‘Texte’

Rosalie (17.11.2016)

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„Rosalie“ heißt mein am 17.11. erscheinender Roman. Zum Inhalt in Kurzform bitte hier klicken. Jetzt ein Trailer:

Stimmen:

„Das verdankt Rosalie zunächst der schnörkellosen, fast lakonischen Sprache. Mayer erzählt unaufgeregt und hebt Praam nicht als ein Stück Hyper-Bayern auf den Sockel.[..] Nicht einmal mit diesem historisch aufgeladenen Erzählstrang um das Schloss verhebt sich Mayer. Er erzählt ihn souverän und stimmig aus. Für ein Debüt gelingt ihm damit ziemlich viel.“
– Josef Wirnshofer, Spiegel Online

„Mich erinnert Mayers einseifende Melodik an den frühen Helmut Krausser und an den früh verstorbenen Heiner Link.“
– Jamal Tuschik – Der Freitag

„Trotz vieler heiter-ironischer Bonmots liegt ein dunkler Schatten über […] der von Mayer klug konzipierten Story. Ein lakonischer, lesenswerter Adoleszenzroman.“
– Gérard Otremba, ROLLING STONE

„Er erzählt schonungslos, aber nie herablassend, von der Enge des Dorfes, von einer besonderen ersten Liebe und der Suche nach Wahrheit, die manchmal sehr weh tut.«
– Anne Burgmer, Kölner Stadtanzeiger BÜCHER MAGAZIN

„Manche schreiben über diese Heimatorte auch [..] durchaus lesenswerte Bücher. So wie das neue Buch von Berni Mayer, der sich in seinem neuen Roman „Rosalie“ nicht nur mit seiner eigenen Jugend, sondern mit einer realen Katastrophe und [..] Vestrickungen in die Nazi-Zeit.“
– radioeins

Und noch ein paar eigene Worte dazu:

Bevor ich angefangen habe zu schreiben, waren da nur Scherben von Ideen. Ich sage Scherben, weil jedes Konzept, das ich mir bis dahin überlegt hatte, irgendwie an seiner Inkonsequenz oder einfach nur seiner Undurchdachtheit zersprungen war. Da lagen also herum: Die Idee, über Menschen am Rande einer Katastrophe (in diesem Fall: Tschernobyl) zu schreiben, die mit der Katastrophe eigentlich gar nichts zu tun haben. Vielleicht minimale Auswirkungen auf die allgemeine Stimmungslage der Protagonisten. Die eigentliche Katastrophe muss eine andere sein. Dahingehend gab es schon Konzeptuelles und Niedergeschriebenes über Eschede oder den Frauenmörder von Beelitz. Letzlich wurde es dann aber die Geschichte zweier verliebter Teens im tiefen Süden, mitten im Tschernobyl-Jahr.

Ich hatte außerdem grade ein Lied geschrieben hatte über ein Paar, das in der Provinz feststeckt, eine Gegend, die ihre ganz eigene Blutmagie entwickelt, eine voodooeske Lust am Untergang aufweist, wenn man nur einmal am falschen Zaun rüttelt.

Und jetzt war ich anstachelt, denn so konnte ich auch die Geschichte meiner eigenen Jugend und ihren grotesken Orten erzählen, ihren Eliten und Invaliden, unseren Landstrichen da unten ihren verdienten und unverdienten Platz in der Zeitgeschichte zuweisen. Und schon in den ersten Kapiteln konnte ich erkennen, was ich der Gegend, der Zeit und den Leuten bisher immer aberkannt habe: Ihre eigene Mystik, und ihr ureigenes Dasein als Metapher auf die bundesrepublikanische Menschlichkeit und Unmenschlichkeit Mitte der 80er Jahre.

Die Unmenschlichkeit nur auf den repressiven Katholizismus meiner Jugend zu schieben (und so repressiv war er auch wieder nicht) hing mir als Frucht zu tief, ich wollte auch keine Countryside-Hicks aus den Niederbayern machen, aber ich wollte und will ins Protokoll aufnehmen, dass passive Niedertracht und blutrünstige Indifferenz zwei angstmotorisierte menschliche Kerneigenschaften sind, die einen schon in jungen Jahren entweder paranoid (welchem Erwachsenen kannst du trauen?) oder selber niederträchtig indifferent werden lassen können. Und so kam die hässliche Faktizität einer NS-Einrichtung unweit meines Heimatdorfs in den Roman.

