‘Schlechte Nachrichten’

Egal worum es geht, ich bin dafür

2013 ist mir eines ganz unangenehm aufgefallen. Ein gemeingefährlich trotziger Impuls zur Widerrede wider der Widerrede. Zum Beispiel: wenn Til Schweiger sein Leben lang nur Scheißfilme dreht, muss man nicht aufhören, das zu sagen, nur weil alle das sagen, oder er fünfzig wird. Oder: wenn ich die von der Leyen scheiße finde, höre ich nicht auf, sie scheiße zu finden, nur weil ob der großen Koalition eine neue Hämewelle ob ihrer Frisur über uns hereinbricht. Ich werde nicht plötzlich emphatisch, nur weil ich auch schon schlechte Frisuren im Leben hatte. Ich bin nicht plötzlich dafür, nur weil alle dagegen sind. Ich werde auch nicht in Bully Herbigs “Buddy” gehen, nur weil er sich soviel Mühe damit gegeben hat. Ich hätte ja beim Trailer schon auf- und davonlaufen können. Manchmal glaube ich, dass der Deutsche letztlich nichts mehr schätzt als Beharrlichkeit. Wer die ganze Zeit immer denselben Mist macht, muss offensichtlich im Recht sein. Bald findet sich unter den jungen Leuten wieder eine große Lobby für Kernkraftwerke, Tierversuche und sauren Regen. Hat ja Tradition, kann also so verkehrt nicht sein.

Die große Koalition

Als es für die SPD das letzte Mal darum ging, zu regieren aber doch zu parieren (sprich: mit Merkel als Kanzlerin), war ich dafür. Die Bundestagswahl 2005 ging super-super-superknapp aus, der Stimmerfolg gab der SPD recht, sich trotz der Kompromisse nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen.

Jetzt sieht das ganz anders aus. Salomonisch gesprochen könnte man sagen: besser eine Regierung mit SPD-Beteiligung als eine, in der Merkel und Seehofer frei herumlaufen. De facto trägt man aber nur weiter zur Apotheose von Angela Merkel bei, wenn man in dieser Regierung etwas bewerkstelligt.

Egal wieviele Kompromisse man der Union in den Verhandlungen jetzt abgerungen hat und wieviel Minister man unterbringt, man hat sich das eigentlich nicht verdient, weil hinter dem Wahlkampf keine Idee steckte und hinter der Beteiligung an einer großen Koalition noch viel weniger. Das Mitreden an sich ist freilich eine passable Motivation für eine Volkspartei, und da alles andere als Realpolitik im Moment als schwer uncool gilt, traut man sich kaum noch querzudenken, geschweige denn gesellschaftliche Utopien mehr als im stillsten Kämmerlein zu diskutieren, aber mir reicht das nicht.

Ich will eine Vision, ich will einen klaren Widerspruch. Zu NSA, zu Vermögensspekulation, gegen Deutschtümelei und den sanften Separatismus, den man mit der Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft andeutet. Ich will schnellere Lösungen mit der Atomkraft und gerechtere Verteilung des Vermögens, mindestens eine marginale Regulation der Marktwirtschaft und das Ablegen des blinden Glaubens an Wirtschaftskreisläufe.

Was ich nicht will, ist eine “Der Weg ist das Ziel”-Philosophie der SPD, in der Politik ist das nur eine Ausrede. Vier Jahre Erfolg in der großen Koalition bedeuten zudem nur eins: weitere vier Jahre in der Koalition oder vier in der Opposition. Die Früchte wird nie ein Sigmar Gabriel tragen, wenn es welche zu tragen gibt, dazu fehlt ihm eine halbwegs sympathische Außenwirkung, das hat nichts mit seinen Fähigkeiten als Politiker oder seiner Gesinnung zu tun, schauen Sie sich nur die Beliebtheitswerte an.

Im besten von diesem schlechten Fall, zieht man sich in den kommenden vier Jahren mit Hannelore Kraft heimlich einen furchterregend roten Merkel-Golem heran, während man die Union in der Koalition einlullt.

Zur Bayernwahl und überhaupt

Warum kann ein Wendehals und Egotist wie Seehofer trotz Nepotismus, Bankenskandalen und vollkommen zerstocherter Parteipolitik solche Mehrheiten auf sich vereinen? Nicht schwer zu erklären: Unsere Gesellschaft, die deutsche meine ich im Speziellen, ist motiviert von Angst und Phlegma. Nie zuvor wurde (auch dank Internet) soviel genörgelt und konvers dazu so wenig getan. Das Kehren vor der eigenen Haustür geht halt viel besser, wenn sich der Status Quo nicht ändert und damit ist das bundesdeutsche wie das bayerische Wahlverhalten erklärt. Die Leute haben eine Heidenangst und sind obendrein faule Schweine.

