‘Texte’

Das falsche Tagebuch: 11. Januar 2016

Jetzt ist ja schon wieder ein neues Jahr.

Und schon wieder ist ein Künstler tot und alle regen sich künstlich auf. Na ja, obwohl. Die Betroffenheit ist vielleicht schon echt, aber ich fürchte, viele meiner Facebookfreunde fürchten mit jedem Ableben eines „Idols“ ihr kommendes eigenes. Erst sterben deine Eltern, dann deine Popstars, dann du. Mir kommt das in manchen Fällen aber reichlich bauerntheatralisch vor. Selbst bei den Kondolenz-Postings wollen sie Leute sich noch an Originalität übertreffen. Irgendwann fürchte ich, explodiert das Internet vor Eitelkeit. Zuerst das Internet und dann die Welt.

Die Silvesternacht von Köln hat neben schlimmstem Opportunismus, Sexismus und Rassismus erneut eine der ekligsten menschlichen Eigenschaften zu Tage gefördert: Die Rechthaberei. Die Fazitsüchtigen und Resolutions-Addicts regnen ihre Credos, Weltansichten und gefärbten Fakten herab, dass man ersäuft in falschen Argumenten. Der Focus (die bunte Illustrierte) sagt: selber schuld, wenn du Rassismus auf unserem Cover siehst. Augstein Jr. lapidarisiert von grabschenden Ausländer, die den „Firnis“ unserer Gesellschaft einreissen und Mattias Sammer will einfach gar nix mehr dazu sagen, dass die Bayern in Doha trainieren. Als ob der Rest dann unser Bier wär.

Bei der durchaus zu Tode betrübenden Netflix-Dokureihe „Making A Murderer“ sagt der Anwalt von Steven Avery irgendwann, das Problem des amerikanischen Gerichtssystems sei einfach die mangelnde Demut. Jeder geht davon aus, dass er unbedingt Recht (sic!) hat.

Und jetzt doch noch was zu Bowie und Lemmy. Ich fand beide gut und jeden auf seine Weise bewundernswert, hab aber beide kaum gehört und fehlen tun sie mir auch nicht so arg – es gibt ja zig Platten und Videos von denen, falls sie mir überraschenderweise doch irgendwann mal fehlen sollten. Vielleicht bin ich ein kalter Hund geworden, denn als Lennon starb, saß ich mit meinen Eltern am Tisch, das Radio sagte den Mord durch und ich habe geweint. Dann wiederum war ich sechs und die Beatles meine erste Lieblingsband.

Das falsche Tagebuch: 24. Dezember 2015

weihnacht15

Ich glaub ja schon an den Fortschritt.
Heute Nachmittag rauf zum alten Kloster gefahren. Die Allee mit den moosgichtigen Krüppelbäumen entlang gelaufen, vorbei an den Apfelgärten und dem neuen Sportzentrum bis ganz nach hinten zum alten Klosterkrankenhaus, wo ich auf die Welt gekommen bin. Ehrfürchtig herumgestanden und wieder nach Hause gefahren. Es war gar nicht das Alter und gar nicht die Sentimentalität, es war die Neugier, die mich trieb.

Tollste Sache am Älterwerden: die Neugier. Was mich heutzutage alles interessiert, das hätte ich als Jugendlicher nie gedacht. Im Grunde interessiert mich jetzt alles, während mich früher nichts interessiert hat. Ich bin mit 41 in der Lage, mich in Details und Marginalien von Fachgebieten hineinzufriemeln, für die ich bisher nichtmal als interessierter Laie in Frage gekommen wäre. Handwerkliche Tätigkeiten, Blumen gießen, Kopfrechnen, Kommasetzung. Na gut, streichen wir Letzteres.