Das ist meine Southern Gothic Novel, das ist „Rosalie“. Zum Schluss die tiefstmöglichen Verbeugungen an meinen Verlag Dumont, denn ohne ihn kein Soulsearching im Herz der Finsternis, in Niederbayern.

Das falsche Tagebuch: 12. Oktober 2016

Liebes falsches Tagebuch,
ich habe dir länger nicht geschrieben, weil so viel Irrsinn passiert ist, den ich nicht in Worte fassen konnte. Nicht wollte. Und jetzt hat sich so viel mehr Irrsinn angesammelt, dass ich dir nur fragmentarisches hinterlassen kann. Will. Ich fange einfach mit den „Bushes Of Love“ an. Eigentlich ist das nur ein Lied, das diese Menschen von Bad Lip Reading (Nomen est Omen) aus dem ersten Star Wars-Film gemacht haben. Vermutlich reine Comedy, die mich aber komischerweise an einer ganz empfindlichen Stelle trifft. Text geht so:

How did my father die?
49 times, we fought that beast
Your old man and me
It had a chicken head with duck feet,
With a Woman’s face too
And it was waiting in the bushes for us
Then it ripped off your dad’s face
He was screaming something awful
In fact there was this huge mess
And I had to change the floors
You see, his blood, it drained into the boards
And I had to change ‚em
But we all got a Chicken-Duck-Woman thing,
Waiting for us

Every day I worry all day
About what’s waiting in the bushes of love.
Cause something’s waiting in the bushes for us
Something’s waiting in the bushes of love

Das hat mir trotz seiner Albernheit den Zeigefinger in die Eingeweide gebohrt, weil es so eine kurze und brutale Bestandsaufnahme von jedem Lebensentwurf ist. Egal, wohin man geht, irgendwo wartet eine Sensation, eine Verliebtheit, eine große Herzensbegeisterung auf einen. Die einen ganz einnimmt, ob man will oder nicht. Und einen früher oder später zerfetzt. Kinder, Partner, Eltern, Freunde, alles zerfällt irgendwann. Langfristig deprimiert mich das nicht, denn – Streicher bitte – Liebe ist ein Zustand, der sich über alle Zerfallserscheinungen und Tempi erheben kann. Aber manchmal und momentan bleibt die Zeit stehen und man sieht überdeutlich alle die Risse in seinem Leben.

Es gab so ein paar gnadenlose Risse in letzter Zeit, liebes falsches Tagebuch. In der Gesundheit von jemand, dem ich als allerletztes auf der Welt einen Riss irgendwo wünsche. Ein Riss in der Realität in der Mitte der Strecke zwischen Klinik und Zuhause. Zwischen den Haltestellen Fürsorge und Selbstmitleid. Dafür schließt sich die Lücke zwischen meiner Biografie und dem Buch, das ich geschrieben habe. Über die vielen nächtlichen Lektoratssitzungen verwischen die Grenzen zwischen den Dingen, die ich erfunden habe und denen, die ich selbst erlebt hab. Und ich schwöre, das Erfundene hatte ursprünglich die Oberhand. Es ist auch eine Zeit, in der man die Risse mit Medikamenten überbrückt, Chemie ist das Wort der Stunde. Chemie ist auch jemand, der kurz mit einem in den Abgrund starrt und dann von mir aus auch wieder weitergehen kann. Ist kein Problem für mich. Nur einen kurzen Augeblick zusammen starren.

Und während sich ein Tag an den anderen reiht und schon drängelt zu passieren und das Wetter sich nicht gerade Mühe gibt, einen Schönheitspreis zu gewinnen, bin ich sicher, dass auch jetzt etwas auf mich und alle im Gebüsch der Liebe wartet. Etwas, das uns zerfetzt und wahnsinnig freut.

Das falsche Tagebuch: 20. April 2016

(Ein Frühlingsgedicht)

Der Frühling steigt mir zu Kopf. Macht sich breit wie ein Tumor. Die Hand zittert schon gelegentlich. Ich verstecke sie in der Hosentasche. Was könnte ich alles sein. Was könnte ich alles machen. Aber ich kann nicht. Und ich will nicht. Und doch: das Wetter programmiert mich um. Das Wetter sagt: renn und ich: okay, aber wohin? Das Wetter: wurst.

