‘Texte’

Das falsche Tagebuch: 01. Februar 2017

Kurz was über Musik.

Mit 11 oder so war ich unglaublicher Fan der ersten Dire Straits. Die mit „Sultans of Swing“, drauf, was aber noch nicht einmal mein Lieblingslied war. „Down To The Waterline“, „Lions“, „Water Of Love“ und „In The Gallery“ schlugen Sultans in letzter Instanz wegen dem Groooooove, nur beim Gitarrensolo gewann Sultans wegen dem schnellen Lauf am Ende, den ich bis heute nicht sauber mit Fingertechnik nachspielen kann. Aber auch sonst nicht. Die Platte war eh schon angekratzt als ich sie von meinem Dad übernahm, als ich mit ihr fertig war, war sie nur noch weißes Rauschen.

Einige Zeit danach, vielleicht Jahre, schenkte mir mein Onkel die „Making Movies“ als CD (meine erste CD) und von da an dachte ich, das wär das zweite Album der Dire Straits. Zunächst war ich schockiert über das viele Klavier, die weniger gewordenen Knopfler-Alleingänge, den aufziehenden 80er-Vibe, den Ansatz zum Epischen im Gegensatz zum Spartanischen und den gänzlich fehlenden rotzigen Jazz-Swing der 70er. Natürlich haben mich „Tunnel of Love“, „Romeo & Juliet“ und später auch „Expresso Love“ (der Song war schuld daran, dass ich jahrelang nicht korrekt Espresso bestellen konnte) schnell mit der Platte versöhnt, aber so richtig konnte ich trotzdem nicht verstehen, wie die Knopfler-Brüder (die sie mittlerweile ja gar nicht mehr waren) sich so schnell in Richtung Industrie-Rock wandeln hatten können und zwar nicht ihr gutes Songwriting, aber eben ihre Lässigkeit und den verlotterten Sound verlieren.

Irgendetwas fehlte da doch. Irgendein Übergang. Genau den entdeckte ich, als mich meine Eltern mal mit in die METRO (gab’s da CDs oder spielt mir die Nostalgie einen Streich?) nahmen und ich völlig achtlos im Regal eine blaue CD stehen sah, auf der „Dire Straits – Communique“ stand. Mittlerweile hatte ich die „Love Over Gold“ mit ihren Mini-Opern über emotionale Privatermittler und Industrialisierung gekauft und die extrapolierte „Brothers In Arms“ zu Weihnachten bekommen, hatte also im Grunde mit den alten Dire Straits abgeschlossen. Deshalb konnte ich eigentlich gar nicht glauben, dass diese unscheinbare blaue CD ein reguläres Album war und schaute auf die Jahreszahl der Veröffentlichung: 1979 – köpf mir einer ’nen Storch – also unmittelbar nach dem Debüt.

Ich konnte es wirklich nicht fassen, kaufte sie für ca. 20 Mark, hätte aber auch 50 dafür ausgegeben, und legte sie zuhause in den CD-Player meines Vaters. Und es war, als würde ich die Grabkammern von Nofretete entdecken. Einen verloren geglaubten Schatz, den missing link der Dire-Straits-Epochen, nochmal eine ganze Platte mit der rhythmischen Abgehangenheit der späten 70er. Dass die Songs bei weitem nicht so gut waren wie auf dem Debüt – drauf geschissen. Wochenlang hörte ich die CD rauf und runter, während ich auf dem C64 Miami Vice spielte.

Ich habe mich nie wieder in meinem Leben so über den Fund eines Albums so gefreut wie damals. Für andere wäre das vielleicht eine verlorene Dylan-Platte oder so, aber ich war ein Knopfler-Homer, wie es keinen zweiten im Landkreis gab. Ich schreib das jetzt, weil ich grade zufällig „Portobello Belle“ von der „Communique“ höre und mich frage, ob das Leben vor dem Internet noch ein bisschen mysteriöser war. Nicht, dass ich es vermisse, ich hatte Pickel und niemand hätte je ein Buch von mir veröffentlicht.

Das falsche Tagebuch: 17. Januar 2017

Weil ich grade in der Online-Zeitung lese, dass Stadtautofahrer mutmaßlich immer noch andere Autofahrer anhupen, wenn sie eine Landnummer beim unsachgemäßen Spurwechsel sehen, noch kurz eine artverwandte Anekdote.

Ich sitze im Café und rede mit dem Besitzer über Personalnot in unserer ehemaligen KiTa. Die ist entstanden, weil sich für die staatlichen Berliner KiTas momentan nur schwer genug qualifiziertes Personal finden lässt, aber auch durch Krankheitsfälle und andere schwer vorauszusehende Kalamitäten. Und natürlich ist der Erzieher- wie der Pflegeberuf weder der best bezahlte, noch meist geachtete und das vermutlich auch das Kernproblem, aber es liegt zumindest in diesem Fall nicht daran, dass der Senat zu wenig Erzieherstellen besetzt oder systemisch kein Budget dafür vorgesehen ist. Es gibt halt scheinbar momentan hier in Berlin einfach nicht genug Leute in dem Beruf, aber auch das ist eine Annahme, die ich vorsichtig auf Gesprächen mit leitenden Angestellten begründe. Ich habe keine Zahlen.

