‘Kurzkritiken’

Halt’s Maul (Kurzkritik zu Babel)

So, jetzt kommst her, Kollege Iñárritu und holst dir deine nächste Pflichtwatsch’n ab. Was hast dir denn dabei gedacht, ha? Auf einen toten Gaul mit der Moralkeule einzudreschen bis ihm die Eingeweide rausplatzen, nennst du Kino? Ich wär ja so gern eingeschlafen, aber deine Holzhammermetaphorik in Zeitlupenthrill, gekittet mit einem unfassbar hanebüchenen Strukturleim, auf den ich dir nicht gegangen bin, hat mich so provoziert, dass ich mir ungefähr 120 Barthaare ausreissen musste bis der Film zuende war. Was denkst du denn eigentlich, wer du bist und vor allem wer ich bin? Seh ich aus wie ein Volldepp? Bin ich zwölf? Man muss mir nicht 2,5 quälende Stunden lang Einen sülzen von wegen Völkerverständigung und Toleranz, ich kapier’s auch so. Und ja, ich hab’s ja kapiert, wollte ich alle zwei Minuten laut aufschreien. Da mögen die Schauspieler noch so inbrünstig und die Bilder noch so blutrünstig sein, mir scheissegal, wenn ich mir belehrt und gelangweilt zugleich vorkomme. Und diese Kollegstufenmoral über Sprache und Sprachlosigkeit mit der plattesten Emblematik der Saison, einem taubstummen Mädchen, auf die Spitze zu treiben, empfinde ich als Beleidigung meines Intellekts. Wenn ich eine Predigt will, gehe ich in die Kirche und aus der bin ich nicht ohne Grund ausgetreten. Enough said.

Kritik zu Little Miss Sunshine

Ein Schlag in die Fresse des American Way Of Life. Keine „Winner takes it all“-Ideologie, stattdessen gilt: „Losers fuck it all up and end up winning; well, in a way.“ Das ist jetzt beileibe keine komplexe Lebensweisheit und ein Marcel Proust wäre höchst unzufrieden mit soviel simplifizierter lebensbejahender Lebensmüdigkeit – wie Onkel Frank bestätigen würde -, aber es ist ein unerlässlicher Bestandteil der empathischen Moral dieses Film, der einer der besten des Jahres ist.

„Little Miss Sunshine“ wartet mit einem entfesselten Alan Arkin als hedonistischer Opa, einem Steve Carrell (aus der amerikanischen The Office-Variante) auf der Höhe seines komödiantischen Darbens als sarkastischer Suizidkandidat, einem vor allem mimisch brillanten Greg Kinnear als Opfer seines eigenen Tschaka-Schakras, einer gewohnt souveränen Toni Colette, dem mir bisher unbekannten und besorgniserregend talentierten Paul Dano als Teen Angstler mit Schweigegelübde, der herzzereissenden Abigail Breslin als Pussycatdoll in spe und bis ins kleinste Blutkörperchen dieser herzblutigen Melokömodie besetzen Nebendarstellern auf. Eine emotional verlotterte, aber im Kern intakte Familie von Selbstbetrügern gerät unter die Hufe einer Katastrophenherde und in einen Desillusionierungstornado auf dem Weg und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (Proust) durch ein paar vereinigte Staaten zum widerwärtigsten Schönheitswettbewerb der Filmgeschichte.

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Dass am Ende ein Nichts und mit dem Nichts erst das eigentliche Sein herausspringt, ist eigentlich eine zutiefst buddhistische Weisheit. Dass am Ende des Films dann mit „No Man’s Land“ auch noch derjenige Sufjan Stevens Songs läuft, der mich diesen Spätsommer in die Arme von Selbstbestimmung und wohlmeinenden Hirngespinsten getrieben hat, ist keine Ironie des Schicksals. Denn das Schicksal ist nicht ironisch. Das ist nur eine menschliche Eigenschaft, die wir einem spirituellen Gegenstand zuschreiben, den es nicht gibt und nie gab. Gott sei Dank. Und jetzt weiter auf die Fresse fallen, damit man merkt, dass das Gras nirgendwo grüner, aber dafür im Schatten der Familie weicher ist.