Und so reiß ich an mir herum, in die eine Richtung, in die andere und da wundere ich mich, wenn ich mich zerrissen fühle. Im ersten Reflex schäme ich mich für die Emotionen, weil Emotionen sind so 2005. Emotionen sind ein Leben vor dem Leben als Eltern.

Fukk it, let’s bleed. Wunden heilen auch offen, Tage und Nächte bluten ineinander, man muss nicht immer vor Mitternacht ins Bett gehen und mit dem Wecker am nächsten Morgen aufwachen. Und ich entschuldige mich jetzt schon mal für mein irrationales Benehmen demnächst. Aber ich bin Künstler, ich tue ja niemanden absichtlich weh, ich kann ja immer sagen, ich bin halt so und wäre ich nicht so, wäre ich nicht der, der ich bin.

Jacken weg, Messer raus, Türen auf.

Das falsche Tagebuch: 10. April 2016

Ich habe etwas gefunden. Einen falschen Tagebucheintrag vom 23. September 2014. Er handelt von meinem Wunsch nach Bekanntheit. Damals habe ich mich vielleicht ein bisschen geschämt, ihn online zu stellen, aber jetzt wo es mit dem neuen Buch auf die Zielgerade geht, finde ich ihn irgendwie wichtiger. Jan Böhmermann hat mich drauf gebracht. Weil immer alle denken (und vielleicht auch er), seine Selbstdarstellung hätte einen gerechten Hintergrund.

Doch selbstgerecht sind alle Künstler. Unsicher und selbstgerecht. Bedingt sich irgendwie, fürchte ich. Aber das darf nicht der alleinige Antrieb sein, denn zur Exzentrik und Arschlochzentrik muss auch eine Etikette kommen. Deshalb mag ich Böhmermann nicht, er ist mir zu unhöflich, zu gehässig, zu wenig altruistisch. Er hat keine Etikette. Er hat nur sich. Geht über Leichen für einen guten Witz.

Vor ein paar Tagen habe ich erstmals das Cover für mein im Oktober erscheinendes Buch gesehen. Und erstmals einen Vorschautext von meinem Verlag gelesen. Das hat mich alles sehr zuversichtlich gestimmt. Es hat aber natürlich auch wieder ausgelöst, dass ich über Geld, Erfolg und Bekanntsein nachdenke. Das ist kein schönes Thema, damit geht man nicht hausieren, aber es muss zumindest indirekt drüber geredet werden, deshalb hier der Eintrag vom September 2014.

Das falsche Tagebuch: 23. September 2014

Und doch tagträume ich beinahe täglich vom Bekanntsein, weil ich Geld verdienen will. Nicht viel, aber gerne Etliches. Klingt hässlich, weil es sich im Mutterland der hydraulischen Superopportunisten nicht schickt, als Künstler zu sagen, dass man aufs Geld scharf ist, aber hear me out, falsches Tagebuch: Ich bin in der dankbaren Meta-Situation, Sachen per Wort erfinden zu können und dafür (gelegentlich) bezahlt zu werden. Ich hatte schon als Kind keine konkrete Vorstellung, was ich mal werden soll (außer ein Gitarrenheld), aber das Schreiben kommt ihr am nächsten. Ich bin im Leben schon so oft gebauchpinselt und wieder vernichtend eingedampft worden, dass ich mir vage vorstellen kann, was es hieße, ständig beurteilt zu werden, und das ist ja genau die Bekanntheit. Damit könnte ich leben, weil ich es eh nie allen rechtmachen kann, was an meiner komischen Visage liegt, die schon meinen ersten Deutschlehrer so provoziert hat, dass er genau das meinen Eltern erzählt hat. Das Nonplusultra erscheint mir die Möglichkeit, mich hier hinter meinem Schreibtisch zu verschanzen, meine Freunde und Familie immer in greifbarer Nähe, und genug Geld zu verdienen, um nicht nachts mit kalten Waden vor lauter Existenzangst aufwachen zu müssen. Dafür nehme ich auch einen gewissen Bekanntheitsgrad in Kauf.

Das falsche Tagebuch: 29. März 2016

Als ich neulich in den Flughafenbus einsteige, erreicht mich eine SMS von meiner Frau. „Attentat am Brüsseler Flughafen. Sei vorsichtig…“
Auf meinem zu dem Zeitpunkt noch funktionierenden Telefon lese ich nach, was passiert ist und frage mich, wie man eigentlich genau vorsichtig ist im Schatten von Terroranschlägen.

