufs vortrefflichste: Wer fährt den Zug und was kommt eigentlich am Schluss?

THE RAID II
Ballettgeknüppel der unbarmherzigen Knochenbrecherschule, (H)Arthaus quasi, allerdings mit einem ins fadenscheinig Komplexe aufgeblasenen Plot, das sich Jakarta-Fuchs und Sumatra-Hase gute Nacht sagen. Mir ist das tatsächlich auf Dauer zuviel Fraktur an Knochen und Handlung.

Das falsche Tagebuch: 29. Juli 2014

In unserem Wahn zu Gott und der Welt auf Teufel komm raus publizierte Position zu beziehen und dabei noch so pointiert wie möglich aufzucremen, räumen wir mittlerweile sogar hin und wieder ein, dass beide Seiten eines Disputs Recht haben könnten. Was mir viel zu wenig in Betracht gezogen wird: Niemand hat Recht, alle kehren vor der eigenen Haustür, weil sie unsichere Arschlöcher sind, deren einziger Spaß im Leben geblieben ist, sich an sich selbst zu ergeilen und andere alt ausschauen zu lassen. Planet Selfie. Vielleicht liegt’s auch nur an der stehenden Hitze, durch die man durchwaten kann wie einen Sumpf, dass ich so übelgelaunt bin und rhetorisch vor mich hinschwefle wie ein Furz ohne Druck. Ich meine, ist das normal, dass einen jede Zeitung, jeder Artikel zur Weißglut treibt, dass man nur noch sehen kann, wie der Mann/die Frau hinter den Zeilen sich selbst beim Schreiben einen harthobelt?

Und dann Eltern, ich hasse Eltern. Andere Eltern hauptsächlich, die das Netz mit Fotos von kleinen Kindern, die nix dafür können, dass sie sich entwickeln, die sich nicht wehren können dagegen, dass sie als Menschgewordene Medaillen um die speckigen Hälse ihrer Erzeuger baumeln, verpesten. Aber auch manchmal mich selbst als Vater, weil mir außer dem larmoyanten “Lass uns reden”, ein bisschen hausüblicher Cholerik und blöden Sprüchen von den eigenen Eltern nichts einfällt bei dieser Hitze. Nur dem System fällt noch viel weniger ein als mir: Spiel Feuerwehrmann, mal mal was, spiel Kaufladen, geh klettern. Kindsein kann überhaupt der langweiligste Beruf sein.

Und dann die Religionen. Und die politische Korrektheit mit der alle so herumwürgen wie mit einer besoffenen Python, die zu schnapsschwer ist, um sich auf wichtige Dinge wie das Verschlucken von Mäusen zu konzentrieren. Man sieht ja an meiner behinderten Metapher schon, wie schwer es mir fällt, meine Verachtung für die Apotheose im Zaum zu halten. Weil nämlich die Religion an sich nur ein intellektuelles Relikt ist. Ein Rudiment, ein Ohrenwackler, ein geistiger Atavismus. Würde der Mensch seinen Raubtier-Egoismus überwinden, könnte er erstmals ein Mensch sein und müsste nicht vorgeben, religiös zu sein. Ist ja eh keiner, der bis fünf zählen kann und genug zu fressen hat. Nur ohne Religion ist es wie ohne Tageslichtprojektor an einer Schule. Müsste man rhetorisch schon wirklich was auf dem Kasten zu haben um einen ganze Stunde nur mit Inhalten und Stimme zu gestalten.

Der Wasserspielplatz nebenan hat nach anderthalb Jahren wieder auf. Vielleicht sollte ich meinen Wutschädel unter einen der überdimensionalen Spritzfische halten, bevor ich mit der infernalischen Laune etwas ins Internet schreibe.

