‘Seine größten Erfolge’

Hinter dir, ein dreiköpfiger Affe! (2013)

“Guybrush? Is that a French name?”
“No, actually it’s a fictional name.”

(Was jetzt gleich folgt, ist die Neuabmischung eines alten Blogeintrags vom 7. August 2006, wieder ausgegraben zu Ehren des jüngst verschiedenen Spielestudios LucasArts)

monkeyisland2

Mein Mitbewohner und ich waren uns nicht sonderlich ähnlich. Er war ein Bär, ich ein Hemd (zumindest vor meinem Ferienjob als Bierfahrer bei Thurn & Taxis). Er las Bukowski, ich Anne Rice. Er hörte Van Morrison, ich Rancid. Er ging ins Irish Harp, ich in die Alte Filmbühne. Er kam aus Oberbayern, ich aus Niederbayern. Trotz dieser entzweienden Unterschiede fanden wir unsere Gemeinsamkeiten. Da war zum einen das Saufen und zum anderen die Weiber. Da war unsere Liebe zum FC Bayern und zur Formel 1 und unser Wettbewerbsgeist, den wir in “Wer kommt später und besoffener nach Hause” auslebten und uns aber auch als Verlierer sportlich gaben, indem wir versöhnlich nachts im Vollrausch Darts spielten und/oder nackt durch die Wohnung tanzten. Im Grunde genommen hatte ich bei diesem Gesamtwettbewerb sowieso nie eine wirkliche Chance und kam über Etappensiege nicht hinaus. Wie soll man auch gegen jemand gewinnen, der drei Tage lang nicht vom Trinkengehen wiederkehrt, nachdem er sich an einem x-beliebigen Sonntag Nachmittag kurz mit “Ich geh schnell auf eine Halbe zum Kneitinger” verabschiedet?

Letztlich passten wir uns sowieso immer mehr aneinander an, so dass ich mit ins Irish Harp und er mit in die Filmbühne kam, ich Van Morrison und er die Mighty Mighty Bosstones hörte, und wir uns beide gleichzeitig die Haare abrasierten und Drehbücher für unseren Anrufbeantworter schrieben. Wir erfanden Rituale wie die feierliche Ventilatorprozession, an der wir jeweils am Sommeranfang und Ende unsere Ventilatoren vom Dachboden holten, bzw. zurückbrachten, und wir entdeckten eine gemeinsame Leidenschaft, die uns an manchen Tagen zu einer unkontaktierbaren Wohngemeinschaft machte und die ebenfalls unserem Faible für Wettbewerbe entsprach: Das simultane Lösen von Adventure Games aus dem Hause Lucas Arts.

Wir haben sie wirklich alle gespielt: The Dig, Indiana Jones, Sam & Max, Full Throttle, Day Of The Tentacle, Maniac Mansion, Zak McKracken etc. Doch am eindrucksvollsten war für uns immer die Monkey Island Reihe. Sie ging mit all ihren merkwürdigen Charakteren in unsere Alltagssprache und unseren Humor ein. Stan, der nervige (Schiff/Sarg/etc)Händler wurde beispielsweis zum Sinnbild für enervierende kaufmännische Angestellte im echten Leben.

Angefangen hat alles mit einem langweiligen Sonntagnachmittag, an dem ich meinen Mitbewohner fragte, ob er nicht ein Computerspiel für mich zum Zeitvertreib hätte. Er überreichte mir geradezu feierlich The Curse Of Monkey Island und als ich ein wenig die mangelnde Aktualität beklagte, wurde er leicht mürrisch und versprach mir nicht nur einen hochgradig humoristischen Spielverlauf sondern auch nervenzerfetzendes Verzweifeln an diversen Rätseln. Er behielt in beiden Aspekten Recht, wobei ich diesen Teil noch auf eigene Faust lösen konnte, und das war mir auch ein Anliegen wegen des Wettbewerbsgedanken. Schließlich wartete Teil zwei, Le Chuck’s Revenge, längst auf mich und hier wurde ich von meinem Mitbewohner gezwungen, die Variante mit den extrabrutalen Rätseln zu spielen. Er spielte parallel mit, um sich zu beweisen, wie intellektuell überlegen er mir war. Aber auch ich kam aufgrund von vermehrten Nachteinsätzen an seinem PC langsam aber sicher voran, vor allem wenn er mal wieder drei Tage nicht auftauchte.

Ich kam zwar voran aber eben nur bis zu einer gewissen vermaledeiten Stelle. So sehr ich mich mental abmühte und grübelte – und ich grübelte an der Uni, in den Kneipen und zwischen den Haxen meiner Liebschaft -, kam ich einfach nicht auf den entscheidenden Lösungsschritt, der den weiteren Handlungsverlauf von Monkey Island 2 auslöste. Wochenlang steckte ich fest, ich war kreuzunglücklich. Ein Internet kannten wir in jenen Tagen nur in Zeitlupe aus dem sogenannten ZIP-Pool an der Uni, Suchmaschinen nur vom Hörensagen und Lösungsbücher waren mit 16 DM eindeutig zu teuer. So gab es nur einen, der mir aus meiner Misere hätte helfen können. Aber ich wollte lieber von Le Chuck, dem Geisterpiraten aufgefressen werden, als meinen Mitbewohner um Hilfe zu bitten. Und das wusste er.

Und so legte er mir eines Tages einen kleinen Briefumschlag auf den Rechner, auf dem in blauer Tinte fein säuberlich geschrieben stand:

“Monkey Island Hint Letter. To open means to capitulate.”

Was für ein hinterlistiger und leider auch gewiefter Sportsmann. Ich trank ohnehin nicht gerade wenig zu der Zeit, aber ich begann, noch mehr zu trinken und zu kiffen und hoffte auf toxische Träume, in denen mir die Vision vom richtigen Handeln kam und ich am morgen das verschissene Spiel lösen konnte, ohne diesen verfickten Brief zu öffnen. Selbst der Sex war nicht mehr derselbe, so sehr lag all mein Streben und Denken in diesen düsteren Sommertagen auf der Lösung meines Monkey-Island-Problems. Doch egal, wie groß meine Pein auch war, ich schwor mir, den verschissenen Lösungsbrief meines Mitbewohners nie und nimmer zu öffnen.

