‘Texte’

Das falsche Tagebuch: 9. Januar 2015

Das Schlimmste an humanitären Katastrophen im Jahr 2015 ist neben der Katastrophe an sich, die Tatsache, dass sich jeder Hirsch verpflichtet fühlt, sich dazu zu äußern. Ich habe mir übrigens neulich den Magen verdorben, glaube ich. Ausnahmsweise kein Virus, sondern Shrimps-Salat in Cocktailsauce von Netto. Um ehrlich zu sein, wusste ich schon beim Verzehr, dass das kein gutes Ende nimmt. Ich glaube, bei dem ganzen Theater um den Islam haben wir eines verschwitzt: in einer ideal abgelaufenen intellektuellen und sozialen Evolution müssten wir eigentlich längst über das Thema Religion hinweg sein. Moralische Grundsätze (und Grundgesetze) haben wir doch eigentlich zum Saufüttern genug. Manchmal wäre ich gerne wieder auf dem Dorf mit der Familie und würde dort alles deinstallieren, was ich nicht sehen will. Nur die Abendzeitung mit den Neuigkeiten vom FC Bayern würde ich noch lesen am Frühstückstisch – wie früher. Doch wenn dann der Magen wieder in Ordnung ist, die hässlichen Shrimps und das Facebook-Pharisäertum final wegverdaut sind, hab ich doch wieder Lust zu raufen. Und wenns nur mit mir selbst ist. Und ich fürchte, das ist es: die Leute sind beinahe froh, wenn sie sich über etwas anderes echauffieren dürfen als ihre eigenen gottverdammten Unzulänglichkeiten.

Das falsche Tagebuch: Weihnachten 2014

Ich mag Weihnachten eigentlich ganz gerne, seit mein Opa tot ist und ich nicht mehr das Weihnachtsevangelium vorlesen, Stille Nacht singen oder Gitarre spielen muss wie ein dressierter Affe. Meistens geh ich ziemlich ausgebrannt in den heiligen Abend, das gehört dazu. Meistens passiert irgendwas Dämliches, meistens bin ich über meine Geschenke enttäuscht, immer fehlt irgendwas Wichtiges beim Kid, über das wir im Vorfeld angeblich gesprochen hatten.

Dieses Jahr habe ich nachts, bleischwer nach dem gloriosen Nachtisch meiner Frau (Vanille, Mascarpone, Apfelkompott), die gesamte Vorhangkonstruktion im Schlafzimmer heruntergerissen. Heute früh beim Reparaturversucht den Schraubenzieher in den Finger gespießt -> reign in blood. Die Kinder sind jetzt für immer verstört, aber dafür wurde mir Frühstück gemacht und gebracht, ohne dass ich einen Finger (sic) rühren musste. Aber keine Sorge, es ist nur Blut, hab ich zum Junior gesagt. Ich könnte das alles auch strukturierter und pointierter erzählen, aber dann wäre es eine Axel-Hacke-Kolumne.

Das Beste aus meinem Leben ist auch in diesem Jahr wieder die Tatsache gewesen, dass ich von den meisten Dingen keine Ahnung habe und nichts aber auch gar nichts darauf hindeutet, dass mir jemals langweilig werden könnte. Das Beste aus aller Welt ist, dass sie noch steht. Ist ja nicht selbstverständlich, wo doch spätestens 2014 der schwelende Trend vom “Ich hab zu allem einen Meinung, kehr aber nur vor der eigenen Haustür” zum Mainstream avanciert ist. Apropos Mainstream: Der Reflex unserer Hauptmedien gegenüber Pegida war Spott und Pranger. Das beruhigt mich. Ich finde zwar alle Religionen stockbescheuert, aber niemals in der Weltgeschichte hat die Unterdrückung (und ich sehe auch dich an, China) von Religionen zu irgendeinem humanistisch gesehen positiven Ergebnis geführt. Man muss die Religion einfach Religion sein lassen, irgendwann erledigt sie sich von selbst. Intellektuelle Evolution. Da glaube ich fest dran.

