Burnsters Wahlnacht: Herrschaft des Bayers?

Die Realität:
Gestern strahlte ProSieben das drakonische Endspeispektakel „Herrschaft des Feuers“ aus, passend zum recht kruden Wahlhergang und der folgenden drakonischen Vanitas diverser (Über)regionalpolitiker. Burns saß aufmerksam vorm Fernseher und sah den Drachen zu.

Der Traum:
Es war schon spät, als ich mit dem Fahrrad von H. nach Hause wollte. Er hatte mich gefragt, ob ich nicht bei ihm schlafen wollte, wegen der Drachen. Immerhin sahen sie bei Nacht am schärfsten. Ich verneinte, denn es war noch nicht ganz finster und H.s WG war mir auch ein wenig zu schäbig. So schwang ich mich auf mein Fahrrad und radelte auf dem schnellstmöglichen Weg die Ortschaft hinunter zu meinen Eltern. Durch den Park ging es am geschwindesten. In präzise einkalkulierten drei Minuten würde kein Drache auf der Welt die Gelegenheit finden, mich vom Fahrrad zu rösten. So raste ich durch den Park, vorbei an der großen Birke, bis ich an dem großen Eisenzaun und vor verschlossenen Toren stand.

Das erste verdammte Mal war der Südausgang des Parks verschlossen. Jetzt musste ich den gesamten Park nochmals durchqueren, um wieder auf die Hauptstraße zu gelangen und von da aus den längeren Weg nach Hause nehmen. Doch das dauerte alles zu lang. Bis dahin würden sämtliche Feuerviecher der Stadt bereits Witterung aufgenommen haben. Mir schwante Übles, doch ich trat in die Pedale was die Beine hergaben. Nach ungefähr 50 Metern hörte ich ein Schnauben hinter mir es wurde höllisch heiß hinter meinem Rücken.

Und heiß war mir noch immer, als ich mich in kaltem Schweiß unangekokelt, aber mit einem gehörigen Schrecken versehen in meinem Bett wiederfand. (File Under Burner ergibt Sinn.)

Friday Night’s Alright For Fighting

Eine eher larmoyante Woche verabschiedet sich in einen saftlosen Freitag. Eigentlich sollte ich ausgeruht sein, doch eine rauschhafte, nihile Müdigkeit hat sich meiner unlängst bemächtigt und passe ich einmal nicht auf, nimmt mich Morpheus in seine wiegenden Arme und taucht mit mir unter den Teich meines Bewusstseins, in dem es keine Inhalte, nur dumpfen Schlaf gibt. Lediglich beim Auftauchen streifen wir gelegentlich verfaulendes Algengewächs auf dem Weg in die Sickergrube meiner Erinnerung.

Als der Bürotag geht, kommt der Regen. Und er ist im wörtlichen Sinne nassforsch. Er watscht mir das Gesicht ab, er löchert mein Hemd und er treibt mich zurück in meine Residenz über dem Nordstrand, der auch schon mal illustrer aussah. Morpheus klingelt, aber ich mache nicht auf, soll er seine Broschüren anderen Insomnösen andrehen. Ich klettere in mein Cockpit aus Spuren, Samples und VST Plugins und streiche den Freitag abend dunkelblau mit Songtexten wie diesem:

She says: hang on in there. I know she don’t. I thought she would. And I wish I could.

In Verleumdung jegliches Lebens ausserhalb dieser Wohnung verstricke ich mich immer tiefer in dem einzigen was ich gerade mal einigermaßen kann. Als ich fertig bin, fehlt mir die Stimme und die Lust den Tag so enden zu lassen. Ist es doch meine hehrste Aufgabe, sich allzeit der Gezeiten zu erwehren und das unmögliche möglich zu machen. Was in diesem Falle heisst, nochmal Berliner Nachtluft inhalieren, bis einem schwindlig wird.

Gegen eins schwimme ich in einem Thymianvollbad, gegen halb zwei treibe ich schon durch den von Regen entweihten Prenzlauer Berg. Ich bin halbseiden mit einer alten, viel zu jungen Liebschaft verabredet und als sie nicht in dem Klub auftaucht, bin ich luxuriös erleichtert. Eine sympathisch toxidierte Menge Engländer, Iren und Deutsche bewegen sich sehr unpeinlich zu großartiger Musik. Modest Mouse. Art Brut. Maximo Park. Und überhaupt: Alright, don’t worry we’ll all float on. Die Mädchen sind überwiegend hübsch und überwiegender verstört, prächtig anzusehen, so wie die Jungs die sie ausführen.

Die chemische Reaktion zwischen Wodka und dem Energiegetränk beginnt und das Blut fängt an, leise zu rauschen. Über der Tanzfläche thront ein Teufel ohne Kokain. Nur er, sein Drink und seine Lust am Überleben. Ich forme ein großes Herz mit den Gedanken und zersteche es mit meiner Biestigkeit. Ich gefalle mir in der Rolle des Ausschwärmenden. Aber auch in der Rolle des Heimkehrers. Und in der Rolle des stetig Fallenden und ewig Steigenden. Kurzum, ich bin betrunken. Auf dem Nachhauseweg sehe ich nach, ob meine Band noch im Café um die Ecke lebt und trinke noch einmal auf den Triumph der Nacht über den Tag. Als ich am Nordstrand ankomme, steht Morpheus schon frierend vor der Tür. Ich schließe ihm auf und lasse ihn seine Arbeit verrichten.