Zwei Tage später öffnete ich den Brief. In derselben säuberlichen Schrift und der edelblauen Tinte stand in Gedichtform geschrieben, dass ich einfach das Guybrush-Wanted-Poster gegen das Flugblatt von Käpt’n Kate hätte austauschen müssen, ab da ergab sich der Rest quasi von selbst. Es war eine simple Frage von “Benutze X mit X” gewesen.

Mein Mitbewohner verkniff sich fairerweise die ganz große Häme, aber ich weiß, dass er bis zum heutigen Tag triumphierend in unserer ehemaligen Altstadtwohnung hoch oben über der Stadt thront und sich in die Freibeuterfaust lacht. Wir haben dann Teil drei und vier gleichzeitig gegeneinander gespielt und gewonnen haben wir abwechselnd, je nachdem wer am meisten Zeit hatte, nicht saufen zu gehen. Entsinne ich mich recht, haben wir uns sogar gegenseitig Dates zugeschanzt, damit der andere abgelenkt war und man wieder eine Nacht den PC und das Spiel für sich hatte.

Castagneto Carducci

Und zum dritten Mal jauchzte dein Mai, o Italia, höher,
Als wieder dein Bürgertum sprach.
(Giosuè Carducci)

Der Tag nach dem Urlaub ist der grässlichste. Wenn du bei REWE stehst und fassungslos die Verkäuferin mit den lila Strähnen anschaust, ihr Mund bewegt sich tranig, wie in Zeitlupe, und heraus schält sich dieses ordinäre Deutsch, das dir mit der inbrünstigsten Gehässigkeit sagt, dass sie eben keine andere Salami als diesen fetttriefenden Hohn von einer Mailänder hat. Wenn du nach Hause gehst und dich im Juni auf den Balkon stellst, auf die Feuerwand starrst und dir ein frostiger Ostwind den Teint im Sekundentakt wieder aus den Poren zieht. Das ist ein gottverlassener Ort, diese Stadt, dieses Berlin, dieses Deutschland, denkst du.

Heute morgen hättest du fast geweint, als du über die Via Aurelia in Richtung Livorno durch die samtenen Nebelbänke geglitten bist und rechts von dir wie ein Feuerball über der Savanne die Sonne hinter den etruskischen Hügeln hervorgestiegen ist. Geweint, weil es wie die willkürlichste Gemeinheit, der grausigste Zufall erscheint, dass es Leute gibt, die als Südländer geboren sind und andere als Deutsche. Weil die einen ihre Freizeit am Sonntag gerne auf Autobahnraststätten verbringen, während die anderen bei einem Glas Rotwein auf der Viale dei Cipressi campen, weil sie wissen, dass sie die schönste Straße der Welt vor der Haustür haben. Weinen, weil Leute wie wir im Weinbergspark oder auf dem Gärtnerplatz sitzen, und dem sogar noch etwas Mediterranes abringen, während man auch in Bolgheri oder oben in Sassetta, oder auf dem ewig dämmernden Park auf den Dächern von Castagneto einen Vermentino zu sich nehmen könnte.

Aber es muss, es darf gar nicht nur dieser schwäbisch angehauchte, pseudohumanistische Landschafts- und Weintourismus sein, der einen in den italienischen Müßiggang treibt. Es ist das Beiläufige, das Wurschtige dieser Region, die sich in den 16 Jahren, in denen du nicht da warst, nicht um einen Deut verändert hat. Das geordnete Herumtreiben der Landbevölkerung, das permanente sich-Verhocken, die lässige Selbstverständlichkeit von hohem Gras und hohnen Pinien vor Sandstränden und die charmant indifferente Einrostung der Aufspannmechanik der Sonnenschirme in Marina Di Castagneto. Das sanfte und überhaupt nicht boshafte Ignorieren, dass du überhaupt da bist mit deiner Vorstellung von Italien, deinem blasphemisch Goethe-istischen Anspruch von dem gottgegebenen Land, das Gott leider unrechtmäßig den Italienern und nicht uns Deutschen gegeben hat. Das sanfte Wegschauen und Weghören, hinweg hören über unsere brutale und verbrecherische Sprache ohne Lust und Melodie. Und die kulinarische und grenzenlose Loyalität Kindern gegenüber, selbst wenn es die von den Deutschen sind.

Morgens um acht sitzen sie alle vor den Bäckereien in Donoratico und reden und essen und trinken einen Kaffee und reden. Dann sitzt lange mehr niemand irgendwo. Erst zwölf Stunden später sitzen wieder alle und dann wird durchgesessen bis spät in die Nacht, während du ja längst schläfst wegen den ganzen Ausflügen und atemlosen Aufsaugen der Szenerien. Ständig mäht jemand eine Wiese, irgendwo parkt jemand ein und wieder aus und in aller Seelenruhe verfallen die alten Häuser und Bauernhöfe, falls nicht jemand einen Agriturismo draus macht oder ein Schweizer vorbeischaut und alles aufkauft. Dem sanften Verfall schaut man überaus gern zu, wenn der Mond längst aufgegangen ist und die letzten Fäden eines glutroten Sonnenuntergangs aus dem Himmel hängen, während man im Wasser liegt und darüber nachdenkt, was für eine Verschwendung an Energie doch die eigene Mentalität ist.

Der Tag nach dem Urlaub ist der grässlichste.

