‘Kurzkritiken’

Kurzkritiken zu Deadpool, Hail Caesar, Spotlight

DEADPOOL
Mit Zwanzig hab ich den „Merc with a mouth“ gern gelesen. Aber mit Zwanzig hab ich auch noch viel geweint, mich selbst als den „Tritt gegen das Schienbein der Gesellschaft“ bezeichnet, jeden Tag im Schnitt sechs große Bier getrunken und die Balladen auf der „Mellon Collie and the Infinite Sadness“ gehört. Und das ist das Erstaunliche: Trotz des Beavis & Butthead-Humors, trotz des penetranten Durchbrechens (Pleonasmus?!) der vierten Wand, trotz der unmodern drastischen Gewaltdarstellung war das ein guter Film. Stimmiger Plot, fetziger Takt, originelle Dialoge – aus einem Guß. Manchmal vergisst man, wie selten Filme einen wirklich unterhalten, dabei geht man doch deswegen ins Kino.

HAIL CAESAR
Hab ich direkt nach Deadpool gesehen. Über diesen Film zu lästern, fällt einem schwer, wenn man die detailverliebten Sets und Meta-Sets, die Choreographien, Kostüme und Manierismen betrachtet, sprich: die Mühe, die sich die Coens mit der Ausstattung gegeben haben. Ich läster trotzdem. Der Film ist eine reine Nummernrevue, unzusammenhängend, ohne Spannungsbogen und wird ausgerechnet von der uninteressantesten Figur, Brolins Fixer, zusammengehalten. Promis, die überzogene Rollen in Farcen spielen, verhindern zudem, dass man sich auf die Filmrealität einlässt. Man sieht, wie George Clooney, Scarlett Johansson und Tilds Swindon vor sich hin parodieren, aber man sieht nicht die Figuren, die sie spielen. Coen-Filme funktionieren immer besser mit weniger bekannten Schauspielern, siehe Inside Llewyn Davis und A Serious Man.

SPOTLIGHT
Geistiges Erbe von „All The President’s Men“ mit Redford und Hoffmann. Ein Journalistenfilm nach Tatsachen, bedeutet: er erspart uns den romantischen Nebenplot und den großen Twist gegen Minute 90. Ein sehr selbstbewusster Film über einen Skandal, der literally zum Himmel schreit, und wie er in die Zeitung kam. Präzise, gelenkig und sezierend, aber nie aufschneiderisch.

Kritik zu The Hateful Eight

Kurz nach dem Kinobesuch (ich sah die ewig lange 70 mm-Version) wollte ich diese Kritik mit einer häufig im Film verwendeten Vokabel bestreiten: horseshit.

Dann aber hab ich begriffen, dass das mehr die Enttäuschung als meine Meinung über diesen Film ist. Enttäuschung darüber, dass Tarantino immer noch der alte Scharlatan ist und sich in meinen Augen nicht zum großen Auteur entwickelt hat. Dann wiederum: warum sollte er?

Aber langsam (im wahrsten Sinne): Hateful Eight ist eigentlich ein Schritt zurück für Tarantino, weg von der ungewöhnlich klar umrissenen Heroik von Bill, Basterds und Django. Es ist die period-piece-Variante von Reservoir Dogs: ein Haufen mörderisch selbstsüchtiger Leute trifft sich auf engstem Raum und bringt sich mehr oder weniger gegenseitig um. Natürlich ist der Film zumindest formal ein Western, dann wiederum spielt das gar keine so große Rolle. Tarantino kennt alle Western-impliziten Konventionen aus dem FF, zitiert aber nicht einfach nur vor sich hin (wie man ihm das gerne zu Unrecht vorhält), sondern strickt sich wie jeder gute Westernregisseur sein eigenes inhärent plausibles Universum daraus. Das ist diesmal sogar frei von den üblichen Anspielungen auf Popkultur (wenn man Western nicht als solche bezeichnet), was ich erfrischend fand.

Und dieses neue Universum, das mit Django Unchained vielleicht nur den nackten Rassismus gemein hat, sieht fantastisch aus. Die ersten schneeverwehten, körnigen Einstellungen a la McCabe und Mrs Miller, das lange Verweilen auf dem Wegkreuz, die Kutschfahrt mit dem Blizzard im Nacken – Exposé und Chapter One sind lässig, innovativ und mysteriös zugleich. Dann beginnt das Kammerspiel und damit das Dilemma.

