‘Kurzkritiken’

Kurzkritiken zu Inside Llewyn Davis & The World’s End

INSIDE LLEWYN DAVIS
So verträglich und eng, ja geradezu von Geilheit aufeinander geprägt, habe ich Kunstkino und Kommerzkomödie noch nie gesehen. Musik, Witz, Knopflochtränen, Justin Timberlake und Zeitgeschichte – alles aus einem Guss. Melanchomödischer Kostümfilm mit Folk. Lediglich die Bob Dylan-Pointe am Ende ist aus meiner Sicht ein wenig vorhersehbar, drückt sie doch nur das aus, was ich eh schon den ganzen Film lang denke: Hätte der Robert Zimmerman nur ähnlich gut singen und Gitarre spielen können wie Oscar Isaac, er wäre garantiert nie so erfolgreich geworden.

THE WORLD’S END
Das Gegenteil vom obigen Film: laut, prollig, unausgewogen, unterentwickelt und ab der Körperfresser-Phase sogar noch langweilig. Wenn man überhaupt von rausreißen sprechen knn, reißen es noch am ehesten Martin Freeman und Rosemund Pike und die amüsante erste halbe Stunde heraus. Ein Film, den ich mit 16 gut gefunden hätte, aber mit 16 war ich auch überwiegend ein Depp.

Kurzkritik zu Thor – The Dark World

Mir reichts eigentlich langsam mit der Leinwand-Version des Marvelversums. Avengers war gut, die Einzelfilme (mit Ausnahme des ersten Iron Mans) eher laut und unmythisch hingefetzt. Nur weil man ein paar selbstironische Pointen und ein sich herfrotzelndes Ensemble einbaut, wird noch kein Joss Whedon draus, Kevin Feige.

Der zweite Thor ist wie eine überlange Folge von Star Trek: The Next Generation, nur ohne Professor X, oder wie der Kapitän nochmal hieß. Ich finde eh, dass der sich in tadelloser Form befindende aber auch nicht den Film rettende Tom Hiddleston (Loki) was von einem jungen Data hat. Also Evil Data, um genau zu sein.

Der Plot ist sowieso völlig hanebüchen und selbst Michael Frontzek hätte einen passableren Bösewich abgegeben als dieser einem missglückten Make-Up-Test für den Hobbit entflohene Malekith (The Accursed, gähn). Die Chemie zwischen Chris Hemsworth und Natalie Portman verdient noch nicht einmal diesen Begriff, den verdient schon eher Natalie Portmans eisernes Make-Up, das letztlich mehr nach Maske aussieht als die von Malekith (The Accursed, gähn). Das Cap-Cameo war mein Highlight des Films, wenn man von Heimdalls Stringer-Bell-Mimik mal absieht. Einmal Wire, immer Wire.

Kurzkritik zu Resolution

Ein Film, der quasi nur aus Foreshadowing besteht, wie der native Englischsprecher sagt. Wäre in der nächsten Inkarnation möglicherweise schon wieder gelutscht, der Drohkulissendrops, aber beim ersten Mal hats auf schöne Weise weh getan. Neben Conjuring der beste Horrorfilm in dem Jahr.

Kurzkritiken zu Gravity, This Is The End, Mama, Fast & Furious 6, Room 237, Through The Never

Gravity:
Die BR Space Night als Beklemmungshorror. Das fängt so unglaublich schmuck und originell an, dass man schnell der Mär vom Film des Jahres glauben mag. Dann aber kommt Sandra Bullock. Und Sandra Bullock. Und dann nochmal Sandra Bullock. Und Sandra Bullock überschauspielt auf eine betont unterspielte Weise eine Storyline, die aus der angeblich von der Protagonistin so wertgeschätzen Stille im Vakuum eine vor lauter Rührseligkeits-Metaphern schreiende Schmonzette macht. Die den Film letztlich bei flammendem Eintritt in die Pathosphäre in den Sand setzt.

This Is The End:
Ja, schon ganz lustig. Mindestens bis Michael Cera stirbt und noch ein bisschen darüber hinaus. Oh, Spoiler, Verzeihung. Dann geht der Film den unterirdischen Weg aller amerikanischen Buddy-Filme der Neuzeit. Den Penis- und Analweg.