Alles auf Schwarz

I’ve got a dying urge to feel the way you do
Too close for comfort, bed and breakfast in a spoon
The shortest breath of your young life
A long walk home on Friday night
You made one last stop at the store
(Alkaline Trio – Continental)

Mein Lebensgefühl war der Tod. Und das, obwohl er erst Jahre später gekommen ist. Erst Jahre später haben die Leute angefangen zu sterben. Erst Jahre später hat er Einzug gehalten und ist zu einer furchterregenden Normalität verkommen. Und trotzdem war alles voller Blut damals.

Schon morgens nach dem Aufstehen, du gehst in die Küche und alles ist voller Blutspritzer. Die Blutflecken im Bad, im Bett auf dem Spiegel. Alles trieft. Auf dem Weg zur Arbeit siehst du den Leuten schon die Angst vor dem Tag an, es ist Mitte Juni, sie schwitzen Blut. Im Büro – als es noch ein Büro gab – dann die Leute unter Aspirin, unter Ibuprofen, unter Thomapyrin, unter Paracetamol. Wir alle gedämpft, wir alle betäubt und gelähmt. Immer diese Musik, den ganzen Tag im Büro diese Musik. Immer ist irgendwo die Ewigkeit drin in dieser Musik. Man kann sich nicht auf die Arbeit konzentrieren, weil die Arbeit aus Musik besteht und Musik weh tut. Die Leute, die Kollegen, alle tragen so eine furchtbare Sinnlosigkeit in sich, eine Entleerung, eine einzige Aufhebung durchleiden sie und hinterlassen Blutspuren auf dem Boden der ehemaligen Näherei. Die Stunden bis zu den ersten Drinks ziehen sich wie der Sommernachmittag. Manche gehen nachmittags in den Englischen Garten auf ein Weißbier oder einen Joint, ich finde, der Nachmittag wird noch länger dadurch. Ich schreibe Mails, auf die ich niemals eine Antwort bekomme, ich plane Nächte, die niemals stattfinden werden. In anderen Ländern geht das Leben weiter, aber nicht hier.

Als sich das Tor der Näherei endlich in die bayerische Sommernacht öffnet, geht es wieder in die Auflösung hinaus, bis um vier Uhr morgens nur noch ein roter Fleck auf dem vom Vortag warmen Asphalt der Wilhelmstraße vor dem hässlichen Appartementbau übrig bleibt. Ouzo, Gin Tonic, Becks, Weißwein, Jägermeister und Augustiner. Emma, Alexandra, Alina, Rashana, Marina, Stefanie, Paulina, Christine und eine Ungarin, deren Namen ich vergessen habe, die bei McDonalds arbeitet. Es geht gar nicht immer was, meistens sogar nicht, aber Blut fließt immer. Soweit kommt es immer. Irgendwer verplappert sich immer und offenbart seine Todessehnsucht. Warum sind nur alle so verzweifelt, woher kommt das? Wir sind noch keine Dreißig und wollen schon alle weg. Schwarz ist die Isar in der Nacht und man denkt, sie reißt einem den Fuß ab, wenn man ihn hineinsteckt und es bleibt nur der Stumpf zurück. Je später es wird, desto höher werden die Stellen, die man aufsucht, desto erhabener der Blick auf die Stadt, desto verbindlicher der Pathos, desto unwirklicher der nächste Tag. Jeder sucht ein grandioses Finale für jede Nacht. Der Vorhang schließt sich und tosender Applaus spült einen in den Schlaf, bis man am nächsten Morgen aufwacht und überall die Blutspritzer vorfindet.

Mein Lebensgefühl war der Tod. Jetzt ist es die Notwendigkeit, sich zu erhalten und das gut zu tun. Draussen sterben die Leute über Dreißig aber nur die darunter denken ständig daran, auch wenn sie es nie so nennen.

Die Lesereise

In the beginning was the three-pointed star,
One smile of light across the empty face,
One bough of bone across the rooting air,
The substance forked that marrowed the first sun,
And, burning ciphers on the round of space,
Heaven and hell mixed as they spun.
(Dylan Thomas – In The Beginning)

Zunächst einmal die erste Schwindelei entlarvt, weil es ja gar keine Lesereise am Stück war, sondern in Häppchen. Und dann gleich das nächste Geständnis: Ich bin nicht der beste Vorleser – man nennt mich auch die Haspel vom Gäuboden – und ich mochte das Vorlesen bis zur Mitte der Lesereise noch nicht einmal besonders. Aber was muss, das muss auf die Bühne, denn es soll ja schließlich auch der Eindruck entstehen, der Autor wäre ein gefragter Schausteller und was nicht ist, kann ja zudem auch noch werden. Hier also, so weit ich mich erinnern kann, ein kleiner Bericht über die erste Lesereise meines Lebens.

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17.01.2012 Berlin, Buchbox
So schön das ist, in einem Berg aus Büchern zu sitzen und aus dem eigenen vorzulesen, so wichtig ist es, im Vorfeld sicher zu stellen, dass die jeweilige Buchhandlung auch Alkohol verkauft. Denn erstens basiert mein gesamtes Schaffen auf der übertriebenen Einnahme von Alkohol und man möchte doch ein Publikum dem Zustand des Autors anpassen, vor allem wenn der nach der Pause und dem dritten Bier anfängt sich gehen zu lassen. Dann soll sich auch das Publikum gehen lassen können, dann fallen auch die Verleser nicht mehr so auf oder sie geraten zu Lachern. Fast hätte es keinen Alkohol gegeben, obwohl ich in einer Mail den lieben Herrn Mesche von der Buchbox vorgewarnt hatte, dass mein Publikum zu 75% aus Alkoholikern besteht. Markus Kavka ist mein spezieller Gast an dem Abend und ein Leseprofi, nicht zuletzt wegen seiner ausgedehnten Tour mit seinem Buch “Rottenegg”. Und weil er Profi und Freund zugleich ist, hält er nicht nur den Ablauf des Abends zusammen, sondern komplettiert mich selbstlos mit Anekdoten und herrlichen Spitzfindigkeiten und erträgt auch einige Gemeinheiten, die ich ihm unterjuble. Ich sage nur: Bauarbeiter-Musical. Und dann ist das auch ein Jugendtraum, der in Erfüllung gegangen ist: Einmal mit Markus Kavka moderieren und dann auch noch als mein Andrack. Es ist voll in der Buchbox, ich bin voll und wir haben am Ende soviel Klamauk verbrochen, dass der eigentliche Vorlesevorgang kaum mehr eine Rolle gespielt hat. Danach sind wir in der NEU-Bar und ich trinke Jameson. Das ist ein guter Anfang, denke ich.