Die Schauspieler, allen voran Jennifer Jason Leigh und Sam Jackson, sind alle on top of their game – Tarantino musiziert mit diesem Ensemble. Aber gerade das täuscht darüber hinweg, wie wenig seine Figuren eigentlich zu sagen haben (selbst wenn sie viel sagen), wie stereotyp sie sind (Roth muss wohl als süffisant geschwätziger Waltz-Ersatz herhalten) und wie irrelevant ihre Gespräche sind, wenn sie nicht gerade dem Plotfortschritt dienen. Ich behaupte: so einem Ensemble reichen auch fünf Minuten, um die Figuren auszufüllen, es müssen nicht 1,5 Stunden vergehen. Das Tarantino das mit voller Absicht in die Länge zieht, ist sein gutes Recht, aber es darf mich ja trotzdem zermürben, vielleicht will er auch das genau so. Auf deutsch: ich habe mich gelangweilt und mich gefragt:

Warum hat Tarantino genau diesen Film gemacht? Ich würde es wirklich gerne wissen. Wollte er einfach mal einen Bürgerkriegswestern machen, ist der Film ein Kommentar zum „Schlachthaus USA“, der langen Tradition seiner zivilen Gewalt-Exzesse, oder war das einfach der nächste Film, der Tarantino nach Django einfiel und ihm Spaß bereitete? Natürlich kann der Reiz genau darin liegen, darüber zu spekulieren, aber ich mir fehlten nach zwei Stunden Zoopalast, einem halben Liter zuckerfreier Cola und einem Energiegetränk die Anhaltspunkte und die Schlusskapitel haben mich noch mehr verwirrt. Wirkten sie auf mich doch wie das pflichtbewusste Abspielen ein paar mittelinteressanter Story-Twists plus der refrainartigen Brutalität von Tarantino-Filmen.

Ein amerikanischer Kulturkritik-Podcast lobt Tarantino als „master manipulator“ seines Publikums und auch er selbst sieht sich laut eines Artikels (mir ist entfallen welcher) als jemand, der das Publikum dazu bringt, in den abartigsten Situationen zu lachen oder Leuten die Daumen zu drücken, die man im nächsten Moment in die Geschlossene einweisen möchte. Aber das ist keine Kunst. Das ist Tarantinos leichteste Übung, das hat er in vielen seiner Filmen bewiesen und ausgereizt. Ich mag nicht der verlässlichste Filmkritiker sein, aber für mich hat sich seine Grauzonen-Moral genau wie die laute und explizite Gewalt ästhetisch erledigt. Ich wage sogar zu behaupten, sie ist nicht mehr zeitgemäß.

In erwähntem Podcast wird die Anekdote einer Dozentin herangezogen, die amerikanischen und russischen Studenten gleichermaßen Hamlet beibringt. Die amerikanischen Studenten nehmen zunächst an, Hamlet sei der Held und folgen nur zu bereitwillig seiner Moral und Sicht der Dinge, die russischen entlarven ihn augenblicklich als den „unreliable narrator“, der er ist. Jetzt möchte ich Tarantino nicht die Fähigkeit absprechen, gekonnt und vielleicht sogar im Ansatz gesellschaftskritisch mit den moralischen Erwartungshaltungen seines amerikanischen Publikums zu experimentieren, aber das Spiel ist doch zu leicht zu durchschauen für jeden, der wenigsten Pulp Fiction gesehen hat. Für mich hat das an massiv Faszination eingebüßt, allerdings sprachen die Ovationen im Kino eine andere Sprache, was das deutsche Publikum angeht.

Ich bin unglaublich gespannt auf Tarantinos nächsten Film. Bis Hateful Eight hatte er mich immer überraschen können und eines Besseren belehren, und ich musste mir eingestehen, wie wenig Fantasie und Talent ich ihm schon wieder zugetraut hatte. Sogar der im letzen Viertel ins Belanglose abkippende Django Unchained ist bis zum Tod von Waltzs Charakter eine wundervolle Roadshow aus echtem Western, Western-Zitat und peppigen Tarantino-ismen. Doch diesmal hatte ich zum ersten Mal das Gefühl der Mann kocht doch nur mit Wasser und wären da nicht immer wieder diese unglaublichen Schauspieler und seine Art, sie zu führen, bliebe manchmal tatsächlich nur horseshit übrig.