Wir haben übrigens erstmals einen (halbwegs) großen Baum dieses Jahr, weil wir nicht in Bayern sind, wo meine Eltern sonst einen halben Wald in die Wohnung stellen. Ich hab auch das erste Mal unter den strengen Augen der Innenarchitektin den Baum geschmückt, leider aber ein bisschen zuviel in der CMYK-Palette gewildert und musste dann die blauschimmernden Kugeln wieder abnehmen. Dafür hat der Junior dann eine knallblaue drangemacht. (ätschbätsch, Innenarchitektin). Leider ist Berlin an Weihnachten nicht mehr leer, nur noch fad. Aber immerhin etwas. Jetzt gehen wir dann gleich mit der Verwandtschaft in ein Diner und machen uns eine Hamburgerwampe. Frohe Weihnachten allerseits.

Das falsche Tagebuch: 4. Dezember 2014

Eine Weile nichts in das falsche Tagebuch geschrieben, weil alles zu echt war. Ich bin kürzlich das zweite Mal Vater und das erste Mal Vater einer Tochter geworden und die Monate davor waren wie ein schlechter Traum. Es hat sich neben der Schlaflosigkeit – die jeztige ist ein Scheißdreck dagegen – eine Unsicherheit bei uns breit gemacht wie ein heimatloser fetter Verwandter. Der Verwandte ist wieder ausgezogen und an seiner Stelle liegt jetzt so ein tolles menschlisches Mini-Gerät. Ein bisschen Zerissenheit ist geblieben, weil man das Gefühl nicht los wird, dass man seinen Kindern keinen Gefallen tut mit dieser weitgehend brotlosen Schreiberei. Das ist natürlich Paranoia und resignativer Schwachsinn, aber es stimmt auch.

Das nur als Vorgeschichte zu dem, was mir neulich auffiel, als ich (beruflich) an diesem autobiografischen Terry-Gilliam-Text herumübersetzt habe. Natürlich ist Gilliam fast 75 und damit überwiegend ein lebendes Relikt aus einem anderen Jahrhundert, und vielleicht mag man ihm deshalb nachsehen, dass er Züchtigung, Schlachthausbesuche und auch Frauen am Herd für nichts verwerfliches hält, die Frage ist eher, was für eine Einstellung vermittle ich im Jahr 2014 zu antiquierten Gesellschaftsmodellen und Frauenbildern.

Es kommt mir vor, als ob Männer – insbesonders solche, die sich autobiografisch artikulieren – ihr Bedauern über ihr ständiges Unterwegssein, also die klassische Absenz des Vaters inklusive gloriosen Comebacks gegen 21:00 Uhr oder auch nur am Wochenende, meist mit einem Schmunzeln überliefern. Also eigentlich damit kokettieren, dass sie die Erziehung – und damit meine ich die tägliche Scheiße – gerne den Frauen überlassen. Die großen Entscheidungen über Gut und Böse trifft dann freilich der Patriarch.

Ich kaufe nie im Biosupermarkt ein, weil er mir zu weit weg und zu teuer ist, ich habe mich gegenüber Frauen und Männern nicht immer politisch korrekt verhalten und ich scheiß auch meinen Sohn manchmal recht lautstark zusammen (was Gilliam gutheißen würde). Ich bin also weiß-Gott kein Vorzeigemensch, und verlange das ja auch von niemand. Was mir allerdings Rätsel aufgibt, ist die Selbstzufriedenheit der Menschheit als selbstsüchtiges und im Grunde bis auf die Knochen opportunes und von Angst in die Vorverurteilung getriebenes Gebilde, ein einziges anti-humanistisches Mia san mia. Aber wenn wir schon in einer absoluten und adhoc-geilen Optimierungsgesellschaft leben, warum dann nicht auch den eigenen Charakter optimieren?