Ich kann meistens nicht die ganz große Empathie in Katastrophenfällen zeigen, aber nach meiner Ankunft in Köln, liege ich eine Weile stumpf im Hotel herum und überlege, was einem das jetzt alles abverlangt. Die AfD, der IS, der Trump, der humanitäre Abgrund namens Flüchtlingskatastrophe, das Näherkommen der Einschläge an allen Fronten. Alles Anzeichen einer noch viel größeren Eskalation, wenn man es nüchtern betrachtet? Aber wann betrachtet man überhaupt nüchtern? Ist man so wie ich alleine in Hotels gerne gefülsduselig, hofft man, dass die Werte und Demokratien jetzt endlich ihre Feuertaufe erleben, aus der sie dann gestärkt hervorgehen und sich dann endlich wieder der intellektuellen und moralischen Evolution der Menschheit widmen können. Ohne Asche kein Phönix, die Frage ist nur, wieviel Asche es braucht, wie stark es gebrannt haben muss. Aber wie gesagt: alleine im Hotel/gefühlsduselig.

In einer Mischung aus geistiger Ausgelaugtheit und Langeweile verlasse ich das Hotel in Köln und laufe ins Bahnhofsviertel, um dort meinen Akku austauschen zu lassen. Ergebnis: Akku ausgetauscht, Telefon kaputt. Kein Mucks mehr. Bis heute nicht. Zum Glück bin ich mit meinem Lektor fest verabredet und habe mir auf einem Stadtplan (old school, baby) angesehen, wo ich hinmuss. Exkurs: Mein neuer Verlag macht mich glücklich. An guten Tagen glaube ich, ich schreibe das deutsche Pendant zu Southern Gothic, eine neue Schwarze Romantik. Allerdings: an schlechten Tagen hoffe ich, dass mich keiner wegen Scharlatanerie einsperrt. Nach dem Verlagsessen probiere ich alle fünf Minuten das Telefon aus, aber es tut sich nichts. Das beunruhigt mich. Fühle mich ganz brüchig so ohne Telefon. Meine Frau hat ihrs auch irgendwo vergessen. Fast sind wir allein.

Den Karadžić haben sie verurteilt. Für mich immer das Übelste am Balkankrieg: wie nebenbei alles passiert. Massaker-rama, Komplettverlust der Menschlichkeit im Nachbarhaus quasi und hier keine Spur und niemand ein schlechtes Gewissen. Und der Revanchismus findet ja kein Ende. Geht immer weiter. Über-fuckin-all. Eine Zeit lang dachte man ja, man könnte wieder eine Deutschlandflagge auf seine Frühstückstasse drucken lassen, von wegen Nationalmannschaft und weil wir so gute Gastgeber waren bei der WM 2006. Jetzt ist die WM gekauft und 22 Prozent der Bevölkerung rechts. Ich mochte nie Deutschlandflaggen, ich hab meinem Land nie ganz über den Weg getraut und ätsch, wer hat jetzt Recht?

(Sogar der Nationalmannschaft misstraue ich, seit damals beim 4:4 im Olympiastadion gegen Schweden eine in Dur singende, alle Töne treffende schwedische Familie hinter mir gesessen ist und vor mir ein Riegel kettenrauchender Deutscher mit Adlern auf den Schals etwas in Stolz-Moll gegrölt hat.)

An Tagen wie heute, wenn die Kinder nicht in der KiTa sind, es regnet und alle schlecht geschlafen haben, die Frau kurz woanders ist, beschleicht mich das Gefühl, dass ich weder Haushalt noch Kinder jemals wieder in den Griff bekommen werde. Aber das Gefühl von Kontrolle ist eine einzige Illusion, das hat der Verlust vom Telefon gezeigt, das zeigen die Anschläge. Eine Luxusillusion, die man sich mal gönnen kann, auf die man aber nicht bauen sollte. Ich hab mir trotzdem sofort ein neues Smartphone gekauft. Die Illusion war mir fast 400 Euro wert. Ein Witz eigentlich.

Das falsche Tagebuch: 4. März 2016

Ich weiß auch nicht so genau. Vielleicht erzähl ich was von München.

