Club

Da ich selbst ja Fitnesscenter boykottiere (Wie lange noch, Herr Burnster?), hier mal ein kleiner Erlebnisbericht von einer guten Freundin, die in Barcelona lebt. Genau so gruppendynamisch stell ich’s mir immer vor.

gestern: ich will ins gym, um meine einzige klasse zu besuchen. lehrer nicht da, normalerweise schnurstracks wieder heim, nein mutig, das 1. mal den geraete-laufbaender fitness raum betreten. wollte, dass mir jemand die maschinen erklaert. frau, evtl lesbisch, schockiert, dass ich nach 2,5 jahren mitgliedschaft noch nie ein geraet benutzt habe und muss mich also ausfragen: wie oft? ich luege eh schon und sage 1 mal pro woche, schockiertes anstarren und schweigen. und wie lange? exakt eine stunde, sage ich und sie ist nahe dem nervenzusammenbruch. also man könnte mir nun provisorisch schon welche zeigen, aber man muesste dann erst mal ne probe machen, fuer die ich heute 19.00 nen termin habe. man setzt mich also aufs fahrrad und fragt ob ich 20 min aushalte, was ich dann auch tapfer mache und danach werden mir weitere maschinen erklaert und alle anliegenden sportfreunde sind angewidert von meiner unsportlichen haltung.

Kulturnotizen

Da heult der Sozialist: Auf überbuchten Transatlantikflügen kommt es vor, dass der gemeine Geschäftsmann 1500 Euro Entschädigung erhält wenn er sich von Business auf Economy hinabstufen lässt.

Eine Epidemie von Akkordeon Spielern mir unbekannter Nationalität hat Berlin erfasst. In welchem Straßencafe auch immer ich mich niederlasse, innerhalb von zehn Minuten hagelt mir ein verstimmtes Akkordeon in meinen Kaffee und zetrümmert meine Mittagsruhe. Gerne begleitet von Oboe, Geige oder Saxofon. Das Sammelmädchen hat nicht mehr alle Zähne, aber erstaunlich viel Kleingeld im Becher. Von mir kommt das nicht. Neulich hat die Bedienung eines befallenen Cafes nach fünf Sekunden zu den Musikinvasoren gesagt: „Jetzt reicht’s aber wieder.“

Toller Typ: Kotzt sich vor einem Laden erst seinen Döner aus dem Hals, so dass man im Auswurf auch seine Eingeweide vermutet und marschiert dann in selbigem Laden fidel an mir vorbei und wird von Kumpels begrüsst: „Ey, wie läufts?“. Und er, beschwingt: „Super, danke.“

Die Berliner Gastronomie wird mir mit jedem Tag unheimlicher : Ich setze mich in ein Straßencafe in der Kastanienallee und die attraktive Bedienung kommt und sagt: „Sonst noch einen Wunsch?“

Parklife

Ich mag die Art von Fotos, die mein seltsames Mobiltelefon schießt. Übersättigt, überkontrastiert und unscharf. Da wirkt selbst der Görlitzer Park wie ein urbanes Grünjuwel.

Safe in Berlin City

The Office

Beim Anschauen des großartigen The Office folgende Beobachtung gemacht: Widerliche Arbeitskollegen erscheinen im Licht der Gewohnheit nicht mehr so abstoßend und mutieren in manchem Fall noch zu einer perversen Art von Sympathiewesen.

Auch in anderen Belangen ist The Office furchteinflößend. Die in tödlicher Unsicherheit getaufte Selbstgefälligkeit von Chef David Brent (unbe-fucking-lievable: Ricky Gervais) , die blockwartige Pomadität von Gareth (Mackenzie Crook) und der Isolationszynismus von Tim (Martin Freeman), der in die opportunistisch verlobte aber prekariatsmelancholische Dawn (Lucy Davis) verknallt ist.

Klar ist das auch zum Brüllen komisch, doch bleibt ein gewisser Verwesungsgeruch in der Luft hängen, wenn man im Angesicht drohender Umstrukturierungsmaßnahmen arbeitende Menschen sieht, die jeglicher Ideen verlustig geworden sind und denen die Zotenhaftigkeit und die Kalauer ihres Chefs zu den stumpfen Augen herausquellen. Speziell in diesem Humor spiegelt sich der Horror des Alltags.