Kurzkritik zu The Big Short

Vielleicht ein bisschen apokalyptisch, das jetzt schon zu sagen, aber: Wenn man 2016 nur einen Film im Kino schauen muss, dann den. Adam McKay hat bisher hauptsächlich alberne Will-Ferrell-Vehikel wie Anchorman gedreht, aber wie ein Bailout-Phönix aus der Housing-Bubble-Asche wird er mit diesem Film zum Filigranfilmer.

Achtung langer Satz: Aus der Bankenkrise in kompromisslosem Banker-Lingo und einem loose-hangenden Ocean’s-Eleven-artigen Ensemble einen gleichermaßen drastischen wie lakonischen Film zu machen, den man euphorisiert beklatschen möchte und sich danach vielleicht von einem 30-Stöcker in der Upper West Side stürzen, das soll ihm mal jemand nachmachen.

Ich hab die Sachbuch-Vorlage „The Big Short: Inside The Doomsday Machine“ nicht gelesen, aber bei aller Comedy und Fourth-Wall-Breaking ist der Film ein Blizzard an Plausibilität. Am Ende dachte ich sogar kurz, ich hätte das Bankenwesen und den Grund für seinen (vorübergehenden) Niedergang verstanden. Beim Nacherzählen bin ich dann aber sofort wieder drauf gestoßen, wie grotesk und irrational das Kapital-Betriebssystem ist. Nicht weil es so kompliziert wäre, sondern weil man es wie Daten-Unkraut vor sich hin wuchern hat lassen.

Fazit: Ein hinreißender und abstoßender Film zugleich, den vermutlich viel zu wenig Leute im Kino sehen werden, die ums Verrecken ein Haus kaufen wollen.

Kurzkritiken zu The Revenant & The Martian (Survival Sexy Time)

THE REVENANT

Jim Jarmuschs „Dead Man“ als Survival-Horror-Remake? Naah, das wäre Polemik. Aber Inarritu, der sich doch mit „Birdman“ bei mir komplett für seine geschwätzige Vielsagerei rehabilitiert hatte, weil er so etwas wie Soul (und Humor) gezeigt hat, gefällt sein eigener Film viel zu gut, als dass er tatsächlich gut sein könnte.

Dabei fängt alles so gut an: Der Indianerangriff zu Beginn ist der Beste, den ich je in einem Western gesehen habe, und ich muss es wissen, ich arbeite immer noch an meinem Mammutblogeintrag „Die fünfzig besten Western“. Danach verfällt der Film in Indianer-Klischees, Landschaftsaufnahmen und langwierige Albtraum-Passagen für Vegetarier und Pferdeliebhaber, und – fragt mich nicht wie – irgendwie schaffen’s auch noch eine Lawine und ein Komet in den Film.

Leo DiCaprio macht das wirklich gut, aber der kann sich seinen überfälligen Oscar noch so hart und halbnackt in der Tundra erarbeiten wollen, irgendwann wird selbst Leid, Entbehrung und Unbill zum running gag, wenn man einfach nicht damit aufhören kann.

Apropos running gag: Unverzeihlich bleibt die Besetzung von Tom Hardy, sein überinszenzierter texanischer Akzent riss mich schneller aus der Suspension of Disbelief als die Szene mit dem fliegenden Pferd (kein Pegasus, nicht zu früh freuen). Schnee, gute Bärte, Skalpierte, Leo, Hardy, Männer auf gefrorenen Seen – es war eigentlich alles da, aber von allem war’s dann doch zu viel und zu selbstgefällig.

THE MARTIAN

Gaffer Tape ist das fünfte Bandmitglied (falls eure Band vier Mitglieder hat). Das weiß jeder, der Musik macht. Seriously, das Zeug klebt wirklich alles, warum macht man Gaffer Tape nicht zum neuen Projektleider am BER oder der Elbphilharmonie? Bis auf die außerirdische Haftkraft von Klebeband aber nichts Neues in diesem interstellaren „Cast Away“-Remake. Matt Damon (bzw. Autor Drew Goddard) hat verstanden, dass der Zuschauer nur dann 144 Minuten im inhaltsleeren Raum überleben kann, wenn man ihn mit pfiffig lakonischen Video-Podcasts bei der Stange hält. So gesehen tatsächlich ein Film aus der Zukunft.