In meiner Wahrnehmung hat diese groteske Lebensangst mit dem 11. September begonnen und ihre nächsten sich selbst bestätigenden Kapitel mit der Lehman-Bankensause und der Staatspleite von Griechenland erfahren. Dazu kommt das, was ich die globale Gewissheit nenne: wir saturierten Eurpäer sind nicht mehr alleine auf der Welt, und unser Artverwandter, die USA, hat seine abschirmende Hegemonialstellung verloren. In der größeren Hälfte der Welt erheben nun (und eigentlich schon immer) Krieg, Hungersnöte und Revolution ihr meist hässliches Haupt. Im Angesicht dieser Kumulation von Unwägbarkeiten hilft nur eine Bewahrungsmentalität und wie man etymologisch unschwer herleiten kann, entspricht der politische Konservatismus dieser Geisteshaltung am besten. Dazu kommt noch ein bisschen Rückzug ins Private und Materielle (ein neues Biedermeier, sprich die Eigentumswohnungsbewegung) und fertig sind die Machtverhältnisse der Achtziger Jahre. Wir erinnern uns: auch damals war die Angst groß: vor Waldsterben, Atomkrieg und den Russen.

Brennerpass Extrablatt:
Meinungsfreiheit verbieten

Natürlich fragt mich die letzten Tage öfter mal jemand nach Uli Hoeneß. Und ab heute fragen mich die Leute dann sicher auch nach Mario Götze. Und warum der Hoeneß so ein falscher Fuffziger ist und wir andere Vereine kaputtkaufen, und ob wir vielleicht sogar der Leibhaftige sind, und ob Philipp Lahm wirklich schwul ist. Die Antwort auf alle Fragen ist dieselbe: Ich weiß es – verdammt noch mal – nicht. Und vielleicht lautet sie sogar: Ich weiß es – verdammt noch mal – noch nicht.

Aber ich will mich auch nicht drücken, nur weil der Kragen vom roten Trikot gerade ein wenig eng wird. Wenn wirklich herauskommt, dass der Hoeneß massiv die Steuer beschissen hat, dann nivelliert das nicht im Geringsten das was er für Verein und Fußball getan hat, aber es lässt ihn als ganz großen Scheinheiligen dastehen, und dann sollte er auch als Präsident zurücktreten, there I said it. Gibt es wider Erwarten eine vernünftige Erklärung, kann ja alles so weiter gehen wie bisher und vielleicht kostet die Sache dann bestenfalls der scheiß CSU ein paar wertvolle Stimmen. Bravo Uli schon mal dafür.

Was den Götze-Transfer betrifft: Ich verstehe den Zeitpunkt der Meldung nicht, selbst wenn er nicht (wovon ich ausgehe) von Bayern lanciert war. Niemand, weder der BVB, noch der FCB hat was von der Unruhe, die jetzt so kurz vor dem alles entscheidenden Halbfinale ausbricht. Alles was da erzeugt wird, sind Gehässigkeiten und eine gehässige Grundstimmung und die schmeckt mir nicht (der BILD natürlich sehr wohl, weil sie so Zeitungen verkauft). Nicht nur weil die Gehässigkeit gegen “meinen” Verein geht, ich hab die Gehässigkeit per se über.

Die Gehässigkeit, die entsteht, weil mittlerweile jeder publizieren kann, wie ihm der Arsch grade hängt. Ohne Vorkenntnis, ohne Niveau, ohne Geduld, ohne einen Funken Humanismus, ohne Herz. So sehr ich das Netz dafür liebe, dass es den Kreislauf der ewigen obrigen Verschleierung rüde in zwei Teile zerreisst, so sehr hasse ich es dafür, dass es jetzt jedem unreflektierten Wutanfall eine Stimme verleiht. Ich darf mich da selbst nicht ausnehmen, ich habe auch eine ganze Weile gerade in dieses Blog ungefiltert meinen Grant hineingerotzt.

Irgendwann ist mir allerdings das Wüten der Welt (um Marten ‘t Haart zu zitieren) zuviel geworden und jetzt versuche ich im Idealfall noch lustig die Meinung zu sagen, auch wenn mir das nicht verlässlich gelingt. Okay, jetzt bin ich weg vom eigentlichen Thema gekommen. Wo waren wir? Ach so, beim FC Bayern. Wisst ihr was? Es ist nur Fußball, ich schau mir in ein paar Stunden das Spiel an und habe mindestens bis dahin ganz eskapistisch überhaupt keine Meinung mehr. Das entspannt und befreit ungemein, und ich kann es nur empfehlen.

