Kurz vor Feierabend

Die Sonne glitzert auf dem Trottoir, während Mütter ihre Babies in Kinderwägen darüber schieben. Es tummeln sich diverse Helicopter am Himmel und fast meint man, paradenhafte Reihungen zu erkennen. Erstaunlich viel Polizei fährt durch die Stadt und die türkischen Obst- und Gemüseverkäufer sind heute ausnehmend freundlich.

Er joggt aus der domestizierten und saftigen Einkaufsstraße hinaus in ein ausgetrocknetes Flussbett aus Industrie und zerklüfteten Straßenzügen. Selbst hier draussen ist die Spannung aus der Innenstadt noch zu spüren. Der Asphalt erwärmt sich langsam und eine kommende Überhitzung lässt sich bereits am frühen Vormittag prognostizieren. Es sind nicht mehr viele Tage bis zu seinem Urlaub. Eine Unterbrechung seiner Lebensroutine käme ihm nicht sonderlich gelegen.

Drinnen in der Stadt hisst man die Flaggen an den Regierungsgebäuden wie für hohen Besuch. Man muss kein Medium sein, um zu merken, dass heute ein besonderer Tag ist. Im Fernsehen laufen kurze Beiträge über Schimpansen und Giraffen.

Er beeilt sich, um wieder in seine Wohnung zurückzukehren. Es gibt noch so viel vorzubereiten, so viel aufzuräumen. Er sieht Nachrichten, aber unkonzentriert und fetzenhaft erfährt er von irgendeiner Parade. Es ist noch so unerträglich lange bis heute Abend und doch so wenig Zeit bis dahin. Sirenen tönen von draussen in sein Appartement.

Währenddessen sitzt sie schon im Auto und denkt an die eiskalte Nacht, in der er sie angesprochen hatte. Sie hat ihm erst gestern gesagt, dass sie kommt. Ob er wohl wieder versuchen wird, sie zu küssen? Wird sie wieder nachgeben? Sicher, aber erst kurz bevor er aufgibt. Ganz kurz vorher. Eine Sekunde.

(frei nach „Driving In The Dark“ von Saves The Day)

Bestens gerüstet

Berlin Basher, bitte jetzt unken: Mein wunderschönes Haus am Berg ist eingekesselt. Das Haus gegenüber trägt seit Monaten ein Gerüst. Das am Haus links neben mir wird wiederaufgebaut und rechts hat man am Montag Morgen mit großem Trara eins aufgestellt.

Das macht selbst aus der schönsten Gegend (und die war es mal) eine etwas ungemütliche Ecke. Ich verlasse das Haus jetzt nur noch über den Hinterhof. Wobei es nur eine Frage der Zeit sein kann, bevor auch dort ein Gerüst steht. Das Dumme an Gerüsten ist ausserdem, dass man sich nie sicher sein kann, ob nicht grad beim nackt fernsehen der Kollege Bauarbeiter in die Wohnung hineingrüßt, selbst im dritten Stock.

Bei uns im Treppenhaus hängt ein Zettel, der die Anwohner darauf hinweist, das Gerüst am Nachbarhaus vorsorglich seiner Versicherung zu melden, falls es zu Diebstählen kommt.

Schall und Rauch


Fried: Da ist ein radikaler Kulturkampf entbrannt. Die Anti-Raucher sind heute das, was früher die radikalen Tierschützer waren. Die Formulierungen der Proteste erinnern mich an Gesinnungsterrorismus, das ist doch einfach krank.

Eigentlich bin ich ja Nichtraucher. Noch nicht sehr lange und noch nicht sehr konsequent. Aber ich habe durchaus Gefallen an einem nikotinarmen Leben gefunden. Dass ich in letzter Zeit wieder alle Jubeltage zum glimmenden Stengel greife, hat nur teilweise etwas mit dem Sonnenbefall dieser Stadt zu tun. Da ist auch kindischer Trotz im Spiel. Denn der Trotzkopf mag sich nicht von Gesundheitsdogmatikern und gelangweilten Moral-Hooligans in die Suppe spucken lassen.