2015

Sensation! 2015 habe ich nicht mehr alte Musik als neue gehört. Ein gutes Jahr für Musik, ein schlechtes für den Weltfrieden, aber das geht ja oft Hand in Hand. Und ich sags lieber gleich, bevor mich jemand in Fachgespräche verwickeln will – etliche der neuen Platten hab ich nur einmal gehört, ich bin kein Musikfanatiker. Nie gewesen entgegen popular belief.

Platten:
Sufjan Stevens – Carrie & Lovell
Grimes – Art Angels
Bilderbuch – Schick Schock
Kendrick Lamar – To Pimp A Butterfly
Iron Maiden – Book Of Souls
Slayer – Repentless
Courtney Barnett – Sometimes I Sit And Think…
Tribulation – The Children Of The Night
Albert Hammond Jr. – Momentary Masters
Katey Musgraves – Peageant Material
Jeff Lynne’s ELO – Alone In The Universe
The Go! Team – The Scene Between
Bry Webb – Provider (2014)
Chvrches – Every Open Eye
The Weeknd – Beauty Behind The Madness
Baroness – Purple
Beach Slang – The Things We Do To Find People Who Feel Like Us
Vince Staples – Summertime 06
Third Eye Blind – Dopamin
Kamasi Washington – The Epic

Alte Platten:
Leatherface – Razorblades & Aspririn (Boots, Mush, Minx Remastered)
ZZ Top – Tres Hombres
Simon & Garfunkel – Sounds Of Silence
James Taylor – Sweet Baby James
Thelonius Monk – Monk’s Dream
Charlie Mingus – East Coastin
The Pogues – Rum Sodomy And Lash
Steely Dan – Countdown To Ecstacy
Megadeth – Rust in Peace
The Grateful Dead – The Best Of Skeletons From The Closet
Bry Webb – Free Will
Kashmir – No Balance Palance

Lieder:
Baroness – Shock Me
Kendrick Lamar – King Kunta
Bilderbuch – Schick Schock
Chvrches – Leave No Trace
Grimes – California
The Weeknd – Can’t Feel My Face
Macklemore & Ryan Lewis – Downtown
Slayer – Repentless
Iron Maiden – Empire Of The Clouds
Whiz Kalifa/Charlie Puth – See You Again
Frank Turner – The Next Storm
Third Eye Blind – Say It
Jason Derulo – Want To Want Me
Carly Rae Jepsen – I really like you
Jeff Lynne’s ELO – Dirty To The Bone
Albert Hammond Jr. – Losing Touch
The Go!Team – The Scene Between
Deichkind – So ne Musik
Bry Webb – River Of Gold (2014)
Katey Musgraves – Dime Store Cowgirl
Ghost – From The Pinnacle To the Pit
Sufjan Stevens – Fourth Of July
Bry Webb – Rivers Of Gold

Alte Lieder:
Kendrick Lamar – Backstreet Freestyle
Action Bronson – The Come-Up
The Grateful Dead – Casey Jones
The Grateful Dead – Onkel John’s Band
ZZ Top – Waiting for the Bus
James Taylor – Fire And Rain
Thelonious Monk – In Walks Bud
Tori Amos – Pretty Good Year
Jimmy Cliff – Vietnam
Simon & Garfunkel – Blessed
Kashmir – California
Johnny Nash – I Can See Clearly Now
The Pogues – The Main Drag
Nick Cave – From Her To Eternity
Tygers Of Pan Tang – Take It
The Knife – You Take My Breath Away
Iron Maiden – To Tame A Land
Rush – Great Designs
Beyonce – Countdown
Scout Niblett – Gun
Ryan Adams – Starting To Hurt
NWA – Fuck the Police
Leatherface – I Live For You

Spiele:
Knights Of The Old Republic II (MacOS)
Batman: Arkham Knight (PS4)
Shadow of Mordor (PS4)
Fallout 4 (PS4)
FIFA 15 (PS4)
Crossy Road (iOS)
Wrestling Revolution 3D (iOS)
Altos Adventure (iOS)
Yeti Skiing (iOS)
Sword Of Xolan (iOS)
The Banner Saga (MacOS)