Das falsche Tagebuch: 28. Oktober 2014

Ach, falsches Tagebuch, wie gerne würde ich dir von meinen gelegentlichen Panikanfällen und der grotesken Angst, dem verschütt’ gegangenen Urvertrauen und dem Unverstand, der sich in dieser Welt breit macht, erzählen. Aber du bist ja kein echtes Tagebuch und die grausliche Wahrheit hat nur in Extrakten und Sinnbildern hier etwas verloren.

Deshalb erzähle ich stattdessen von dem neuen Kaufhaus am Potsdamer Platz, der Mall Of Berlin. Und wie schön es hätte werden können, so an historischer Stelle, quasi in vermintem Grund und Boden. Wie schön kann so ein Kaufhaus sein, wenn aus den Lautsprechern Georg Friedrich Händel statt Ariana Grande blättert, wenn unten die Feinkost und das Kaffeehaus sitzt statt dem Schlüsseldienst und Aldi. Wenn oben sich die Himmel im Luxus lichten, wo nur die Betuchten noch kaufen, aber alle anderen dennoch wandern und verhandeln dürfen, statt durch Desigual, Berlin 54, Madonna und H&M zu hinken und nach reduzierten Angry-Birds-Mützen zu suchen.

Es könnten Schauspieler mit grellen Gesichtern aus Satyr-Spielen statt Saturn-Mitarbeiter auftreten, es könnten Liftboys statt Klofrauen das Kleingeld einsammeln. Wir könnten uns schwarz anziehen und durch lila-rote und nach Süßigkeiten duftende Arkaden (im mythologischen Sinn) lustwandeln statt von Camp-David-Proleten durch die Gänge geschubst zu werden von einem Smoothie-Stand zum nächsten von Nordsee über Subway bis zum Asia-Pavillion in Schwaden von Frittierfett.

So ein Kaufhaus kann doch ein Lichtblick in dunklen Zeiten wie diesen sein, eine Flucht nach Arkadien, ein Wellness-Aufenthalt im schönen Schein. Stattdessen ist es wie Berlin halt nun mal so ist. Kurzfristig, unsicher und visionslos. Ausnahme: der FC Bayern-Fanshop im Obergeschoss und der Hertha-Laden im Keller neben dem Schlüsseldienst. Da hatte jemand eine Vorstellung.

Das falsche Tagebuch: 30. September 2014

Mit dem Kind rausgegangen.

Der September fängt an zu modern. Die Gegend um unser Viertel hat sich im Lauf der Jahre in eine Wüste voller Kräne, Löcher im Boden und Absperrungen verwandelt und jetzt kommt das Wasser. Mittlerweile ist die Infrastruktur beim Teufel und dennoch wird auch die kleinste Baulücke genutzt, um eines dieser Häuser mit den grauen glatten Fassaden hinzubauen. Wie Unkraut schlingen sie sich aus jedem Freiraum. Es nieselt hämisch oder es nieselt sanft. Es stimmt einen hässlich feixend auf das eklige Wetter demnächst ein, oder es führt einen sanft heran, wer weiß. Der Anfang ist nie so schlimm. Ein paar Symptome. Leichte Kopfschmerzen. Am Ende die Krankheit.

Mit der S-Bahn in den Wedding, ins Einkaufszentrum gefahren. Im Einkaufscenter im Kinderspielgeschäft steht eine Frau sehr nah hinter mir und sagt: “Die ganze Scheiße ist doch scheiße.” Sie sagt es mit einem türkischen Akzent und riecht nach Schnaps. Als ich mich umdrehe, sagt sie nicht ganz zu Unrecht: “Nach vorne wird geschaut, mein Freund.” Der Bedienung im Spielzeugladen gehen die Haare aus und sie trägt Sommersandalen über weißen Nylonstrümpfen. Unten beim Fruchtsaftstand fragt mich die Kellnerin “Na was denn jetzt?”, weil ich nicht auf die Sekunde genau sagen kann, ob wir mitnehmen oder bleiben wollen. Natürlich würde ich gerne bleiben, aber es gibt keine Sitzgelegenheiten und die ruppige Frau am Tresen ist sicher kein guter Gesprächspartner. Bei McDonald’s steht ein größerer Junger mit seinem kleinen Bruder. Er ist etwa zehn und sagt mehrmals laut: “Hey, du riechst nach Fotze”. Mein Sohn sieht mich fragend an, ich zucke nur mit den Schultern. Im Zoogeschäft bei den beiden Kornnattern stinkt es so bestialisch, dass ich es nicht wage, in den langsam auswärmenden Cheeseburger zu beißen, den ich in meiner Hand halte.