Der Zeitung lesende Mensch neben mir fühlt sich auf jeden Fal von unserem Thema so gekitzelt, dass er einschreiten muss. Dabei haben wir noch nicht einmal diskutiert, ich hab mir nur ein Update geholt, um anschließend drüber nachzudenken oder auch nicht. Es hat mich halt interessiert, aber es war gleichzeitig auch nur eine Form von Smalltalk. Der Zeitung lesende Mensch neben mir will aber unbedingt das Fass aufmachen, dass der Staat nicht genug Geld für KiTas zur Verfügung stellt und zwar das generelle Fass und dann mit aller Empörung, obwohl es uns nur um den bestimmten Fall geht, wo das nicht zutrifft, und es uns ja eigentlich eh um gar nichts geht außer Konversation.

Es ist natürlich das gute Recht des jetzt nicht mehr Zeitung lesenden Menschen, sich einzumischen und seine Meinung zu sagen, aber man muss ja nicht von jedem Recht Gebrauch machen, vor allem nicht, wenn man gar nicht recht hat.

Vielleicht hänge ich die Messlatte für unsere Gesellschaft auch zu tief, aber ich bin ziemlich dankbar, dass der Staat überhaupt die Erziehung von meinen Kindern mitübernimmt und das auch noch überwiegend gratis. Dass er zumindest versucht, meine kranke Tochter zu heilen und mein Sohn einen Lehrer hat, der ihm beibringt, wie Freundschaften funktionieren. Ich bin der Erste, der sagt, dass sich der Staat um seine Bürger kümmern muss und first and foremost um seine Kinder, aber ich bin weit davon weg, das als Selbstverständlichkeit zu begreifen. Und selbst wenn ich das täte, kann ich ja immer noch froh sein, dass er es tut.

Und ich reg mich natürlich auch auf, wenn die Betreuungssituation in KiTa, Schule oder Krankenhaus zu desolat wird – und ich krieg da cholerische Züge – aber mein Zorn ist dann nicht gerecht, sondern bestenfalls situativ und der Lösung eines praktischen Problems geschuldet oder manchmal auch meiner Arroganz oder Eitelkeit.

Dem Zeitung lesenden Mensch war sicher nur langweilig, er wollte ein bisschen Aufmerksamkeit, deshalb hat er sofort mit dem befremdlichen Bonmot geglänzt, dass er einen Freund in der Notaufnahme hat, der sagt: jedes Jahr sterben 30 Leute in der Charité wegen zu wenig Pflegepersonal. Fair enough. Oder auch nicht. Aber mein Tag brauchte zu diesem Zeitpunkt keine stürmische Diskussion, der vom Cafébesitzer vielleicht auch nicht und auch die Sachlage an sich verlangte nicht danach. Letztlich hab ich einmal widersprochen (was ignoriert wurde, aber hey, da darf man nicht sensibel sein) und mich dann weggesetzt und der Cafébesitzer hat ein anderes Gespräch begonnen. Der Zeitungsleser ist nach Hause gegangen. Sicher ein bisschen wütend. Niemand hat gewonnen.

Ich spar mir jetzt das naheliegende und altkluge gesellschaftskritische Fazit, weils ja eh auf der Hand liegt. Nur kurz noch der Schulterschluss zu den hupenden Autofahrern. Nur weil ich hupen kann und es offensichtlich ist, dass der Ebersberger, Havelländer oder Pinneberger sich hier nicht auskennt, muss ich nicht hupen. Alle reden von Trump und seinem Ego, aber worum es eigentlich gehen müsste als Gegenbewegung zu solchen Leuten, ist Zurückhaltung und Bescheidenheit, zumindest wenn man gerade nicht um die Existenz kämpft. Und wer tut das von uns hier schon wirklich. Aber nein, es ist 2017 und alle denken, sie müssten unbedingt weiterhupen, ganz egal worum es geht.

Rosalie (17.11.2016)

rosalie_cover

„Rosalie“ heißt mein am 17.11. erscheinender Roman. Zum Inhalt in Kurzform bitte hier klicken. Jetzt ein Trailer:

Stimmen:

„Der niederbayerische Schriftsteller Berni Mayer musste erst nach Berlin gehen, um seine Heimat neu zu deuten. Das Ergebnis ist der schrecklich schöne Roman ‚Rosalie‘. [..] Es ist schon deshalb ein herausragendes Buch, weil Mayer um alle Klischeefallen herumfabuliert, die der Heimatroman bereithält.“
– Bernhard Blöch, Süddeutsche Zeitung

„Das verdankt Rosalie zunächst der schnörkellosen, fast lakonischen Sprache. Mayer erzählt unaufgeregt und hebt Praam nicht als ein Stück Hyper-Bayern auf den Sockel.[..] Nicht einmal mit diesem historisch aufgeladenen Erzählstrang um das Schloss verhebt sich Mayer. Er erzählt ihn souverän und stimmig aus. Für ein Debüt gelingt ihm damit ziemlich viel.“
– Josef Wirnshofer, Spiegel Online

„Ein wunderbares Buch, lakonisch, zart – Heimat, Jugend, Liebe. Es ist wie es ist – grausam und schön.“
– Capriccio, Kulturmagazin BR