Filme:
Sicario
Locke
It Follows
Slow West
Whiplash
Birdman
Star Wars: The Force Awakens
Bone Tomahawk
Blackfish
Arts & Craft
The Impostor
Inside Out
Avengers: Age Of Ultron
Das ewige Leben
Mad Max: Fury Road
Predestination
Inside Out (Alles steht Kopf)

Alte Filme:
Three Days of Condor
Chinatown
Jaws
She Wore A Yellow Ribbon

Serien:
Justified S06
Fargo S02
Daredevil S01
Narcos S01
Better Call Saul S01
Master Of None S01
Jessica Jones S01
Crossbones S01
Game Of Thrones S05
Bojack Horseman S02
Making a Murderer S01

Bücher (2015 gelesen):
Steffen Kopetzky – Risiko
E.M. Remarque – Im Westen nichts Neues
Daniel Bryan – YES! My Improbable Journey…
Michael Eberth – Eidinger (Interviewbuch)
Reynolds/Alvarez – The Death Of WCW (Revised Edition)
Alan Sepinwall – The Revolution was Televised
Don Winslow – Power Of The Dog
Don Winslow – The Cartel
Vaughan/Staples – Saga Vol. 5 (Comic)
Snyder/Capullo – Batman: Endgame (Comic)
Charles Soule – The Death Of Wolverine (Comic)
Miller/McNiven – Old Man Logan (Comic)
Wilson/Alphona – Ms. Marvel (Comic)

(Kurz)kritik zu Star Wars: The Force Awakens

Ums gleich vorweg zu nehmen: ich hatte eine Fetzengaudi, fühle mich aber ein wenig benutzt.

Im Einzelnen: Sehr gutes Ensemblekino, originelle, sich das offensichtliche Augenzwinkern meist sogar sparende Dialoge, mitunter liebenswerte Sidekicks inkl. Roboter (von der Hackfresse C3PO mal abgesehen) und mit Daisy Ridley eine Hauptdarstellerin, der ich auch nackt mit Ewok-Allergie nach Endor folgen würde. Dazu Effekte und Setpieces, die sich trotz Ikonenstatus sehr natürlich anfühlen (I’m looking at you, broken down AT-AT)

Auch Darth Vader Junior und seine sich ankündigende Evolution in Gestalt von Kyle Reno (oder so) macht sofort Appetit auf mehr interstellare Gehässigkeiten. Adam Driver hat einfach die Ohren für einen kleinkarierten Supervillain. Das kann man leider von Darth Gollum (bzw. Snoke bzw. Darth Plagueis? bzw. Andy Serkis) als Imperator-Epigone nicht behaupten. Aber der ist ja auch bisher nur fernmeldetechnisch anwesend. Und wie gesagt, auf der Schaupspieler/Figurenebene gibt’s nichts zu meckern. Alle funktionieren beim Zuschauer so wie sie sollen, niemand ist seelenlos platzhalterisch.

Dafür die Handlung. Der Plot ist mutlos bis zu einem Punkt, wo aus der eigenständigen Handlung lediglich eine Referenz wird. Formulaisch ist das richtige Wort, Remake (von „A New Hope“) vielleicht auch kein falsches. George Lucas war da mit den Prequels innovativer, er hat zwar hochdubiose Green-Screen-Panoptiken mit miesen Dialogen und ohne Spannungsbögen gedreht, aber in Punkto Star-Wars-Mythologie hat er sich doch weiter aus dem Fenster gelehnt als nur die originale Trilogie zu recyclen. Force Awakens ahmt in den wichtigsten Handlungsschritten den ersten Star Wars so originalgetreu nach, dass der Plot bis ins Detail vorhersehbar wird.

Fazit: Ich war trotzdem glücklich und bin sehr neugierig drauf, wie’s weitergeht, bin aber auch zu beiden Gefühlen erpresst worden. Zum einen weil der Nostalgiefaktor so hoch ist, dass man als jemand, der Return Of The Jedi noch im Kino gesehen hat, zwangsweise schon beim Intro hyperventiliert, zum anderen weil sich der Film absichtlich enigmatisch und andeuterisch gibt, um Interesse am neuen „expanded universe“ (würg) zu wecken. Wirtschaftsprognose: Star Wars wird basierend auf diesem ersten Eindruck noch ziemlich long und prosper leben.

PS: Die lausige Schlusseinstellung (ein „spinning shot“) würde sich selbst ein Filmschüler verkneifen. Da kommt dann doch wieder der lens-flare-Poser in Abrams durch.

