Das falsche Tagebuch: 29. Juli 2014

In unserem Wahn zu Gott und der Welt auf Teufel komm raus publizierte Position zu beziehen und dabei noch so pointiert wie möglich aufzucremen, räumen wir mittlerweile sogar hin und wieder ein, dass beide Seiten eines Disputs Recht haben könnten. Was mir viel zu wenig in Betracht gezogen wird: Niemand hat Recht, alle kehren vor der eigenen Haustür, weil sie unsichere Arschlöcher sind, deren einziger Spaß im Leben geblieben ist, sich an sich selbst zu ergeilen und andere alt ausschauen zu lassen. Planet Selfie. Vielleicht liegt’s auch nur an der stehenden Hitze, durch die man durchwaten kann wie einen Sumpf, dass ich so übelgelaunt bin und rhetorisch vor mich hinschwefle wie ein Furz ohne Druck. Ich meine, ist das normal, dass einen jede Zeitung, jeder Artikel zur Weißglut treibt, dass man nur noch sehen kann, wie der Mann/die Frau hinter den Zeilen sich selbst beim Schreiben einen harthobelt?

Und dann Eltern, ich hasse Eltern. Andere Eltern hauptsächlich, die das Netz mit Fotos von kleinen Kindern, die nix dafür können, dass sie sich entwickeln, die sich nicht wehren können dagegen, dass sie als Menschgewordene Medaillen um die speckigen Hälse ihrer Erzeuger baumeln, verpesten. Aber auch manchmal mich selbst als Vater, weil mir außer dem larmoyanten “Lass uns reden”, ein bisschen hausüblicher Cholerik und blöden Sprüchen von den eigenen Eltern nichts einfällt bei dieser Hitze. Nur dem System fällt noch viel weniger ein als mir: Spiel Feuerwehrmann, mal mal was, spiel Kaufladen, geh klettern. Kindsein kann überhaupt der langweiligste Beruf sein.

Und dann die Religionen. Und die politische Korrektheit mit der alle so herumwürgen wie mit einer besoffenen Python, die zu schnapsschwer ist, um sich auf wichtige Dinge wie das Verschlucken von Mäusen zu konzentrieren. Man sieht ja an meiner behinderten Metapher schon, wie schwer es mir fällt, meine Verachtung für die Apotheose im Zaum zu halten. Weil nämlich die Religion an sich nur ein intellektuelles Relikt ist. Ein Rudiment, ein Ohrenwackler, ein geistiger Atavismus. Würde der Mensch seinen Raubtier-Egoismus überwinden, könnte er erstmals ein Mensch sein und müsste nicht vorgeben, religiös zu sein. Ist ja eh keiner, der bis fünf zählen kann und genug zu fressen hat. Nur ohne Religion ist es wie ohne Tageslichtprojektor an einer Schule. Müsste man rhetorisch schon wirklich was auf dem Kasten zu haben um einen ganze Stunde nur mit Inhalten und Stimme zu gestalten.

Der Wasserspielplatz nebenan hat nach anderthalb Jahren wieder auf. Vielleicht sollte ich meinen Wutschädel unter einen der überdimensionalen Spritzfische halten, bevor ich mit der infernalischen Laune etwas ins Internet schreibe.