Deutschland – Eine Sommerfarce

Ich könnte mich jetzt seitenlang über beschissene Bilder, fehlende Regie, undurchsichtigen Schnittplan und die völlige Abwesenheit von Dramaturgie auslassen. Ich könnte behaupten, die Musik war die ekelerregendste seit ich damals 4 Stunden am Stück auf der Fahrt nach Italien Andreas Vollenweider hören musste. Ich könnte bemängeln, dass der Film nichts aufbaut, keine Geschichten erzählt, keine Charaktere zeigt und somit auch nichts einreisst. Ich könnte darauf hinweisen, dass unsere bräsigen Kickerkids mehr als nur eine windige Digitalkamera brauchen, um Profil zeigen zu können. Ich könnte Sönke Wortmann einen ganz miesen Scharlatan nennen, der mit unseren Erinnerungen an einen verrückten Fußballsommer seine Rente klarfährt. Ich könnte euch sagen, dass dieser Film kein WM-Gefühl zurückbringt, sondern es zunichte macht. Ich könnte mich darüber beschweren, dass ich im Kino nicht einmal einschlafen konnte, weil der Ton so unangenehm mittenlastig war. Stattdessen zitiere ich einfach nur meinen alten Kumpel Stone Cold, der nach dem Film resümierte:

„Was will man auch erwarten, wenn jemand 7 Wochen lang mit der DV auf Deppen draufhält.“

(Bild von www.deutschlandeinsommermaerchen.kinowelt.de)

La Science des Dénigrements (Kurzkritik zu Science Of Sleep)

Ich habe mal wieder das Unmögliche geschafft und war dabei aber gewohnt wortwitzig: Ich bin bei Science of Sleep eingeschlafen.

Nicht weil Michel Gondrys zweiter großer Spielfilm nach „Eternal Sunshine Of The Spotless Mind“ etwa langweilig gewesen wäre. En contraire, er war mir viel zu wuselig. Grandiose Bilder tanzen Ringelreihen mit guten Schauspielern, arschoriginelle Gags paaren sich mit irren Trickfilmsequenzen und dennoch hat das ganze keinen Flow, das Dialogdrehbuch ist auch diesmal wieder rücksichtslos geschwätzig und der Handlung konnte ich weder vor noch nach meinem kleinen – übigens traumlosen – Nickerchen folgen.

Die Trennung von tatsächlicher Handlung und Traumsequenz sollte dem Zuschauer natürlich nicht leicht bzw. als Herausforderung schmackhaft gemacht werden, aber mir hing die Trennkost nach der Hälfte schon gehörig zum Hals raus. To much of a good thing war’s mal wieder und im Trailer hat der Film noch bombastisch gut funktioniert als ein paar seiner auffälligsten Visualwunder mit den Strokes und Death Cab For Cutie unterlegt waren. Was nur eines beweist: Gondry war und bleibt leider auch einer der besten Videoclip-Regisseure unserer Zeit. Am Abendfilm arbeiten wir noch. Ich geh jetzt ins Bett und träum was Schönes.

Nachtrag: Wie kann eine so hübsche Person wie Charlotte Gainsburg in dem Film nur so verhärmt aussehen?

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Death Moon Udo

Eine weitere halbbiografische Notiz bezieht sich rückwirkend auf meine jüngst verfasste Abhandlung über Werwölfe in Film und Fernsehen. Samstag Spätnacht habe ich ein besonders bemitleidenswertes Exemplar im ZDF gesehen. Der Wolf in „Death Moon“ befand sich auf Hawaii, vielleicht war das der Grund für sein legeres fluffiges Sommerfell. Sprechen wir nicht mehr darüber. Sprechen wir vielmehr darüber, dass unser Münchner Tatort Kommissar Udo Wachtveitel offensichtlich bereits in amerikanischen TV-Horrorfilm-Produktionen der Siebziger cineastische Morgenluft wittern durfte. Das ist nicht Robert Foxworth, die B-Movie Legende, das ist uns Udo. Überzeugt euch selbst an dem Foto ganz unten.