Hellwach

Nie weile ich im Wachen. Mein ganzer Weg ist ein Traum. Das Wetter und ich selbst, wir sind uns viel zu viel. Ich rufe in den kalten Wind, wo ein Flüstern meinen besten Freund mimt und mich entlang dieses lilienbestückten entrückten Pfads führt.

Wohin wir gehen, weiß immer erst der Morgen. Wir beschreiten einfach weiter diese weiten, leeren Alleen. Wir kriechen über Straßen wie auf Wolken. Wir fließen mit Millionen von anderen Füßen, tasten uns im Dunklen voran und finden doch nur den düsteren Tag.

Ewig windet sich der Weg, müde, schlaflos weiter.

(frei übersetzt nach Saves The Day – In My Waking Life)

Der erste Reiter

Mein ätzzüngiger Komilitone C. und ich spotteten uns gerade fröhlich durch die Regensburger Studentenlandschaft, beneideten die BWLer um ihre fatalen Hühner, erlebten linguistische Bummer von ehemals im Irrenhaus einsitzenden Anglistikdozenten, ritualisierten jeden Tag die Next Generation von Star Trek mit einer kräftigen Bong, hörten und machten und stritten vor allem über die Definition von Punkrock, schimpften alle Studenten Wixer und benahmen uns auch sonst überwiegend peinlich.

Just zu dieser Zeit begann die unheimliche Siegesserie des österreichischen Tennisspielers Thomas Muster. Bereits 1989 befand sich Muster auf dem Vormarsch an die Spitze der Weltrangliste, doch bevor er seinen ersten Grand Slam gegen Ivan Lendl gewinnen konnte, wurde er rechtzeitig genug von einem Auto angefahren. Bereits 1990 holte er sich jedoch Turniersieg nach Turniersieg und über den ATP geprüften Rasen dieser Welt braute sich noch weit schlimmeres Unheil zusammen.

1995 erlitt Muster im Halbfinale eines Turniers in Monaco einen Zusammenbruch, gewann das Match aber und besiegte am nächsten Tag Boris Becker im Finale. Ab da gab es für den blonden Racketlackl kein Halten mehr. Muster gewinnt als erster und einziger Österreicher die French Open gegen (Michael Chang) und übernimmt im Februar 1996 das Ruder über die Weltspitze im internationalen Tennis. Die Nummer eins der ATP Weltrangliste.

Mit vor Entsetzen triefenden Mündern wurden C. und ich unfreiwillige Zeitzeugen der Siegermaschine Muster, der personifizierten österreichischen Unsportlichkeit. Auch wenn ich Boris Becker heutzutage für einen ausgemachten Schwachkopf halte, am Centercourt war er eine Persönlichkeit, leider eine, die der Dampfwalze Muster nicht nur einmal unter die Räder kam. Für uns war der Triumphzug dieses Fleisch gewordenen Schmetterballs ein deutliches Zeichen für das Verludern und Verlodern der bestehenden Weltordnung und wie seiner Zeit Johannes erkannten wir nun deutlich die Zeichen.

Und ich sah, dass das Lamm das erste der sieben Siegel auftat, und ich hörte eine der vier Gestalten sagen wie mit einer Donnerstimme: Spiel Satz Sieg, Muster. Und ich sah, und siehe, ein weißes Leiberl. Und der darin saß, hatte ein Racket, und ihm wurde eine Schale gegeben, und er zog aus sieghaft und um zu siegen.

Suchen Sie den Fehler

Dieser eine schaurige Blick von ihr verfängt sich in diesem Nachmittag, als ich ihn an die Wand meines Büros hefte. Auf die Fragen bin ich bestens vorbereitet. „Nein, das ist nicht meine Freundin. Nur eine Freundin.“ Ich halte es für eine Art Konsequenz, sie heilig zu sprechen. Ich halte es mit der Sturköpfigkeit meiner Linie wenn ich ihr selbstlos aufs blonde Haar starre, während ich eigentlich doch schreiben und unterhalten sollte. Alle Ausreden für die große Ausflucht sind jetzt beisammen und ergeben ein bitterdelektables Bild von einem humbugösen Kampf gegen die Gezeiten. Weil Windmühlen nach Trottel klingt. Und abgelichtet wird zum Schluss und der ist offen wie Polen.

Jahre später, das Foto wurde ab und an und aus dem Spiel genommen, es hat sich vermehrfacht, es ist mit mir durchgebrannt und wie ich aus dem Büro verschwunden, es hat sich aus dem Nachmittag entheddert. Jetzt zeigt es dieselbe Silvesternacht, aber ein völlig anderes Mädchen. Man hat sie wohl gegen eine andere Geißel ausgetauscht.

Home-Recording Kills Prostitution

(Kein Worst Blowjob Ever Contest Wettbewerbsbeitrag!)