Mama:
Die erste Hälfte ist gut, weil die Kinder das ganz ordentlich spielen mit der Verstörung, aber dann wird es mir im wahrsten Sinne des Wortes zu fantastisch. Mal was Generelles: Ich verstehe, warum man Kindern tragende Rollen in Horrorfilmen gibt, das erreicht einen auf verschiedenen unangenehmen Ebenen, aber ich fühle mich dabei missbraucht und manipuliert. Ich will das nicht.

Fast & Furious 6:
Na ja, es ist wie immer bei der Fast-Reihe. Man fängt an zu schauen und denkt: Ah, tüchtiger Sprung mit Autos, aber nach einer halben Stunde fragt man sich, was man da eigentlich anschaut. Vin Diesel ist unfreiwillig komisch, dachte ich bisher. Kann aber auch sein, dass er das absichtlich ist, mit seinem Faltkinn.

Room 237:
So großartig die Idee, ein paar Kubrick-Wahnsinnige “The Shining” zerlegen zu lassen und so ansteckend manche Verschwörungstheorie auch ist, so fad ist der Film als Gesamtmontage aus Kubrick-Szenen ohne Bilder der Sprecher, die dadurch meistens nur anhand ihrer kruden Theorien zu unterscheiden sind. Ausgezeichnet sind die Szenen um Tod und Teufel aus den alten Stummfilmen und die Übereinanderlegung von Shining vorwärts und Shining rückwärts. Insgeheim aber langatmiger als 2001 und ohne jeden Spannungsbogen. Dennoch: Wer aus dem Film rausgeht, ohne sofort eine Kubrickbox zu bestellen, besitzt ein hohes Maß an Selbstdiszplin.

Through The Never:
An sich ja ein schöner und IMAX-kompatibler Konzertfilm, bei dem mir Lars Ulrich das erste Mal in der langen medialen Geschichte von Metallica sympathischer ist als der affektierte Yeah-e-yeah-Proll Hetfield. Die Inszenierung der postapokalyptischen Rahmenhandlung ist auch okay, die Geschichte selbst lächerlicher als jedes Ugly-Kid-Joe-Video. Ebenfalls schwer zu verzeihen: Das Weglassen der zweiten Hälfte von “Battery”. Und dann noch als Randnotiz: Wenn man sich Metallica so anschaut, ist es schwer sich vorzustellen, dass dieses neureiche Metal-Proletariat vor ein paar Jahrzehnten geradezu bachartige Epen wie “Master Of Puppets” und “…And Justice For All” geschrieben haben soll. Aber das war wohl so, und diese Songs halten jedem Jahrzehnt, jedem Trend und jedem Vergleich stand. Vermutlich für immer.

Kurzkritiken zu The Conjuring und Trance

The Conjuring:
Blitzsauberer Haunted-House-Schocker mit Ghostbuster-Hausbesuch, was verhindert, dass man sich ausschließlich mit der neurotischen Familie auseinandersetzen muss. Man mag die Spukgeschichte und Effekte für Klischees halten, aber liest man mal die Biografie der Warrens (die Ermittler) oder das Buch zum Amityville Horrorhaus, erkennt man die relativ starre Regelhaftigkeit von dämonischem Verhalten, das von den meisten Filmen von Poltergeist bis hin zum Exorzisten stets aus der “realen” Welt übernommen ist. Ich rede zum Beispiel von dumpfen Schlägen, Levitation oder Türen, die sich von selbst öffnen und schließen. Die echte Annabelle-Puppe sieht im übrigen viel furchteinflößender aus als die Chuckybraut im Film.

Trance:
Wirrer Plot zum Zweck, einen wirren Plot zu haben. Trotz guter Schauspieler, neogotischer Hochglanzpolitur und Intimrasur alles andere als ein hypnotisierender Film. Außer der Subtext war: esst mehr Brioche, dann hat er funkioniert. Mmmmh, sanftes Brioche. Besonders clever, weil im Film kein einziges Mal Brioche vorkommt. Sehen Sie, was ich hier grade gemacht habe? Wirrer Plot zum Zwecke eines wirren Plots.