Gefreut hat mich auch die Ausstrahlung eines Crime-Klassikers namens „To Live And Die In L.A.“ auf NDR mit einem entfesselten Willem Dafoe in einer kaum polarisierenden Schurkenrolle. Man muss den smarten Pekuniärkünstler einfach mögen, während man fast erleichtert ist, wenn dem schon wieder ein bisschen Udo-Wachtveitl-artigen Main Cop am Ende das Gesicht in acht Teile zerschossen wird. Grandiose Beinleistungen von Darlanne Fluegel und Bianca Torres runden das Ganze zu einem echten Genreklassiker ab. Seit Kindesbeinen einer meiner Lieblingskrimis, von dem schockfrostenden Roland D-10 Soundtrack mal abgesehen.

Udo Wachtveitl in „Death Moon“

Wolf

Schon einige Dekaden hege ich ein Faible für Horrorfilme, je klassischer desto besser. Das Genre Spezifikum Werwolf bereitet mir allerdings seit vielen Jahren nicht nur bei Vollmond Kopfzerbrechen. Die Slasher slashen in bester Laune weiter durch die Filmgeschichte, die Vampire beißen sich rüstig durch die Jahrzehnte, die Zombies fingen jüngst sogar an zu laufen und sind auch ansonsten recht gut zu Fuß, nur der Werwolf, der schwächelt und schwächelt.

Gerade hat Wes Cravens „Cursed“ meinen DVD Player verlassen und wie so oft wirkt der gemeine Werwolf in diesem Film maximal so furchterregend wie der böse Wolf in einer Rotkäppchen Illustration für Waldorf Schüler. Selbst Michael J. Fox als „Teenwolf“ hat mir ein paar Nackenhaare mehr aufgestellt. Ähnlich frustrierend läppischen Werwolf Inkarnationen musste man in den letzten bereits in „An American Werewolf in Paris“, in „Underworld“ und selbst beim an sich sehr stimmungsvollen „Le Pacte des Loups“ (Pakt der Wölfe) beiwohnen. Es ist wie ein Fluch. Da mag die Tricktechnik einigermaßen glaubwürdig Riesengorillas auf dem Empire State platzieren, bei den Werwölfen raucht sie regelmäßig ab.

Klar gibt es auch lobenswerte Ausnahmen wie den grandiosen „An American Werewolf in London“ von 1981, der nicht nur wegen seines gehässigen Humors sondern tatsächlich auch wegen seiner Werwolf-Darstellung ein Highlight des Genres bildet. Im Besonderen wegen der besten Verwolfungsszene aller Zeiten. Ebenso schockend und zudem ästhetisch wertvoll: „The Company Of Wolves“ von Neil Jordan, zu deutsch: „Zeit der Wölfe“, womit wir zwar wieder bei Rotkäppchen und dem bösen Wolf wären, aber einem mit Hand und Fuß.

Entweder widmet man den Wolfsmenschen in der Filmgeschichte schon seit jeher zu wenig Budget, oder es handelt sich im Grundsatz um eine nahezu ummöglich als furchterregend visualisierbare Gestalt. Oft fällt ein gut ausgehandelter Spannungsbogen gerade dann in sich zusammen, wenn die Wolfsgestalt in vollen Umfang auf der Leinwand zu sehen ist. In Mike Nichols „Wolf“ mit Jack Nicholson ist dann auch das Nichtauftauchen eines finalen Werwolfs die geschmackvollste Zutat des Thrillbarbecues.

Leider ging der erste Werwolf Flicken „The Werewolf“ von 1913 verloren. Es handelte sich um die achtzehnminütige Verfilmung einer indianischen Legende und bereits hier wird eine Transformationssequenz eingesetzt, die ich nur zu gerne gesehen hätte. 1935 sieht die Wolfsgestalt in „Werewolf in London“ bereits aus wie der Wookie Chewbacca aus „Star Wars“.

Wölfisches liegt ja auch ganz bestimmt in eurem geschätzten Hausherrn. Vielleicht sollte ich mich mal nach dem Konsum einer Flasche Ouzo in einer Vollmondnacht abfilmen. Vielleicht finden wir so den glaubwürdigen Werwolf, nach dem hier gesucht wird.