20.01.2012 Köln, 1LIVE-Clubbing
Ein paar Tage später gibt es keinen Sidekick mehr, ich bin plötzlich mutterseelenallein meinem eigenen Roman ausgeliefert. Und dann stellt man schnell fest, dass sich die meisten Teile des Buches gar nicht zum Vorlesen eignen, weil sie ja handlungsgetrieben sind, oder zu dialoglastig, oder einfach völlig pointenleer. Es wird meine Aufgabe in den folgenden Wochen sein, genau jene Extrakte aus dem Roman zu finden, die in wenigen Zeilen seine Gemeinheit wiedergeben und gleichzeitig unterhaltsam sind. Gottseidank ist der WDR ein unglaublicher freundlicher und literaturinteressierter Gastgeber und sein Lesepublikum hängt an jedem Wort aus dem Buch. Die brauchen keine Pointen, denen genügt das Wort. Und so ist die Livelesung im Radio auch die einzige, bei der ich mich traue, den pathosschwangeren Anfang des Buches zu lesen. Danach bin ich im King Georg und trinke Jack-Daniels-Cola. Auf der Suche nach etwas zu essen, irre ich eine Stunde lang durch die Stadt, bis ich soviel Hunger habe, dass ich mich am Hauptbahnhof durch McDonald’s und Burger King in einem Aufwasch durchfressen muss. Alle sind nett in Köln. Ich bin da immer sehr gerne.

16.03.2012 Leipzig, Ilses Erika (mit Oliver Uschmann)
Ich bin ernsthaft verliebt in Leipzig. Die Stadt ist weitläufig und dennoch putzig, die Leute sind arschfreundlich, man kann jeden jedes fragen, die Mädchen sehen toll aus und die Fassaden sprechen mit mir. Es gibt Schutt und Löcher und viel Unvollständiges, was man in Berlin gerade in panischer Eile beseitigt. Kurz, die Investorenschwärme haben die Stadt noch nicht vollständig überzogen und man sollte eigentlich sofort hinziehen, bevor das passiert, weil lange kann das nicht mehr dauern bei so einer wilden Schönheit. Ich bin zunächst auf der Buchmesse, aber das taugt mir nicht besonders gut. Zu viele Leute, zu viele Bücher, zu viele abgewürgte Gespräche. Es ist der Tag, an dem der Winter aufhört. Die jungen Leute in ihren Anime-Kostümen schwitzen, die Vertreter in ihren Anzügen schwitzen und ich in meiner Winterjacke schwitze. Von der Buchmesse aus fahre ich in die Innenstadt, den Death-Row-Sound der Neunziger so laut, dass die Außenspiegel bei jedem Bassdrumschlag vibrieren. Nuthin’ But A G Thang. In der Stadt riecht es nach Grill, die Mädchen haben von einer Stunde auf die andere nackte Beine und ich kaufe mir unnötigerweise eine teure Sonnenbrille. Abends gehen wir vor der Lesung noch essen. Mein Agent, einer der Lektoren und ich. Man hat uns gewarnt, dass wenn wir im Werk2 essen, nicht rechtzeitig zur Lesung wieder da sind, weil das Essen so lange dauert. Wir essen wahnsinnig gut und sind wahnsinnig verspätet. Oliver Uschmann sitzt schon im Ilses Erika und hat angefangen zu lesen. Er bittet mich auf die Bühne. Weil’s eh schon ziemlich rock’n’rollig ist, viel zu spät zur eigenen Lesung zu kommen, bitte ich ihn noch um etwas Geduld und bestelle mir erst einen Jack Daniels an der Bar. Irgendwann sitze ich auf der Bühne neben Oliver Uschmann und seinem Pointenfeuerwerk über Festivalkultur und gebe auf, mein Buch zu promoten. Ich konzentriere mich jetzt ausschließlich darauf, der Mann mit dem Hot-Water-Music-Tattoo zu sein, den Herr Uschmann in seinem Buch als einen der Prototypen eines Rockfestivals beschreibt. Ich hasse Festivals. Das Publikum schmeißt sich weg ob der Versus-Darbietung da oben und es ist ein gelungener Abend. Danach sind wir auf der Party der jungen Verlage und mein Lektor beweist erneut, dass er trinkfest genug ist, um mit Fug und Recht bei Heyne die Rock’n’Roll-Themen zu betreuen. Auf der Party treffen wir Nagel, was schön ist. Unschön ist die Bekanntschaft mit einer Frau, die so unbarmherzig auf mich einredet hat, bis ich leer bin. Ich schicke ja nie Leute weg, oder brüskiere sie, ich unterbreche sie ja noch nicht einmal, wenn sie unbedingt reden wollen. So einer wie der Nagel sagt dann was schlaues Gehässiges und damit hat sich der Fall, aber ich sag einfach nichts. Bis zu diesem Abend, denn irgendwann sage ich, beziehungsweise meine leblose Hülle, zu der Frau, dass ich nicht mehr kann, dass ich so ausgelaugt und brüchig bin, dass mich der nächste Windstoß davon weht und dass ich deshalb weder reden noch zuhören kann. In Wirklichkeit sage, ich bin schon so betrunken, ich kann nicht mehr folgen. Und das ist auch nicht gelogen, ist doch der Themenkreis so weit gesteckt, dass eine Kindheit in einer Sekte, ein brasilianischer Wunderheiler, esoterische Unternehmensberatung, die bloße Einbildung des Bewussten zu Ungunsten des Eingeständnis der rein molekularischen Existenz und sogar Max Frisch darin Platz finden. Ich trinke Cola mit Rum, weil es keinen Whiskey gibt, soviel zur Party der jungen Verlage. Wir lernen Studentinnen der Buchwissenschaft aus Mainz kennen. Gutenberg und so. Also der Buchdrucker, nicht der Buchfälscher. Die Musik wird immer schlechter, statt Hits machen die Djs plötzlich Übergänge. Um acht Uhr morgens bin ich dann im Hotel und um halb zehn beim Frühstück mit meinem Lektor, der erstaunlich fit ist, dafür dass er sich schon seit vier Tagen durch diverse Buchmessen-Parties säuft. Es riecht noch mehr nach Grill als am Vortag und die weiße Winterhaut der Leipziger Mädchen leuchtet die Gassen der Altstadt aus. Verliebt in Wetter, Stadt und Leute stehe ich stundenlang auf dem französischen Balkon des Hotels und höre The Jealous Sound. Gegen Mittag fahr ich mit meinem Agenten auf das Völkerschlacht-Denkmal. Das groteske, das aberwitzige. Da oben ist es so hell und warm wie in einem David-Hamilton-Film und ich bin vollkommen übersäuert von den vielen Longdrinks. Da oben auf diesem absurdesten Denkmal der Deutschen Geschichte lasse ich los (figurativ), als wäre ich schon seit zwei Wochen auf Kreta in einem der süßen Dörfer unten im Süden und würde Ouzo mit Eiswasser trinken und mich von griechischem Joghurt mit Nüssen und Honig ernähren. So kann es weitergehen, denke ich.