Von mir aus lasse ich das Rauchen am Steuer, das Rauchen am Arbeitsplatz und das Rauchen im Restaurant. Von mir aus verschiebe ich, wie in Italien vorexerziert, meine Inhalieraktivitäten vollkommen ins Great Wide Open. Was ich aber nicht tun werde, ist die Anfeindungen der blassen Masse zu tolerieren, geschweige denn mich als Advokat der Tabaklobby abstempeln zu lassen.

Auch wenn ich Frau Frieds Vergleich mit den radikalen Tierschützern nicht für sachdienlich halte, dieser Diskurs trägt prohibitive Züge, und das durchaus im historischen Sinn. Der Nimbus der Nichtraucherkampagnen geht mittlerweile über reine Gesundheitsaufklärung hinaus. Der luzide Subtext sagt mir längst auch etwas anderes: Play by the rules, motherfucker. Der für unsere Gesellschaft mittlerweile so symptomatische Spagat zwischen Überregulation und Superindividualismus illustriert sich hier ganz trefflich.

Ich sehe viele dieser militanten Nichtraucher mit hunnenhafter Zerstörungswut über deutsche Straßen und Autobahnen rasen. Und ich sehe sie zur Seite schauen, wenn jemand verprügelt oder belästigt wird, am hellichten Tag. Kann ich denn die Dummheit aus Restaurants, aus Kneipen, aus Autos, von den Straßen verbannen? Kann ich das Dumm-sein in der Öffentlichkeit verbieten? Kann ich einen Antrag stellen? Kann ich hier rauchen?

Hitparaden

In England verpestet der Idiotenfrosch mit Harold Faltermeyer Backup die Airwaves und rumpelt Coldplay von der Eins (was ich nicht für die eigentliche Tragödie halte), in Deutschland stakt der Freizeit-Nazi Fler durch die Teenie-Gazetten und durch die Top 5. In Schweden schnappt sich Schnappi die Eins für Grenzdebile, während die Franzosen keine fremdländische Musik in ihren Top 40 mehr führen dürfen. Hits? Ham wa nich.

Ausgerechnet die Italiener listen neben viel einheimischer Musik Oasis und die Gorillaz in den Top 10, während die Spanier die Albarn-Affen sogar auf Platz 1 erheben. Und in den USA fällt und fällt der 50 Cent Groschen (nicht).

Wie soll man resümieren? Dummheit und Geschmack in friedlicher Koexistenz? Nicht einmal das. Kultur ist demokratisch. Jeder kauft was er will. Jeder will was er kauft. Und manche kaufen, weil es die Musikindustrie von ihnen will. Aber zwingen tut uns niemand. Noch nicht.

Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen Schatten.

(Karl Kraus)

Prolltergeist

In Stammtischlaune lamentiere ich ja auch gerne über die mediale Verprollung der Republik, aber die Quotenjagd nach der Proll-Schimäre wird jetzt in einem SpOn-Artikel noch einmal provokativ diskutiert. Wobei das auf-die-Seite-der-Big-Brother-Seher schlagen ein allzu transparentes Stilmittel ist, um die Volksseele aufzurühren.

Die Polemik erfüllt aber zumindest bei mir ihren Zweck, denn ich stelle mir die Frage: hatte die Unterschicht tatsächlich je kulturelles Oberwasser, sind oder waren sie nur Ziel eines vorübergehenden Zielgruppenexperiments der TV-Sender und gibt es die im Artikel angesprochene neue Scheu vor Assis wirklich? Und ist es nicht eigentlich urdemokratisch, den Affen Zucker zu geben? Gibt es einen Bildungsauftrag und wenn ja, wer hat ihn und wozu? Meine Antwort auf letzteres W-Wort wäre, dass an Bildung stets auch ein Wertesystem gekoppelt ist.