Das falsche Tagebuch: 23. Juli 2014

Es ist mir schon während der WM aufgefallen. Zeitung aufschlagen und es ist Krieg. Und nicht nur auf den Schlachtfeldern – was für ein Wort immer noch – auch in aller Munde und Profile. Tragisch ist das nicht, aber tratzen tut es mich dennoch, wie plötzlich jeder einen Furz zum Tagesgeschehen auf Facebook lassen muss und das mit politischem Interesse oder gar Engagement verwechselt. Bizarr ist ja auch, dass die meisten Leute an ihre sogenannten Freundeskreise schreiben, von denen sowieso jeder die selbe großbürgerliche Meinung vertritt. Vorsicht Antisemitismus ruft es grade von überall her, von Poschardt bis taz wird dafür alles verlinkt, was nicht auf einer Flash-Seite steht. Und ich empfinde das als Beleidigung, ja als Affront. Als ob ich hier rumlaufe und “Scheiß Juden” schreie. Als ob ich nicht wüsste, was sich gehört. Ich nehme diese pseudohumanistische Aufklärungsgülle persönlich. Ich brauche keinen Poschardt und keine taz, ich lese doch schon die SZ, da werden alle nur denkbaren humanistischen Positionen als buntes Meinungsbuffet mit Wortwitzdressing, essayistischem Teigbaaadz und altjournalistischer Großkotzigkeit feilgeboten. Ich kann keine Meinung mehr hören, ich will nur noch Informationen. Eure Meinung schreit mich an und ich schreie zurück: “Scheiß Krieg, scheiß Darwin!” “Zen”, schreie ich. “Zenfix halleluja!” Nein, das ist gelogen, ich schreie ja gar nicht, ich bin mit dem Filius nach Niederbayern gefahren, an den See und ins Freibad, wo Schwimmengehen noch kein Event ist und auch keine 7,50 € Spaßbadzuschlag kostet. Dafür lassen wir uns von Stechmücken (vulgo: Staunsen) zerfleischen und merken wieder einmal, dass es gar kein gelobtes Land gibt (auch wenn die Kühlschränke bei der Mama/Oma tatsächlich niemals leer werden). Merk dir das, Nahostkonflikt.

Brennerpass WM-Studio 2014 (25)

Deutschland – Argentinien 1:0 n.V.

Da hab ich mein Maul im Vorfeld aber proppevoll genommen, als ich dem Endspiel in einer Berliner Boulevardzeitung jegliche Spannung und Dramatik abgesprochen habe. Gnadenlos unterschätzt habe ich diese Argentinier aber wie hätte ich auch wissen sollen, was die drauf haben, sie haben es ja das ganze Turnier nicht gezeigt. In diesem Sinne ein ganz ironiefreies und herzliches Danke fürs Mitspielen, das war Fußball. Ich hatte aber auch nicht gedacht, dass dieses Spiel auf einer derart scharfen Klinge ausgetragen werden würde. Noch beim Warmlaufen ging eine ganze wärmende Zuversicht von den Deutschen und eine sorgenvolle Mimik von den Argentiniern aus. Sabella wirkte sogar so, als wäre ihm die Finalteilnahme eher unangenehm, nach dem Motto: ich weiß, dass ich hier eigentlich nichts zu suchen habe.

Doch dann haben ihm ein paar Dinge in die Karten gespielt: zum einen der Spontanausfall von Khedira und in der Folge der vom beinahe enthaupteten Kramer. Damit war Deutschland in der mittlerweile so implosionssicheren Chemie im Mittelfeld leicht geschwächt, auch wenn Kramer (kurz) und Schürrle (4ever) die Offensive auf Trab gebracht haben. Gleich zu Beginn passierten auch ein paar Konter, die den Argentiniern Selbstbewusstsein gegeben haben, weil sie gesehen haben, dass sie schneller als die Deutschen sind. Später wurde ihnen genau dieses Selbstbewusstsein wieder im Alleingang von Boateng genommen, dem man nachträglich den Ballon D’Or überreichen sollte und ihn Ronaldo wieder wegnehmen. Man kann eh getrost behaupten, dass diese angeblich so improvisierte Abwehrkette spätestens seit dem Algerien-Spiel die WM für Deutschland entschieden hat und das ganz ohne Zement.

In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel dann immer mehr zu Bastian Schweinsteiger in “Die Hard In A World Cup Final”. Der Schiedsrichter hat ja wirklich alles dafür getan, dass Schweinsteiger zerschmettert vom Platz getragen wird und Argentinien sich ins Elfmeterschießen schleppt, aber dann kam der beinahe schon entzauberte Zauberlehrling Götze, der sich ganz im Gegentrend zu seinen Verschwindetricks bei dieser WM in letzter Minute unsterblich gemacht hat. Und den einsamen Hauch der Unsterblichkeit muss er auch gespürt haben, als er alleine am Spielfeldrand stand statt mit den Kollegen zu feiern.

Noch mehr Respekt als der Kriegsgott Schweinsteiger und Marathon-Läufer Schürrle hatten die Argentinier aber vor der Medusa Neuer. In ihrem Blickfeld erstarrten Higuain und Palacio bei todsicheren Chancen zu Stein. Pünktlich zum Finale hat auch Mesut Özil sein erstes gutes Spiel im Turnier abgeliefert, Kroos dagegen war in der ersten Hälfte mies und fiel in der zweiten zumindest nur noch selten unangenehm auf. Gekämpft hat auch er, deshalb Schwamm drüber, aber ich prophezeie, dass sein Phlegma ihm auch bei Madrid im Weg stehen wird.

