‘Unterwegs’

Althagen

Hier herrscht ein Frieden und eine Entleerung, man traut sich kaum laut zu reden. Ich muß das festhalten, denn auch wenn ich nur ein paar Tage hier oben bin, ist das einer der besseren Urlaube der letzten Jahre. Herrschaftszeiten, dass man so eine Idylle aus Eismeer und zerberstender Sonne quasi vor der eigenen Haustür hat und es nicht weiß. Der lauwarme Sand, über den ich viele Lieder geschrieben habe, ist nur eine Metapher für das wärmende Leben. Und das kann man auch inmitten der Eiseskälte finden.

MVP

Gestern hat noch jemand zu mir gesagt, was willste bei dem Wetter an der Ostsee, da kannste doch gleich in Berlin bleiben. Und einigermaßen skeptisch hab ich mich dann vorgetastet durch Mecklenburg-Vorpommern bis aufn Darß. Und ja, hier ist auch Scheißwetter. Das sieht dann aber so aus wie da unten. Und wär ich nicht in meine halbjährliche Raubritter-Radarfalle gefahren, ich wäre bester Dinge heute.

UPDATE (Donnerstag): Strahlender, blendender, alle Dunkelheit zerreissender Sonnenschein. Sei neidisch!

Abgang

Komisch. Die letzten Jahre kommt es mir immer im August schon so vor, als liege der Sommer in den letzten Zügen. Als Kind war der August mein zentraler Sommermonat. Im August waren Ferien und ich lag den ganzen Tag im Freibad oder vor lauter Heuschnupfen bei verdunkelten Fenstern in meinem Zimmer. Und im September fuhren wir an die Adria und ich über allem in den Wellen. An den Herbst dachte ich frühestens Ende September. Der perfekte Tipp zur Sommeruntergangsstimmung: an einem halbverregneten Augustabend zur Dämmerung auf dem fast leeren Deutsch-Amerikanischen Volksfest in der Clayallee rumhängen.

Das merkwürdige Berlin

Es verschwindet langsam aus unserem Blickfeld, oder es kommt uns so vor. Die Leute, die schon länger oder von Haus aus hier leben, bemerken diese Erschleichung der Bürgerlichkeit sicher schon seit einigen Jahren länger, aber bei uns kommt es jetzt erst an.

Die Wohnung streift ja um Haaresbreite das Touristikzentrum von Berlin, aber selbst da war lange vieles merkwürdig, verfallen, dubios oder zumindest unrenoviert. Neulich war ich im Bötzowviertel und dachte, ich bin in München-Haidhausen. Blonde High Heels tackern am mir vorbei, Kneipen stellen Wässerchen für passierende Jogger auf den Tisch und der leicht übergewichtige grauhaarige Manager am Nachbartisch telefoniert sich den Mund blutig. Der Babyboom regiert die Straßen, schüchterne Teenager lesen Bücher und werden von ihren Freundinnen zum Fahrradfahren abgeholt. Die Läden verkaufen Babyklamotten und schwedisches Designzeugs und T. sagt, da sind sicher viele dabei, wo der Ehemann das Geld bringt und die Kinder schon größer sind und sie sich jetzt endlich den Traum vom eigenen Laden erfüllen kann. Mit schwedischen Babyklamotten.

Nicht, dass mich das alles sonderlich stören würde, denn zum einen lebt man in den meisten deutschen Großstädten so und ich als Ex-Münchner kann ganz gut mit dem schönen Schein umgehen – zum anderen hab ich da, wo ich wohne, noch den Wedding und Moabit als letzte Verteidigungslinie vor der Biowindelgesellschaft im Rücken. Mit jeder Menge merkwürdiger Menschen, Tiere und Bauwerken. Berlin wird die Merkwürdigkeit auch so schnell nicht ausgehen, dafür ist es ausserhalb seines speckigen Szenegürtels viel zu kaputt und abgefuckt. Nur aus dem eigenen Blickfeld entflieht das Kuriositätenkabinett immer mehr, weil einen die Bürgerlichkeit immer mehr in die Zange nimmt. Vor allem die eigene.

Über die wilden Dörfer

Die meisten so genannten Sehenswürdigkeiten
sind vom vielen Hinschauen ganz abgenutzt.

(Helmut Qualtinger)

Und dann kurz im niederbayerischen Ursprungsbereich gewesen und folgendes festgestellt: Es ist immer schon die schiere Fläche gewesen, die mich an der Natur gefreut hat. Und zwar ausgefaltet. Die Berge ganz schön, aber überhaupt kein Muß. Auen, Flüsse, das ist es. Wo ich mich selber sehe, wie ich tagelang durch das kniehohe bodennebelbeträufelte Gras laufe und über kleine Bäche springe wie ein junges Reh.