„Mich erinnert Mayers einseifende Melodik an den frühen Helmut Krausser und an den früh verstorbenen Heiner Link.“
– Jamal Tuschik – Der Freitag

„Trotz vieler heiter-ironischer Bonmots liegt ein dunkler Schatten über […] der von Mayer klug konzipierten Story. Ein lakonischer, lesenswerter Adoleszenzroman.“
– Gérard Otremba, ROLLING STONE

„Er erzählt schonungslos, aber nie herablassend, von der Enge des Dorfes, von einer besonderen ersten Liebe und der Suche nach Wahrheit, die manchmal sehr weh tut.«
– Anne Burgmer, Kölner Stadtanzeiger BÜCHER MAGAZIN

“Was ich wirklich an diesem Buch mag, ist der feine, unaufgeregte Erzählstil. Es ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden, die erste Liebe und im Kern auch über die Heimat Bayern. Das alles ist sehr liebevoll erzählt und beobachtet – kurzum: einfach schön!”,
– Jörg Petzold, FLUX FM

„Er erzählt unaufgeregt und mit ausgezeichneter Beobachtungsgabe. Seine Andeutungen verschiedener großer Geheimnisse treiben den Leser an, und dieser Stil macht neugierig und nachdenklich. Ein gelungenes Debüt.“
– Bianca Schwarz, HR2

„Dieses Buch geht raus an alle Dorfkinder.“
– Jasmin Körber, PULS/ BAYERISCHER RUNDFUNK

„Manche schreiben über diese Heimatorte auch [..] durchaus lesenswerte Bücher. So wie das neue Buch von Berni Mayer, der sich in seinem neuen Roman „Rosalie“ nicht nur mit seiner eigenen Jugend, sondern mit einer realen Katastrophe und [..] Vestrickungen in die Nazi-Zeit.“
– radioeins

„Er hat etwas zu erzählen, was über die hinlänglich bekannten Jugend-auf-dem-Dorf-Erinnerungen weit hinausgeht. Rosalie will er auch als Neubewertung seiner Heimat verstehen – was ihm hiermit geglückt sein dürfte.“
– Abendzeitung

„Der Mann kann schreiben. Er erzählt vom niederbayerischen Dorfleben in den 1980ern und stellt seine schillernden Figuren in die Landschaft, ohne sie zu Seppl-Figuren zu machen.“
– Phillip Seidel, Landshuter Zeitung

„Er beschreibt den Mief der Neunzigerjahre in der deutschen Provinz genauso gekonnt wie die emotionalen Wetterlagen der Adoleszenz, den langen Regen nach der Reaktorkatastrophe und die Angst vor den Folgen genauso treffend wie die Dialoge zwischen den Protagonisten, zwischen Anpassung und Revolte. Ein absolut lesenswerter Erstling!“
– Literaturblatt.ch

„Es nimmt kein gutes Ende, aber es ist eine gute Geschichte.“
– Gerlinde Lang, FM4

Und noch ein paar eigene Worte dazu:

Bevor ich angefangen habe zu schreiben, waren da nur Scherben von Ideen. Ich sage Scherben, weil jedes Konzept, das ich mir bis dahin überlegt hatte, irgendwie an seiner Inkonsequenz oder einfach nur seiner Undurchdachtheit zersprungen war. Da lagen also herum: Die Idee, über Menschen am Rande einer Katastrophe (in diesem Fall: Tschernobyl) zu schreiben, die mit der Katastrophe eigentlich gar nichts zu tun haben. Vielleicht minimale Auswirkungen auf die allgemeine Stimmungslage der Protagonisten. Die eigentliche Katastrophe muss eine andere sein. Dahingehend gab es schon Konzeptuelles und Niedergeschriebenes über Eschede oder den Frauenmörder von Beelitz. Letzlich wurde es dann aber die Geschichte zweier verliebter Teens im tiefen Süden, mitten im Tschernobyl-Jahr.

Ich hatte außerdem grade ein Lied geschrieben hatte über ein Paar, das in der Provinz feststeckt, eine Gegend, die ihre ganz eigene Blutmagie entwickelt, eine voodooeske Lust am Untergang aufweist, wenn man nur einmal am falschen Zaun rüttelt.

Und jetzt war ich anstachelt, denn so konnte ich auch die Geschichte meiner eigenen Jugend und ihren grotesken Orten erzählen, ihren Eliten und Invaliden, unseren Landstrichen da unten ihren verdienten und unverdienten Platz in der Zeitgeschichte zuweisen. Und schon in den ersten Kapiteln konnte ich erkennen, was ich der Gegend, der Zeit und den Leuten bisher immer aberkannt habe: Ihre eigene Mystik, und ihr ureigenes Dasein als Metapher auf die bundesrepublikanische Menschlichkeit und Unmenschlichkeit Mitte der 80er Jahre.