Kurzkritiken zu Bridge Of Spies, Insidious 3, Prisoners, The Gift, Bone Tomahawk

BRIDGE OF SPIES
Vielleicht habe ich zuviel Don Winslow in letzter Zeit gelesen, aber BoS kam mir dagegen vor wie eine alterschwache Angorakatze, die mir in der Novemberkälte die Füße wärmt, weil sie zu faul ist aufzustehen. Bedeutet: Altmodische aber erfreulich klare amerikanische Moralvorstellungen, das Pacing ein langer ruhiger Fluss aber auch nur selten das Gefühl von Ohnmacht gegenüber den Verhältnissen. Selbst der gehässige DDR-Unterhändler Vogel wirkt zu keiner Zeit bedrohlich und bekommt sein Fett ausreichend durch einen verweigerten Handschlag weg. Aber Spielbergs Zen-Filmerei dürfte dann von mir aus dennoch etwas verstörender ausfallen, zumindest wenn die Coens das Drehbuch schreiben und nicht in eine Art Tom-Hanks-Nummern-Revue ausarten, welche die Tristesse des kalten Krieges (dessen atomare Drohkulisse hier seltsam ungefährlich wirkt) ausgerechnet mit völlig überinszenierten Szenen des Berliner Mauerbaus bei 20 Grad Minus bebildert. Russenpeitsche deluxe quasi. Am Ende wird es mir dann wie bei so vielen Spielberg-Filmen zu staatstragend, aber in Zeiten wie diesen ist daran grundsätzlich nichts auszusetzen.

INSIDIOUS CHAPTER 3
Im Grunde überflüssiges Prequel zu zwei guten Vorgängern (Nachgängern?), das beinahe die letzte Luft aus meiner ursprünglichen Begeisterung für Geisterjägerfilme a la The Conjuring rauslässt. Mal schauen, ob Conjuring 2 noch reinhaut, denn das für all diese Filme Pate stehende Familienghostbusterunternehmen Warren hat eigentlich eine Menge mehr zu erzählen als das Standard-Repertoie von Jumpscares und Gruselomas. You know what? Eigentlich hab ich mich doch ganz gut amüsiert, die Hauptdarstellerin Stephanie Scott lässt einen dann irgendwie gut mitleiden bei ihrer Haunted-House-Migräne.

PRISONERS
Weil ich Denis Villeneuves Sicario so großartig fand, hab ich auch dem völlig deprimierenden Entführungsfilm „Prisoners“ eine Chance gegeben. Und fand ihn zu niederschlagend, um ihn zu Ende zu sehen. Freudlos und dann doch zu gewollt Freudianisch.

THE GIFT
Unfetziger Psychothriller-Shit, wie er in den Nullern zurecht ausgestorben ist. Dachte ich. Immer im Unklaren sein ist nur dann ein valides Stilmittel, wenn es nicht zum Selbstzweck erhoben wird. Außerdem ist der Zeitgeist einfach längst an solchen Nachbarschafts-Slashern vorübergaloppiert.

BONE TOMAHAWK
Leck mich am Arsch, was für ein Gorefest. Allerdings erst im letzten Drittel. Bis dahin wirklich ein guter Western. Ob man allerdings 2015 noch fleischfressende Native Americans zeigen darf, die anständige Siedler verschleppen und verspeisen, ist die andere Sache. Ich halt mich da raus, und erfreue mich wie schon in Fargo Season 2 an der nonchalanten Aufrichtigkeit von Patrick Wilsons Charakter und natürlich an Kurt Russels Schnauzer.

Kurzkritik zu Spectre

Machen wir es kurz: Dieser anachronistische Blödsinn muss bitteschön aufhören. Der Sexismus, der Verschwörungsquatsch, die lieblosen Drehbücher, das infernale Verbrennen von Millionen für sinnlose Setpieces, das kackdreiste Product Placement die nach zwei Minuten in die Luft fliegen, die unfehlbare Trefferquote in Feuergefechten, die mittelalterliche Darstellung männlicher Heroik und Daniel Craig.