17.03.2012 Merseburg, Lachnacht
So geht es aber nicht weiter. Von Leipzig aus fahren wir rüber nach Merseburg. Immer noch der Neunziger Hip Hop auf höchster Lautstärke. Alles vibriert, ich bin auf Tour, denke ich. Vor Merseburg dann an der längsten Industrieanlage vorbei, an die ich mich erinnern kann. Es ist noch nicht so lange her, da konnte man seine Wäsche nur an einem Sonntag aufhängen, wenn die Maschinen still standen, hat mir später jemand erzählt. Es ist noch nicht so lange her, da mussten die Merseburger zur Luftkur abtransportiert werden. Davon merkt man nichts mehr, wenn man in die Stadt kommt. Ein bisschen DDR-Struktur unten beim Bahnhof, aber oben verwunschene Schlösser und Villen. Wir bekommen von unserem liebenswert Oasis-verrückten Gastgeber eine Domführung spendiert. Und wir sehen alles. Kriechen in der Architektur der alten Domorgel herum, ein barockes Ungetüm. Das erste Mal im Leben verstehe ich, wie das funktioniert mit dem Gebläse, wie bei einer gigantischen Flöte. Das schönste in der Königsgruft sind die untergehenden Sonnen an den Särgen, sie bedeuten, dass die Linie ausstirbt. Und dann im Hochsicherheitstrakt Schriften aus dem 13. Jahrhundert, zum Anfassen. Vor dem Safe stehen mit den originalen Merseburger Zaubersprüchen, von denen man uns sicher schon im Germanistik-Studium erzählt hat, nicht dass ich mich erinnern könnte. Mein Onkel war mal in Mersburg am Bodensee und hat nach den Zaubersprüchen gefragt. Sie haben ihn nicht verstanden. Dabei ist mein Onkel Germanist. Auf einer Postkarte im Museumsshop sieht man, wie der Dom-und-Schlosskomplex zur DDR-Zeit aussah, so bräunlich und überwuchert. Wie von einem Instagram-Bild. Daneben eine aktuelle Postkarte. Gesünder, gepflegter, aber nicht mehr so wild und süßlich vergilbt. In dem Hotel, in dem ich und mein Agent unterkommen, ist nie jemand an der Rezeption. Ich habe in zwei Tagen da nicht einmal jemand gesehen. Es riecht schon wieder nach Grill, aber weit und breit ist kein Mensch auf der Straße. In einer menschenleeren Sportsbar trinke ich ein Bier und einen Jack Daniels, esse einen Schinken-Käse-Toast und sehe wie der FC Bayern irgendeine Mannschaft dezimiert. Aber ich ahne, dass das nur wieder ein kurzzeitiges Hoch ist. Vom FC Bayern. Die Merseburger Lachnacht ist eine reine Comedy-Veranstaltung und es gibt keinen Bourbon. Die Komödianten vor mir sind sehr quirlig und feuern Pointen aus allen Rohren. 100 Punchlines per Minute. Einer von denen ist ziemlich gehässig zu iPhone-Besitzern und überhaupt hat er’s auf die Technik abgesehen. Man könnte meinen, er ist achtzig, aber er kann noch keine Vierzig sein. Otto Kuhnle gefällt mir gut. Selbst wenn er Klamauk macht, hat er diese angenehme Prise Weltverneinung. Die ganze Zeit überlege ich, was ich machen könnte, um mit meinem Leseteil nicht vollkommen die Luft aus der Veranstaltung zu lassen. „Mach den Dieter Mandel“, sagt mein Agent. Der Dieter Mandel ist ein bayerischer Fahrlehrer aus meinem Buch und sorgt bei Lesungen manchmal für Lacher. Es ist die einzige Figur, die ich kann. Ich gehe auf die Bühne, lege das Buch zur Seite und rede als Dieter Mandel. Keine einzige Pointe habe ich vorbereitet, verlasse mich nur auf die Figur und ihren Dialekt. Das Publikum schaut mich befremdet an. Ich beschließe, so schnell auf keiner Comedy-Veranstaltung mehr zu lesen. Nach der Veranstaltung trinke ich noch ein Bier und bin todmüde. Mein Agent will auf eine Ü30-Party und ich eigentlich auch, aber ich muss mich noch mal hinlegen. Vielleicht melde ich mich, wenn ich wieder fit für die Ü30-Party bin, sage ich. Noch eine Minute Baphomets Fluch 2 auf dem iPad und der Tag ist vorbei.