Das falsche Tagebuch: 23. Juli 2014

Es ist mir schon während der WM aufgefallen. Zeitung aufschlagen und es ist Krieg. Und nicht nur auf den Schlachtfeldern – was für ein Wort immer noch – auch in aller Munde und Profile. Tragisch ist das nicht, aber tratzen tut es mich dennoch, wie plötzlich jeder einen Furz zum Tagesgeschehen auf Facebook lassen muss und das mit politischem Interesse oder gar Engagement verwechselt. Bizarr ist ja auch, dass die meisten Leute an ihre sogenannten Freundeskreise schreiben, von denen sowieso jeder die selbe großbürgerliche Meinung vertritt. Vorsicht Antisemitismus ruft es grade von überall her, von Poschardt bis taz wird dafür alles verlinkt, was nicht auf einer Flash-Seite steht. Und ich empfinde das als Beleidigung, ja als Affront. Als ob ich hier rumlaufe und “Scheiß Juden” schreie. Als ob ich nicht wüsste, was sich gehört. Ich nehme diese pseudohumanistische Aufklärungsgülle persönlich. Ich brauche keinen Poschardt und keine taz, ich lese doch schon die SZ, da werden alle nur denkbaren humanistischen Positionen als buntes Meinungsbuffet mit Wortwitzdressing, essayistischem Teigbaaadz und altjournalistischer Großkotzigkeit feilgeboten. Ich kann keine Meinung mehr hören, ich will nur noch Informationen. Eure Meinung schreit mich an und ich schreie zurück: “Scheiß Krieg, scheiß Darwin!” “Zen”, schreie ich. “Zenfix halleluja!” Nein, das ist gelogen, ich schreie ja gar nicht, ich bin mit dem Filius nach Niederbayern gefahren, an den See und ins Freibad, wo Schwimmengehen noch kein Event ist und auch keine 7,50 € Spaßbadzuschlag kostet. Dafür lassen wir uns von Stechmücken (vulgo: Staunsen) zerfleischen und merken wieder einmal, dass es gar kein gelobtes Land gibt (auch wenn die Kühlschränke bei der Mama/Oma tatsächlich niemals leer werden). Merk dir das, Nahostkonflikt.

Brennerpass WM-Studio 2014 (25)

Deutschland - Argentinien 1:0 n.V.

Da hab ich mein Maul im Vorfeld aber proppevoll genommen, als ich dem Endspiel in einer Berliner Boulevardzeitung jegliche Spannung und Dramatik abgesprochen habe. Gnadenlos unterschätzt habe ich diese Argentinier aber wie hätte ich auch wissen sollen, was die drauf haben, sie haben es ja das ganze Turnier nicht gezeigt. In diesem Sinne ein ganz ironiefreies und herzliches Danke fürs Mitspielen, das war Fußball. Ich hatte aber auch nicht gedacht, dass dieses Spiel auf einer derart scharfen Klinge ausgetragen werden würde. Noch beim Warmlaufen ging eine ganze wärmende Zuversicht von den Deutschen und eine sorgenvolle Mimik von den Argentiniern aus. Sabella wirkte sogar so, als wäre ihm die Finalteilnahme eher unangenehm, nach dem Motto: ich weiß, dass ich hier eigentlich nichts zu suchen habe.

Doch dann haben ihm ein paar Dinge in die Karten gespielt: zum einen der Spontanausfall von Khedira und in der Folge der vom beinahe enthaupteten Kramer. Damit war Deutschland in der mittlerweile so implosionssicheren Chemie im Mittelfeld leicht geschwächt, auch wenn Kramer (kurz) und Schürrle (4ever) die Offensive auf Trab gebracht haben. Gleich zu Beginn passierten auch ein paar Konter, die den Argentiniern Selbstbewusstsein gegeben haben, weil sie gesehen haben, dass sie schneller als die Deutschen sind. Später wurde ihnen genau dieses Selbstbewusstsein wieder im Alleingang von Boateng genommen, dem man nachträglich den Ballon D’Or überreichen sollte und ihn Ronaldo wieder wegnehmen. Man kann eh getrost behaupten, dass diese angeblich so improvisierte Abwehrkette spätestens seit dem Algerien-Spiel die WM für Deutschland entschieden hat und das ganz ohne Zement.

In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel dann immer mehr zu Bastian Schweinsteiger in “Die Hard In A World Cup Final”. Der Schiedsrichter hat ja wirklich alles dafür getan, dass Schweinsteiger zerschmettert vom Platz getragen wird und Argentinien sich ins Elfmeterschießen schleppt, aber dann kam der beinahe schon entzauberte Zauberlehrling Götze, der sich ganz im Gegentrend zu seinen Verschwindetricks bei dieser WM in letzter Minute unsterblich gemacht hat. Und den einsamen Hauch der Unsterblichkeit muss er auch gespürt haben, als er alleine am Spielfeldrand stand statt mit den Kollegen zu feiern.

Noch mehr Respekt als der Kriegsgott Schweinsteiger und Marathon-Läufer Schürrle hatten die Argentinier aber vor der Medusa Neuer. In ihrem Blickfeld erstarrten Higuain und Palacio bei todsicheren Chancen zu Stein. Pünktlich zum Finale hat auch Mesut Özil sein erstes gutes Spiel im Turnier abgeliefert, Kroos dagegen war in der ersten Hälfte mies und fiel in der zweiten zumindest nur noch selten unangenehm auf. Gekämpft hat auch er, deshalb Schwamm drüber, aber ich prophezeie, dass sein Phlegma ihm auch bei Madrid im Weg stehen wird.