Kurzkritik zu Napola und zur Bundeswehr

Gerade hab ich mir „Napola – Elite für den Führer“ von meinem DVD Player vorführen lassen und nach Filmende gab es da in der Sektion Extras auf der DVD noch Kommentare von den Hauptdarstellern und des Regisseurs zu sehen. Über den Film selbst kann ich nur wenige Worte verlieren, es ist halt ein aufklärender Aufarbeitungsfilm mit anständiger Endmoral (klingt wie Endsieg, ne?) mit stellenweise sehr okayen Darstellerleistungen. Selbst der an sich eher spackige Tom Schilling tritt überzeugend auf wie ab. Nun gut, solche Filme sollten wir auch gut drehen können, schließlich haben wir’s ja auch erfunden, dieses Nazi-Ding.

Von was ich aber bei der DVD Hauptnotiz nahm, waren die Aussagen des Regisseurs Dennis Ganzel über sein Bestreben, den Zuschauer zunächst zur Napola Idee hin zu sympathisieren: Er wollte einen Film über Verführung machen, den Zuschauer bei der Hand nehmen und ihn ähnlich wie die Protagonisten der Ideologie und den glänzenden Aussichten einer erfolgreichen Karriere aussetzen, damit er gleichermaßen fasziniert und abgestoßen sich am Ende für das Menschsein und gegen das Systemsein entscheiden kann.

Wie nun der gemeine Karrieregeile oder Max-Planck-Institut Aspirant diesen Film nachvollzieht und ob der sich anfangs sagt „Ey, schon irgendwie starke Schule, Alter.“, kann ich nicht beurteilen. Bei mir will ein Effekt der emotionalen Nachvollziehbarkeit einfach nicht einsetzen. Nicht einmal am Anfang des Films. Und das liegt nicht an den Frisuren der Lehrkörper. Nicht nur. Allein der Gedanke jeden Tag um halb sechs aufzustehen, macht bei mir jegliche Form der uniformen Anpassung undenkbar. Exerzierhofhorror, Sechsbettzimmer und das totalitäre Nichtvorhandensein von Mädchen würden mir schon meinen ersten Tag an der Napola dann aber so richtig vermiesen.

Gut, ich war auch nie bei der Bundeswehr. Es soll ja Leute (auch meiner Generation) geben, denen es da gefallen hat. Erzählt doch mal. Wie war das Aufstehen? Was gab’s zu Essen? Habt ihr an euch rumgeknabbert, wenn wieder mal keine Weiber im Haus waren? Wurde vorm Abendbrot kurz die alte Reichsflagge rumgereicht, so um sich auf seine Traditionen zu besinnen? Welche orgiastischen Initiierungsriten musstet ihr über euch ergehen lassen? Habt ihr euch in eure Ausbilder verliebt oder gar verschossen oder sie in euch? Ich will ja gar nichts unterstellen, vielleicht wars wirklich toll, aber das mit dem Aufstehen, das kann nicht gut gewesen sein, oder?

Ach, und eine Frage hätte ich noch. Gabs zum Frühstück Nutella oder nur das billige Aldi-Surrogat Nutoka?

Kurzkritik zu Wächter der Nacht

And now it’s time for a breakdown. So sehr ich die Meinung der geschätzten Modeste für bare Münze nehme und so sehr ich ihr Geschmack in Sachen Blut und Sinsistres bescheinige, bei ihrer „Wächter der Nacht“ Rezension kommen wir nicht zusammen. Ich war gestern im Kino und ich war sehr wohl rezeptionsfreudig. Schließlich kam ich gerade aus der Zahnklinik und so sollte der Tag nicht enden.

Auch mit viel Blut drin, kann ein Film blutleer sein und auch mit vielen Vampiren bleibt er einem von der Halsschlagader. Die Handlung um den Kampf zwischen But und Göse hat nicht nur einen Bart, so lang wie der Landeanflug des im Film fast abstürzenden Flugzeugs, ihr fehlt eine logische Linie , so wie den Hauptdarstellern jeder Funke von Ansehnlichkeit. Und Entschuldigung, wenn ich verschlissene Menschen sehen will, dann hab ich in Berlin ungefähr 34 Stadtviertel zur Auswahl, da muss ich nicht ins Kino.

Über schlechte Special FX kann man mit schnellen Schnitten ein Leichentuch legen, soviel habe ich begriffen. Aber nur weil’s die ganze Zeit dunkel ist, entsteht kein düsterer Film und nur weil am Ende ausnahmsweise das Böse das Gute einsackt, will ich noch lange keine Fortsetzung sehen. Das Burns Imperium schlägt nämlich sonst gleich mit dem nächsten Verriss zurück.