Draußen vor dem Einkaufszentrum raucht eine Familie und wenn das Kind im Buggy einen Mucks macht, wird es zusammengeschissen und ihm der Rauch ins Gesicht geblasen. In der S-Bahn spielt mein Kind mit einem Sesamstraßenplüschtier, das wir gerade gekauft haben und es sind immer die alten Leute, die einen mit Gravitas und Milde gleichzeitig anlächeln, so als wären wir die letzte Hoffnung der Menschheit. Am Nordbahnhof bleibt ein wahrscheinlich geistig behinderter Rollstuhlfahrer in der Tür stecken und die Bahn will losfahren. Ich drücke ihn nach draußen, wo er verzweifelt ist, weil er irgendetwas verloren hat und es auf den Gleisen vermutet. Er lässt den elektronischen Rollstuhl in Richtung der Gleise rollen und wirkt aufgebracht. Ich hole einen Bahnbeamten. Zu zweit fragen wir den Mann, was er sucht, ob wir helfen können. Es ist der Deckel von seiner Colaflasche. Er ist weg. Er sagt, es geht schon wieder, es ist nur der Deckel. Die nächste S-Bahn kommt, er rollt zurück in die Bahn und fährt weiter. Der Bahnbeamte nickt mir zu.

Mit dem Kind wieder reingegangen.

Das falsche Tagebuch: 17.09.2014

Was ich am Gitarrespielen mag: dass es nicht auf Anhieb klappt. So gut kannst du gar nicht sein, dass du auf Anhieb das Solo von “Flash Of The Blade” nachspielst. Egal wie gut du dich findest, einen anderen guten Gitarristen kopieren stutzt dich immer erstmal auf Demutsgröße. Dann kanns du dich wieder rekonstruieren, indem du auf Details achtest und übst, bis du das Solo einigermaßen in Muster und Automatismen unterteilen kannst und am Ende sogar nachspielst. Dann folgt großes Selbstbewusstsein, valide, verdient, erarbeitet. Mein Langzeitprojekt ist immer noch, Maidens “Powerslave” auf der Gitarre komplett nachspielen zu können, mit allen Gitarrenspuren, Riffs, Licks, Solos und überhaupt. Seit einem Jahr sitze ich jetzt dran und es ist kein Ende in Sicht. Und wie schön das ist, weil du so den Weg aufmerksam gehst. Wüsstest du, dass es nur noch zwei Wochen dauert, würdest du hudeln. Hudeln ist der Tod. Kurzfristigkeit ist der Tod, aber Kurzfristigkeit ist die dominierende mentale Bewegung unserer Zeit.

Apropos Bewegung – Schottland, Separatismus, Nationalismus, Patriotismus, bla bla bla. Mit 17 hab ich Schottland auch noch die Unabhängigkeit gewünscht und hab mit einer Schottin auf der Fähre herumgeknutscht und bin danach ein halbes Jahr in Karos rumgelaufen und vier Jahre später habe ich bei “Braveheart” im Kino in Dublin zusammen mit den Iren geklatscht. Und ja, ja, Denkzettel an Zentralregierungen und Lektion und Revanche und jetzt zeigen wir’s den Großkopferten mal. Das ist im Prinzip okay und es ist als soziale Momentaufnahme sogar wichtig, aber eigentlich ist es anachronistisch und ein kultureller Rückschritt. Revanchismus ist immer noch eins der größten Probleme der Menschheit, ein philosophischer Blackout, eine Barbarei des Verstands. Dass wir alle im selben Boot sitzen gegen Krieg, Armut, Zerstörung und Abschlachten sollte der allgegenwärtige Geisteszustand sein. “Alle zusammenhalten” ist doch das Credo, das auf der Hand liegt.