Kurzkritik zu The Wolverine

Ich hab Schlimmstes befürchtet, nachdem Darren Aronofsky das Regie-Handtuch geworfen hat, aber man kann sich das Ergebnis schon noch anschauen. Mangold erteilt dem teils hanebüchenen Skript eine kleine Noir-Lektion in den ersten zwei Dritteln des Films, die zwar recht erzwungen, aber immerhin mal was anderes ist, aber am Schluss bricht das Konstrukt unter einer Wagenladung schlechter Action-Clownereien zusammen und wir sind wieder da, wo wir zuletzt mit “X-Men Origins: Wolverine” waren. Fazit: Für Claw-Hard-Logan-Fans eh ein Muss, alle anderen: Snikt it!

Kurzkritiken zu World War Z, John Dies at the End, Oz The Great And Powerful, Evil Dead, Stoker

World War Z:
Mit dem großartigen Buch von Max Brooks hat der Film nur den Titel und die Mauer um Jerusalem gemein. Sieht man davon und den rennenden(!) Zombies ab, bleibt eine blitzsaubere Tollwut-Apokalypse mit einigen guten bis sehr guten Einfällen und unaufdringlichen Protagonisten. Der einzige saudumme Monolog wird übrigens sofort mit Tod durch Schussligkeit bestraft. Das kann gerne Schule machen.

John Dies At The End:
Freakshowkino, das man so schnell nicht vergisst, aber auch so schnell nicht begreift. Ich habe immer geahnt, dass Soja-Sauce high macht. Allerdings nicht so high. Je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr bewundere ich diesen Film. Mit Vollgas in die Absurdität. Bill and Ted’s Bogus Journey in kaputt.

Oz The Great And Powerful:
Irgendwie hat es der Film nicht eilig, er will auch nichts aussagen oder besonders tolle Spezialeffekte herzeigen. Aber gerade das Behäbige an dem Film, in dem eigentlich nichts passiert, außer dass der verrückte James Franco fast bis zum Ende unausstehlich sein darf, gefällt mir. Das ist zwar kein super Film, aber zumindest ein gemütlicher. Ausnahme der viereckige Vorspann, der ist grandios.

Evil Dead:
Ich hab das Display schräg gehalten, um die Szenen nicht in ihrer blutigen Breite sehen zu müssen. Was für ein Gore-Tsunami. Ansonsten gutes und respektvoll bierernstes Remake inklusive der eigensinnigen Hand aber minus Augenfrühstück. Und ja, ich bin jetzt zu alt oder eben wieder alt genug für solche Filme: Ich scheiß mir wieder in die Hosen vor Angst.

Stoker:
Ein bisschen schwachbrüstiges Filmchen, dafür dass Old-Boy-Regisseur und südkoreanisches Regie-Schwergewicht Park Chan-wook hier inszenziert. Schwermut und Schwulst beherrschen zwar in ansprechendsten Kameraeinstellungen die Leinwand und das tolle Ensemble probiert’s sogar mit gelegentlicher Selbstironie – zumindest interpretiere ich die Darstellungswut so – aber letztlich ist mir das alles zu CALL-0815-GOTHIC-NOVEL.

Kurzkritik zu Man Of Steel

Das ist der beste Superman-Film (Serien eingeschlossen) aller Zeiten. Es gibt beinahe gar keinen Grund zum Nörgeln. Nolans Drehbuch-Spezi David S. Goyer hat genau wie bei Dark Knight Rises hier nicht seinen besten Tag, aber man kann an eine dermaßen überhöhte Figur wie den fliegenden Mann aus Stahl auch keine Gereimtheitsansprüche wie an Batman oder Prometheus legen und am Ende ist das MoS-Skript sogar noch schlüssiger als die beiden genannten.