Ich glaub wirklich den Fortschritt, allerdings nicht an seine Geschwindigkeit. Ich glaube an eine humanistische Erosion. Was mich nur so schreckt, ist die unverwüstliche Eitelkeit. So komplex sich die meisten Konflikte auf der Welt darstellen, so unlösbar sie scheinen und so situative Superkräfte sie uns auch abringen mögen, so klar und erschreckend deutlich ist die Eitelkeit, die die Kriegstreiber und Fanatiker dahinter antreibt. Es ist meist nicht Armut, Hunger oder Perspektivlosigkeit – so findet man halt seine Arschgesellen – sondern die schiere Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Und ein jeder ist so grausig korrumpierbar von ein bisschen Bedeutung, die vielzitierten 15 Minutes of Fame sind zur globalen Maxime geworden. Scheißegal welcher Religion du angehörst, ob du beim IS, bei Pegida oder im Kegelverein bist, du willst for fuck’s sake nochmal was darstellen. Und das schneller und potenter als die anderen. Und wenn nicht du, dann dein Kind, um mal als Vater zu sprechen, der täglich mit Eltern zu tun hat, die ihre Geltungssucht in Stellvertreterkriegen ihre Kinder austragen lassen.

Das Kompetitive muss aus der Gesellschaft verschwinden und ich möchte vom Kapitalismus mal hören, wie er sich das in Zukunft vorstellt. Das Perfide ist ja, dass das ein uralter humanistischer Gedanke ist, den grade jetzt immer mehr teilen und der auch durch die moderne Presselandschaft spukt, die allerorts auf Fairness, Gleichberechtigung und Pazifismus pocht. Gleichzeitig ist unsere Presselandschaft so eitel, so hyänig, so unruhig, unrund, ungeduldig, ja ungehalten geworden. Es ist natürlich keine Lügenpresse und ich will sie auch keineswegs verdammen, ich bin ja ein Teil davon – wir sind nur alle so panisch auf der Suche nach Kanten und Meinungen und erfinden die Schlagzeilen vor dem Inhalt und somit auch vor der Wahrheit. Viele Schreiber, die sich zurecht seit der Schulzeit über die Bildzeitung aufgeregt haben, haben den Hang zur Schaumschlägerei, zur Essenzialisierung der Inhalte, egal wie komplex sie sind, übernommen, weil es ihnen am meisten Aufmerksamkeit und Applaus verschafft.

Aber egal, ich glaub‘ an den Fortschritt, daran, dass der Homo Irritatus lernen muss, seinen brutalen Ehrgeiz zu zügeln, egal ob er gerne Andersgläubige köpft, leidenschaftlich Mieten erhöht oder Bücher über seinen Darm schreibt. Oder wie neulich mal der Cafébesitzer bei mir im Viertel gesagt hat: „Wenn du nicht mehr unbedingt so viel Geld verdienen willst, bist du auf dem besten Weg, ein moderner Mensch zu werden.“

An unserem alten Kloster hat mir das alte Klostergefängnis gefallen. Schöner Bau am Hang, wo jetzt Leute auf eigene Kosten drin wohnen, hoffentlich mit überschaubarer Miete. Sah wahnsinnig gemütlich aus. Frohe Weihnachten allerseits.

Das falsche Tagebuch: 24. November 2015

Neulich mit dem Intercity nach Erlangen gefahren. Und wieder zurück. Am Tisch vor uns saßen ein paar ältere Damen und ein älterer Mann. Die haben stundenlang so plüschige Sätze von sich gegeben wie „Man muss doch auch ein Hobby haben“ oder „die deutsche Tanne ist gesund“.

Und so einengend und finster ich die Achtziger teilweise in Erinnerung habe, so sehr habe ich mich nach diesen furchtbar faden Kaffeekränzchen gesehnt, zu denen einen die Mama mitgeschleppt hat, die sie sicher aber auch selber fad fand. Man sitzt mit der Han-Solo-Figur und der Schreckschusspistole unter dem Tisch und kann keine Vanillekipferl mehr sehen, während oben die Leute an Kaffee auf sanft klappernden Untertassen nippen und draußen der Schneeregen fällt.