Nebenbei: Was diese U2-Sache an Kleingeist und Hybris hervorprovoziert hat, verwundert sogar mich. Ich hab mich gefreut, dass mir Bono eine Platte geschenkt hat. Ernsthaft jetzt.

Das falsche Tagebuch: 11. August 2014

Ich war dann doch nicht in El Dorado, Templin. Weil wenn das Kind ausgerechnet an einem moderat sonnigen Augustausflugssonntag kränkelt und sich in der Wohnung festgenörgelt hat, kannst du nur noch Scheiße schreien und dir ein Eis holen. Dafür hatten wir wenigstens den Supermond, den keiner sehen konnte und den Erdogan-Erdrutsch, der nicht zu übersehen war. Ja, schade, dass jetzt doch wieder ein autokratischer Gottestaat aus der Türkei geworden ist. Aber es war ein Anfang, da kann man nach der nächsten Revolution ja wieder ansetzen. Überhaupt lass ich mich nicht von der Aussichtslosigkeit der Dinge in eine Ebola-Stimmung versetzen. Ich bin vielleicht verrückt oder auch nur Positivist (und man fragt sich eh, ob das nicht nur Auslegungsunterschiede sind), aber je mehr wir uns in die archaische Brühe reiten, desto mehr stärken wir den Common Sense und die intellektuelle Evolution und schwächen den Kapitalismus. Nur das ist halt ein ganz langwieriger Prozess, dessen nächste Ausbaustufe wir vielleicht erst mit Rollator erleben, und in einer Zeit, in der keiner mehr die nächste Ampel-Phase abwarten mag, weil’s jedem mit der Durchsetzung seines Lebenskonzepts so wahnsinnig pressiert, will eh keiner mehr weiter als bis zum Abendessen denken. Ich glaube ans Erwachsenwerden, ich glaub an die Bildung und manchmal auch an das Faustrecht der Prärie (meine Western-Phase, wir erinnern uns) wenn so eine Arschgeige seine Leute behandelt wie Ameisen. Am 9. September kehrt übrigens der Supermond zurück. Ich für meinen Teil kann das abwarten. Morgen früh hingegen kommt schon die Putzfrau. Die verrichtet zweifellos eine tolle Arbeit, aber manchmal frage ich mich, ob die Zeit, die man dafür aufbraucht, die Wohnung in einen Zustand zu versetzen, damit die Putzfrau putzen kann, nicht kongruent ist mit der, die man bräuchte um selbst die ganze Wohnung zu putzen.

Das falsche Tagebuch: 7. August 2014

Schon wieder und immer noch im Westernwahn. Muss wohl am Wochenende nach El Dorado Templin fahren und den ganzen Tag ungehindert den schwarzen Cowboyhut tragen. Beeindruckt haben mich nachhaltig die Peckinpah-Western “Pat Garrett & Billy Kid” mit dem Dylan-Soundtrack und der Sterbeszene am unbebauten Fluss, und vor allem der sterbensvollerdreckige “The Wild Bunch”. Über Pike Bishop habe ich ein Lied geschrieben. Die Sergio Leones samt Eastwood hab ich schon letzten Sommer durchgebrütet, dieses Jahr sind Ford, Hawks und der Duke dran. “The Searchers” hat mich regelrecht eingedunkelt mit seiner Weltverneinung im Monument Valley. Der Western, überhaupt ein düsteres Genre, selbst “High Noon” ist alles andere als eine happy-go-lucky Heldensaga. “The Sons of Katie Elder” und “Stage Coach” sind als Nächstes dran. Es ist das erste Mal im Leben, dass ich John Wayne etwas abgewinnen kann. Weil ich ihn jetzt erstmals im Original reden höre vermutlich und da wird auch deutlicher, was für ein guter Schauspieler er war, ob man den reaktionären Hund jetzt mag oder nicht.