Und dann gibt es da in meinen Träumen noch einen kleinen bayerischen Ort, der am Hang liegt. Ich dachte, ich hätte mir den ausgedacht, aber dann bin ich durch Aufhausen gefahren, das ich nicht gut kenne und ich habe gemerkt, das ist genau der Ort. Und das war, bevor ich mir den schönen Inception angesehen habe.

Dann seit Jahren mal wieder auf der Walhalla, die man schon aus dreissig Kilometern Entfernung schneeweiß auf ihrer Flußbiegung thronen sieht. Angeblich sogar in der Nähe von Upfkofen schon, wenn man über eine Anhöhe mit dem Auto donnert. Von der Walhalla aus sollte dann quasi im Rückwärtsgang mit dem Rücken zur glitzernden Donauschleife die Fotosafari beginnen, aber die Kamera war stur, wie man das in Bayern halt so ist, wenn man gerade nicht mag, dann geht man kaputt.

Und am Ende von so einem Tag willst du natürlich in den Biergarten und wo könnte man besser garteln als in der Hammermühle? Überall, weil Essen scheiße, Bedienung kurz vorm Kollaps bei nur 7 Tischen im Zuständigkeitsbereich, Preise wie in München, Ausflügler wie an der Ostsee und Wespen ohne Anstand.

Aber dann wieder der Ritt über die kleinen Dörfer mit ihren leergefegten Bauernhöfen und kleinen Schlössern. Ach ja, und dann reichts auch wieder irgendwann und man ist froh wenn man den Funkturm West schon von weitem sieht, weil Heimat ist dann eben auch immer da, wo man am bequemsten übernachtet. Sagt auch meine Bandscheibe. Aber immerhin mal wieder auf dem Pfaffenberger Volksfest gewesen.

Sizilien

Und dann in Sizilien gewesen. Weil immer schon dahin gewollt. Aber vorher was anderes: wird jetzt wieder geklatscht nach Landungen? Ich dachte, das wäre ausgerottet.

Und dann in Palermo angekommen. Palärmo. Rollerfahrer, Tod und Lautstärke. Kein Verfall ist schöner als der von Palermo. Und vermutlich ist er auch nirgendwo teurer. Das Essen, der Tod, die Roller. Nur die Lautstärke ist umsonst.

Aber die Stadt ist nicht so ruppig, wie man meinen könnte. Alles verfällt so schön langsam und laut. In diesen Katakomben hinten am Stadtrand hängen Tausende von Toten an der Wand. Mal mehr mal weniger geglückt mumifiziert. Der einzige leise Ort neben den Kirchen. Überhaupt die Kirchen. Innen. Schön. Möchte man fast wieder religiös werden. Verfallend in Ruhe und Würde. Alles verfällt.

Bis auf den Verkehr, wenn du selbst fahren musst. Die Regellosigkeit ist nicht das Problem. An deren inhärente Regeln gewöhnt man sich schnell, an die sekundenschnelle Überwerfung derselben nie. Auf deutsch gesagt: fahren wie Idioten, die Sizilianer. Ich teilweise auch, aber nicht mit dem Leihwagen.

Dann in Siracusa. Aufgeräumt. Kontrollierter Verfall dieses Mal. Gutes Essen. Penette mit Schwertfisch in Pistaziensoße. Überhaupt alles nussig und marzipanig da. Süß und würzig, ganz meine Soßenwelt. Der Strand bei Arenella wurde uns nur beiläufig empfohlen, weil ums Eck. Aber der Sand: Zentimenter für Zentimeter eine einzige Anschmiegung an den Fuß. Und das Wasser. Die Ionische See. So klar und kantig, dass man sich dran schneiden kann. Und will.

Auf dem Ätna dann ein bisschen Enthitzung der Gemüter. A) weil kalt und B) weil man auf den 2000 Metern Höhe, die man mit dem Auto fahren kann, noch nicht soviel mitbekommt von der herrlichen Bedrohlichkeit so eines Vulkans. Ausser man hört ganz genau hin in den stillen Momenten. Dann hört man das Herz von dem Vulkan schlagen. Und wenn es lauter wird, dann fährst du besser nach Hause. Oder zur Isola Bella, wo du im Pool über der Insel herumturnst bis du müde wirst und mit der Balkontür zum Meer einschläfst. In aller Ruhe.