Am Ende bin ich erleichtert, aber nicht überrascht, denn es hat wirklich die konstanteste, spielerisch wertvollste und wohltemperierteste Mannschaft bei dieser WM gewonnen. Stolz bin ich nicht, denn ich hab ja nicht gespielt. Es ist nur eine Mannschaft, die ich mag, die einen Pokal gewonnen hat, den sie unbedingt gewinnen wollte. Eine Mannschaft mit einem guten Trainer. Am meisten freut es mich für Lahm und Schweinsteiger, die nach der Championsleague-Lücke in ihrem Leben nun auch diese Scharte in Gold auswetzen können.

Ein paar Beobachtungen von der Siegesfeier noch bevor wir alle ins Bett gehen, und da passt das “wir” dann auch endlich: Wie Höwedes und Hummels sich im Rasen geherzt und entspannt haben, hatte was von “Stand By Me”. Der eine ist Schalker, der andere sein theoretischer Erzfeind. Das sah mehr nach Liebe aus als zwischen so manchen herbeigerüschten Spielerfrauen und ihren Männleins. Auch schön wie Neuer und Großkreutz herumgetollt sind. Während Sepp Blatter den Lahm dann beinahe vor Begeisterung über sein eigenes Turnier unter sein Jackett genommen hätte, bekam Pille den Weltpokal von der unangenehm nach Erika Steinbach aussehenden brasilianischen Staatspräsidentin Rousseff sichtlich widerwillig überreicht. Natürlich musste Lukas Podolski noch vor allen anderen Siegergesten erstmal die Köln-Flagge auspacken, aber irgendeinen bleibenden Eindruck wollte er ja hinterlassen.

Einen bleibenden Eindruck hat bei mir auch Tom Bartels hinterlassen. Nachdem ich in der ersten WM-Woche noch twitterte, ich fände ihn “vollkommen okay”, bin ich jetzt bekehrt. Eine Platitüdenflak wie der gehört aufs Badeschiff oder ins deutsche WM-Quartier abgeschoben. Oder auf die Fanmeile. So, jetzt hab ich wenigstens auch noch eine Kriegsmetapher untergebracht. Apropos Krieg, wäre schön gewesen, wenn ein Spieler nach dem Spiel gesagt hätte, Israel und Palästina sollen sich nicht mehr ihre blöden Schädel zusammenhauen. Weltfrieden, ist das wirklich so ein abstrakter, ja strafnaiver Begriff geworden?

Ich geh jetzt ins Bett. Es war mir eine große Freude, hier berichten zu dürfen.

NACHTRAG
One last time in other news: Messi ist zum Spieler des Turniers gewählt worden. Von wem? Von Blatter? Und wäre es da nicht ehrlicher gewesen, man hätte ihm den Titel noch vor dem ersten Gruppenspiel verliehen?

Brennerpass WM-Studio 2014 (24)

Brasilien – Niederlande 0:3 (0:2)

Na schau her, dann war ja das Spiel um den dritten Platz doch nicht ganz umsonst. Hat es doch ein paar meiner Kernthesen dieser WM untermauert.

1. Brasilien kann nichts ohne Neymar, da kann Felipao umstellen wie er will.

2. Die Schiedsrichterleistungen bei dieser WM waren natürlich nicht alle so dürftig, aber insgesamt war das schon eine bizarre Anhäufung von Fehlentscheidungen. Siehe hier: Der Elfmeterpfiff außerhalb des Strafraums mit Trostgelb.

3. Holland hat nicht immer für große Unterhaltung, aber für umsichtigen Fußball mit Köpfchen und ansehnlicher Offensive gesorgt. Ein Einzug ins Finale wäre mehr als verdient gewesen, weil zweitbestes Team der WM.

4. David Luiz ist durch und durch powered by emotion und so gut das für eine Mannschaft sein kann, bei der’s grad läuft, so pestig ist das in einer Defätismusspirale. Kommt alles vom zuvielen Glauben an irgendwas.