Wie in besagtem Intercity. Auf der Hinfahrt war ich beinahe allein im Zug. Das war wie Urlaub. Hab mir im Geiste notiert, das nächste Mal in Jena Paradies auszusteigen und ins Phyletische Museum zu gehen. Habe außerdem „phyletisch“ gegoogelt. Höre dauernd „Dirty To The Bone“ von Jeff Lynne’s ELO. Der fatalistische Wunsch nach Unsinn steckt da drin, oder vielleicht höre auch nur ich ihn heraus.

Das falsche Tagebuch: 16. Oktober 2015

Das Attentat von Paris hat sich das vor ein paar Jahren in Mumbai zum Vorbild genommen. Und damit die naheliegendste und schrecklichste Form von Terrorismus gleich nach Amokläufen an Schulen gewählt: innerstädtisches Nachtleben über den Haufen schießen. In einem Moment zuschlagen, wo die Leute sich aus dem Leben der Kriege und schlechten Nachrichten zurückziehen.

Jetzt schwingen wir wieder alle große Reden auf Facebook und finden plötzlich die Eagles Of Death Metal gut, als hätte es die erwischt. Dabei ist deren Sänger Jesse „The Devil“ Hughes selbst ein Waffennarr und bei NRA. Viel wichtiger als jetzt als irrsinnig mitfühlender Mensch dazustehen ist doch, sein Leben nicht nur maximieren zu wollen, das ist es doch, was alle in den Wahnsinn treibt. Die einen wollen das Maximum an Geld, die anderen das Maximum an Allah oder die maximale Anzahl an Jungfrauen im Paradies, ganz andere die maximalen Likes auf Facebook und die größten Deppen ein Maximum an Volkstümlichkeit.

Sich selber zurücknehmen, schauen was links und recht passiert und nicht immer gleich die einfache Meinung haben, nur weil die Wahrheit so ungemütlich komplex ist. Helmut Schmidt war auch nicht der beste Politiker Deutschlands, aber auch nicht das der reaktionäre Leibhaftige. Der Tod macht die Leute immer dermaßen wuschig, dass sie nur noch in Euphemismen oder völligen Deformationen denken wollen.

Neulich ist Dickie Hammond gestorben, Gitarrist von Leatherface. Das ist noch vor Iron Maiden immer meine Lieblingsband gewesen und ist es wahrscheinlich immer noch. Der Sänger Frankie Stubbs hat schon vor zwanzig Jahren eine Gesellschaft wie die jetzige vorhergesagt. Und wie konnte er das? Weil die damalige dieselben Maximen gehegt und gepflegt hat. Ich zitiere mal eben meinen Lieblingstext, der auf den ersten Blick so belanglos wie profan aussieht, auf den zweiten aber in ein paar Zeilen alles sagt, was man über den Menschen und das was ihm vorschwebt wissen muss.

A life full of grand ideas
A life full of grand designs
Of noble feats and noble minds
An entire lifetime of petty crime
A life full of pound signs

(Leatherface – Fat Earthy Flirt)

Und dann noch auf einem Laternenumzug gewesen. Und beim Kinderarzt. Und meine Tochter ist ein Jahr alt geworden. Und das Leben ist weitergegangen wie immer. Das ist vielleicht seine größte Qualität. Dafür nehm ich Altwerden gern in Kauf.

Am Freitag, den 20. November spielen meine The Gebruder Grim übrigens im Schokoladen in Berlin. Wir spielen neue Lieder, in denen es meistens ums Weitergehen geht. Auch wenn wir musikalisch 1986 stehengeblieben sind.

Das falsche Tagebuch: 5. November 2015

Ich weiß. Manche halten mich für überheblich. Manche sagen, ich kann eigentlich gar nicht so viel wie ich immer tue und manche behaupten, ich und meine Arbeit sind vollkommen irrelevant. Und alle von den Manchen haben Recht. Ich fühle mich schon immer als wandelnder Trial und Error. Ich mach ein paar Sachen richtig, aber dann auch wieder so viel Naives und unnötig Selbstgefälliges, bin oft viel zu eitel und an manchen Stellen auch wieder unnötig demütig.