Die Frau, die mich neulich für den Tagesspiegel interviewte, hat nicht ganz zu Unrecht gesagt, ich hänge in den Mandel-Büchern in so archemännlichen Genres wie Detektiv, Metal und Wrestling herum. Kommt auch noch der Western dazu? Plötzlich habe ich so ein Bild vor Augen, wie der Mandel in El Dorado Templin im Saloon sitzt und dort als Pianist sein Geld verdient und ich sehe meine Chance, einen eigenen Western zu kreiern, wenn auch in der Uckermark. Aber nein, die Mandel-Bücher sind vorbei. Bavarian Gothic ist mein neustes Genre.

Und was immer das auch über mich aussagt, dass ich die Machomilieus mag (ich sage, es bedeutet nur, dass ich ein Kindskopf bin), in jedem lässt sich ganz ausgezeichnet das finden, was ich finden will: alle sind fürchterliche Opportunisten und Kompetitionisten, deshalb gibt’s auch Krieg auf der Welt. Ich will die Frauen von der Weltsünde nicht komplett ausnehmen, aber die ihnen im Lauf der patriarchischen Jahrtausenden aufgezwungene Zurückhaltung hat sie einen feinsinnigeren und manchmal auch hinterfotzigeren Opportunismus gelehrt: die Manipulation ist ein süßes Gift, und die eine oder andere gelegentliche Vergiftung ist mir lieber als die männliche Ultima Ratio, alles in Schutt und Asche zu legen und dann zu überlegen, wie’s weitergeht.

Meine Frau sagt manchmal: “Gib’s zu, du magst keine Frauen.” Ich sag, das kann schon sein, aber ich mag Männer genauso wenig. Nur bei Männern hab ich das Gefühl ich könnt noch was zum Weltwohlergehen beitragen, weil ich unsere grauslichen Minderwertigkeitskomplexe besser kenne und verstehe. Und noch besser verstünde ich sie sicher nach einem Besuch in El Dorado Templin.

Das falsche Tagebuch: 29. Juli 2014

In unserem Wahn zu Gott und der Welt auf Teufel komm raus publizierte Position zu beziehen und dabei noch so pointiert wie möglich aufzucremen, räumen wir mittlerweile sogar hin und wieder ein, dass beide Seiten eines Disputs Recht haben könnten. Was mir viel zu wenig in Betracht gezogen wird: Niemand hat Recht, alle kehren vor der eigenen Haustür, weil sie unsichere Arschlöcher sind, deren einziger Spaß im Leben geblieben ist, sich an sich selbst zu ergeilen und andere alt ausschauen zu lassen. Planet Selfie. Vielleicht liegt’s auch nur an der stehenden Hitze, durch die man durchwaten kann wie einen Sumpf, dass ich so übelgelaunt bin und rhetorisch vor mich hinschwefle wie ein Furz ohne Druck. Ich meine, ist das normal, dass einen jede Zeitung, jeder Artikel zur Weißglut treibt, dass man nur noch sehen kann, wie der Mann/die Frau hinter den Zeilen sich selbst beim Schreiben einen harthobelt?