Stadtentwicklung

Das kann auch nur Berlin: Eine Umleitung in eine Umleitung umleiten. Oder: Dort Straßenbaumaßnahmen eröffnen, wo man hinfährt, weil anderswo Straßenbaumaßnahmen eröffnet wurden. Man wird schier verrückt, wenn man darüber nachdenkt. Und noch verrückter, wenn man mit dem Auto schnell mal wohin muss. Ich möchte mal jemand kennenlernen, der in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung arbeitet. Oder vielleicht auch nicht.

Brandenburg

Das war ein Tag, wie man ihn nicht zweimal in der Woche erleben will. Noch mit dem Eindruck der ganzen Oslo-Scheiße aufgestanden und dann ganz tief nach Brandenburg hineingestoßen wegen eines Termins. Leider hat Termingebender Brandenburger Unmensch meinen Termin terminiert, ohne mich davon zu unterrichten, und so kann man getrost sagen, dass ich die anderthalb Stunden umsonst gefahren bin, denn zu sehen gab es in dem Ort nur ein Loch, wo vorher angeblich ein Zentrum war. Und ich weiß nicht, ob es an dem Loch – der Baustelle – oder an der Mittagszeit lag, aber die Stadt war leer wie nach einer Evakuierung. Lediglich ein paar alte Leute und ein paar verstreute Skinheads schienen nicht auf dem neusten Stand zu sein. Nach einem mediokren Tiramisueis in der Waffel und dem Gefühl hier ein Blickfang oder eine Provokation wider Willen zu sein, fuhr ich unverrichteter Dinge (zählt man Einparken nicht mit) wieder nach Berlin, wo in der Nacht wieder beinahe ein paar Leute verbrannt wären, weil jemand mal so richtig seine Wut an einem Kinderwagen ausgelassen hat. Dazwischen war ich aber noch im Designer-Outlet an der B5, um meiner Nikeschuh-Sucht Genüge zu tun und danach hatte ich auch eine Theorie parat, warum der eine Ort in Brandenburg so ausgestorben war. Immerhin gab es bei Jack And Jones nochmal 50% Rabatt auf den Outlet-Rabatt. Und dann noch Fußball und die Nachrichten und die Toten wurden noch einmal aufgestockt und dann Afrika und zu guter Letzt auch noch Amy, die arme Sau. Scheiß Tod, scheiß Brandenburg hab ich mir gedacht, bevor ich ins Bett gegangen bin.

PS: Rettet eure Seelen!

Warum der Dietl ein Depp ist

Achtung! Vielleicht ungerechte Vorverurteilung eines Medienprodukts aufgrund von Generalverurteilung eines der Mitwirkenden. Kategorie: Kulturcybermobbing und leckts mich Arsch.

Weil er zusammen mit dem Patrick Süskind die besten Dialoge (sagt auch der Kroetz) der deutschen TV-Geschichte geschrieben hat und weil die authentischsten (aus der Sicht eines Bayern zumindest) Serien Deutschlands dabei herausgekommen sind, als da wären Münchner Geschichten, Monaco Franze und Kir Royal, hab ich den Dietl vergöttert und ihm sogar seine Liebesraserei mit der Ferres verziehen.

Dann kamen da noch ein paar äußerst gelungene Unterdiegürtelliniehiebe gegen die Kulturschickeria (Schtonk) und die Schickeria im Allgemeinen (Rossini), eine halblustige Mediensatire (Late Show mit H. Schmidt in seiner besten Rolle) und eine Melancholik-Arschbombe, die ihreskitschigen sucht (Vom Suchen und Finden der Liebe). Aber das ist bei dem Œuvre natürlich zu verzeihen.

Ungesehen nicht mehr zu verzeihen ist die Neuauflage von Kir Royal in Berliner Verhältnissen – wen interessieren schon Berliner Verhältnisse, außer dass die Invalidenstraße zwei Jahre lang gesperrt ist und die Avus noch dazu – mit Bully Herbig (hmm, geht so) in der Hauptrolle und – jetzt kommt’s – einem Originaldrehbuch von Helmut Dietl und Volldeppjamin Stuckrad-Barre. Und damit hat der Dietl ausg’schissn bei mir und das, wo er doch fast nochmal die Kurve gekriegt hätte, indem er einfach gar nichts mehr schreibt und filmt. Gott ist tot.

-> Lesen Sie bitte hierzu auch diesen Artikel aus dem Frühwerk des Bloggers, den sie St. Burnster nennen.