Kurz: Ich hab’s echt oft nicht drauf. Nicht nur beruflich, sondern auch privat vergreife ich mich oft im Ton, bin zu schmierig freundlich oder zu ruppig belehrerisch, melde mich zu oft oder zu wenig bei Leuten, rede zu viel oder zu wenig. Am Ende ergibt das und ergebe ich ein herzhaftes Mittelmaß, das sich auch in meinem Twitterfollowern, Buchverkäufen und Facebookfreunden widerspiegelt. And you know what…ich bin zufrieden mit meinem Mittelmaß. Nicht, dass ich nicht offen und ehrgeizig genug für größere Sprünge wäre, aber wenn ich mich so anschaue und das was ich so mache und man mich vor allem machen lässt, denke ich: das hätte auch alles schlimmer kommen können.

Natürlich liegt das Ertragen meiner Selbst auch an meiner Familie, die mir vielleicht nicht immer ganz gerechtfertigterweise das Gefühl gibt, okay zu sein. Zum anderen liegt’s aber auch an der Tatsache, dass mir mit zunehmenden Alter die Vanitas in die Knochen fährt und ich die Zeit, die ich noch so rumhänge am besten im Einklang mit mir selbst verbringen möchte. Viele Menschen aus der Medienbranche, aber auch Juristen, Handwerker und Sportwissenschaftler geben sich wahnsinnig viel Mühe, zu verbergen, tarnen und verheimlichen wie unvollständig sie sind. Das sind Anstrengungen, denen möchte ich mich mit 41 nicht mehr aussetzen.

Und neulich durch den Bürgerpark in Pankow gewandert. Und Blätter und Ziegen gesehen. Die Demos vom neuen Gebruder-Album durchgehört. Im Bistro am Bürgerpark eine rassige Bolognese vom Tunesier für unverschämt wenig Geld gegessen. Und gedacht, dass ich ein besseres Leben eh nicht hätte zustande bringen können in der kurzen Zeit, seit ich nicht mehr dauernd über mich nachdenke.

Das falsche Tagebuch: 22. Oktober 2015

Neulich im LaGeSo gewesen und Babykram vom Drogeriemarkt hingebracht. Scheinbar einen seltenen „guten“ Tag erwischt, Wetter war mild, Andrang kein Inferno, plus verhältnismäßig gute Laune im Haus R, wo Klamotten und Gebrauchsgegenstände gelagert werden. Und doch ist mir seit gestern so als hätte ich in das tiefste Loch im All gestarrt und es hätte zurückgestarrt. Das kommt, weil ich gelesen habe, dass auf dem Gelände eine Frau „suizidgefährdet und katatonisch“ herumirrt und nicht entsprechend betreut wird, weil man ja mit der körperlichen Gesundheit der Leute schon überfordert ist. Der Zustand der Frau ist der Tatsache geschuldet, dass man auf der Überfahrt ihr Baby über Bord geworfen hat, weil es geschrien hat und das ist eigentlich mit das Schlimmste was ich jemals im Leben gehört habe. Das hätte ich vermutlich schon behauptet, bevor ich selber Kinder hatte, aber grade jetzt, wo hier ein Baby auf vier Pfoten durchs Haus manövriert, ist das der noch viel nacktere Wahnsinn. Und dann schaust du dir so einen Pegida-Menschen von der Demo neulich an und hörst dir an, was ihm so fehlt im Leben oder wovor er Angst hat. Geh leck mich doch am Arsch.

PS: Wer die Einrichtung Moabit-hilft unterstützen will, kann und sollte das per Spende HIER tun.

Das falsche Tagebuch: 21. Oktober 2015

Ich fürchte, ich weiß nicht mehr, was da draußen wirklich passiert.