28.03.2012 Regensburg, Alte Filmbühne
Ich komme nach Hause. Regensburg. Sechs Jahre studiert und mich um Kopf und Kragen gesoffen. In einer Band gespielt, in der Hälfte aller Kneipen gearbeitet, auch in der Filmbühne. Die Stadt und ich wir haben uns gegenseitig ausgesaugt. Wenn ich heute hinkomme, ist es, als wäre ich gestern erst weggezogen. Hass und Liebe sind noch intakt. Der Abend ist schön, alles ist auf den Beinen und in den Biergärten, und Bayern spielt in der Champions-League gegen Marseille. Niemand will den verlorenen Sohn in der Kellerkneipe sehen. Na ja, fast niemand. Ein paar gute Freunde, meine Familie, viele Verwandte und ein paar Neugierige sind da. Ich lese alleine ohne Sidekick, Musiker oder Beamer. Es hallt ein wenig, aber es ist schön, da unten zu sitzen und Jack Daniels zu trinken und meiner Mama und meiner Schwester dabei zuzusehen, wie sie mir zuhören. Ich lese ein bisschen und spreche viel mit den Leuten die ich kenne. Das gibt manchmal mehr her, als nur zu lesen. In der Filmbühne ist kein Mobil-Empfang und ich schicke während der Lesung den Freund meiner Cousine raus, damit der das Bayernergebnis reinholt. Wir führen durch ein Tor von Gomez und ich trinke noch einen Schluck Jack Daniels. Je besoffener ich werde, desto öfter verlese ich mich. Wir machen ein Spiel. Wenn ich eine Stelle nicht richtig hinbekomme, trinke ich von meinem Bourbon. Das ist der sprichwörtliche Teufelskreis. Danach gehen wir ins Orkan und in die Wunderbar. Ich hab in beiden Kneipen gearbeitet, ich weiß noch die Getränkepreise aus dem Jahr 1999. Es wird spät, aber nicht so früh wie in Leipzig. Bei einem guten und seltengesehenen Freund auf der Dachterasse kann man auf die Winzerer Höhen schauen. Die Winzerer Höhen und die Donau-Auen in Matting sind gute Gründe für diese Stadt. Am nächsten Morgen besuche ich einen Freund in seiner Anwaltskanzlei. Er sagt, es ist gut, selbständig zu sein, weil man dann rauchen gehen kann, wann man will und sich am Arsch lecken lassen. Ich kann das bejahen, auch wenn ich längst nicht mehr rauche.

29.03.2012 München, Laab
Ich esse noch was bei meinen Eltern, dann fahre ich mich dem Zug nach München. Mir ist hundselend von dem ganzen Bourbon in Regensburg. Bis kurz vor der Lesung ist mir so schlecht, dass ich beinahe dem einparfümierten Taxifahrer in den Wagen gekotzt hätte, als der den Berg nach Obergiesing raufkurvt und die Verlagsleute hinten auf der Rückbank was von rohen Burgern erzählen. Geholfen hat dann tatsächlich erst ein Konter-Grappa im Laab. Die Lesung hat der Ivi vom ehemaligen Club2 organisiert. Sauguter Typ und dank ihm weiß ich jetzt, was eine Fernfahrer-Halbe ist. Auf der Lesung begleiten mich die guten Mexican Elvis. Das ist eine schöne Mischung: Musik und Lesen, das entspannt die Leute, da haben sie nicht das Gefühl beim Schwätzen erwischt zu werden. Ich habe einen Durchbruch: Mir macht das Lesen plötzlich Spaß. Ich lese aus „Black Mandel“ vor, das erst im Winter erscheint. Daraus eine Geschichte über eine katholische Beichte. Hier und in jeder anderen Stadt, in der ich die Geschichte vorlese, lachen die Leute wie wild. Das liegt nicht nur an dem Furz in der Geschichte, sondern sicher auch an der angespannten Situation beim Beichten und dem drakonischen Pfarrer Gneissel. Das schreit geradezu nach Comic Relief. Was ich nicht weiß: während ich so über Beichtunterricht im katholischen Kaff in Niederbayern referiere, sitzt ein Grafentraubacher im Publikum. Erst nachher wird er sich zu erkennen geben, als der Bub vom Kramer, bei dem ich die Camel für meinen Vater immer gekauft habe. Er ist früh ins Internat gegangen. Heute ist er bei der Jugendabteilung vom Bayerischen Rundfunk und sieht ganz cool aus. Er hat es aus Grafentraubach heraus geschafft, hätte ich früher gesagt, jetzt weiß ich nicht mehr, ob das überhaupt eine Leistung ist. Das ist trotzdem schön, dass ich ihn getroffen habe. Die Lesung haut super hin. Mexican Elvis spielen Krimithemen, darunter das von Simon und Simon, das ich schon als Kind gern mochte. Ich lese und kann mittlerweile wieder Bourbon trinken und alle haben Spaß. Mein Onkel, der Germanist, der auf vielen Lesungen ist, sagt, endlich habe er sich mal nicht gelangweilt. Danach gehen wir in ein Kino, das schließen wird. Eine Funkband mit Frauen spielt. Der alte Fluch des Hellen holt mich ein. Immer wenn ich spät nachts ein Helles trinke, wird es schnell finster, haha. Ich bin träge und elendig und muss ins Bett. Es ist schon wieder spät. Mein Lieblingsbassist nimmt mich mit zu sich. Am nächsten Tag bin ich so verkatert, dass ich eine viertel Stunde im falschen Zug sitze und mich wundere, warum er nicht fährt. Vielleicht sollte ich nicht bei jeder Lesung soviel trinken, denke ich.