Vom Suchen und Finden der Langeweile

Als alter Dietl Fan musste ich mir „Vom Suchen und Finden der Liebe“ dann doch irgendwann zu Gemüte geführen. Sicherheitshalber habe ich auf den DVD Release gewartet, da kann man zur Not bei den ausartenden, süskindschen Nuscheleien vor- und bei Prominacktaufnahmen zurückspulen.

Tatsächlich ist mir der Herr Dietl seit „Late Night“ etwas zu affektiert und gesamtkunstwerkverliebt. Das tragikomische aus-dem-Leben-greifen, das er mit „Monaco Franze“, „Kir Royal“ oder dem Golden Oldie „Münchner Geschichten“ so vortrefflich vorexzerzierte, ist einer allegorischen Verliebtheit in das eigene Schaffen und – noch schlimmer – in die eigene Biografie gewichen.

Dietls Anspielungen auf seine Vroni-Ferres-Obsession sind prädominant in dem Film, was verzeihbar wäre, leider sind sie zudem auch grätenlangweilig. Sich das antike Drama (Orpheus und Eurydike) inkl. hellenistisch mythischem Flair an Bord zu holen und eine Art stakkatoverregnetes Antikberlin zu erschaffen, das scheinbar nur aus Museumsinsel und Borchard zu bestehen scheint, ist nicht mehr nur als Stilmittel abzutun, sondern artet in eine wahre Materialschlacht aus. Dieser Schulterschluss gelingt Woody Allen in „Mighty Aphrodite“ deutlich besser. Und überhaupt: sprechende Namen gehören verboten.

Charakterliche Tiefe entsteht übrigens weder bei der dauernölenden und neuerdings chronisch überbewerteten Alexandra Maria Lara, noch beim dietlesk maskierten Moritz Bleibtreu. Geradezu widerlich tuntet Heino Ferch als Hermaphrodit durch die Unterwelt, Uwe Ochsenknecht nervt mit seiner Evergreen-Mimik vom tattrig Virilen und von Anke Engelke sieht man wenigstens Arsch und Titten (die Damen mögen mir die Drastik verzeihen, ich hab den Film nicht gedreht).

So sehr ich den alten Dietl verehre – ihm aber jede Weiterentwicklung zubillige – und so sehr ich das geradezu viktorianisch manierliche Dialogpingpong von Dietl und Süskind schätze: dieser Film jubelt einem Dietls beginnende ästhetische Demenz in einer monströsen, lamentistisch kitschigen Überdosis unter. Da muss man sich wundern, wie er (der Dietl) da noch so viel Leerlauf unterbringen konnte.

MC Winke Winke und seine Alte

The Office

Beim Anschauen des großartigen The Office folgende Beobachtung gemacht: Widerliche Arbeitskollegen erscheinen im Licht der Gewohnheit nicht mehr so abstoßend und mutieren in manchem Fall noch zu einer perversen Art von Sympathiewesen.

Auch in anderen Belangen ist The Office furchteinflößend. Die in tödlicher Unsicherheit getaufte Selbstgefälligkeit von Chef David Brent (unbe-fucking-lievable: Ricky Gervais) , die blockwartige Pomadität von Gareth (Mackenzie Crook) und der Isolationszynismus von Tim (Martin Freeman), der in die opportunistisch verlobte aber prekariatsmelancholische Dawn (Lucy Davis) verknallt ist.

Klar ist das auch zum Brüllen komisch, doch bleibt ein gewisser Verwesungsgeruch in der Luft hängen, wenn man im Angesicht drohender Umstrukturierungsmaßnahmen arbeitende Menschen sieht, die jeglicher Ideen verlustig geworden sind und denen die Zotenhaftigkeit und die Kalauer ihres Chefs zu den stumpfen Augen herausquellen. Speziell in diesem Humor spiegelt sich der Horror des Alltags.

Bei aller Grausamkeit der Alltagsnähe kann ich herzlich drüber lachen. Zumindest über einen Großteil der ersten Staffel, denn mehr hab ich zunächst nicht gesehen. Ich staune über die Schauspieler, die in der getürkten Doku nicht mehr als solche auszumachen sind.

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