Ich konnte der allgemeinen Hirnverbranntheit zum Thema Flüchtlinge bisher immerhin abgewinnen, dass sie der Gesellschaft, die richtige Reaktion abverlangt, nämlich die pauschale Verdammung der völkischen Verdummung, die sofortige Instandsetzung eines moralischen Walls gegen die anachronistische, ja barbarische Existenzangst der „kleinen“ Leute, die sich in Fremdenhass und idiologischem Rückschrittsglauben ausdrückt.

Dann aber habe ich diese Pegida-Feier gesehen und diesen schrecklichen Möchtgernstaatszersetzer Pirinçci und mir ist flau im Magen geworden, weil diese Bilder nicht mehr nur den Effekt haben werden, dass die Leute sich ihrer kleinmütigen Angst und ihrer irrationalen Wut schämen, sondern bestätigt fühlen.

Und eben nicht verstehen, dass der Mensch nicht der Mensch ist, nur weil er der Mensch ist. Dass seine Gefühle und Bauchmeinungen weder Bestand noch ewige Deutungshoheit besitzen. Der Mensch hat einen Intellekt, der sich über die Jahrhunderte weiter entwickelt hin zu einem bisher noch nicht definierten Zustand, von dem ich aber zumindest weiß, dass dieser hosenschissige Neid auf alles, was man angeblich auch selbst verdient hätte, keinen Platz mehr hat. Sollte ich mich irren und Europa ins rechte Nichts absinken, wohin zieht man am besten? Kanada?

NACHTRAG: Hab jetzt erst kapiert, dass der Pirincbums im selben Verlag wie ich auswirft. Bevor ich aber meine Abscheu brieflich aufsetzen konnte, las ich das hier. Besser als nichts.

Das falsche Tagebuch: 8. Oktober 2015

Es ist Oktober. Bald wird der Sand aus den Schuhen im Flur weniger werden. Ruhig Blut, noch beschwert sich der Hausmeister. Aber die Brücken sind nachts jetzt schon leer. Vor dem Bode-Museum herrscht eine epidemie-artige Leere, als ob der Ausgang nach 20:00 Uhr verboten ist. Das Licht hat noch ein paar Fäden vom Sommer, die Luft schon ein paar Stehlen des anreisenden Winters. Eltern, die ihre Kinder für das nächste Jahr in der Schule anmelden müssen, ergreift eine präpotente Bildungs- und Übervorteilungspanik und je dunkler es draußen wird, desto mehr wünsche ich mich in den Geisteszustand eines studentischen Slackers zurück. Ein Beruf aus dem vorigen Jahrhundert, ja Jahrtausend. Ein großer Aufschieber war ich eigentlich nie, aber Aufstehen, Aufräumen, Genauigkeit und Lebensplanung waren nun mal keine Prioritäten. Jetzt erfasst mich die Akribie jedes Jahr ein bisschen mehr, am Ende werde ich noch zum Erwachsenen. Was sollen meine Kinder von mir denken?

Ich hör grade den Zündfunk-Streifzug durch die musikalische Regensburger Nacht mit meinem alten Kumpel Sailo als Conférencier. Eine nicht unangenehme Melancholie beschleicht mich. Eine Erinnerung an eine Zeit, an der man nur Musik machen wollte. Sonst war echt alles egal. Hin und wieder hat eine neue Freundin dieses Interessensembargo durchbrochen, aber nach einem halben Jahr war die Musik wieder Nummer eins. Heute ist sie Nummer 47, alle haben Kinder, alle wollen einschulen. Ich nehm grade mit Gebruder eine neue Platte auf und hab schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich so wie gestern drei Stunden Gitarrensolos einspiele. Selbst meine Frau, die ehemals nicht unerfolgreiche Ex-Musikerin, begegnet mir immer so ein bisschen mit einem inneren Kopfschütteln, wenn ich über zweistimmigen Leads brüte.