03.04.2012 Hamburg, Molotow
Vor Hamburg habe ich ein bisschen Angst. Weil ich früher so gerne in Hamburg war und von den Hamburgern geliebt werden wollte. Damals war ich noch bei MTV und hab verkrampft versucht, meinen Akzent wegzulöschen. Außerdem hat mich mal eine Punkfrau alleine am Kicker stehen lassen, nur weil ich Sternzeichen Jungfrau bin. Und obwohl wir am Gewinnen waren. Das hab ich mir gemerkt. Doch dieses Mal bekomme ich die Liebe. Ich lese mit Max, dem Sänger von Vierkanttretlager, den ich erst beim Abendessen kennengelernt habe. Er ist jung aber schon schneidig genug, schlau und lustig zu sein. Und versiert im Umgang mit so Mifdlifern wie mir. Ich hätte mich nicht getraut, so gut zu sein in dem Alter. In dem Alter war ich meist nur albern, verunsichert und unangenehm arrogant. Der Max ist nicht so und er liest einen guten Urbaniak, das ist der schmierige A&R aus dem Buch. Ich lese eine Stelle, die ich so noch nicht gelesen habe und muss über mein eigenes Buch lachen. Das ist ein gutes Gefühl. Mein Lieblingsblogger Kid37 ist da und der sieht gesünder aus als ich befürchtet habe, nachdem er gesundheitlich ganz schön was mitgemacht hat. Ich mag diesen Mann. Als ich „Die Beichte“ lese, sind die Leute wie toll. Die Katholizismis-Drangsalierung hat scheinbar ein großes komödiantisches Potenzial. Ich signiere die meisten Bücher in Hamburg, ich bekomme den meisten Applaus in Hamburg, das Molotow ist voll und darf übrigens nie geschlossen werden, da ist grade wieder so ein Investorensüpplein am Kochen. Hamburg liebt mich und ich liebe zurück. Später sitze ich mit Dirk W. in einer fast leeren Bar und der DJ spielt Lightships und ich schwöre, Gerald Loves Stimme zu erkennen. Man darf nur so dermaßen nach Teenage Fanclub klingen, wenn man auch bei Teenage Fanclub spielt. Ich behalte Recht. Nach drei komme ich in das Appartement, das mir eine gute Freundin leiht. Am nächsten Morgen bin ich verdammt noch mal schon wieder so verkatert und der Inhaber vom Justfitted-Mützen-Laden schließt mir früher auf und ich kaufe ihm dafür eine türkise TheHundreds-Snapback ab. Hamburg ist gut, denke ich.

14.04.2012 Mainz, Buchhandlung Bukafski
Ich war noch nie in Mainz. Die Zugfahrt ist die Hölle. Ich dachte immer, Zugfahren ist die einzige Reiseart, die entspannt. Aber da sind viel zu viele Leute, um zu entspannen. Mir tut die Schulter weh, als ich ankomme, weil ich so verkrampft herumsitze bei dem Versuch mich unsichtbar zu machen. Ein herzlicher Mensch, den ich eigentlich nicht kenne, holt mich ab. Er hat mal fürs ZDF gearbeitet. Wir sitzen am Rhein beim Yachthafen, ich trinke ein Radler und esse Mainzer Spundekäs, der wie Obatzter schmeckt, aber viel cremiger ist. Das Wetter ist schön, niemand hier hat es eilig. Danach schauen wir Fußball auf einer Großleinwand, Bayern gegen Mainz. Bayern spielt grausig und die Leute bleiben sehr kultiviert. Die Lesung ist voll. Leute sitzen auf dem Fensterbrett. Ich lese und Thomas Müller von Million Dollar Handshake macht Musik und hat eine schöne rostige Stimme. Bei REWE hat mir niemand das Whiskey-Fach aufgeschlossen, also hab ich Jack-Daniels-Cola in der Dose gekauft, den Gottvater aller Alkopops. Ab der zweiten Hälfte spiele ich mit Thomas zusammen auf der Gitarre. “Won’t Back Down”, “I’m On Fire”. Ich verspiele mich, weil ich schon zuviel getrunken habe. Ich lese „Die Beichte“, die Leute freuen sich und dann darf ich „Time“ von Tom Waits singen und fühle jede einzelne gottverdammte Zeile. Mein alter Kumpel Simon, mit dem ich einst in Regensburg Deutschpunk gemacht habe, kommt auf die Bühne und spielt mit mir „Sommerkleid“. Das ist von unserer Band Gutch, die nie live aufgetreten ist. Bis zu diesem Tag. Ich habe Simon seit 15 Jahren nicht mehr gesehen. Das Publikum ist fantastisch und obwohl das der letzte Lesetermin ist, möchte ich jetzt plötzlich gar nicht mehr aufhören. Wir gehen noch aus und ich trinke weiter Bourbon und es gibt kurioserweise in diesem Club auch Tegernseer in der kleinen Flasche, was ich pervers finde. Das Bier macht mich dröge, aber ab 5 bin ich plötzlich hellwach und fange an Spaß zu haben, während alle nach Hause wollen. Ich lerne Leute kennen, einen Immobilienmarker und eine, die Gedichte schreibt. Alle sind freundlich in Mainz, dauernd lernt man jemand kennen, sogar bei Tageslicht. Um acht Uhr früh, als ich auf Simons Couch krieche, um zwei Stunden zu schlafen, bevor ich von meiner Katzenallergie aufwache und bevor der ICE mich wieder heim nach Berlin bringt, denke ich, dass das ein guter Anfang ist.

Danke an die Jörn, Dirk, Sailo, Simon, Tina, Markus K, Markus N, Gabi B, Caro A, Max, Ingo, Ivi, Onkel Heinz, Thomas, Matthias, Ingo, Mexican Elvis, Fred, Karin, Ebi, Diane, Andrea, David, 1LIVE, ByteFM, Radio Gong, Heyne, Radio1, Flux FM etc., etc.