Und dann Eltern, ich hasse Eltern. Andere Eltern hauptsächlich, die das Netz mit Fotos von kleinen Kindern, die nix dafür können, dass sie sich entwickeln, die sich nicht wehren können dagegen, dass sie als Menschgewordene Medaillen um die speckigen Hälse ihrer Erzeuger baumeln, verpesten. Aber auch manchmal mich selbst als Vater, weil mir außer dem larmoyanten “Lass uns reden”, ein bisschen hausüblicher Cholerik und blöden Sprüchen von den eigenen Eltern nichts einfällt bei dieser Hitze. Nur dem System fällt noch viel weniger ein als mir: Spiel Feuerwehrmann, mal mal was, spiel Kaufladen, geh klettern. Kindsein kann überhaupt der langweiligste Beruf sein.

Und dann die Religionen. Und die politische Korrektheit mit der alle so herumwürgen wie mit einer besoffenen Python, die zu schnapsschwer ist, um sich auf wichtige Dinge wie das Verschlucken von Mäusen zu konzentrieren. Man sieht ja an meiner behinderten Metapher schon, wie schwer es mir fällt, meine Verachtung für die Apotheose im Zaum zu halten. Weil nämlich die Religion an sich nur ein intellektuelles Relikt ist. Ein Rudiment, ein Ohrenwackler, ein geistiger Atavismus. Würde der Mensch seinen Raubtier-Egoismus überwinden, könnte er erstmals ein Mensch sein und müsste nicht vorgeben, religiös zu sein. Ist ja eh keiner, der bis fünf zählen kann und genug zu fressen hat. Nur ohne Religion ist es wie ohne Tageslichtprojektor an einer Schule. Müsste man rhetorisch schon wirklich was auf dem Kasten zu haben um einen ganze Stunde nur mit Inhalten und Stimme zu gestalten.

Der Wasserspielplatz nebenan hat nach anderthalb Jahren wieder auf. Vielleicht sollte ich meinen Wutschädel unter einen der überdimensionalen Spritzfische halten, bevor ich mit der infernalischen Laune etwas ins Internet schreibe.

Das falsche Tagebuch: 23. Juli 2014

Es ist mir schon während der WM aufgefallen. Zeitung aufschlagen und es ist Krieg. Und nicht nur auf den Schlachtfeldern – was für ein Wort immer noch – auch in aller Munde und Profile. Tragisch ist das nicht, aber tratzen tut es mich dennoch, wie plötzlich jeder einen Furz zum Tagesgeschehen auf Facebook lassen muss und das mit politischem Interesse oder gar Engagement verwechselt. Bizarr ist ja auch, dass die meisten Leute an ihre sogenannten Freundeskreise schreiben, von denen sowieso jeder die selbe großbürgerliche Meinung vertritt. Vorsicht Antisemitismus ruft es grade von überall her, von Poschardt bis taz wird dafür alles verlinkt, was nicht auf einer Flash-Seite steht. Und ich empfinde das als Beleidigung, ja als Affront. Als ob ich hier rumlaufe und “Scheiß Juden” schreie. Als ob ich nicht wüsste, was sich gehört. Ich nehme diese pseudohumanistische Aufklärungsgülle persönlich. Ich brauche keinen Poschardt und keine taz, ich lese doch schon die SZ, da werden alle nur denkbaren humanistischen Positionen als buntes Meinungsbuffet mit Wortwitzdressing, essayistischem Teigbaaadz und altjournalistischer Großkotzigkeit feilgeboten. Ich kann keine Meinung mehr hören, ich will nur noch Informationen. Eure Meinung schreit mich an und ich schreie zurück: “Scheiß Krieg, scheiß Darwin!” “Zen”, schreie ich. “Zenfix halleluja!” Nein, das ist gelogen, ich schreie ja gar nicht, ich bin mit dem Filius nach Niederbayern gefahren, an den See und ins Freibad, wo Schwimmengehen noch kein Event ist und auch keine 7,50 € Spaßbadzuschlag kostet. Dafür lassen wir uns von Stechmücken (vulgo: Staunsen) zerfleischen und merken wieder einmal, dass es gar kein gelobtes Land gibt (auch wenn die Kühlschränke bei der Mama/Oma tatsächlich niemals leer werden). Merk dir das, Nahostkonflikt.

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