5. Deutschland wird Weltmeister. Das hab ich hier reingeschummelt. Erst seit dem USA-Spiel gibt es da bei mir einen verhaltenen Optimismus. Das hab ich geschrieben: “Insgesamt ein Spiel das Mut macht, nicht, weil die Deutschen so filigran waren, sondern weil sie sich Wind und Wetter anpassen können wie alte Hasen.”

Brennerpass WM-Studio 2014 (23)

Niederlande - Argentinien 2:4 i.E.

Das war Schlafes Bruder statt Mutter Courage! Hätte ich mir den Wecker gleich aufs mutmaßliche Elferrittern (denn ein anderes Ergebnis als 0:0 war nie drin) gestellt, hätte ich wenigstens bequem in einer dafür vorgesehen Vorrichtung statt auf der Couch auf meinem iPad geschlafen. Argentinien hat seinen Zerstörungsfußball ohne schlechtes Gewissen fortgesetzt und Holland hat sich nichts getraut. Das war das eine Spiel, wo Louis Van Gaal mit seiner Schmidtchen-Schleicher-Taktik in Sabella und seinen Hundes des kalten Krieges seinen Meister gefunden hat. Abwartender geht halt nun mal nicht mehr. Fürs Finale gegen Deutschland sehe ich zwei Gefahren: 1. Die deutsche Mannschaft schläft ein und kassiert während der R.E.M.-Phase ein Tor oder 2. es geht bis zum Elfmeterschießen, in dem ein einstmals zweitklassiger Towart namens Romero (AS Monaco) plötzlich als hochstilisierter Elfmeterkiller wirken darf. Ansonsten aber ein ähnlich leicht ausrechenbarer Gegner wie Brasilien, nur eben ganz anders.

In other news: Gerd Gottlob hat das langweiligste Spiel dieser WM emotionaler und begeisterter kommentiert als Bela Rethy neulich das 1:7.

Brennerpass WM-Studio 2014 (22)

Brasilien – Deutschland 1:7 (0:5) (difficulty: amateur)

Gemessen an den Fähigkeiten beider Teams und dem bisherigen Turnierverlauf ein stringentes Ergebnis, das mich nicht so wahnsinnig überrascht, wie man meinen könnte – ein 4:0 hielt ich immer für möglich. Brasilien stand ja schon beim Eckball und Tor von Müller dermaßen verloren herum, man hätte auch diese dösigen Leute hinstellen können, die morgens in der S-Bahn nie Platz machen, wenn man einsteigt. Hätte mehr gebracht. Die Szene war für mich symptomatisch für das gesamte Spiel der Brasilianer bei dieser WM und hat den Überfallfußball der ersten zehn Minuten ins Lächerliche gezogen. Jetzt haben die Brasilianer ja weiß Gott keine schlechten Leute im Team, was mich zu zwei Thesen führt: 1. Scolari coacht einen ziemlichen Mumpitz zusammen 2. Dieser Haufen marginal überbezahlter Sonderlinge war in der kurzen Zeit nur über Euphorie und Autoerotik zu coachen. Als Quintessenz fürs gesamte Turnier fällt diese Niederlage dann auch kein Tor zu hoch aus und es ist lediglich traurig, dass so Mannschaften wie Chile, Mexiko und Kolumbien der Seleçao unter die Räder gekommen sind. Wobei die auch selbst schuld sind, denn wie man gesehen hat, braucht man nicht am CERN arbeiten, um die Brasilianer zu entschlüsseln.

Aber ja doch, zum Unvermögen des Gegners kam dann auch ein wenig deutsche Brillianz dazu. Ich fand zum Beispiel weniger Kloses billigen Abstauber toll, dafür aber grandios, wie er David Luiz durch massiven Körpereinsatz schon bereits am Anfang des Spiels für alle Zeiten den Schneid abgekauft hat. Und während andere vielleicht Mitleid mit dem greinenden Knäuel verspürt haben, ist dieses Herumheulen einfach nur ein Zeichen von gekränkter Eitelkeit und einem völlig überzogenen Nationalbewusstsein. Und am schlimmsten: wahrscheinlich sogar ein Dialog mit Gott. Fußballer und ihre “Frömmigkeit”, Thema für sich.

