‘Kurzkritiken’

Kurzkritiken zu Fantastic Creatures And Where To Find Them & Arrival

FCAWTFT
Wirklich zauberhafte realitätsverbiegende erste halbe Stunde mit dem Nostalgie-New-York der 20er-Jahre als perfekter Ort für verborgene Künste. Dann wirds wie so oft in modernen Blockbustern unnötig langwierig und verworren und damit unaustariert. Dreh doch mal wieder knackige Neunzigminüter, Hollywood. Eddie Redmayne, Katherine Waterston und Dan Vogler sind perfekt besetzt.

ARRIVAL
Villeneuves letzter Flick „Sicario“ gehört zu meinen Lieblingsfilmen der letzten Jahre, aber das hier war erzwungen humanistischer Kontemplations-Sci-Fi mit etlichen plotleeren Durststrecken. Außerirdische als Konundrum für eine nonlineare Betrachtungsweise von Leben und Tod war mir zu didaktisch. Und das mit dem toten Kind ging mir zu nahe.

Kurzkritik zu Dr. Strange

Ich weiß, ich weiß. Und ich bin ja auch ermüdet von Leuten, die von Origin Stories ermüdet sind, aber sie ermüden mich nun mal ganz fürchterlich. Dr. Strange gibt ja eh Gas auf seiner Wanderschaft vom Neurochirurg-Saul zum Zauber-Paul, aber man ist einfach – ob man will oder nicht, und ich will eigentlich nicht – so ausgewrungen von den tausend Superheldenfilmen pro Jahr, dass man einfach nur drinsitzt und sagt: get to the fuckin point.

Wobei’s ab dem point dann auch genau langweilig wird, was erneut dran liegt, dass es Marvel nicht gelingt, gute Superschurken auf die Leinwand (im TV klappt’s, siehe Fisk, Kilgrave, Cottonmouth) zu stellen. Der allseits überbewertete (wenn auch sympathische) und niemals akzentfreie Mads Mikkelsen ist wieder mal way in over his head und strahlt zu keiner Zeit echte Gefahr für einen Protagonisten aus, der zu keiner Zeit so wirkt, als wäre er in einer.

Hört mir zu, ich mag eigentlich diese Marvel-Entspanntheit, wo ein guter Schauspieler mit einem guten One-Liner im Endeffekt wichtiger ist als die Handlung einer gesamten Phase, aber wie sagt Podcaster Andy Greenwald: “It’s not a movie, it’s a widget.” Marvel-Filme haben sich so in ihrem ureigenen, durchaus respektablen und hochamüsanten World-Building verfranzt, dass es keine echten Stand-Alone Movies mehr gibt, weil alles gezwungen ist, auf etwas anderes hinzudeuten.

Mich reißt das ganz immens aus dem Moment. Und der ist eigentlich gar nicht so übel, um jetzt noch was Nettes über den Film zu sagen. Tilda Swinton könnte auch den Hulk spielen und bekäme eine 9 auf der bis Richard III. gehenden Lars-Eidinger-Ernsthaftigkeitsskala, und kann deshalb auch süffisant sein, ohne aus der Rolle zu fallen. Cumberbatch bleibt seinem Sherlock treu, das kann man mögen oder auch nicht, aber das ist darstellerisch schon ganz dicht genietet. Jetzt noch Hokuspokus in eine Welt aus Mutanten und Metamenschen zu packen, funktioniert erstaunlich gut. Dafür die Effekte aus Inception zu mopsen und auf 12 zu drehen does the trick und ist deshalb legitim.

Am Ende (und das meine ich wörtlich, wenn man die Mid-Credit-Scene betrachtet) ist man halt doch nur wieder im Marvel-Universum. Das ist bewundernswert und abschreckend zu gleich, aber vielleicht muss man sich auch damit abfinden, dass dank dem Golden Age of Television jetzt alles zusammenhängt und man immer seltsam unabgeschlossen aus einem Blockbuster kommt, weil einfach nichts mehr je wieder aufhört und leider auch immer wieder anfängt. Ich weiß, ich weiß. Und ich bin ja auch ermüdet von Leuten… yada yada.

PS: Ich hätte gerne einen Dr. Strange von Dario Argento anno 1975 gesehen. Oder vielleicht hätte Regisseur Scott Derrickson einfach Goblin für den Soundtrack verpflichten sollen. Mit Pink Floyds „Interstellar Overdrive“ war er eh schon auf dem richtigen Weg. Was ich eigentlich sagen will: mehr 70er-Hexensabbath hätte dem Film gut getan.