Wenn man davon absieht, dass Millionen von Leut um ihr Leben rennen und noch viel mehr Millionen auf sie wie auf High-School-Loser herunterschauen, geht es uns besser als je zuvor. Das Altwerden macht viel weniger mürbe als wir dachten. Trotz doppeltem Bandscheiben-Zerfall bin ich fitter als je zuvor im Leben, abgesehen von dem einen Sommer, wo ich mit Hosenträgern und oben ohne in Regensburg Fahrrad über die Kumpfmühler Brücke gefahren bin und von einem eifersüchtigen Mann Lob für den Oberkörper bekommen habe. Ja, sowas ist mir immer noch wichtig. Ich begreife Eitelkeit sowieso nur als Malus, wenn man sie unterdrückt wie eine notorische Flatulenz.

Das Kind fragt mich neuerdings bei jedem Land, von dem ich rede, ob da Krieg herrscht. Das geht dann so:
„In England gibt es die Iron-Man-Figur, die du willst.“
„Fahren wir bitte in Urlaub dahin?“
„Nein.“
„Warum? Ist da Krieg?“
„Nein, nur schlechtes Wetter.“

Das falsche Tagebuch: 26. August 2015

Endlich in der Westernstadt El Dorado, Templin gewesen. Keinen Eintritt bezahlt, weil als „Authentiker“ durchgegangen, siehe Foto unten. Gute Kulissen. Wie aus einem Farbfilm von 1952. Viele Details. Keine Fassaden, sondern Häuser. Mit Interieur. Zweckdienlichkeit. Ein Theatersaal, am Saloon angeschlossen, dass du Howdy sagst. Mit ausgestopftem weißen Panther oder Puma oder was das ist. Alles an einem See, umringt von urzeitlichen Bäumen. Wirklich schön. Das Publikum: Schwamm drüber. Die Stunt-Show: Schwamm drüber. Das Essen: ok. Die Auswahl an Cowboyhüten: Frechheit. Mit System-Authentizität a la Westworld (übrigens bald eine vielversprechende HBO-Serie) hat das nix zu tun, aber ohne Kinderspielplatz, Currywurst und Quadfahren kommen ja keine Familien da draußen in der Brandenburger Prärie. Hab mich gefragt, ob es so naive Wild-West-Spektakelchen noch in den USA gibt. Politisch korrekt ist das Cowboy-und-Indianer-Spiel meiner Jugend ja nicht mehr. Damals wollte ich der Indianer sein: listig, behende und mysteriös. Heute eher der Cowboy: gebrochen, alkoholabhängig und ruchlos.

Danach an den See. Eine gemähte Badestelle, Sandstrand, keine Leute, kein Eintritt, kein Stress, niemand im Wasser. Von sowas träumt man als Stoderer (tiefsüddeutsch für Städtler). Dann umständlich nach Hause gefahren, viel gesehen, aber wenig Leute. Durch die kleinen Orte in Brandenburg fahren ist wie langsam durch die ehemalige Goldgräberstadt reiten, bei offenem Fenster kann man jeden persönlich grüßen, der auf seiner zerfallenen Veranda sitzt.

Dann im Stau gestanden und eine CD aus dem Fenster geworfen, die mich genervt hat. Im Radio kam was von einer brennenden Turnhalle neben einem Flüchtlingsheim in Reinickendorf. Ich hab mich immer vor dem Moment gefürchtet. Dem, wo das faschistische Grollen wieder aufsteigt. Weil ich seit meiner Jugend in Bayern mit den Lichterketten und den Republikanern (REP) nie geglaubt habe, dass das hässliche Grollen ganz weg ist. Man muss es nur wecken. Mein Vater sagt: Du willst nicht wissen, was die Leute nebenan über Ausländer denken, du willst es einfach nicht wissen. Niemand will es wissen. Und das ist das einzig Gute an der Misere jetzt: dass wir jetzt wieder dran erinnert werden, was für ein Deppenhaufen dieses Deutschland doch ist, wenn ein jeder sein Maul aufreissen darf. Und Achtung jetzt kommt’s: bedingungslose Meinungsfreiheit ist was für eine utopische Gesellschaft. Die grausigen Massen muss man erziehen. Mit Staatsgewalt und autokratistischer Faust, wenn’s pressiert. Weil dem Mensch an sich halt nicht über den Weg zu trauen ist.