In Cefalu dann wieder Lautstärke durch touristischen Befall. Am Abendbuffet im Hotel gewalttätige Renterbataillonen, wenns darum geht, wer als Erster am gegrillten Gemüse stehen darf. Aber selbst schuld, wenn man in so einem Land im Hotel Tourist weilt. Aber manchmal gewinnt die Faulheit, der Verfall der Ambitionen. Morgens vor dem Flughafen kein Mensch. Keine Seele. Und leider auch keine Tankstelle für den Mietwagen. Im Flughafen dann aber doch eine Horde älterlicher Germanen, die offenbar schon drei Stunden vor Flugbeginn eine Einreihung gebildet hat. Überhaupt wieder alles Idioten, die man so trifft. Nicht nur die Landsleute. Reisende im Allgemeinen. Manchmal glaube ich, die Leute werden immer dümmer. Von Jahr zu Jahr. Man muss ja nur die Nachrichten lesen. Die Regierung anschauen. In Urlaub fahren. Überall der Verfall. Es wird wieder geklatscht bei Landungen.

(mehr Fotos hier)

Aus Palermo

Mal abgesehen von der schieren Grossartigkeit dieser Stadt: Einkaeufe per Korb und Seil in den vierten Stock zu befoerdern ist ein bei uns zu wenig geschaetztes Warenbefoerderungsmittel. Allein das Zuschauen macht schon gute Laune.

Heiligensee, Berlin

Und als Nachtrag zum neulichen Thema Berlin und die Natur: So schön kann Berliner Stadtleben sein. Wenn man das nötige Seegrundstück besitzt, versteht sich. Und wenn es dich nicht stört, dass du jeden anderen Seegrundstückbesitzer persönlich grüßen mußt. Der See heißt übrigens Nieder Neuendorfer See, nicht Heiligensee – wer’s genau wissen will.

Afterlife

Letztes Jahr war ich ja mit einem guten Freund auf dem Sinai in Ägypten. Obwohl nahezu immobil wegen einem doppelten Bandscheibenvorfall und der Welt nur unter Schmerzmitteln zuzumuten, filmte ich soviel ich konnte von dieser kargen und merkwürdig weltabgewandten Landschaft an einem Korallenriff. Es war immer mein Plan gewesen, die Aufnahmen in einem Videoclip zu meinem Song „Afterlife“ zu verwenden, doch mein Phlegma und eine zu große Auswahl an möglichen Kabeln und Adaptern ließen fast ein Jahr vergehen, bis ich mich endlich an den Schnitt wagte. Nach langen Nächten mit Final Cut und der Entscheidung das Material in Schwarz-Weiß zu bearbeiten, bin ich endlich zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. Das Thema des Songs ist ja die Weltflucht, der Eskapismus ins Innere und eine eher jenseitige Sehnsucht. An einen Ort gehen zu können, wo die Existenz nicht mehr auf dem Spiel steht, sondern schon als beendet vereinbart ist und man sich nur noch fallen lassen muss. Nichts hat dazu besser gepasst, als dieses Camp am Korallenriff inmitten dieser uralten Steinwüste. Nur drei kurze Sequenzen entstanden nicht in Ägypten, sondern in Barcelona. Aber seht selbst.

Palästina

How long will you wait
At the shady end of the slope
Am I already late
With my pyramide sized hopes
(Kashmir – Still Boy)

Die Mädchen im Zug scherzen herum. Mädchenscherze, das kann man hören, auch wenn man kein Hebräisch kann. Süß sehen sie aus mit ihren Locken und der dicken Schminke, auf jeden Fall nicht erwachsen. Die Uniformen sitzen toll, das sieht ganz organisch aus. Selbst die polierten Griffe der Maschinengewehre in ihren Händen glänzen angenehm träge in der Mittagssonne. Überhaupt ist die Stimmung ganz gelassen in dem Zug. Die Mädchen scherzen herum und der Rest telefoniert.

In Tel Aviv sitzen wir an dem Frühstückskiosk und trinken frisch gepressten Orangensaft. Am Nebentisch zwei Models, eins einheimisch, das andere wo anders her. Die Frühjahrssonne lullt uns in den Vormittag hinein. Kein Mensch möchte bei so einem Wetter arbeiten oder Krieg führen. Ich würde rauchen, aber mein Magen ist ruiniert. Unten am Meer, in Jaffa, mit den Katzen und dem Auf und Ab der kleinen Treppen, hat man den weißen Blick auf Tel Aviv. Die Hochhäuser dort kennen eine Menge Tricks und Kniffe. An einem Sabbath liegen die Leute am Meer und ein paar betätigen sich als Surfer. Das Dolphinarium ruht brach und verfault über dem Wasser, seit sich 2001 jemand freiwillig mit vielen Unfreiwilligen in die Luft gesprengt hat. Eine 747 kommt übers Meer, über den Strand, in die Stadt.