Kurzkritiken zu The Green Room, A Bigger Splash, Der Drache Elliot, The Jungle Book, Lights Out

THE GREEN ROOM
Captain Picard als väterlicher Nazi-Hool und Chekov als

*spoiler*

Punk-Final-Boy (im echten Leben hat das bei Anton Yelchin mit dem Überleben ja leider nicht geklappt),

*/spoiler*

das ist zu viel Star Trek-Referenz für dieses glatte Gegenteil von Föderations-Ästhetik. Der Film ist so dermaßen räudig und gemein, dass man sofort freiwillig Urlaub auf Cardassia Prime machen möchte – unter Reiseleitung der Jem’Hadar, wenn’s sein muss. Urst harter Rechtsrock-Survival-Horror, aber auch super gespielt und spannend. Live long and prosper für’n Arsch.

A BIGGER SPLASH
Dieser lasch an „La Piscine“ (mit Delon & Romy Schneider) angelehnte Thriller bringt’s irgendwie nicht. Ralph Fiennes‘ Figur ist zwar ein einziger großer Wumms, aber Tilda Swinton als weiblicher David Bowie und Dakota Johnson als Femme Fatalchen sind dermaßen artifiziell, das sich zu keiner Zeit sowas wie Befürchtung eines kommenden Unglücks einstellt. Man beobachtet mehr oder weniger gleichgültig. Ich schätze beide Schauspielerinnen sehr, ich fürchte nur, die Vorlage lässt nicht genug Platz für nuancierte Darstellung. Ganz fad war Matthias Schoenaerts als Paul. Irgendwann hab ich verstanden, warum Ralph Fiennes‘ Figur nicht fassen konnte, dass Tilda Bowie sich den als Lebensgefährten aussucht. Amüstant ist der Film trotz der unerträglichen Rockstar- und Italienklischees, weil a) Fiennes so einen Spaß vermittelt und b) der Film im Gegensatz zu seiner PR kein Erotik-Thriller ist, sondern ein Foodporn-Thriller.

DER DRACHE ELLIOT
Wieder mal ein Film, den ich auf Deutsch mit dem Junior gesehen habe. „Elliot das Schmunzelmonster“ war immer eine positive Kindheitserinnerung für mich, auch wenn das Original eigentlich nie jemanden vom Hocker gerissen hat. Und auch jetzt rührt mich das riesige Plüschvieh und wirkt trotz Frottee-Textur auch nicht weniger realistisch als das, worauf Daenerys Targaryen in ihrer Freizeit so rumreitet. Liebenswerter Film, streckenweise ein bisschen Disney-ish fad und altklug, aber das Herz auf dem richtigen Fleck.

THE JUNGLE BOOK
Irrsinnsbilder, überzeugende Sound-Effekte, gute Sprecher, tolle erste Hälfte, dann versackt es ein bisschen in gehäuften Action-Szenen, aber immerhin nicht den üblichen Disney-Sentimentalitäten. In fact sogar ein recht düsterer Kinderfilm, was v.a. am grotesken King Louie liegt, dessen Lied man nie mehr mit der gleichen Sorglosigkeit singen wird. Noch vor BFG und Elliot die sauberste und spannendeste Verzahnung von Live Action und Animation.

LIGHTS OUT
Simple, aber gute Idee, so ein Dämönchen immer nur im Dunkeln sehen zu können. Dadurch müssen sich die Drehbuchschreiber hauptsächlich mit 1001 kreativen Wegen beschäftigen, das Licht ausgehen zu lassen – und schon ist der Weg frei für mindestens fünf Sequels. Aber schlecht ist der auf einem Kurzfilm basierende Lichtschalter-Verwalter trotzdem nicht. Gut besetzt und gespielt, und mit Kindern kriegt man mich ja immer zum Zittern. Allerdings will ich solche Filme auch aus diesem Grund immer weniger sehen.

Kurzkritik zu BFG

Wenn mein vom Kino als solches immer schwer übermanntes Kind mich nach einer halben Stunde fragt, warum der Film nicht spannend ist, dann läuft was verkehrterich. Das Gute vorne weg: liebenswerte, ruhige Menschen (und Riesen) in liebenswerten ruhigen Bildern. Nur leider fehlt jeglicher Spannungsbogen. Ich hab Dahls Vorlage nicht gelesen, aber schätze, auch auf Papier dominiert das Fabelhafte und fehlt der Druck. Vielleicht ist das auch Spielbergs Fuck you an Konventionen und ich und mein Sohn wären gut beraten, uns ein bisschen zu entspannen. Dann wiederum sind wir todmüde aus dem Film gekommen und das um halb zwei Mittags. PS: Hab ihn auf Deutsch gesehen, fand die Synchro sehr gut.