Bei aller Grausamkeit der Alltagsnähe kann ich herzlich drüber lachen. Zumindest über einen Großteil der ersten Staffel, denn mehr hab ich zunächst nicht gesehen. Ich staune über die Schauspieler, die in der getürkten Doku nicht mehr als solche auszumachen sind.

Die Hölle

Ein Penthouse in der Gleimstrasse. Eigener Aufzug. Schon ist man im Herz eines innenarchitektonischen Showcase. Die Gastgeberin wird vierzig. Ihr Vater hat die Intervalle der Power Point Präsentation bis ins Unerträgliche langgezogen. Jedes Kinderfoto drei Minuten. Viel zu viel Zeit für Schnippisches. Der DJ trägt einen türkisen Anzug und die Musik einen langen, langen Bart. Im Catering der Sohn des Hauses, zu seinen Diensten das Britpopmädchen aus Rostock, die mich aus dem Magnet kennt.

Überhaupt der Satz der Saison: „Ich kenn dich von irgendwoher.“ Eigentlich mein Text, wenn mir gar nichts mehr einfällt. Wer einen schon aller gesehen haben will. Und wo überall. Man sagt mir nach, ich tanze gern auf mehreren Hochzeiten, doch man überschätzt mein Makeltalent. Die Drinks sind gut. Die Badewannen zahlreich. Das Chemofeuer in mir lässt mich ziemlich unreflektiert über Sex erzählen. Man ist ja unter sich, denkt man fälschlicherweise unter Chemikalien. Man ist nie unter ich. Das geht rein technisch gar nicht. Das Licht wird gedimmt und die Leute sind betrunken genug zum engtanzen.

It’s raining men, halleluja, it’s raining men, every specimen.

Ich würde lieber „Raining Blood“ hören.

Man beginnt, sich zwangsweise für einander zu interessieren und hört: „Sie ist offen für alles. Und das ist übrigens ihr Verlobter.“ Als die Chemoflammen sich an meinen Beinen höher fressen, fängt es an, mir in der Ironiehölle zu gefallen. Gefährliche Aussöhnung mit dem Klassenfeind. Die Gastgeber sind plötzlich nette Leute. Das lässt sich selbst mit Gewalt nicht mehr leugnen. Und ich bin mittlerweile gerne hier und auch der Jüngste, vom Junior und dem Britpopmädchen mal abgesehen. Ich versuche einen unbemerkten Augenblick lang, an was Tristes zu denken, an etwas Unpassendes, an etwas, das mich von der guten Stimmung fernhält, aber es fällt mir nichts ein.

Von Gorillas und Golden Retrievers

Hehe. Nicht geschlafen. Exzellenter Laune bin ich. Im Büro. Und ich muss lachen. Habe das Hellacopters Konzert verpasst, so wie alle Konzerte die letzten zwei Monate. Aber das Nachbrennen, das habe ich zur Gänze mitgenommen. Beste D, ich habs dir gestern nicht mehr erzählt, aber die Konversation des Abends ist sowas von wiedergebenswert. Ich bin der wahre Psycho-Magnet:

Sie: Hallo. Kann ich dich mal was fragen?
Ich: Ja, klar.
Sie: Wenn du wählen könntest, was würdest du wählen: Golden Retriever, Delphin oder Gorilla?
Ich: Hä?
Sie: Jetzt entscheide dich!
Ich: Golden Retriever.
Sie: Das dachte ich mir. Meine Schwester ist der Golden Retriever. Ich bin der Gorilla. Den Delphin haben wir nur so dazu genommen.
Ich: Aha.
Sie: Weißt du, irgendwie gibt mir das schon zu denken. Warum bin ich der Gorilla? Andererseits haben Gorillas auch was Erhabenes und Edles.
Ich: Ich hab nur Golden Retriever gesagt, weil’s phonetisch und semantisch am angenehmsten scheint.
Sie: Ja, dumm, dass meine Schwester jetzt nicht hier ist. Ich bin auch oft wie ein Gorilla. Findest du das auch?
Ich: Nein, ich vergleiche Mädchen auch eher selten mit Affen.
Sie: Alle sagen Delphin.