Nachts ist alles so, wie man es kennt. Die scharfen Weiber sind in den Clubs mit der scheiß Musik und die gute Musik ist da, wo die Ökos und Emos sich die Zeit vertreiben. Bist du DJ aus Berlin, bist du wer, das kann man den Südländern einfach nicht austreiben. Und die ganzen Restaurants. In Tel Aviv machen sie was aus ihrem vielen Gemüse. Anders als in Jerusalem, wo sie eine Gurke und eine Tomate in kleine Teile schneiden und damit hat sich’s. Mein ruinierter Magen hat eh nichts davon. Kein Mensch kann vernünftig Auto fahren und der Asphalt ist noch warm vom Nachmittag.

Der Busbahnhof von Jerusalem ist waffenstarr. Ich muss hier weg. Die alte Jaffa-Straße in die Altstadt. Vorbei am Markt, der unzerstörbare Markt. Alles wirkt wie eine Echtzeitumsetzung vom ersten Assassin’s Creed. Wie modellgetreu die Stadt von Süleyman dem Ersten immer noch wirkt. Wir suchen uns aus, ob wir über die Dächer gehen oder unten durch. Ein Labyrinth, ein Spiel, genau wie die Windungen und Ecksäle der Grabeskirche, wo der Griechisch-Orthodoxe die Leute ins Grab Jesu hinein- und wieder hinausherrscht. Der Tempelberg, der Felsendom, das gelobte Plateau, und es kümmert sich niemand um den Olivengarten dahinter. Der an die Stadtmauer heranreicht. Die Stadtmauer über dem goldenen Tor, das zugemauert ist, nur für den Fall, dass der Messias doch noch. Müll und Katzen in dem Olivengarten. Im arabischen Teil ist es lauter, freundlicher, gelassener. Niemand nimmt Notiz oder Abstand von uns. Wenn man muss, kann man miteinander.

Mitten in Bethlehem. Mitten in der West Bank. Eine Kolonne Autos der Fatah. Niemand schießt mit dem Maschinengewehr in die Luft, aber es wird gleich dunkel. Ich habe die Mauer zuerst für einen Schallschutz gehalten. Zu grotesk erschien mir die schiere Gewalt der Trennung. In Berlin kennen wir keine Mauern mehr. Über diesen Satz habe ich nachgedacht, ihn trotz des übermächtigen Klischees hier hinein geschrieben. Wir nehmen die falschen Abzweigungen und sind die plötzlich die Einzigen. Jetzt erkennt man uns. Alle sehen uns zu, wie wir etwas suchen. Ein unangenehmes Gefühl ist das. Zuflucht vor diesem Gefühl haben wir in der Geburtskirche gefunden. Die Holzbalken hoch oben haben was Katholisches in mir aufgeweckt. Eine Ehrfurcht. Ich habe mich ohnehin schon gefürchtet. In der West Bank. An den Checkpoints. In dem Land.

Die Ruhe vom Toten Meer ist schwarz. Eine stille Masse Wasser, lautlos, farblos und dunkel. Ein paar Meter nur nach Jordanien. Ein paar Meter nur bis zum heiligen Gral aus Indiana Jones und der letzte Kreuzzug. Um das Tote Meer herum ein paar ausradierte Landschaften. Leere Häuser, Einschusslöcher, Bushaltestellen. Mitten in der Wüste, gleich neben Jericho so tief alles unter dem Meeresspiegel. Still ist es, selbst wenn jemand vorbei fährt. Eine Rauchsäule, man denkt gleich Uh. Aber dann nur Palmenblätterverbrennung. Es riecht nach Verbranntem, kilometerweit und schon wieder ein bisschen Ehrfurcht, aber diesmal nicht katholisch. Im Bus spricht uns ein palästinensisches Mädchen an. Es geht in die sechste Klasse in Jerusalem und lernt Deutsch. Sie will wissen, warum wir hier sind. Überhaupt wollen das immer alle genau wissen.

Um den Flughafen herum überall diese Orangenbäume. Im Flughafen drin eine Ruhe. In all dieser Ruhe gesamtbiografische Durchsuchung. Ich mach einen Spaß nach dem anderen, trotz Aviator-Sonnebrille und dunklem Haar, vielleicht gerade deshalb. Tief in die Augen wird einem geschaut und gestoppt wie lange es dauert, bis man auf seinen phonetisch verhunzten Vornamen anspringt. Man sollte nie zulange mit etwas warten hier, bei aller scheinbaren Ruhe. Zwei Hosen und einen Magen hab ich mir hier ruiniert. Aber es geht ja immer weiter.

Den Rest der Fotos aus der Region findet man hier.

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