Kurzkritik zu Star Trek Beyond

Amüsanter Film. Gute Crew. Schlechtes 3D, mein Schädel ist ein Indiz. Justin Lin lässt die Kameras schnell und furios tanzen wie bei einem seiner Autoren(n)filme, aber hier passt es nicht, hier wirkt’s wie demonstratives Waschen des Sportwagens am Sonntag in der Einfahrt. Als cineastisch etablierter Mobilist musste er wohl auch Chris Pine auf dem Dirtbike durch die Mondlandungskulissen von 1969 driften lassen und bei Warp 4 das Autoradio mit Beastie Boys und Public Enemy so richtig aufreißen. Handlung ist ein Joke, aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Die alten Star-Trek-Filme waren bis auf „First Contact“ auch nicht besonders toll, aber man konnte sich an jeden einzelnen erinnern. Ich kann aber heute schon nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob ich Star Trek Into Darkness überhaupt gesehen habe.

Kurzkritik zu Toni Erdmann

Der Film war in vielen Szenen makellos, es waren nur zu viele davon. Man versteht auch nach zwei Dritteln längst, dass Ines lockerer wird aber nie locker sein wird und dass ihr Vater Winfried ein Hedonist, aber kein Altruist ist. Das schlimmste, was ich deshalb über den Film sagen kann ist, dass sein Schluss überflüssig ist. Es ist mir zudem ein Rätsel wie er mit anderen Darstellern hätte funktionieren können. Die Schauspieler Sandra Hüller und Peter Simonischek sind offensichtlich für ihre Rollen erfunden worden, nicht anders herum. Ich dachte mir im Kino: wusste Maren Ade schon mit dem Skript, dass die beiden das spielen? Denn wenn nicht, wer dann? Tanz auf der Rasierklinge, diesen Film zu besetzen. Genau dieser Tanz macht ihn gut. Massiv Bonuspunkte für Thomas Loibl als Gerald, der Chef.

Kurzkritiken zu The Conjuring 2, Zoomania, Midnight Special

THE CONJURING 2
Am ersten Teil gefiel mir so gut, dass er sich Zeit ließ mit den Schockeffekten, dass er zumindest in der ersten Hälfte wirklich glaubwürdig vermittelt hat, dass der örtliche Dämon diese Familie in den Wahnsinn treibt. Dazu kam, dass Patrick Wilson und Vera Farmiga die echten Ghostbusters – das Ehepaar Warren – wirklich so gut in Szene gesetzt hat, dass ich mir daraufhin die Warren-Biografie auf den Kindle geladen habe und seitdem panische Angst vor Ouija-Boards habe.

Der zweite Teil kommt schneller zu den Special Effects und das macht ihn weniger gruseliger und überhaupt ein bisschen generischer. Dass der Film auf einem tatsächlichen „Fall“ der Warrens beruht und hemmungslos übertreibt ist nur insofern ein Problem, als dass der echte Fall mit all seinen für Dämonologie so typischen Symptomen eigentlich viel unheimlicher ist. Dann wiederum schaut sich heutzutage die Masse vermutlich keine zwei Stunden lang einen Film an, wo es die ganze Zeit klopft und als Höhepunkt ein einsames Möbelstück an die Wand klatscht. Wilson und Farmiga heben den Film dann aber doch erneut weit übers Spukhaus-Mittelmaß, und die pissnasse Londoner Vorstadt ist ein wunderbar unverbraucht gebrauchtes Setting. Wem nicht das Herz bricht, wenn Patrick Wilson „Can’t help falling in love“ singt, ist sicher von allen guten Geistern verlassen.

MIDNIGHT SPECIAL
Jeff Nichols Filme sehen immer gut aus und seine Schauspieler sind hochmotiviert. Bisher hat mir jedoch ein wenig das Adrenalin und eine gewisse Lässigkeit gefehlt. Das ist jetzt alles voll da – Midnight Special geht ab wie eine überlange Folge von Fargo, Staffel 2. Dieser Schwung wird auch nicht von der schwachsinnigen Handlung eines Jungen mit Superkräften gebremst, der auf der Suche nach seinen Roots ist. Man stelle sich ein übertrieben langes Roadmovie-Flashback aus Zack Snyders „Man Of Steel“ vor, nur mit guten Dialogen. Erstaunlich wie unterhaltsam der Film bei dieser Prämisse geworden ist, was nicht zuletzt an Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst und Kylo Ren liegt, der hier einen NSA-Ermittler spielt, der seine Emotionen ganz gut im Griff hat.

ZOOTOPIA (ZOOMANIA)
Nett, aber mit dem Faultier-Trailer verschenkt er auch schon seine beste Szene.