Die Unmenschlichkeit nur auf den repressiven Katholizismus meiner Jugend zu schieben (und so repressiv war er auch wieder nicht) hing mir als Frucht zu tief, ich wollte auch keine Countryside-Hicks aus den Niederbayern machen, aber ich wollte und will ins Protokoll aufnehmen, dass passive Niedertracht und blutrünstige Indifferenz zwei angstmotorisierte menschliche Kerneigenschaften sind, die einen schon in jungen Jahren entweder paranoid (welchem Erwachsenen kannst du trauen?) oder selber niederträchtig indifferent werden lassen können. Und so kam die hässliche Faktizität einer NS-Einrichtung unweit meines Heimatdorfs in den Roman.

Das ist meine Southern Gothic Novel, das ist „Rosalie“. Zum Schluss die tiefstmöglichen Verbeugungen an meinen Verlag Dumont, denn ohne ihn kein Soulsearching im Herz der Finsternis, in Niederbayern.

Das falsche Tagebuch: 9. Dezember 2016

Neulich das erste Mal Grünkohl gegessen. Nächstes Jahr bin ich das erste Mal in Essen. Vorgestern Abend in den menschenleeren Friedrichstadt-Passagen herumgeschlendert, heute das neue Childish Gambino angehört und erschrocken als der Bass eingesetzt hat. Überlegt, was mein Lieblingsalbum dieses Jahr war. Zu dem Ergebnis gekommen, dass es eine ältere Fucked Up Platte ist. David Comes To Life. Die aus der Fucked-Up-heit heraus so verzweifelt optimistisch ist, dass ich in die Musik zurückschreien will, wie sehr ich am Leben bin. Wie weit weg von den alten Zwickerchen, wie tief drin im sprichwörtlichsten Kampf um Leben und Tod, ohne Ahnung wie er ausgeht. Wie friedlich, freundlich und gleichzeitig zerfetzt und vor Wut schäumend ich bin. Wie ich dann doch hin und wieder froh bin, so ein Egomane zu sein, weil ich immerhin auf mich und mein Äußeres aufpasse, weitgehend in der Spur bleibe und mich dank einer einigermaßen intakten geistigen Gesundheit um andere kümmern kann. Ich drück mich und bin feige, wie ich das schon immer war, aber da mir Etikette und was ich selbst von mir halte, wichtig sind, bin ich es dann doch ganz oft eben nicht. Es ist eine ganz gravierende Evolution, die da stattfindet: von jemand, der vom Leben allerhand erwartet und motzend die Hand aufhält, zu jemand, der nichts mehr erwartet, sondern selbst gräbt. Defätist und Optimist gleichzeitig ist. Ein Defäptimist quasi. Ich rede ein bisschen selbstbezogenen Unsinn grade. So wie Uli Hoeneß, als er betonte, wie „fantastisch und ohne Makel“ er sich im Knast benommen hat und 5000 Briefe bekommen. So dringend muss ich dann doch nicht geliebt werden. Hoffe ich.

PS: Übrig hat Amazon meine Rezension für Childish Gambino nicht angenommen. Wahrscheinlich wegen dem „Arsch“. Dann eben hier:

Giving a damn by not giving a damn

Genauso kulturbewusst, schlitzohrig, zutiefst menschlich und leck-mich-am-Arsch-Establishment-ig wie Donald Glovers tolle TV-Serie „Atlanta“. Das ist quasi sein Audio-Atlanta. Black lives matter ja sowieso mehr denn je, aber das geht immer noch ein Stück besser mit black music, die sich weder im Proll-Genialischen wie Kanye verrennt, noch im Zu-Verkopften wie Teile von Kendricks (natürlich toller Platte) „To Pimp A Butterfly“ oder Frank Oceans „Blonde“. Klingen tuts ein bisschen nach Motown, aber trotzdem nicht auf die Retro-Werkbank gezwungen. Pocht stark auf Soul-Tradition und hat gleichzeitig keinen Bock auf Tradition. Postmoderner, old schooliger, neuartiger high end low fi shit.

fullsizerender

Das falsche Tagebuch: 12. Oktober 2016

Liebes falsches Tagebuch,
ich habe dir länger nicht geschrieben, weil so viel Irrsinn passiert ist, den ich nicht in Worte fassen konnte. Nicht wollte. Und jetzt hat sich so viel mehr Irrsinn angesammelt, dass ich dir nur fragmentarisches hinterlassen kann. Will. Ich fange einfach mit den „Bushes Of Love“ an. Eigentlich ist das nur ein Lied, das diese Menschen von Bad Lip Reading (Nomen est Omen) aus dem ersten Star Wars-Film gemacht haben. Vermutlich reine Comedy, die mich aber komischerweise an einer ganz empfindlichen Stelle trifft. Text geht so:

How did my father die?
49 times, we fought that beast
Your old man and me
It had a chicken head with duck feet,
With a Woman’s face too
And it was waiting in the bushes for us
Then it ripped off your dad’s face
He was screaming something awful
In fact there was this huge mess
And I had to change the floors
You see, his blood, it drained into the boards
And I had to change ‚em
But we all got a Chicken-Duck-Woman thing,
Waiting for us

Every day I worry all day
About what’s waiting in the bushes of love.
Cause something’s waiting in the bushes for us
Something’s waiting in the bushes of love

Das hat mir trotz seiner Albernheit den Zeigefinger in die Eingeweide gebohrt, weil es so eine kurze und brutale Bestandsaufnahme von jedem Lebensentwurf ist. Egal, wohin man geht, irgendwo wartet eine Sensation, eine Verliebtheit, eine große Herzensbegeisterung auf einen. Die einen ganz einnimmt, ob man will oder nicht. Und einen früher oder später zerfetzt. Kinder, Partner, Eltern, Freunde, alles zerfällt irgendwann. Langfristig deprimiert mich das nicht, denn – Streicher bitte – Liebe ist ein Zustand, der sich über alle Zerfallserscheinungen und Tempi erheben kann. Aber manchmal und momentan bleibt die Zeit stehen und man sieht überdeutlich alle die Risse in seinem Leben.