Schildbürgerstreich

Es ist der Wahnsinn, oder? Was heutzutage von diesen ominösen Schildern an der Autobahn alles als Sehenswürdigkeit herbeideklariert wird. Historisches Regensburg lass ich ja noch durchgehen. Und dass es vom Schild zum Kloster Chorin zum eigentlichen Kloster dann noch eine halbe Stunde über schäbigste Landstraßen geht, kann ich auch noch verkraften, aber dann kommt sowas wie Tirschenreuther Teichpfanne. Was soll denn das sein, eine Teichpfanne und seit wann ist Tirschenreuth überhaupt sehenswert in irgendeiner Hinsicht? Klar, wenn man den unverständlichsten Dialekt Bayerns hören will, dann kann man da hin, aber wahrscheinlich ist da schon ein Schild in der Mache. Tirschenreuther Dialekt-Pfanne.

Berlin ist zum Beispiel gar nicht auf einer sogenannten “Unterrichtungstafel” angeschrieben und klar kann man sich drüber streiten, ob Berlin eine Sehenswürdigkeit ist, aber bei Hof / park & see stellt sich diese Frage weiß Gott nicht. Dafür die, warum’s in Englisch dransteht und ob “park & see” sowas wie “park & ride” ist und wenn ja, was es denn jemals in Hof zu sehen gegeben hätte ausser das Schild mit dem durchgestrichenen Ortsnamen.

Die absurdeste, überflüssigste, dreisteste und am weitesten von der Autobahn entfernt liegendste Sehenwürdigkeit hab ich aber neulich auf der A 93 in Höhe Hausen gesichtet. Seht selbst:

Schlechte Nachrichten

Heut morgen den CD-Player (Anachronismus) eingeschaltet und das erste Lied war “Radiation Vibe” von Fountains Of Wayne. Ich will gar nicht auf eine Pointe hinaus, die Begebenheit trägt nur weiter zu meinem allgemeinen Unwohlsein bei. Ich fühl mich wieder ein bisschen wie damals, als ich Gudrun Pausewangs Neo-Gothic-Novels (“Die Wolke”, “Die letzten Kinder von Schewenborn”) gelesen habe. Fallout-Paranoia in full swing. So sind wir aufgewachsen in den Achtzigern, mit dem Argwohn gegenüber der Technologie und der Angst vor Atomkrieg oder Störfall. Und heute scheint so bestechend schön die Sonne in Berlin, während sich drüben das Gift in die Lüfte schwingt. Hauptsache hier ist alles unter Dach und Fach mit der Laufzeitverlängerung.

Berlin 2011

Gestern war ich leit langem mal wieder auf einer Wohnungsbesichtigung. Der Mann am Telefon hatte mir einen mehr oder minder privaten Besuch bei den Vormietern angedeutet. Das erwartete ich aber auch bei der horrenden Provision. So sind wir also nach Schöneberg gefahren und standen pünktlich um halb vier vor der Tür, vor der wir abgeholt werden sollten, während der feine Herr Makler bereits mit 20 Leuten in der Wohnung war. Jetzt sammelten sich aber um uns weitere 20 Leute, so dass am Ende 40 Leute in einer möblierten 97m2-Wohnung herumstampften, einer unsympathischer als der nächste. Ständig wurde man rüde zur Seite gedrängt, da störte es scheinbar wenig, dass ich eins dieser praktischen Kleinkinder im Arm hatte, wegen denen man in der Regel von fremden Ellenbogen verschont bleibt. Nicht so hier. Inmitten dieses gallertartigen Chaos aus schnatternden Doppelverdienern und abschätzig Maß nehmenden Anzugträgern stand der Makler wie der Sonnenkönig und verteilte gönnerhaft seine Bewerbungszettel. Eine Frau ging auf ihn zu, ohne auch nur ein anderes Zimmer der Wohnung betreten zu haben und sagte so etwas wie: “Hier hab ich ihnen gleich den Einkommensnachweis reingepackt.” Wir sind dann geich gegangen. Man konnte ja eh nichts von der Wohnung sehen vor lauter Leuten. Ich hab dann noch was geschrien von “Ich vernutte mich doch hier nicht für eure scheiß Wohnung”, aber das hat in dem Trubel eh keiner bemerkt. Die Wohnung war übrigens in einem der noch eher unwirtlicheren Teile Schönebergs. Ich hab schon zahlreiche solche Wohnungsbesichtigungen mitgemacht. In München.

UPDATE: Durch einen Datenbank-Umzug meines Providers wurde leider der ursprüngliche Artikel und damit auch alle vorhandenen Kommentare gelöscht. Sorry.

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