Wichtig, dass das mit dem Toreschießen überwiegend in der ersten Hälfte erledigt war, so konnte sich Manuel Neuer ein wenig fürs Finale einschießen lassen. Nach wie vor ist die angeblich nur aus Innenverteidigern bestehende Abwehrkette der eigentliche Star der Mannschaft and I’m also looking at you, beautiful Benni Höwedes. Dass der hierzulande eher ungeliebte Löw jetzt auch aufgrund seiner Umstellungen und vermeintlichen Taktik den höchsten WM-Sieg in einem Halbfinale sein Eigen nennen darf ist doch ein schönes Trostpflaster, wenn er am Sonntag seinen Meister in Louis Van Gaal findet. Aber im Ernst: ich hab noch Hoffnung – trotz des Spiels gestern.

Zum Schluss mach ich das, was Spiegel.de und Konsorten so gerne tun: Ich zitiere aus diesem verrückten Social Web.

“I’m gonna rip my ears off if I hear anybody using the words ‘German’ and ‘Efficient’ in the same sentence ever again.” (Chris von der Liverpooler Band Silent Sleep auf Facebook)

“Someone needs to make the Hulk angry.” (Noel Fielding auf Twitter)

“Someone needs to pick up the other Playstation Controller.” (Gary Warnett @gwarizm auf Twitter)

“Wonder if David Luiz is still ahead in FIFA’s player of the tournament competition.” (Gary Linker auf Twitter)

Brennerpass WM-Studio 2014 (21)

Argentinien - Belgien 1:0 (1:0)
Niederlande - Costa Rica i.E. 4:3

Hey, da ist ja Martin Demichelis. Und noch dazu auf demselben Spielfeld wie sein ehemaliger Arbeitskollege Van Buyten. Beide haben mir damals bei den Bayern schlaflose Nächte verursacht mit ihren schlimmen Schludrigkeiten in der Abwehr, aber als Demichelis ging, war Daniel VB plötzlich bockegut und ist es bis heute geblieben. Er ist einer der wenigen Spieler dieser WM die von vorne bis hinten durchgespielt haben. Bis gestern Abend. Die erste Halbzeit sah kurz so aus, als hätten Belgien und Argentinien die Rollen getauscht. Argentinien sprintete und attackierte und Belgien sagte: “Ja, ja, macht ihr erstmal.” Doch dann erinnerte sich Argentinien wieder an seine eigentliche Rolle bei diesem Turnier: den Fußball boykottieren und mit einem Tor Unterschied gewinnen. Und so hat Belgien zu spät bemerkt, dass die Tür zum Halbfinale gerade zugeht und sich von der Albiceleste auch noch das letzte Herzblut aussaugen lassen, so dass es am Ende so wirkte, als gehe die Niederlage schon in Ordnung. Und vielleicht war es so: selbst Pluster-Rhetoriker Wilmots hat gesagt, er sei sehr zufrieden mit der Mannschaft in dem Turnier gewesen und das kann er auch sein. Ich hab zumindest in den letzten Acht niemanden gesehen, der deutlich besser gewesen wäre, am wenigsten Argentinien.

Uh, das Hollandspiel. Zunächst einmal mehr eine Halbzeit, die man sich getrost hätte sparen können. Eigentlich die ersten 75 Minuten. Theatralik, Abseitsfallen und Navas lautet meine Kurzzusammenfassung auf dem Notizzettel. Dann kommt aber die größte Ungeheuerlichkeit der jüngeren WM-Geschichte und ich meine nicht den grausamen Chancentod Van Persie in der 88. Minute. Nein, es ist Zeit für Aloysius Paulus Maria van Gaal, Ritter von Nassau-Oranien, der dieser Tage scheinbar eine Lösung für jedes Problem parat hat. Man sollte den Mann unbedingt auch in der Stammzellenforschung tätig werden lassen. Auf jeden Fall wechselt er seinen tadellosen Torhüter Cillessen aus und bringt den offensichtlich für den herkömmlichen Spielbetrieb untauglichen Elfmeterkiller Krul, der dann quasi mit links das Spiel entscheidet und Holland ins Halbfinale einzieht, so als wär nix gewesen. Holy shit.