Und natürlich ist die schleichende intellektuelle Verwahrlosung eines der größeren Probleme der Republik. Aber ist das ausschließlich das Phänomen einer nun bräsig diffamierten Bevölkerungsgruppe, die schon dadurch zum Bodensatz gestempelt wird, dass ihr auch das Letzte abgesprochen wird, was ihr noch bleibt: Werberelevanz?

Ich möchte es mehr als „Werberelevanz“ nennen. Ich nenne es Rezipientenrelevanz. Und dann bin ich doch reaktionär, und undemokratisch, wenn ichs mit Spiderman ins Gesicht der Massenmedien sage und somit durchaus empfehle, die Verwahrlosung einzudämmen:

With great powers come great responsibilties.

Steuerung alt. Entfernen.

Die NRW Wahl und die Konsequenzen daraus manifestieren mit starker Symbolkraft, dass etwas faul ist im Staate Deutschland. Die angedachten Neuwahlen haben wohl nicht den Nimbus eines Neustarts, eher den einer Ausweitung der Kampfzone. Stoiber mit seiner niveaulosen Häme und Merkel in ihrem ewig leidenden Machtkrampf stellen keine optimistisch stimmenden Kanzleralternativen dar.

Das Vertrauen, das der SPD entzogen wurde, wird auch einer neuen Regierung nicht wirklich zu Teil werden. Zu tief sind die Gräben, welche die Union durch ihre leidenschaftlose Nörgleropposition die letzten Jahre ausgehoben hat. Historische Wahlerfolge durch Wutwahlen feiern und weil die Regierungspartei in Krisenzeiten im Tiefschlaf mit der ruhigen Hand regiert, spricht nicht wirklich für Vertrauen der Bürger in eine Partei.

Im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit, Bildungskrise und beinruhigenden Marginalien wie der Tatsache, dass ständig Kinder ertrinken, weil ihnen keiner mehr Schwimmen beibringt, fällt es schwer, nicht wolkenverhangen nach vorne zu blicken. Da mir Negativismus aber zuwider ist, empfehle ich den Versuch, genau zu beobachten und die 5 vor 12 Stimmung in Ideen umzusetzen. Oder zumindest in politisches Interesse. Nicht in Jammern. Und bitte nimmt jemand diesen Westerwelle von der Bildfläche. Bitte.

Freisprechanlage

„Warum kauft der sich so teure Becken? Die sind doch eh nur zum kaputtkloppen da.“

„Diese Band läuft mit Alkohol wie Autos mit Benzin.“

„Ich mach gerade eine Sozialdiät. Muss ein paar Idioten abspecken.“

„Du bist kein Einzelschicksal. Meine Zigaretten sind auch verbogen.“

Er: „Sehen wir uns wieder?“
Sie: „Nö“

„Essen bei der Tanke holen? Dann kann ich ja gleich im Puff frühstücken gehen.“

Banales zum Feierabend

Kurzes Bombardement mit Belanglosigkeiten:

Hab mich so mit Sushi vollgestopft, dass es mir noch elender geht als vorher. Und vorher war ich echt verkatert.

Höre gerade Wilcos Summerteeth. Schwing!

Mein Chef sagt: „B., please try to avoid sickness.“
Ich nicke und plane in Gedanken schon das nächste Megabesäufnis unter der Woche.

Die Allianz Arena ist eröffnet und wird gleich durch Loddars Anwesenheit besudelt, der doch eigentlich nicht mal mehr Greenkeeper bei den Bayern sein darf, zumindest wenn es nach Uli Hoeneß geht.

Solange Karl-Heinz Rummenigge und ich etwas beim FC Bayern zu sagen haben, wird Lothar Matthäus bei diesem Verein nicht einmal Greenkeeper im neuen Stadion.

Konversationshighlight vom Abend des 19.05.05 (Und er ist ich, sie hingegen sie)

Er: Was machste so?
Sie: Nichts.
Er: Echt?
Sie: Ja.
Er: Und was würdest du gerne machen?
Sie: Nichts.
Er: Und wenn man dich zwingen würde, etwas zu machen.
Sie: Nichts.

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