Kurzkritiken zu The Nice Guys und 10 Cloverfield Lane

THE NICE GUYS
Das ist der neue Bud Spencer & Terence Hill, die neue nackte Kanone und doch irgendwie eher der erste Pink Panther. Ryan Gosling ist so gut, dass man sich in jeder Einstellung, in der er nicht zu sehen ist, fragt, was er jetzt grade wieder für ein Gesicht macht. Das ist L.A. Noire mit Comedy – in a perfect blend, ums im Zigarettenenglisch der 70er auszudrücken. Es ist Goslings beste Rolle, denn bombenlustig sein und trotzdem in jeder Szene todernst genommen werden wollen, ist viel schwieriger zu spielen, als den ganzen Film über ausdruckslos zu driven. Zugegeben, schon in Ides Of March und The Big Short hat er mich beeindruckt, aber das ist sein Gustostück. Und der erzgemütliche und synchron erzbrutale Russell Crowe als sein Bud (Spencer) macht seine Sache kaum schlechter. Shane Black kann Kumpelthriller ohne Sinn und Verstand, aber mit enorm viel Herz und Seele erzählen wie kein anderer, siehe Lethal Weapon, siehe Kiss Kiss Bang Bang. Aber selbst er hat wohl nicht damit gerechnet, wie sehr Gosling den 70er-Jahre Sleazetective zu seinem ureigenen Genre macht. Bisschen viel Papa-Tochter-Getöse noch, aber ansonsten bitte gerne jetzt mindestens so viele Fortsetzungen wie bei Inspector Clouseau. (Fallstudie, falls ihr den Film noch seht: wie Ryan Gosling sich über free drinks freut oder wie beiläufig angewidert er von der Vorstellung ist Bourbon Martini zu trinken. Das wird nie wieder jemand besser spielen.)

10 CLOVERFIELD LANE
Mary Elizabeth Winstead ist eine meine absoluten Lieblingsschauspielerinnen und so sehr ich es bedaure, sie oft auf das wehrhafte Survival Girl beschränkt zu sehen, so gern sehe ich sie erst verzweifeln und schließlich asskicken. Der Film ist lange ein kammerverspieleter Psychothriller bis er keiner mehr ist. Mehr darf man nicht verraten.

Kurzkritiken zu The Witch & The Duke Of Burgundy

THE WITCH
Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich das Ende finde und ob der Film überhaupt das Übernatürliche gebraucht hat, denn das Landleben der Kolonialisten in New England alleine ist schon so horrend, dass ich einen der übelsten Albträume meines Erwachsenenleben davongetragen habe, und das nach dem ersten Drittel des Films (habs über iTunes US gesehen). Haltung über Handlung, Atmosphäre über Charaktere muss man hier nicht bemängeln, denn der Film ist wie ein düsteres Gemälde aus dem 17. Jahrhundert in ins Dunkle verblichenen Farben, auf das man nicht aufhören kann zu starren, obwohl man weiß, dass man schlecht träumen wird. Das ist eine Leistung für einen Film, der nahezu komplett auf Ekel und Eingeweide verzichtet.

THE DUKE OF BURGUNDY
Gothic-Sado-Maso-Lesben-Sex im Exploitation Stil der 70er, denk an Fassbender, Hamilton, Softpornos und Giallo. Und der Clou: Es geht nicht um Sex, sondern ganz aufrichtig um Liebe und Treue, man muss den Film fast putzig nennen, er zeigt auch nullkommanull Anstößiges. Die Metapher mit den Insekten fand ich ein bisschen aufgesetzt, aber man kann Regisseur Strickland attestieren, dass auch er ein Gemälde zustande gebracht hat. Ein Anti-Sittengemälde mit Gothic Flair und Hippie-Attitüde. Manchmal fad, immer seltsam, aber letztlich wunderbar humanistisch.

Kurzkritik zu X-Men: Apocalypse

„Buck for bangs“ stand irgendwo im Netz und das stimmt. Für sein Eintrittsgeld bekommt man Geknalle bis einem schwarz vor Augen wird und damit ist nicht der Abspann gemeint. Ansonsten ein ziemlich generischer X-Men-Film mit Charakteren wie vom Dialogautomaten ausgespuckt und ein tiefblauer und dennoch höchst farbloser Oscar Isaac als der titelgebende Villain. Highlight: die Anfangssequenz in der Pyramide (Stichwort: Powerslave) – Lowlight: der Wolverine-Auftritt (Stichwort: Otto-Waalkes-Walk). Wo Spiegel Online hier den Mut zum politischen Kommentar sieht, ist mir unverständlich. Das Gewese um den Gesellschaftskampf von Außenseitern und Minderheiten ist hier zur rein semantischen Zierde vom FX-Gerumpel verkommen.

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