Es gab so ein paar gnadenlose Risse in letzter Zeit, liebes falsches Tagebuch. In der Gesundheit von jemand, dem ich als allerletztes auf der Welt einen Riss irgendwo wünsche. Ein Riss in der Realität in der Mitte der Strecke zwischen Klinik und Zuhause. Zwischen den Haltestellen Fürsorge und Selbstmitleid. Dafür schließt sich die Lücke zwischen meiner Biografie und dem Buch, das ich geschrieben habe. Über die vielen nächtlichen Lektoratssitzungen verwischen die Grenzen zwischen den Dingen, die ich erfunden habe und denen, die ich selbst erlebt hab. Und ich schwöre, das Erfundene hatte ursprünglich die Oberhand. Es ist auch eine Zeit, in der man die Risse mit Medikamenten überbrückt, Chemie ist das Wort der Stunde. Chemie ist auch jemand, der kurz mit einem in den Abgrund starrt und dann von mir aus auch wieder weitergehen kann. Ist kein Problem für mich. Nur einen kurzen Augeblick zusammen starren.

Und während sich ein Tag an den anderen reiht und schon drängelt zu passieren und das Wetter sich nicht gerade Mühe gibt, einen Schönheitspreis zu gewinnen, bin ich sicher, dass auch jetzt etwas auf mich und alle im Gebüsch der Liebe wartet. Etwas, das uns zerfetzt und wahnsinnig freut.

Das falsche Tagebuch: 20. April 2016

(Ein Frühlingsgedicht)

Der Frühling steigt mir zu Kopf. Macht sich breit wie ein Tumor. Die Hand zittert schon gelegentlich. Ich verstecke sie in der Hosentasche. Was könnte ich alles sein. Was könnte ich alles machen. Aber ich kann nicht. Und ich will nicht. Und doch: das Wetter programmiert mich um. Das Wetter sagt: renn und ich: okay, aber wohin? Das Wetter: wurst.

Und so reiß ich an mir herum, in die eine Richtung, in die andere und da wundere ich mich, wenn ich mich zerrissen fühle. Im ersten Reflex schäme ich mich für die Emotionen, weil Emotionen sind so 2005. Emotionen sind ein Leben vor dem Leben als Eltern.

Fukk it, let’s bleed. Wunden heilen auch offen, Tage und Nächte bluten ineinander, man muss nicht immer vor Mitternacht ins Bett gehen und mit dem Wecker am nächsten Morgen aufwachen. Und ich entschuldige mich jetzt schon mal für mein irrationales Benehmen demnächst. Aber ich bin Künstler, ich tue ja niemanden absichtlich weh, ich kann ja immer sagen, ich bin halt so und wäre ich nicht so, wäre ich nicht der, der ich bin.

Jacken weg, Messer raus, Türen auf.

Das falsche Tagebuch: 10. April 2016

Ich habe etwas gefunden. Einen falschen Tagebucheintrag vom 23. September 2014. Er handelt von meinem Wunsch nach Bekanntheit. Damals habe ich mich vielleicht ein bisschen geschämt, ihn online zu stellen, aber jetzt wo es mit dem neuen Buch auf die Zielgerade geht, finde ich ihn irgendwie wichtiger. Jan Böhmermann hat mich drauf gebracht. Weil immer alle denken (und vielleicht auch er), seine Selbstdarstellung hätte einen gerechten Hintergrund.

Doch selbstgerecht sind alle Künstler. Unsicher und selbstgerecht. Bedingt sich irgendwie, fürchte ich. Aber das darf nicht der alleinige Antrieb sein, denn zur Exzentrik und Arschlochzentrik muss auch eine Etikette kommen. Deshalb mag ich Böhmermann nicht, er ist mir zu unhöflich, zu gehässig, zu wenig altruistisch. Er hat keine Etikette. Er hat nur sich. Geht über Leichen für einen guten Witz.

Vor ein paar Tagen habe ich erstmals das Cover für mein im Oktober erscheinendes Buch gesehen. Und erstmals einen Vorschautext von meinem Verlag gelesen. Das hat mich alles sehr zuversichtlich gestimmt. Es hat aber natürlich auch wieder ausgelöst, dass ich über Geld, Erfolg und Bekanntsein nachdenke. Das ist kein schönes Thema, damit geht man nicht hausieren, aber es muss zumindest indirekt drüber geredet werden, deshalb hier der Eintrag vom September 2014.