Nicht weil er ein mieser Schauspieler ist, er ist eben grade ein guter. Weshalb man ihm förmlich anmerkt, wie zuwider ihm das antiquierte Possenspiel ist. Christoph Waltz geht’s ganz ähnlich, nur kompensiert der sein Desinteresse mit völlig standartisiertem Bond-Bösewicht-Gehabe, das so berechenbar abläuft, dass man sich noch nicht mal mehr die Mühe macht, zu erläutern, was der Big Bad denn nun eigentlich genau wollte – Weltherrschaft versteht sich ja eh von selbst. Ich werde auch nie verstehen, warum Bond am Ende jedes Films ins HQ vom Erzfeind fährt und zur Vordertür reingeht, so als wüsste er eh, dass der Superschurke an sich zu blöd ist, um ihn lange gefangen zu halten.

Und dann doch noch ein Wort zu den Frauen. Furchtbar, wie die grandiose Monica Belluci Bond als eine Art sexuelles Gnadenbrot abkriegt und sich Bond freilich aber dann wieder auf die dreißig Jahre Jüngere konzentriert. Da ist dann auch drauf geschissen, dass sie mit Psychoanalyse und Schusswaffen gleichermaßen emanzipiert hantieren kann, empowered wirkt das noch lange nicht. Zu allem Überfluss war der Film dann auch noch lang und langweilig, lediglich die Angangssequenz in Mexico City verströmt eine gewisse cineastische Magie, was aber auch einfach nur an der per se umwerfenden Grafik des Dia de los muertes-Feiertags liegen mag.

Man verstehe mich nicht falsch, ich habe nix gegen Bond, aber gebt mir Idris Elba, gebt mir runterskalierte Konkflikte und echte Bedrohungen und bitte vor allem echte Frauen.

Kurzkritiken zu Sicario, Inside Out (Alles steht Kopf), Love And Mercy

SICARIO
Einer meiner Lieblingsautoren von grantland.com hat den Film als „Apocalypse Now“ des War On Drugs beschrieben. Die Gemeinsamkeit ist der bildhafte wie ganz konkrete Abstieg in ein soziales und kriminelles Inferno, das spätestens ab der Tunnelsequenz surreale Züge annimmt, hence der Coppola-Vergleich. Dabei darf die in jedem Sinn gebeutelte Protagonistin Emily Blunt schon früh im Film einen Sneak Peak auf die Spitze des unterirdschen Eisberges werfen. Und auf der Spitze liegt die Grenzstadt Juarez und sie ist Kulisse der vielleicht spannendsten Polizeiseskorte der Filmgeschichte. Was Denis Villneuve aber noch besser kann als Drehbuch (wer weiß, ob das wirklich so gut ist, wenn man mal genau überlegt) und Metaphern, ist Filmemachen. Die hämmernde Filmmusik, als ob im Keller Trent Reznor eingesperrt ist, die Dauerbedrohung durch abschätzig sezierende Kameraeinstellungen – vieles ist Kunst, aber art for entertainment’s sake. Die Figuren und das was sie tun, ist simpel wie Einschusslöcher und trotzdem hat man das Gefühl, dass jede noch so absurde Nebenfigur (siehe die Texas-Rangers mit ihren 10-Gallon Hats) ein völlig autarkes Eigenleben führt. Der Film wirkt wie ein fürchterlich plastischer Bildausschnitt eines großen Schlachtengemäldes auf hellbraunen Landschaften. Und doch bleibt die Komplexität nur angedeutet: was man sieht, ist stets simpel, direkt und stellt keine alles übertönenden philsophischen Fragen. Man starrt einfach nur, graust und wundert sich. Dass Benicio del Toro, Emily Blunt und Josh Brolin mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit spielen, trägt freilich zu der perfekten Illusion bei, dass die Hölle ein ganz realer Ort ist und sich noch dazu langsam und immer weiter ausdehnt. Ein Film für Leute, denen es bei Netflix‘ Narcos noch zu sehr menschelte.

INSIDE OUT (ALLES STEHT KOPF)
Ein herzliches chaotisches Metapherngewitter mit noch genug Witz und moralischen Allgemeinplätzen, dass er grade so als Kinderfilm durchgeht. Trotzdem musste ich meinem Sohn noch nie so viel in einem Animationsfilm erklären wie hier. Fritz The Cat ausgenommen. Just kidding.