Am Ende bin ich erleichtert, aber nicht überrascht, denn es hat wirklich die konstanteste, spielerisch wertvollste und wohltemperierteste Mannschaft bei dieser WM gewonnen. Stolz bin ich nicht, denn ich hab ja nicht gespielt. Es ist nur eine Mannschaft, die ich mag, die einen Pokal gewonnen hat, den sie unbedingt gewinnen wollte. Eine Mannschaft mit einem guten Trainer. Am meisten freut es mich für Lahm und Schweinsteiger, die nach der Championsleague-Lücke in ihrem Leben nun auch diese Scharte in Gold auswetzen können.

Ein paar Beobachtungen von der Siegesfeier noch bevor wir alle ins Bett gehen, und da passt das “wir” dann auch endlich: Wie Höwedes und Hummels sich im Rasen geherzt und entspannt haben, hatte was von “Stand By Me”. Der eine ist Schalker, der andere sein theoretischer Erzfeind. Das sah mehr nach Liebe aus als zwischen so manchen herbeigerüschten Spielerfrauen und ihren Männleins. Auch schön wie Neuer und Großkreutz herumgetollt sind. Während Sepp Blatter den Lahm dann beinahe vor Begeisterung über sein eigenes Turnier unter sein Jackett genommen hätte, bekam Pille den Weltpokal von der unangenehm nach Erika Steinbach aussehenden brasilianischen Staatspräsidentin Rousseff sichtlich widerwillig überreicht. Natürlich musste Lukas Podolski noch vor allen anderen Siegergesten erstmal die Köln-Flagge auspacken, aber irgendeinen bleibenden Eindruck wollte er ja hinterlassen.

Einen bleibenden Eindruck hat bei mir auch Tom Bartels hinterlassen. Nachdem ich in der ersten WM-Woche noch twitterte, ich fände ihn “vollkommen okay”, bin ich jetzt bekehrt. Eine Platitüdenflak wie der gehört aufs Badeschiff oder ins deutsche WM-Quartier abgeschoben. Oder auf die Fanmeile. So, jetzt hab ich wenigstens auch noch eine Kriegsmetapher untergebracht. Apropos Krieg, wäre schön gewesen, wenn ein Spieler nach dem Spiel gesagt hätte, Israel und Palästina sollen sich nicht mehr ihre blöden Schädel zusammenhauen. Weltfrieden, ist das wirklich so ein abstrakter, ja strafnaiver Begriff geworden?

Ich geh jetzt ins Bett. Es war mir eine große Freude, hier berichten zu dürfen.

NACHTRAG
One last time in other news: Messi ist zum Spieler des Turniers gewählt worden. Von wem? Von Blatter? Und wäre es da nicht ehrlicher gewesen, man hätte ihm den Titel noch vor dem ersten Gruppenspiel verliehen?

Brennerpass WM-Studio 2014 (24)

Brasilien – Niederlande 0:3 (0:2)

Na schau her, dann war ja das Spiel um den dritten Platz doch nicht ganz umsonst. Hat es doch ein paar meiner Kernthesen dieser WM untermauert.

1. Brasilien kann nichts ohne Neymar, da kann Felipao umstellen wie er will.

2. Die Schiedsrichterleistungen bei dieser WM waren natürlich nicht alle so dürftig, aber insgesamt war das schon eine bizarre Anhäufung von Fehlentscheidungen. Siehe hier: Der Elfmeterpfiff außerhalb des Strafraums mit Trostgelb.

3. Holland hat nicht immer für große Unterhaltung, aber für umsichtigen Fußball mit Köpfchen und ansehnlicher Offensive gesorgt. Ein Einzug ins Finale wäre mehr als verdient gewesen, weil zweitbestes Team der WM.

4. David Luiz ist durch und durch powered by emotion und so gut das für eine Mannschaft sein kann, bei der’s grad läuft, so pestig ist das in einer Defätismusspirale. Kommt alles vom zuvielen Glauben an irgendwas.

5. Deutschland wird Weltmeister. Das hab ich hier reingeschummelt. Erst seit dem USA-Spiel gibt es da bei mir einen verhaltenen Optimismus. Das hab ich geschrieben: “Insgesamt ein Spiel das Mut macht, nicht, weil die Deutschen so filigran waren, sondern weil sie sich Wind und Wetter anpassen können wie alte Hasen.”

Brennerpass WM-Studio 2014 (23)

Niederlande – Argentinien 2:4 i.E.