Das falsche Tagebuch: 23. September 2014

Und doch tagträume ich beinahe täglich vom Bekanntsein, weil ich Geld verdienen will. Nicht viel, aber gerne Etliches. Klingt hässlich, weil es sich im Mutterland der hydraulischen Superopportunisten nicht schickt, als Künstler zu sagen, dass man aufs Geld scharf ist, aber hear me out, falsches Tagebuch: Ich bin in der dankbaren Meta-Situation, Sachen per Wort erfinden zu können und dafür (gelegentlich) bezahlt zu werden. Ich hatte schon als Kind keine konkrete Vorstellung, was ich mal werden soll (außer ein Gitarrenheld), aber das Schreiben kommt ihr am nächsten. Ich bin im Leben schon so oft gebauchpinselt und wieder vernichtend eingedampft worden, dass ich mir vage vorstellen kann, was es hieße, ständig beurteilt zu werden, und das ist ja genau die Bekanntheit. Damit könnte ich leben, weil ich es eh nie allen rechtmachen kann, was an meiner komischen Visage liegt, die schon meinen ersten Deutschlehrer so provoziert hat, dass er genau das meinen Eltern erzählt hat. Das Nonplusultra erscheint mir die Möglichkeit, mich hier hinter meinem Schreibtisch zu verschanzen, meine Freunde und Familie immer in greifbarer Nähe, und genug Geld zu verdienen, um nicht nachts mit kalten Waden vor lauter Existenzangst aufwachen zu müssen. Dafür nehme ich auch einen gewissen Bekanntheitsgrad in Kauf.

Das falsche Tagebuch: 29. März 2016

Als ich neulich in den Flughafenbus einsteige, erreicht mich eine SMS von meiner Frau. „Attentat am Brüsseler Flughafen. Sei vorsichtig…“
Auf meinem zu dem Zeitpunkt noch funktionierenden Telefon lese ich nach, was passiert ist und frage mich, wie man eigentlich genau vorsichtig ist im Schatten von Terroranschlägen.

Ich kann meistens nicht die ganz große Empathie in Katastrophenfällen zeigen, aber nach meiner Ankunft in Köln, liege ich eine Weile stumpf im Hotel herum und überlege, was einem das jetzt alles abverlangt. Die AfD, der IS, der Trump, der humanitäre Abgrund namens Flüchtlingskatastrophe, das Näherkommen der Einschläge an allen Fronten. Alles Anzeichen einer noch viel größeren Eskalation, wenn man es nüchtern betrachtet? Aber wann betrachtet man überhaupt nüchtern? Ist man so wie ich alleine in Hotels gerne gefülsduselig, hofft man, dass die Werte und Demokratien jetzt endlich ihre Feuertaufe erleben, aus der sie dann gestärkt hervorgehen und sich dann endlich wieder der intellektuellen und moralischen Evolution der Menschheit widmen können. Ohne Asche kein Phönix, die Frage ist nur, wieviel Asche es braucht, wie stark es gebrannt haben muss. Aber wie gesagt: alleine im Hotel/gefühlsduselig.

In einer Mischung aus geistiger Ausgelaugtheit und Langeweile verlasse ich das Hotel in Köln und laufe ins Bahnhofsviertel, um dort meinen Akku austauschen zu lassen. Ergebnis: Akku ausgetauscht, Telefon kaputt. Kein Mucks mehr. Bis heute nicht. Zum Glück bin ich mit meinem Lektor fest verabredet und habe mir auf einem Stadtplan (old school, baby) angesehen, wo ich hinmuss. Exkurs: Mein neuer Verlag macht mich glücklich. An guten Tagen glaube ich, ich schreibe das deutsche Pendant zu Southern Gothic, eine neue Schwarze Romantik. Allerdings: an schlechten Tagen hoffe ich, dass mich keiner wegen Scharlatanerie einsperrt. Nach dem Verlagsessen probiere ich alle fünf Minuten das Telefon aus, aber es tut sich nichts. Das beunruhigt mich. Fühle mich ganz brüchig so ohne Telefon. Meine Frau hat ihrs auch irgendwo vergessen. Fast sind wir allein.

Den Karadžić haben sie verurteilt. Für mich immer das Übelste am Balkankrieg: wie nebenbei alles passiert. Massaker-rama, Komplettverlust der Menschlichkeit im Nachbarhaus quasi und hier keine Spur und niemand ein schlechtes Gewissen. Und der Revanchismus findet ja kein Ende. Geht immer weiter. Über-fuckin-all. Eine Zeit lang dachte man ja, man könnte wieder eine Deutschlandflagge auf seine Frühstückstasse drucken lassen, von wegen Nationalmannschaft und weil wir so gute Gastgeber waren bei der WM 2006. Jetzt ist die WM gekauft und 22 Prozent der Bevölkerung rechts. Ich mochte nie Deutschlandflaggen, ich hab meinem Land nie ganz über den Weg getraut und ätsch, wer hat jetzt Recht?

(Sogar der Nationalmannschaft misstraue ich, seit damals beim 4:4 im Olympiastadion gegen Schweden eine in Dur singende, alle Töne treffende schwedische Familie hinter mir gesessen ist und vor mir ein Riegel kettenrauchender Deutscher mit Adlern auf den Schals etwas in Stolz-Moll gegrölt hat.)