Meistens beginnt es mit einer Gesangslinie. Plötzlich bemächtigt sie sich deines Kopfes und verzombiet schreitest du zu deiner Akkustikgitarre. Freilich ist die Gesangslinie von irgendeinem anderen Song, den du gerade gehört hast, beeinflusst. |Komponieren| = Mopsen. Du legst ein paar abgegriffene Akkordfolgen unter die nun nicht mehr nur platonische Hookline und siehe da, es scheint eins ins andere zu greifen. Aus schlechtem Gewissen baust du noch zwei weitere Akkorde ein und versiehst die bisher dagewesenen mit leichten Variationen, schließlich willst du dir ja nicht nachsagen lassen, du wärst einfallslos oder noch schlimmer: du spielst nicht gut genug Gitarre.

Nun, sobald du von der Qualität deiner Spontanschöpfung halbwegs überzeugt bist, lügst du dir in die Tasche, dass man das ganze ja mal schnell eben in den Rechner hauen könnte, quasi als Skizze. Doch ab hier beginnt bereits der körperliche Verfallsprozess. Ab jetzt zählt nur noch der Song im zähen Ringen mit deinen begrenzten musikalischen Fähigkeiten, deinen laienhaften Recording Skills und der teuflischen Unberechenbarkeit deines Rechners und seinem widerborstigen Umgang mit Sound-Plugins. Etwaig aufkeimende Gefühle wie Hunger, Harndrang, Durst, Müdigkeit, Hygiene geschweige denn soziale Kontakte oder Kanzlerduelle werden aufs sträflichste negiert.

Aus einem kurzen Schlagzeugloop wird ein ganzes Rhythmusgeflecht, aus einer Frisur eine Clownsperücke. Aus einer Rhythmusgitarre werden vier, aus deinem Arbeitszimmer eine Kraterlandschaft, aus dem Zwischenteil wird leider nichts und auch das Abendessen wird auf den nächsten Morgen verschoben.

Irgendwann, so gegen vier Uhr früh, ist man viel zu aufgepeitscht, um schlafen zu gehen. Und für den Fall, dass man dann mal heil in der Heia läge, fällt einem garantiert noch ein Backgroundgesang für den zweiten Teil der ersten Strophe ein, denn man schnell noch aufnehmen könnte. Dann hörst du deinen Song ungefähr noch 15 mal Probe und kannst nicht aufhören, dir – mittlerweile schon gänzlich wirrköpfig – auf die eigene Schulter zu klopfen.

Am nächsten Morgen stehst du auf, hörst dir den Song an und stellst fest, dass du echt schon mal bessere Einfälle hattest.

Es beginnt

Es liegt in der Luft des ausdünstenden Sommers. Es steckt in jedem Detail dieses scheinheiligen Morgens. Der Nordstrand glitzert, aber es sind nicht die Sandkörner sondern die Scherben. Die hereinkommenden Anrufe tragen die falschen Nummern, die Pracht der nächtlichen Gesellschaft wird langsam zu einer rein formellen Mitgliederversammlung. Das Taxi bringt sie dahin, wohin sie will, obwohl sie sich auf einen Umweg eingestellt hatte. Die Hitze frißt sich in den Mauern fest, obwohl es längst in Strömen regnet.

Die grausam lächelnden Strahlen des letzten Monats verbrennen ein paar unwichtige Hautpartien, die Ängstlichen sind eingefettet, aber ohnehin schon am Zusammenpacken. Die Tapferen scheucht spätestens der Ostwind zurück in ihre jämmerlichen Quartiere aus Holz und Strohfeuern. In den Nächten schiebt der Herbst seine modrige Zunge bereits tief in den Schlund des Sommers und grunzt zufrieden dabei. Vor Scham lassen die Bäume Federn, vor Wut schäumen die Flüsse, vor Ehrfurcht ziehen die Dächer der Stadt ihren Hut. Nur der Wetterfeste weiß, dass nichts ist, wo nichts war, wo nichts sein wird. Eine kleine Gruppe Wegelagerer schließt sich dem allgemeinen Meinungsumschwung an und zieht mit den letzten Barbecue Schwaden gen Osten. Der Rest fängt jetzt an, sich zu verstecken. Die Zeit der Lockvögel bricht an.

Ich lächle bösartig, als ich das heiße Wasser in der Dusche andrehe. Wenn die Kraft der Allgemeinheit versiegt und sie matt von der ganzen Unberechenbarkeit darnieder liegen, wenn sie entkräftet ächzen, während der Sommer sie langsam verlässt, wenn sie stöhnen unter den immer tiefer sinkenden winterlichen Damoklesschwertern, dann ist meine Zeit gekommen. Dann vermag ich zu gaukeln und zu spuken, werde mich drehen und vor allen Augen verschwinden, nur um an den entlegensten Stellen dieser Stadt wieder aufzutauchen.

Denn es tagt, während andere schlafen. Es sieht während es die Stadt mit Schneeblindheit schlägt, es kommt an wenn der Sommer verkommt und es brennt, wenn der September ausgelodert hat. Der Sommer begeht Fahnenflucht aber es hat gerade erst begonnen.

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