In other news: Die FIFA untersucht jetzt mit großem Trara den “Fall Neymar”. Was für einen Fall und was gibt es zu untersuchen? Muß Batman als freier Ermittler ran oder reicht auch Claus Theo Gärtner? Schau dir die Zeitlupe an, Blatter, gib dem Kolumbianer eine Strafe und sag deinen Refs, sie müssen nicht alles laufen lassen.

Brennerpass WM-Studio 2014 (20)

Frankreich - Deutschland 0:1 (0:1)
Brasilien - Kolumbien 2:1 (1:0)

Aha, Kroos geht zu Real, weiß die SZ aus angeblich sicherer Quelle. Na dann, Reisende soll man nicht aufhalten. Ich als Bayernfan bin natürlich ein bisschen kleinkariert und verbittert und etwas in mir will Verrat, Söldner, Illoyaler, Ballack und hinterfotziger Karrierist schreien, aber wenn ich ehrlich bin, hab ich Kroos hier im Brennerpass meistens eher weniger geschätzt – genau wie sein eigener Verein. Egal wie viel Geld da im Spiel ist, ginge Kroos allein aus gekränktem Stolz, könnte man es ihm kaum nachsehen, wäre da nicht Pep Guardiola, der für seine Verhältnisse geradezu treuherzig auf ihn gesetzt hatte. Also doch: Verräter, Ballack!

Aber jetzt zum Spiel. Medial hat sich die deutsche Elf zuletzt ja arg dünnhäutig und Löw betont stur gegeben, aber die Kritik nach dem Algerien-Gehudel hat ja dann doch die “richtige” Aufstellung zu Tage gefördert und in der Konsequenz ein orchestriertes und dennoch kämpferisches Gebaren auf dem Platz. Gut, Klose war ein Ausfall, aber wenn man mit so etwas exotischem wie einem Stürmer spielen will, hat man ja neuerdings nicht mehr die Wahl. Die Viererabwehrkette war der eigentliche Star des Spiels, das Kronjuwel davon freilich der Kollege Hummels, aber man kann da hinten niemanden anderes als eine große Leistung bescheinigen, noch nicht einmal Höwedes, den ich bisher sowieso nicht so schlecht gesehen habe wie die meisten. Irgendwie traurig stimmt mich Mario Götze. Das hätte immerhin die definierende WM seiner Vita sein können, das Turnier, bei dem er aus dem Atelier des sich ewig Ausprobierenden ausbricht und sein Gesamtwerk in einer globalen Vernissage ausstellt und zum Picasso wird. Aber vielleicht braucht auch er eine Sonderstellung außerhalb aller Systeme. Leider spielt er derzeit zu mittelmäßig, als dass Pep oder Löw dieses Risiko eingehen würden.

Wie gesagt, Abwehr prima, Neuer wieder Ernst Eiswürfel und Müller löwenherzt, hantiert und grantelt sich da vorne einen Wolf, aber was war mit dem Mitteleld? Defensiv haben Schweindhira und Krözil zumindest gut mitgeholfen, aber ansonsten stand man meist nur da, um schnell überbrückt zu werden. Es ist eben eine WM ohne Mittelfeld. Mehmet Scholl hat schon recht, wenn er sagt, das ist ein robustes Turnier, das die zarten Violinisten Neymar und Özil mit seiner rohen Kontrabassigkeit zu verschlucken droht, aber während Neymar spielt wie er spielt und dabei dem Tod ins Auge blickt, hat Özil Angst vor dem Gegenspieler, vor der Aufgabe, ja vor der gesamten WM.

Wie die Deutschen diesen knappen Vorsprung ins Ziel bringen, das hat was Italienisches, etwas Erhabenes, da stört es mich fast, dass man am Ende sich noch so zu Panik-Kontern hinreißen lässt. Vor allem wenn man sie so dermaßen verschürrlet. Zum Schluss muss man unbedingt mal darauf hinweisen, dass eine Jogi-Löw-Abwehr ein Spiel gewonnen hat. Per aspera ad astra. Wer hätte – ernsthaft jetzt – jemals damit gerechnet? Und auch wenn ich Löw und seine spröde und unpersönlich wirkende Art nicht mehr unbedingt brauche – dass er nicht in den Altersstarrsinn verfällt, sondern während des Turniers schraubt, werkelt und sich damit auch Fehler eingesteht, muss man ihm positiv anrechnen. Moment, rechne ich ihm jetzt positiv an, dass er Weltmeister werden will?