Ich hatte Mittags einen Termin beim BR. Um fünf hab ich mit dem Freund F. auf dem Viktualienmarkt eine Wurst gekauft und dann wie früher beim Müller CDs angeschaut. Danach ins Fraunhofer und mindestens vier Stunden nicht von der Stelle gerührt, Klogang ausgenommen. Ich hatte Salsicce mit Bratkartoffeln. Der Kollege wollte nichts trinken wegen Fastenzeit (sowas gibt’s scheins immer noch), aber ich hatte das beste Argument dagegen, das man als Bayer haben kann: „Jetzt trinkst erst moi einen und dann schauma weida“. Gegen diese Präzisionslogik war er machtlos und danach war Polen rein Obstlermäßig offen. Hey, was alles so passiert, wenn man einfach nur sitzenbleibt. Die skurrilsten Leute kommen und setzen sich zu einem an den Tisch, prosten, essen, gehen wieder. Die Tische gegenüber schauen und man schaut zurück, die Bedienung stellt sich bald so akkurat auf deine Bestellintervalle ein, dass sie immer zur rechten Zeit kommt.

Danach sind wir ins Podium nach Schwabing. Das ist da, wenn man von der Feilitzschstraße rechts abbiegt. Ich hab drei Jahre in dem Viertel gewohnt, bin aber kein einziges Mal rechts von der Feilitzsch abgebogen. War deshalb auch nie im Podium. Im Podium hat eine Coverband mit älteren Herren gespielt, von denen ich auch bald einer bin und dann hoffentlich auch in einer Coverband spielen darf. 80er-Jahre-Metal-Cover bitte. Saxon statt Chuck Berry und Maiden statt Stones. Die Band war gut, die Stimmung völlig übersext, super zurechtgemachte ältere Frauen mit riesigen Frisuren und spitzen Schuhen treten dir absichtlich auf den Fuß, damit ein Gespräch beginnt. Man lächelt sich an, Männer, Frauen, Alt, Jung, Scheiß, Egal. Geht um nix, das ist das Tolle. Nur dem Freund M., der vorhin auf meine Warnung, „es könnte kurios werden“, noch gesagt hat, eine „kuriose“ Location wär doch cool, dem war es dann doch zu kurios. Ein anderer Bekannter hat mir die ganze Zeit von seiner aufgebohrten 76er-Fender Strat erzählt, nur beim Solo von „Hotel California“ haben wir andächtig zugehört. Der Freund M. hat sich aus heiterem Himmel drauf versteift, dass die Kindheit vom Kurt Cobain doch nicht so schlimm war und sein Selbstmord-induzierendes Gemüt wohl eher eine unvermeidliche DNA-Sache. Zumindest hab ich es so verstanden. Mir war das zu ernst. Alkoholferien im Stumpfonien war doch der Deal.

Ich springe jetzt wegen der Unmittelbarkeit ins Präsens. In der Kellerkneipe, in die wir danach gingen, regiert eine wuchtige afroamerikanische Frau, die auf Getränkebestellungen erstmal „NEIN“ brüllt und gehässig lacht. Dann lacht sie netter und bringt den Bourbon. Ich glaube, sie ist die Chefin von dem Laden, dessen Namen ich mit Kurzem Nummer 12 vergessen habe. Das sitzt ein junges gelangweiltes Pärchen. Wir setzen uns dazu und interviewen sie zu ihrem Leben. Sie sind beide irgendwie unterschwellig aggressiv und verzweifelt, das hat das viele Sitzen und Saufen in der Kellerbar hervorgebracht. Er ist Schreiner, sie ist Stage Hand, sie sehen modern aus, sind aber gehässig wie alte Leute. Irgendwann ist mein Telefon verschwunden und ich krieche im Dunkeln unter Barhockern rum, bis ich es wiederfinde. Nur ein Sprung mehr im Display, fair enough. Hinter mir spritzt Bier und fliegen Stühle. Als ich wieder aufstehe, ist das Pärchen mir beleidigt, sich selbst und meinem Freund F. Keine Ahnung, was passiert ist. Der Schreiner wischt den Tisch, dann schreit er mich an, ich solle eine Spanierin ficken, die gerade hereingekommen ist. Ich sage „Langsam reiten, Carpenter, sonst dusch ich dir noch eine bevor ich ins Bett gehe, mein Flug geht schließlich in vier Stunden.“ Er rudert zurück und sagt mir, dass ich so ein „purer Mensch“ wäre mit so einem „reinen Herzen“. „Das lass ich mir von dir nicht sagen, Kollege“, sage ich. Am meisten hasst er aber meinen Freund F., der hat ihn angeblich einen „fucking loser“ genannt. Der Freund F. ist mittlerweile in ein Gespräch mit einer anderen Spanierin vertieft, und ich will heim, aber er reagiert nur noch, wenn ich ihm Geld für Cuba Libre gebe. Ich ermutige ihm, die Kontaktdaten der Spanierin zu ermitteln und dann nach Hause zu gehen, denn einen besseren Eindruck als jetzt wird er heute nicht mehr machen. Das sieht er ein, zieht seine Visitenkarte aus dem Portemonnaie (is doof, ich weiß, aber ihre Nummer hätte er nicht mehr tippen können) und gibt sie ihr…, nein, was ist das, Jesus, er beisst vorher hinein und leckt einmal herzhaft darüber. Jetzt mag sie die Karte nicht mehr nehmen. Ich sage meinem Freund F., dass das Serienkiller-Style war und er vielleicht doch nicht den gemeinsamen Besuch vom Nockherberg am nächsten Tag so fest einplanen sollte.