LOVE AND MERCY
Brian-Wilson-Biographie aus zwei verschiedenen Lebenszeiten. In der einen nimmt er grade das gottgegebene „Pet Sounds“ auf, in der anderen spricht er mit seinem Kühlschrank und lässt sich von der Liebe vor seinem narzistischen Psychotherapeuten Eugene Landy retten, den die Rock’n’Roll-Geschichte auch ohne Paul Giamattis maliziöses Spiel längst zum Beach-Boy-Antichrist abgestempelt hat. Die Sixties-Episoden haben ganz viel Flair, Musik und mit Paul Dano den richtigen Brian Wilson, die Achtziger lenken mit John Cusack als Wilson von der eigentlich Figur ab. Nicht weil er das schlecht spielt, sondern weil er halt John Cusack ist und sein Haaransatz ein merkwürdiges Eigenleben führt. Mein Highlight: Mike Love kommt im Film genauso schmierig und selbstgerecht rüber, wie ich mir das nach der Lektüre der tollen Wilson-Autiobiografie „Wouldn’t It Be Nice“ immer vorgestellt habe.

Kurzkritiken zu Straight Outta Compton, It Follows, Ex Machina, Maze Runner, The Hunger Games: Mockingjay

STRAIGHT OUTTA COMPTON
Klar wartet man geradezu auf West Coast-Gangsterrap-Klischees. Aber trotz angedeuteter Polizeigewalt, sanft insinuierter hedonistischer Exzesse und ein paar putzigen Kraftwörtern haftet der Geschichte der NWA’ler etwas seltsam ungefährlich Disneyhaftes an, was mich beim ersten Anschauen gestört hat, mittlerweile ganz und gar nicht mehr. Weil einen das Biografische nicht sonderlich viel angeht oder berührt, ist man schnell und vorbehaltlos auf die Musik fixiert. Nach dem Film hat man vor allem Lust auf alte Ice Cube-Alben, der im Film quasi vom Original nicht zu unterscheiden ist. Ähnlich gut ist Eazy-E, ein bisschen zu verschmust: der nachweislich ehemalige Wifebeater und Beats-Schöpfer (worauf uns der Abspann ausdrücklich hinweist) Dr. Dre.

IT FOLLOWS
Mal eben mit links der beste Horrorfilm der letzten zehn Jahre. Manische und kaum dagewesene Kamerafahrten, großartige Soundkulisse, neue Bildsprache und das alles nicht zum Selbstzweck, sondern nur des Bedrohungsszenarios zuliebe. Jammerjammerschade, dass der Film so lieblos mit seinem eigenen Regelwerk bzw. seiner Schreckensprämisse umgeht, sonst wär das ein instant classic. Ist er vielleicht aber auch so.

EX MACHINA
Basic Instinct mit Robotern. Aber nur die Verhörszene. Nicht der gelegentlich zitierte neue Sci-Fi-Klassiker, denn da stören ein paar hohle, lediglich künstlich intelligente Philosophie-Plaudereien der Protagonisten empfindlich. In Kulisse, Musik und Atmosphäre dennoch eine sehenswerte Reise in die Einsamkeit der auf Eskapismus programmierten Seele, vor allem wenn man schon öfter in Wellnesshotels in Brandenburg war, da sieht es genauso aus wie in der überdimensionalen finnischen Saunahütte aus dem Film. Oscar Isaac spielt das Ding nach Hause, die Roboterfrau ist leider im wahrsten Sinne austauschbar.

MAZE RUNNER
Weil ich grad seh, dass die Fortsetzung in den Kinos ist, fällt mir ein, dass ich den ersten Teil sogar gesehen habe. Das Konzept vom tödlichen Labyrinth/menschlischen Experimentierkasten hat natürlich auch fast 20 Jahre nach „Cube“ immer noch was und die familienfreundlichen Schauspieler stehen dem nicht im Weg. Eingeschlafen bin ich im letzten Drittel dann trotzdem. Die Frau behauptet: war ganz amüsant. Aber das sagt sie auch über „Supernatural“ oder diese Serie, wo einer deine Mutter trifft.

THE HUNGER GAMES: MOCKINGJAY
Finde ich sehr mutig von den Machern, dass die Filme (Bücher kenn ich nicht) immer langsamer und bedrückender werden, und immer weniger passiert. Mein Cup Of Dystopia ist das aber nicht, vor allem, weil Jennifer Lawrence das mimisch scheinbar nur aus vertraglicher Verpflichtung löst und ihr Stylist offenbar auch.

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