So, und jetzt zu Heulsilien. Kann doch nicht sein, dass die Mannschaft jetzt schon ihr fünftes Spiel im absoluten Mittelmaß zubringt und wieder gewinnt. Dass die Euphorie und noch mehr die beinahe greifbare Angst vor der Blamage die Mannschaft weiter durchs Turnier eskotiert und am Ende wohlmöglich so gar über die Leichen der Deutschen hinweg. Denn wenn wir etwas fürchten, dann ist es übermäßige Begeisterung und Inbrunst bei Nationalhymnen. Natürlich hält man zunächst lieber zu den eleganten Kolumbiern, aber weil die in der ersten Halbzeit eher im ungewzungenen Gruppenspielmodus herumtollen, ist der Rückstand gerecht und der Einsatz von Scolaris Hauspsychologin und Aphorismen der Weltliteratur nachträglich gerechtfertigt. Als Kolumbien dann endlich seiner scheinbar unbegrenzten ästhetischen Mittel gewahr wird, entsteht ein tolldreister Wettkampf, bei dem Brasilien holzhackt und dennoch sanft überflügelt wird. Dann aber kommt eine Zäsur wie ein Fallbeil. Mit diesem surrealen Freistoß erzielt der außer Rand und Band geratene Luiz das zweite brasilianische Tor und zwingt damit Kolumbien eine viehische Härte und Konsequenz auf, die ihr Spiel und letztlich den armen Neymar kaputtmacht. Und dann tut einem Kolumbien plötzlich nicht mehr so leid, wie man das anfangs vorhatte, als man ja längst ahnte, dass der brasilianische Emo-Fußball am Ende wieder der prädominate sein würde.

In other news: Deutschland hat Kolumbien übrigens schon im Vorfeld dieses Spiels ein Trösterli “spendiert”.

98.000 Pistolen vom Typ SP2022 im Wert von 50 Millionen Euro soll das Unternehmen (Sig Sauer) an die kolumbianischen Sicherheitskräfte verkauft haben. (Quelle: taz Online)

Kurzkritiken zu X-Men: Days Of Future Past, The Lego Movie, Robocop, Enemy, Afflicted

X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST
Hinten raus aufgebläht, doch das Herz am rechten Fleck. Sensationelle Spaßduelle mit den organischen Sentinels. Leider hat man sich entgegen der Ankündigungen nicht der gröbsten Plotlöcher angenommen, die durch die Arschbomben X-Men: The Last Stand und X-Men Origins: Wolverine entstanden waren.

THE LEGO MOVIE
Völlig hysterische Legodauerwerbesendung, die in kurzen Dosen sehr viel Spaß macht, aber am Stück so dermaßen herumvibriert, dass man sich alle Haare dabei ausreißen möchte.

ROBOCOP
Gar nicht mal so far out und farce-artig wie das Orignal zwangsweise noch sein musste bei so einem Filmtitel. Die Familiengeschichte ist zur Abwechslung sogar sehr anrührig, dafür gibt der Verschwörungsplot so gar nichts her und insofern steht bei den mediokren Action-Sequenzen auch nichts auf dem Spiel. Insgesamt aber kein Fall für die Gerhard-Hauptmann-Schule.

ENEMY
Puh, arg überstrapaziert metaphorischer und anbiedernd art(house)iger “Erotikthriller”. Ach was, vergiss die Anführungszeichen, der Film kennt ja auch keine Selbstironiegnade.

AFFLICTED
Warum ich Found Footage per se nicht super finden kann: Logik. Wer filmt schon alles. Suspenion of Disbelief also unmöglich. Davon abgesehen, ein mittelfrischer Versuch an zwei ausgelutschten Genres (das andere wird nicht gespoilert), und im Resultat noch gar nicht mal so blutleer.

Brennerpass WM-Studio 2014 (19)

Argentinien - Schweiz 1:0 n.V.
Belgien - USA 2:1 n.V.