Ich will mich aber nicht einreihen in die Heerschaaren der Neupriester auf Facebook und Konsorten. Ich muss auch nicht betonen, wie wenig fremdenfeindlich ich bin. Ich bewundere jeden, der was tut, is all I’m saying. Und selbst wenn er’s aus Geltungsdrang tut, scheißegal, wenn es Leuten nutzt, ja wenn es der Menscheit und den paar wenigen unantastbaren Idealen wie Großzügigkeit, Toleranz und Friedliebigkeit dient. Jetzt hab ich ja doch gepredigt. Sorry. Und ach ja, spendet doch auch was an die Leut in Syrien, oder die grade daherkommen. Hört man viel zu wenig in den Nachrichten über den Irrsinn da.

eldorado

Das falsche Tagebuch: 10. August 2015

Dieses Mal ist aber wirklich nichts passiert.

Eine alte MAX-Ausgabe mit wahnsinnig viel Nupsies in die Finger bekommen. Letztes Aufbäumen von Mainstream-Sexismus getarnt mit 90er-Provokations-Coolness war das damals. Sagenhaft dümmlich und dabei auch noch ermüdend – das ist die größere Frechheit. Ich zitiere aus den Begrüßungsworten von Chefredakteur Jan-Eric Peters:

33° im Schatten, die Luft flimmert, unter den Füßen brennt der Sand. Zart glitzern Schweißperlen auf dem Körper einer schönen Frau. Der Duft von Sonnenöl und Meer, viel nackte Haut und aus dem Radio knarzt Heinz Rühmann „Jawoll, meine Herren, so haben wir es gern!“

Ich trauer den Neunzigern nicht nach. Aber ich trauer sowieso keiner Zeit nach. Man muss sich ja nur mal Fotos von sich anschauen, die älter als zwei Jahre sind. Immer stimmt irgendwas nicht. Immer würde man sagen: jetzt seh ich aber besser aus, oder jetzt bin ich aber souveräner. Die Vergangenheit ist immer falsch, wenn man ehrlich ist. Und die Zukunft noch nicht da. Und im Moment gibt’s ja meistens genug zu tun. Könnte man meinen. Die Kinder brauchen alle ein Jetzt, von deinen Zukunftsplänen haben die überwiegend einen Scheißdreck und deine Vergangenheit interessiert sie nur, wenn du die alten Captain-Future-Folgen auf Youtube anmachst.

Weil sich aber auch alle immer so unwohl in der Gegenwart fühlen. C’mon, wir sind doch alle nur ein kleiner abgeschiedener Haufen mit unser Anrührigkeit, unseren Papiergtiger-Idealen und unserer panischen Gewissenhaftigkeit. Wir kommen uns nur so viel vor, weil wir außer uns niemand kennen. Deshalb schicken sich auf Facebook auch alle gegenseitig Mahnschriften zur Flüchtlingsfeindlichkeit hin und her bis das Internet implodiert, weil es das Paradoxon nicht mehr verarbeiten kann. Nichts dringt nach draußen, alles bounct hin und her.

Hab das Pale Ale von Becks getrunken. Ist natürlich nur eine Light-Variante von einem echten Pale-Ale-Brummer (soweit ich das als Bierlaie beurteilen kann), aber das ist ja das Gute. Kommen die von Becks mit ihrem Frischewahn und machen ein Sommergetränk draus. Ich in der Strandbar ums Eck, Baby auf dem Arm, das andere Kind auf der Holz-Arche-Noah und das ist mein Sommer. Gegenwart, good enough for me. Und weil ich grade beim schleichwerben bin: Reese’s Pieces sind die smarteren Smarties.

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