God Speed All The Bakers At Dawn (Kurzkritik zu Garden State)

Garden State ist ein schöner Film. Zwischen Skurilitäten und biografischen Entgleisungen platziert er die Erkenntnis, dass man über sich selbst und die Haken die das Leben schlägt, lachen kann, ohne zynisch zu sein, selbst wenn der Tod seine Finger im Spiel hat.

Bei aller angedeuteten Kaputtheit der Welt schlängelt sich eine leise Komik bis zu einem glaubhaften Happy End, ständig begleitet von einem semi-sentimentalen Soundtrack. Zumindest für mich. Ein Freund hat nachher gesagt:

„Viele Szenen fand ich gut, aber vermutlich hätten sie erst richtig auf mich gewirkt, wenn das meine Musik gewesen wäre.“

Ich persönlich hätte vor Freude in die Hände klatschen können, als die Shins ihr „New Slang“ zum Besten geben durften. „Dieser Song verändert dein Leben.“ sagt Natalie Portman und da ich der Meinung bin, dass jeder gute Song das kann, gebe ich ihr gerne Recht und erinnere mich an..

Autofahrten im jahrhundertheissen Berliner Umland, den Fahrtwind im Bart, die Ein-Sommer-Clique im Gepäck und den Traum von dem einen Mädchen im Kopf. Und die Shins im Autoradio. Erschöpft, in die Knie gesoffen, die letzten Wochen noch die alte Stadt sein Zuhause nennend und so traurig optimistisch. Bilder, Sounds und Texte kann man nicht nur in einem Folder seines PCs abspeichern, sondern auch in Songs. So funktionert auch Garden State. Deshalb mag ich ihn und wegen der notorischen Baffheit von Zack Braff.

Gold teeth and a curse for this town were all in my mouth.
Only, i don’t know how they got out, dear.
Turn me back into the pet that i was when we met.
I was happier then with no mind-set.

Kurz vor Feierabend

Die Sonne glitzert auf dem Trottoir, während Mütter ihre Babies in Kinderwägen darüber schieben. Es tummeln sich diverse Helicopter am Himmel und fast meint man, paradenhafte Reihungen zu erkennen. Erstaunlich viel Polizei fährt durch die Stadt und die türkischen Obst- und Gemüseverkäufer sind heute ausnehmend freundlich.

Er joggt aus der domestizierten und saftigen Einkaufsstraße hinaus in ein ausgetrocknetes Flussbett aus Industrie und zerklüfteten Straßenzügen. Selbst hier draussen ist die Spannung aus der Innenstadt noch zu spüren. Der Asphalt erwärmt sich langsam und eine kommende Überhitzung lässt sich bereits am frühen Vormittag prognostizieren. Es sind nicht mehr viele Tage bis zu seinem Urlaub. Eine Unterbrechung seiner Lebensroutine käme ihm nicht sonderlich gelegen.

Drinnen in der Stadt hisst man die Flaggen an den Regierungsgebäuden wie für hohen Besuch. Man muss kein Medium sein, um zu merken, dass heute ein besonderer Tag ist. Im Fernsehen laufen kurze Beiträge über Schimpansen und Giraffen.

Er beeilt sich, um wieder in seine Wohnung zurückzukehren. Es gibt noch so viel vorzubereiten, so viel aufzuräumen. Er sieht Nachrichten, aber unkonzentriert und fetzenhaft erfährt er von irgendeiner Parade. Es ist noch so unerträglich lange bis heute Abend und doch so wenig Zeit bis dahin. Sirenen tönen von draussen in sein Appartement.

Währenddessen sitzt sie schon im Auto und denkt an die eiskalte Nacht, in der er sie angesprochen hatte. Sie hat ihm erst gestern gesagt, dass sie kommt. Ob er wohl wieder versuchen wird, sie zu küssen? Wird sie wieder nachgeben? Sicher, aber erst kurz bevor er aufgibt. Ganz kurz vorher. Eine Sekunde.

(frei nach „Driving In The Dark“ von Saves The Day)

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