Uf widerluege, Ottmar! Du warst nie mein Lieblingsübungsleiter und hast die Hälfte deiner Zeit beim FC Bayern gewirkt, als stündest du kurz vor einem Nervenzusammenbruch mit deiner demonstrativen Teilnahmslosigkeit, aber du warst garantiert ein arschguter Trainer und das war ein würdiger Abschied, nicht unähnlich dem signifikantesten Moment in deiner Karriere: Das Champions-League-Finale gegen Manchester. Und das Beste: während ich hier noch einen Kalauer mache, sagt St. Gottmar (wie ihn die Nati nennt, was nicht die Kurzform von Renate ist) genau dasselbe: der bittere Schluss seines letzten Spiels als Trainers in dieser Version der Galaxie war eine (g)ottverdammte Farce. Wir erinnern uns an folgenden Satz aus meiner Montags-Kolumne:

“Offenbar lautet die FIFA-Regel fürs Achtelfinale: die pomadigen Favoriten schlagen die engagierten Underdogs. Schon wieder ein Spaßteam raus, und ein Kalkulierer weiter.”

There you go again. Während der interessierte Laie vergeblich 90 Minuten auf Shaqiri vs. Messi wartet (der eine schießt das erste Mal nach 30 Minuten aufs Tor, der andere nach 60), entspinnt sich ein Drama vor meinem Auge, das tatsächlich 1999-Ausmaße annähme, wäre ich Schweizer. Argentinien spielt erneut die Variante von Ballbesitzfußball, die nur darauf ausgelegt ist, dass Messi irgendwann die Schnauze von dem Geschiebe voll hat, oder sich ein Konter so dermaßen auf dem Silbertablett präsentiert, dass man sich flach auf den Rasen legen müsste, um ihn nicht anzunehmen. Argentinien ist das Hannover der WM und die Schweiz längst das entschieden bessere Team, goddammit. Dass Dzemaili am Ende aus einer Distanz, die der zwischen meinem Auge und meiner rechten Hand entspricht (und ich bin nur 1,76), nur den Pfosten trifft, macht die Nacht nicht einfacher.

Nächstes Spiel, nächstes finale furiose. Man ist bei dieser K.O.-Runde ja wirklich gut beraten, wenn man sich alle ersten Hälften einfach komplett schenkt und vielleicht sogar erst ab der 80. Minute einschaltet. Vorher fallen eh keine Tore. Und eigentlich ist es auch wurscht, wie das Spiel vorher gelaufen ist, denn erst ab der 80. Minute fallen auch die Masken. Belgien zeigt – nach zugegeben 134 Chancen -, was für ein kaltherziger Killer es doch sein kann, wenn die Laufwege erstmal sitzen und De Bruyne das erste Mal seit seiner Zeit in Bremen seinen inneren Prinz Harry und damit die Sau rauslässt. Plötzlich spielt bei den USA auch nicht mehr nur der ehrfurchtsgebietend alles wegwuchtende Howard eine gewuchtige Rolle, sondern die Klinsmänner leveln sich auf, als lösten sie endlich die ganzen XP ein, die sie bei dieser WM bisher gesammelt haben. Schnell entwickelt sich eine der besten Verlängerungen, die ich je gesehen habe, bei der die Last-Exit-Experimental-Joker Lukako auf der einen und Julian Green auf der anderen Seite echte Zuckertreffer erzielen. Oh leck, vor allem der von Green war gut. Der kommt ja von den Bayern Amateuren, die noch nicht einmal den Aufstieg in die dritte Liga geschafft haben (Relegation gegen Fortuna Köln, ja, ja). Mindestens viertschönstes Tor bei dieser WM. Am Ende verlieren Jermaine “Die Harder” Jones und seine Revolverhelden zurecht aber immerhin im Geiste blutverschmiert, wie man das im Land der Freien und Tapferen sehen will. Ich werde vermissen, dass ein Kommentator schreit: “Und Susie zieht ab!”, aber das sagte ich schon, oder?

In other news: Scolari hat jetzt auch öffentlich zugegeben, dass seine Mannschaft eine räudige Bande von frisurenverliebten, larmoyanten und autoerotischen Weicheiern ist. Zumindest so in der Art. “Weniger Herz und mehr Fußball!”, hat er das formuliert. Ex-Weltmeister Carlos Alberto ist da schon deutlicher geworden: “Es reicht mit dem Geheule”, hat er beinahe wörtlich so gesagt.

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