An Tagen wie heute, wenn die Kinder nicht in der KiTa sind, es regnet und alle schlecht geschlafen haben, die Frau kurz woanders ist, beschleicht mich das Gefühl, dass ich weder Haushalt noch Kinder jemals wieder in den Griff bekommen werde. Aber das Gefühl von Kontrolle ist eine einzige Illusion, das hat der Verlust vom Telefon gezeigt, das zeigen die Anschläge. Eine Luxusillusion, die man sich mal gönnen kann, auf die man aber nicht bauen sollte. Ich hab mir trotzdem sofort ein neues Smartphone gekauft. Die Illusion war mir fast 400 Euro wert. Ein Witz eigentlich.

Das falsche Tagebuch: 4. März 2016

Ich weiß auch nicht so genau. Vielleicht erzähl ich was von München.

Ich hatte Mittags einen Termin beim BR. Um fünf hab ich mit dem Freund F. auf dem Viktualienmarkt eine Wurst gekauft und dann wie früher beim Müller CDs angeschaut. Danach ins Fraunhofer und mindestens vier Stunden nicht von der Stelle gerührt, Klogang ausgenommen. Ich hatte Salsicce mit Bratkartoffeln. Der Kollege wollte nichts trinken wegen Fastenzeit (sowas gibt’s scheins immer noch), aber ich hatte das beste Argument dagegen, das man als Bayer haben kann: „Jetzt trinkst erst moi einen und dann schauma weida“. Gegen diese Präzisionslogik war er machtlos und danach war Polen rein Obstlermäßig offen. Hey, was alles so passiert, wenn man einfach nur sitzenbleibt. Die skurrilsten Leute kommen und setzen sich zu einem an den Tisch, prosten, essen, gehen wieder. Die Tische gegenüber schauen und man schaut zurück, die Bedienung stellt sich bald so akkurat auf deine Bestellintervalle ein, dass sie immer zur rechten Zeit kommt.

Danach sind wir ins Podium nach Schwabing. Das ist da, wenn man von der Feilitzschstraße rechts abbiegt. Ich hab drei Jahre in dem Viertel gewohnt, bin aber kein einziges Mal rechts von der Feilitzsch abgebogen. War deshalb auch nie im Podium. Im Podium hat eine Coverband mit älteren Herren gespielt, von denen ich auch bald einer bin und dann hoffentlich auch in einer Coverband spielen darf. 80er-Jahre-Metal-Cover bitte. Saxon statt Chuck Berry und Maiden statt Stones. Die Band war gut, die Stimmung völlig übersext, super zurechtgemachte ältere Frauen mit riesigen Frisuren und spitzen Schuhen treten dir absichtlich auf den Fuß, damit ein Gespräch beginnt. Man lächelt sich an, Männer, Frauen, Alt, Jung, Scheiß, Egal. Geht um nix, das ist das Tolle. Nur dem Freund M., der vorhin auf meine Warnung, „es könnte kurios werden“, noch gesagt hat, eine „kuriose“ Location wär doch cool, dem war es dann doch zu kurios. Ein anderer Bekannter hat mir die ganze Zeit von seiner aufgebohrten 76er-Fender Strat erzählt, nur beim Solo von „Hotel California“ haben wir andächtig zugehört. Der Freund M. hat sich aus heiterem Himmel drauf versteift, dass die Kindheit vom Kurt Cobain doch nicht so schlimm war und sein Selbstmord-induzierendes Gemüt wohl eher eine unvermeidliche DNA-Sache. Zumindest hab ich es so verstanden. Mir war das zu ernst. Alkoholferien im Stumpfonien war doch der Deal.

Ich springe jetzt wegen der Unmittelbarkeit ins Präsens. In der Kellerkneipe, in die wir danach gingen, regiert eine wuchtige afroamerikanische Frau, die auf Getränkebestellungen erstmal „NEIN“ brüllt und gehässig lacht. Dann lacht sie netter und bringt den Bourbon. Ich glaube, sie ist die Chefin von dem Laden, dessen Namen ich mit Kurzem Nummer 12 vergessen habe. Das sitzt ein junges gelangweiltes Pärchen. Wir setzen uns dazu und interviewen sie zu ihrem Leben. Sie sind beide irgendwie unterschwellig aggressiv und verzweifelt, das hat das viele Sitzen und Saufen in der Kellerbar hervorgebracht. Er ist Schreiner, sie ist Stage Hand, sie sehen modern aus, sind aber gehässig wie alte Leute. Irgendwann ist mein Telefon verschwunden und ich krieche im Dunkeln unter Barhockern rum, bis ich es wiederfinde. Nur ein Sprung mehr im Display, fair enough. Hinter mir spritzt Bier und fliegen Stühle. Als ich wieder aufstehe, ist das Pärchen mir beleidigt, sich selbst und meinem Freund F. Keine Ahnung, was passiert ist. Der Schreiner wischt den Tisch, dann schreit er mich an, ich solle eine Spanierin ficken, die gerade hereingekommen ist. Ich sage „Langsam reiten, Carpenter, sonst dusch ich dir noch eine bevor ich ins Bett gehe, mein Flug geht schließlich in vier Stunden.“ Er rudert zurück und sagt mir, dass ich so ein „purer Mensch“ wäre mit so einem „reinen Herzen“. „Das lass ich mir von dir nicht sagen, Kollege“, sage ich. Am meisten hasst er aber meinen Freund F., der hat ihn angeblich einen „fucking loser“ genannt. Der Freund F. ist mittlerweile in ein Gespräch mit einer anderen Spanierin vertieft, und ich will heim, aber er reagiert nur noch, wenn ich ihm Geld für Cuba Libre gebe. Ich ermutige ihm, die Kontaktdaten der Spanierin zu ermitteln und dann nach Hause zu gehen, denn einen besseren Eindruck als jetzt wird er heute nicht mehr machen. Das sieht er ein, zieht seine Visitenkarte aus dem Portemonnaie (is doof, ich weiß, aber ihre Nummer hätte er nicht mehr tippen können) und gibt sie ihr…, nein, was ist das, Jesus, er beisst vorher hinein und leckt einmal herzhaft darüber. Jetzt mag sie die Karte nicht mehr nehmen. Ich sage meinem Freund F., dass das Serienkiller-Style war und er vielleicht doch nicht den gemeinsamen Besuch vom Nockherberg am nächsten Tag so fest einplanen sollte.