Irgendwann gehen wir dann doch heim, ich kann noch anderthalb Stunden schlafen, bis die S-Bahn zum Flughafen geht. Auf dem Nachhauseweg erzähle ich dem ansonsten nie Visitenkarten-leckenden Freund, dass das junge Aggropärchen am Ende doch noch geschmust hat, nachdem sie sich den ganzen Abend entweder angeschwiegen oder beleidigt haben. „Schau, dann haben wir sie ja doch noch zusammengebracht“, sagt Freund F. „Na dann, viel Spaß bei der Beziehung“, sage ich und der Kumpel kriegt einen kurzen Lachanfall.

So viel zu München. Ich weiß auch nicht so genau.

Das falsche Tagebuch: 3. Februar 2016

Ich schreibe ein Buch.

Es geht um Misstrauen, Angst, einen Ort im Süden Mitte der Achtziger, es geht um Liebe und Katholizismus. Es ist meine kleine Version von „To Kill A Mockingbird“. Es ist kein Krimi und keine Popliteratur, es ist auch kein Houellebecq. Es hat was Autobiografisches, aber ist in der Hauptsache eine Erzählung und Parabel. Es ist meine Version einer Southern Gothic Tale.

Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der man uns gesagt hat, dass jederzeit jemand auf den roten Knopf drücken kann. Dass man die Großeltern lieber nicht nach dem Dritten Reich fragt. Dass Atomkraft nur im Kommunismus unsicher ist. Dass wir bald viel größere Probleme als lapidaren Liebeskummer haben werden, sobald wir erwachsen sind.

Das Buch hat noch keinen Titel, aber erscheinen wird es mutmaßlich im Herbst. Manchmal hab ich Spaß beim Schreiben, es ist durchaus an Stellen lustig, aber oft ekelt es mich regelrecht, bevor ich mich morgens ransetze. Das Schreiben tut in der Hauptsache weh, anders als noch bei den Mandel-Büchern, obwohl es da auch unangenehme Wahrheiten gab, um die ich nicht herumkam. Aber ich hoffe, dieser Geburtsschmerz macht das Buch besser. Es fühlt sich auf jeden Fall wie mein erstes Buch an, aber das ist auch das Perfide: sobald ich schreibe, fühle ich mich wie der größte Scharlatan und möchte am liebsten den Leuten, die mich bezahlen ihr Geld zurückgeben. „Ich kann doch gar nichts“, will ich zum Fenster hinausschreien.

Kann sich noch jemand erinnern, wie ich mich letzten Sommer hier künstlich darüber aufgeregt habe, dass sich die Facebook-G’schaftler gegenseitig tätscheln in ihrem Bestreben gegen fremdenfeindliches Gedankengut? Wie ich das für einen überwiegend überflüssigen Show-Off hielt? Ich dachte, das ist doch nicht notwendig, die meisten Leute haben unseren Gesellschaftsentwurf doch verinnerlich. Boy, was I wrong.

In meiner kleinen Welt zwischen Schreibtisch und KiTa hatte ich tatsächlich mein antikes Negativcredo „People are shit“ verdrängt. Wie hat ein Freund neulich geschrieben: „Wenn die meisten Menschen hierzulande schon Probleme haben, jemandem im Straßenverkehr die Vorfahrt zu lassen, wie wahrscheinlich mag dann ein freiwilliger Verzicht auf ein Teil ihres Wohlstandes sein?“ Und doch will ich mich nicht mehr absondern, mich für was Besseres halten, denn genau das ist ja der Irrglaube, dem jeder unterliegt, der heute gegen Flüchtlinge wettert.