Das war Schlafes Bruder statt Mutter Courage! Hätte ich mir den Wecker gleich aufs mutmaßliche Elferrittern (denn ein anderes Ergebnis als 0:0 war nie drin) gestellt, hätte ich wenigstens bequem in einer dafür vorgesehen Vorrichtung statt auf der Couch auf meinem iPad geschlafen. Argentinien hat seinen Zerstörungsfußball ohne schlechtes Gewissen fortgesetzt und Holland hat sich nichts getraut. Das war das eine Spiel, wo Louis Van Gaal mit seiner Schmidtchen-Schleicher-Taktik in Sabella und seinen Hundes des kalten Krieges seinen Meister gefunden hat. Abwartender geht halt nun mal nicht mehr. Fürs Finale gegen Deutschland sehe ich zwei Gefahren: 1. Die deutsche Mannschaft schläft ein und kassiert während der R.E.M.-Phase ein Tor oder 2. es geht bis zum Elfmeterschießen, in dem ein einstmals zweitklassiger Towart namens Romero (AS Monaco) plötzlich als hochstilisierter Elfmeterkiller wirken darf. Ansonsten aber ein ähnlich leicht ausrechenbarer Gegner wie Brasilien, nur eben ganz anders.

In other news: Gerd Gottlob hat das langweiligste Spiel dieser WM emotionaler und begeisterter kommentiert als Bela Rethy neulich das 1:7.

Brennerpass WM-Studio 2014 (22)

Brasilien – Deutschland 1:7 (0:5) (difficulty: amateur)

Gemessen an den Fähigkeiten beider Teams und dem bisherigen Turnierverlauf ein stringentes Ergebnis, das mich nicht so wahnsinnig überrascht, wie man meinen könnte – ein 4:0 hielt ich immer für möglich. Brasilien stand ja schon beim Eckball und Tor von Müller dermaßen verloren herum, man hätte auch diese dösigen Leute hinstellen können, die morgens in der S-Bahn nie Platz machen, wenn man einsteigt. Hätte mehr gebracht. Die Szene war für mich symptomatisch für das gesamte Spiel der Brasilianer bei dieser WM und hat den Überfallfußball der ersten zehn Minuten ins Lächerliche gezogen. Jetzt haben die Brasilianer ja weiß Gott keine schlechten Leute im Team, was mich zu zwei Thesen führt: 1. Scolari coacht einen ziemlichen Mumpitz zusammen 2. Dieser Haufen marginal überbezahlter Sonderlinge war in der kurzen Zeit nur über Euphorie und Autoerotik zu coachen. Als Quintessenz fürs gesamte Turnier fällt diese Niederlage dann auch kein Tor zu hoch aus und es ist lediglich traurig, dass so Mannschaften wie Chile, Mexiko und Kolumbien der Seleçao unter die Räder gekommen sind. Wobei die auch selbst schuld sind, denn wie man gesehen hat, braucht man nicht am CERN arbeiten, um die Brasilianer zu entschlüsseln.

Aber ja doch, zum Unvermögen des Gegners kam dann auch ein wenig deutsche Brillianz dazu. Ich fand zum Beispiel weniger Kloses billigen Abstauber toll, dafür aber grandios, wie er David Luiz durch massiven Körpereinsatz schon bereits am Anfang des Spiels für alle Zeiten den Schneid abgekauft hat. Und während andere vielleicht Mitleid mit dem greinenden Knäuel verspürt haben, ist dieses Herumheulen einfach nur ein Zeichen von gekränkter Eitelkeit und einem völlig überzogenen Nationalbewusstsein. Und am schlimmsten: wahrscheinlich sogar ein Dialog mit Gott. Fußballer und ihre “Frömmigkeit”, Thema für sich.

Wichtig, dass das mit dem Toreschießen überwiegend in der ersten Hälfte erledigt war, so konnte sich Manuel Neuer ein wenig fürs Finale einschießen lassen. Nach wie vor ist die angeblich nur aus Innenverteidigern bestehende Abwehrkette der eigentliche Star der Mannschaft and I’m also looking at you, beautiful Benni Höwedes. Dass der hierzulande eher ungeliebte Löw jetzt auch aufgrund seiner Umstellungen und vermeintlichen Taktik den höchsten WM-Sieg in einem Halbfinale sein Eigen nennen darf ist doch ein schönes Trostpflaster, wenn er am Sonntag seinen Meister in Louis Van Gaal findet. Aber im Ernst: ich hab noch Hoffnung – trotz des Spiels gestern.

Zum Schluss mach ich das, was Spiegel.de und Konsorten so gerne tun: Ich zitiere aus diesem verrückten Social Web.

“I’m gonna rip my ears off if I hear anybody using the words ‘German’ and ‘Efficient’ in the same sentence ever again.” (Chris von der Liverpooler Band Silent Sleep auf Facebook)

“Someone needs to make the Hulk angry.” (Noel Fielding auf Twitter)

“Someone needs to pick up the other Playstation Controller.” (Gary Warnett @gwarizm auf Twitter)

“Wonder if David Luiz is still ahead in FIFA’s player of the tournament competition.” (Gary Linker auf Twitter)

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