Jetzt aber zum Positiven. Nolans Regie-Spezi Zack Snyder hat einen verdammt guten Tag und ich eh keine Sekunde an ihm gezweifelt, denn ich bin auch einer der drei Leute, die Sucker Punch nicht so schlecht fanden. Snyders Hauptanliegen ist offenbar, diese immensen Superkräfte in einen physikalischen Kontext mit der Welt, in der wir leben, zu bringen, das war wahrscheinlich mit “realistischer Ansatz” gemeint.
Das gelingt mit durchschlagendem Erfolg. Durschlagend ist wörtlich zu verstehen, denn zum einen wird hier ein Zerstörungsniveau erreicht, wie man es aus Emmerich-Filmen kennt, zum anderen wird “andere Leute durch Häuser hindurch boxen” zum Volkssport erhoben.

Der krypt(on)ische Prolog lässt die letzten drei Star-Wars-Filme in Sachen Special Effects vor Neid im Grab grün werden und die hemdsärmelige Moral von der überzüchteten Gesellschaft erhält durch Russell Crowe die notwendige Gravitas, um nicht zum Klischee zu erstarren. Ansonsten ein 2,5-stündiges Spektakulum Magnum mit einem äußerst bodenständigen (haha) Henry Cavill einer sympathisch schweinsnasigen Amy Adams, einem Boardwalk-bewährt manischen Michael Shannon, einem tatsächlich herzerwärmenden Kevin Costner und – als Bonus-Bossgegner – einer beinahe ikonischen Aliengangsterbraut in Antje Traue. Selbst das fadeste Element an Reboots, die Entstehungsgeschichte der Superhelden, wird zeitsparend in nonlinearen Rückblenden abgefrühstückt und steht der Breitbanddestruktion nicht im Weg herum. Ein Blockbuster im wahrsten Sinne des Wortes – frag mal das Bauamt von Metropolis.

Kurzkritik zu Spring Breakers, Side Effects, Oh Boy

SPRING BREAKERS:
Eine einzige lange Montage aus rauschhaften Urlaubsbildern und modernem R’n’B, die sich aber sowas von gewaschen hat. Hochglanzdekadenz ohne einen Funken Sympathie für die Protagonisten. Ich sag das selten über einen Film, aber der ist unvergesslich. Die Eröffnungssequenz ist ein Biest (Dubstep-Faust aufs betrogene Auge: Skrillex – Scary Monsters and Nice Sprites) und James Franco ist ein Manischer, der einen Verrückten spielt und dabei erschreckend “street wise” wirkt für einen weißen Hollywood-Schauspieler. Eigentlich ist Spring Breakers ein Horrorfilm, denn durch ihn ist mir bewusst geworden, dass die Feierkultur der Neunziger langsam vom Eskapismus zu einer Sache auf Leben und Tod verroht. Irgendwann wird man sagen: junge Leute, ihre krankhafte Angst etwas zu verpassen und ihre Musik Anfang diesen Jahrtausends wurden selten besser dargestellt. Und ob es die willentliche Selbstabschraubung des Disney-Heiligenscheins der Damen Hudgens und Gomez ist, oder ob sie bloß ihrem (sich in die Tasche feixenden) Regisseur zugehört haben, wird vielleicht auf ewig das Geheimnis dieses Films bleiben. Genauso die Frage, ob er nun ultrakonservativ oder ultraliberal ist, oder einfach nur ganz nihilistisch vor sich hin provozieren möchte. Dieses Mysterium macht ihn aus.

SIDE EFFECTS:
Eine Weile schaut man dem unmunteren Treiben zu, in der Hoffnung, dass noch etwas Überraschendes passiert. Überraschend ist dann aber nur, dass die letzten zwanzig Minuten in Basic-Instinct-artige Erheischungsphantasien abdriften und damit dem Film die hart erkämpfte Seriosität nehmen. Und hätte ich noch fünf Minuten länger das trübe Geschau von Rooney Mara ertragen müssen, ich wäre freiwillig in die Geschlossene gegangen.

OH BOY:
Ein Berlinfilm wie vom jungen (na ja, jung war der ja nie) Woody Allen. Zumindest zwei Drittel davon. Dann wird er deutsch und das bedeutet wie immer nichts Gutes. Tom Schilling ist gut, wirklich gut, in der Rolle.

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