Und deshalb kommt jetzt die schwierigste Aufgabe: Den Menschen nicht aufgeben. Die rasende Egomanie im Kopf der Leute in andere Bahnen lenken, ihnen ein schlechtes Gewissen machen. So wie man Kinder erzieht. Sich jeden Tag erneut hinsetzen, auch wenns einen ekelt.

Das falsche Tagebuch: 11. Januar 2016

Jetzt ist ja schon wieder ein neues Jahr.

Und schon wieder ist ein Künstler tot und alle regen sich künstlich auf. Na ja, obwohl. Die Betroffenheit ist vielleicht schon echt, aber ich fürchte, viele meiner Facebookfreunde fürchten mit jedem Ableben eines „Idols“ ihr kommendes eigenes. Erst sterben deine Eltern, dann deine Popstars, dann du. Mir kommt das in manchen Fällen aber reichlich bauerntheatralisch vor. Selbst bei den Kondolenz-Postings wollen sie Leute sich noch an Originalität übertreffen. Irgendwann fürchte ich, explodiert das Internet vor Eitelkeit. Zuerst das Internet und dann die Welt.

Die Silvesternacht von Köln hat neben schlimmstem Opportunismus, Sexismus und Rassismus erneut eine der ekligsten menschlichen Eigenschaften zu Tage gefördert: Die Rechthaberei. Die Fazitsüchtigen und Resolutions-Addicts regnen ihre Credos, Weltansichten und gefärbten Fakten herab, dass man ersäuft in falschen Argumenten. Der Focus (die bunte Illustrierte) sagt: selber schuld, wenn du Rassismus auf unserem Cover siehst. Augstein Jr. lapidarisiert von grabschenden Ausländer, die den „Firnis“ unserer Gesellschaft einreissen und Mattias Sammer will einfach gar nix mehr dazu sagen, dass die Bayern in Doha trainieren. Als ob der Rest dann unser Bier wär.

Bei der durchaus zu Tode betrübenden Netflix-Dokureihe „Making A Murderer“ sagt der Anwalt von Steven Avery irgendwann, das Problem des amerikanischen Gerichtssystems sei einfach die mangelnde Demut. Jeder geht davon aus, dass er unbedingt Recht (sic!) hat.

Und jetzt doch noch was zu Bowie und Lemmy. Ich fand beide gut und jeden auf seine Weise bewundernswert, hab aber beide kaum gehört und fehlen tun sie mir auch nicht so arg – es gibt ja zig Platten und Videos von denen, falls sie mir überraschenderweise doch irgendwann mal fehlen sollten. Vielleicht bin ich ein kalter Hund geworden, denn als Lennon starb, saß ich mit meinen Eltern am Tisch, das Radio sagte den Mord durch und ich habe geweint. Dann wiederum war ich sechs und die Beatles meine erste Lieblingsband.

Das falsche Tagebuch: 24. Dezember 2015

weihnacht15

Ich glaub ja schon an den Fortschritt.
Heute Nachmittag rauf zum alten Kloster gefahren. Die Allee mit den moosgichtigen Krüppelbäumen entlang gelaufen, vorbei an den Apfelgärten und dem neuen Sportzentrum bis ganz nach hinten zum alten Klosterkrankenhaus, wo ich auf die Welt gekommen bin. Ehrfürchtig herumgestanden und wieder nach Hause gefahren. Es war gar nicht das Alter und gar nicht die Sentimentalität, es war die Neugier, die mich trieb.

Tollste Sache am Älterwerden: die Neugier. Was mich heutzutage alles interessiert, das hätte ich als Jugendlicher nie gedacht. Im Grunde interessiert mich jetzt alles, während mich früher nichts interessiert hat. Ich bin mit 41 in der Lage, mich in Details und Marginalien von Fachgebieten hineinzufriemeln, für die ich bisher nichtmal als interessierter Laie in Frage gekommen wäre. Handwerkliche Tätigkeiten, Blumen gießen, Kopfrechnen, Kommasetzung. Na gut, streichen wir Letzteres.