Irgendwann gehen wir dann doch heim, ich kann noch anderthalb Stunden schlafen, bis die S-Bahn zum Flughafen geht. Auf dem Nachhauseweg erzähle ich dem ansonsten nie Visitenkarten-leckenden Freund, dass das junge Aggropärchen am Ende doch noch geschmust hat, nachdem sie sich den ganzen Abend entweder angeschwiegen oder beleidigt haben. „Schau, dann haben wir sie ja doch noch zusammengebracht“, sagt Freund F. „Na dann, viel Spaß bei der Beziehung“, sage ich und der Kumpel kriegt einen kurzen Lachanfall.

So viel zu München. Ich weiß auch nicht so genau.

Das falsche Tagebuch: 3. Februar 2016

Ich schreibe ein Buch.

Es geht um Misstrauen, Angst, einen Ort im Süden Mitte der Achtziger, es geht um Liebe und Katholizismus. Es ist meine kleine Version von „To Kill A Mockingbird“. Es ist kein Krimi und keine Popliteratur, es ist auch kein Houellebecq. Es hat was Autobiografisches, aber ist in der Hauptsache eine Erzählung und Parabel. Es ist meine Version einer Southern Gothic Tale.

Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der man uns gesagt hat, dass jederzeit jemand auf den roten Knopf drücken kann. Dass man die Großeltern lieber nicht nach dem Dritten Reich fragt. Dass Atomkraft nur im Kommunismus unsicher ist. Dass wir bald viel größere Probleme als lapidaren Liebeskummer haben werden, sobald wir erwachsen sind.

Das Buch hat noch keinen Titel, aber erscheinen wird es mutmaßlich im Herbst. Manchmal hab ich Spaß beim Schreiben, es ist durchaus an Stellen lustig, aber oft ekelt es mich regelrecht, bevor ich mich morgens ransetze. Das Schreiben tut in der Hauptsache weh, anders als noch bei den Mandel-Büchern, obwohl es da auch unangenehme Wahrheiten gab, um die ich nicht herumkam. Aber ich hoffe, dieser Geburtsschmerz macht das Buch besser. Es fühlt sich auf jeden Fall wie mein erstes Buch an, aber das ist auch das Perfide: sobald ich schreibe, fühle ich mich wie der größte Scharlatan und möchte am liebsten den Leuten, die mich bezahlen ihr Geld zurückgeben. „Ich kann doch gar nichts“, will ich zum Fenster hinausschreien.

Kann sich noch jemand erinnern, wie ich mich letzten Sommer hier künstlich darüber aufgeregt habe, dass sich die Facebook-G’schaftler gegenseitig tätscheln in ihrem Bestreben gegen fremdenfeindliches Gedankengut? Wie ich das für einen überwiegend überflüssigen Show-Off hielt? Ich dachte, das ist doch nicht notwendig, die meisten Leute haben unseren Gesellschaftsentwurf doch verinnerlich. Boy, was I wrong.

In meiner kleinen Welt zwischen Schreibtisch und KiTa hatte ich tatsächlich mein antikes Negativcredo „People are shit“ verdrängt. Wie hat ein Freund neulich geschrieben: „Wenn die meisten Menschen hierzulande schon Probleme haben, jemandem im Straßenverkehr die Vorfahrt zu lassen, wie wahrscheinlich mag dann ein freiwilliger Verzicht auf ein Teil ihres Wohlstandes sein?“ Und doch will ich mich nicht mehr absondern, mich für was Besseres halten, denn genau das ist ja der Irrglaube, dem jeder unterliegt, der heute gegen Flüchtlinge wettert.

Und deshalb kommt jetzt die schwierigste Aufgabe: Den Menschen nicht aufgeben. Die rasende Egomanie im Kopf der Leute in andere Bahnen lenken, ihnen ein schlechtes Gewissen machen. So wie man Kinder erzieht. Sich jeden Tag erneut hinsetzen, auch wenns einen ekelt.

1 2 3 30