Ich glaub wirklich den Fortschritt, allerdings nicht an seine Geschwindigkeit. Ich glaube an eine humanistische Erosion. Was mich nur so schreckt, ist die unverwüstliche Eitelkeit. So komplex sich die meisten Konflikte auf der Welt darstellen, so unlösbar sie scheinen und so situative Superkräfte sie uns auch abringen mögen, so klar und erschreckend deutlich ist die Eitelkeit, die die Kriegstreiber und Fanatiker dahinter antreibt. Es ist meist nicht Armut, Hunger oder Perspektivlosigkeit – so findet man halt seine Arschgesellen – sondern die schiere Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Und ein jeder ist so grausig korrumpierbar von ein bisschen Bedeutung, die vielzitierten 15 Minutes of Fame sind zur globalen Maxime geworden. Scheißegal welcher Religion du angehörst, ob du beim IS, bei Pegida oder im Kegelverein bist, du willst for fuck’s sake nochmal was darstellen. Und das schneller und potenter als die anderen. Und wenn nicht du, dann dein Kind, um mal als Vater zu sprechen, der täglich mit Eltern zu tun hat, die ihre Geltungssucht in Stellvertreterkriegen ihre Kinder austragen lassen.

Das Kompetitive muss aus der Gesellschaft verschwinden und ich möchte vom Kapitalismus mal hören, wie er sich das in Zukunft vorstellt. Das Perfide ist ja, dass das ein uralter humanistischer Gedanke ist, den grade jetzt immer mehr teilen und der auch durch die moderne Presselandschaft spukt, die allerorts auf Fairness, Gleichberechtigung und Pazifismus pocht. Gleichzeitig ist unsere Presselandschaft so eitel, so hyänig, so unruhig, unrund, ungeduldig, ja ungehalten geworden. Es ist natürlich keine Lügenpresse und ich will sie auch keineswegs verdammen, ich bin ja ein Teil davon – wir sind nur alle so panisch auf der Suche nach Kanten und Meinungen und erfinden die Schlagzeilen vor dem Inhalt und somit auch vor der Wahrheit. Viele Schreiber, die sich zurecht seit der Schulzeit über die Bildzeitung aufgeregt haben, haben den Hang zur Schaumschlägerei, zur Essenzialisierung der Inhalte, egal wie komplex sie sind, übernommen, weil es ihnen am meisten Aufmerksamkeit und Applaus verschafft.

Aber egal, ich glaub‘ an den Fortschritt, daran, dass der Homo Irritatus lernen muss, seinen brutalen Ehrgeiz zu zügeln, egal ob er gerne Andersgläubige köpft, leidenschaftlich Mieten erhöht oder Bücher über seinen Darm schreibt. Oder wie neulich mal der Cafébesitzer bei mir im Viertel gesagt hat: „Wenn du nicht mehr unbedingt so viel Geld verdienen willst, bist du auf dem besten Weg, ein moderner Mensch zu werden.“

An unserem alten Kloster hat mir das alte Klostergefängnis gefallen. Schöner Bau am Hang, wo jetzt Leute auf eigene Kosten drin wohnen, hoffentlich mit überschaubarer Miete. Sah wahnsinnig gemütlich aus. Frohe Weihnachten allerseits.

Das falsche Tagebuch: 24. November 2015

Neulich mit dem Intercity nach Erlangen gefahren. Und wieder zurück. Am Tisch vor uns saßen ein paar ältere Damen und ein älterer Mann. Die haben stundenlang so plüschige Sätze von sich gegeben wie „Man muss doch auch ein Hobby haben“ oder „die deutsche Tanne ist gesund“.

Und so einengend und finster ich die Achtziger teilweise in Erinnerung habe, so sehr habe ich mich nach diesen furchtbar faden Kaffeekränzchen gesehnt, zu denen einen die Mama mitgeschleppt hat, die sie sicher aber auch selber fad fand. Man sitzt mit der Han-Solo-Figur und der Schreckschusspistole unter dem Tisch und kann keine Vanillekipferl mehr sehen, während oben die Leute an Kaffee auf sanft klappernden Untertassen nippen und draußen der Schneeregen fällt.

Wie in besagtem Intercity. Auf der Hinfahrt war ich beinahe allein im Zug. Das war wie Urlaub. Hab mir im Geiste notiert, das nächste Mal in Jena Paradies auszusteigen und ins Phyletische Museum zu gehen. Habe außerdem „phyletisch“ gegoogelt. Höre dauernd „Dirty To The Bone“ von Jeff Lynne’s ELO. Der fatalistische Wunsch nach Unsinn steckt da drin, oder vielleicht höre auch nur ich ihn heraus.

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