Die frühe Dunkelheit

An manchen Tagen fängt die nächste Nacht schon in der Früh an. Ich hatte einen Alptraum, das fühlt man ja, wenn man aufwacht. Der Kopf tut weh, die Knochen stechen in die Haut, der Rücken wie gebrochen. Als ich meiner Frau erzähle, was es für ein Alptraum war, lacht sie. Ich habe geträumt, ich wäre wie ein Irrer in einer Stadt herumgefahren, die ich nicht kenne. Kein Platz, an dem man anhalten durfte und das Auto, in dem ich saß, ist langsam zerfallen. Der Morgen ist zu ruhig, kein Verkehr draussen, das Kind schläft noch, die Frau hat sich leise ins Bad gestohlen, es ist unnatürlich ruhig. Als ich das Kind in die Tagesstätte bringe, ist es immer noch nicht richtig hell geworden. Das Kind sieht gerne Hunde, aber auf dem Weg kommt uns ein grässlicher schwarzer Hund mit einem grimmigen Baseballkappenträger an der Leine entgegen, wo es selbst dem Kind das “Wauwau” verschlägt. In unserem Haus wird eine Wohnung zwangsgeräumt. In der Wohnung hat ein Autor gewohnt und mein Fahrrad ist immer unter seinem Balkon angeschlossen. Ein Balkon, der noch nie benutzt wurde. Hinter den Fenstern des Balkonzimmers kann man Umzugskisten sehen, keine Einrichtung. Schon immer. Ich weiß nicht, ob der Mann geflüchtet ist, gekündigt wurde, oder tot ist, aber es schaut unangenehm aus, wie diese Arbeiter mechanisch einen LKW einräumen. Ich frage, ob der Kinderwagen im Flur den Umzug stört, weil man ja nicht zu den Leuten gehören will, die ihren Kinderwagen wie einen Gral vor die niederen Dinge des Alltags stellen, und wehe es rührt ihn jemand an. Andere Nachbarn im Haus würden Fehden veranstalten wegen ihrem Kinderwagen-Stellplatz. Das steckt in allen, nicht nur in Eltern, das unmenschliche Reviergehabe, aber man muss es unterdrücken, der Menschlichkeit zuliebe. Der Arbeiter wird leicht hysterisch und sagt, es handle sich um eine Räumung, keinen Umzug. Und der Wagen störe nicht. Mehr will ich ihn nicht fragen, mit so jemand will man sich auch nicht an einem sonnigen Tag unterhalten. In der Dusche denke ich darüber nach, was wäre, wenn man mich aus der Wohnung schmeissen würde, wenn ich die Miete nicht zahlen kann. Ich bin doch auch eine Art Autor. In der Folge von Boardwalk-Empire, die ich gerade sehe, sind die Leute vom Tod und Verlust gezeichnet, das ist das Thema, wenn man ehrlich ist. Jetzt fällt mir mein Großvater und die letzten Jahre ein, in denen er so krank und verbittert war. Eigentlich ein netter Mann, der Großvater, etwas misstrauisch, aber wer will der Kriegsgeneration das verdenken. Jetzt sitze ich am Schreibtisch und archiviere die Dunkelheit dieses Morgens mit diesem Text, hefte sie ab, und tatsächlich kommt kurz die Sonne heraus.

Der Kellner

Weil es nahezu zur Unsitte geworden ist, gerade da man es mittlerweile bei Hinz und Kunz toleriert, über das eigene Wohlbefinden zu publizieren und Auskunft zu geben über das, was man frisst und tut den lieben langen Tag, möchte ich mich für den nächsten Satz jetzt schon entschuldigen und anführen, dass ich diese Befindlichkeit nur deshalb zum Besten gebe, weil sie inhaltlich einen höheren Zweck erfüllt. Jetzt kommt sie: Ich habe am Sonntag im Sarah-Wiener-Café im Hamburger Bahnhof (in Berlin, nicht in Hamburg) einen wahnsinnig guten New-York-Cheesecake gegessen. Aber nicht der Kuchen, sondern der Überbringer desselben ist das erfreuliche Sujet dieses Artikels, wie schon ein Dummkopf an der Überschrift erkennen könnte, läsen hier überhaupt Dummköpfe mit.

Der Kellner, der mir den Kuchen gebracht hat, trägt einen schmalen Schnurrbart wie Marlon Brando als Don Corleone. Und auch die Frisur ist eine Ähnliche, selbst wenn das Haupthaar noch spärlicher als bei Brando ausfällt (ha, ausfällt!). Der Kellner geht nach vorne ziemlich gebückt, er scheint eine Beschwerlichkeit mit dem Rücken mit sich herum zu tragen. Das sieht nicht unbedingt traurig aus, wirkt sogar auf eine gewisse Weise ehrwürdig, weil er selbst bei einem Käsekuchen und einem Cappucino aussieht, als schleppte er die Last der Welt für ein kleines Trinkgeld zu dir an den Tisch und wieder zurück hinter die Theke. Der Kellner ist weder besonders humorvoll, noch besonders überschwänglich. Er ist dafür besonders darum besorgt, ausserhalb seiner kellnerischen Tätigkeiten – und die umfassen vor allem einen korrekten und sauber artikulierten Umgang mit den Gästen – nicht weiter aufzufallen. Höflichkeit kann man es auch nennen. Bei aller Korrektheit steckt ihm aber dennoch ein gewisser Schalk im kaputten Rücken, auch wenn er ihn sich aufs Härteste verbeissen muss. Ein bisschen erinnert er mich damit an Batmans Butler Alfred, die Seele eines Maschinisten und Vigilanten. Der Kellner übt seinen Beruf so aus, als hätte er ihn gelernt und als hätte er ihm einst Spaß gemacht. In seinem schwarzen Hemd und der schwarzen Schürze hat er zugegebenermaßen auch etwas von einem Bestatter, aber es gibt ja auch freundliche Bestatter. Der Kellner ist unter all seinen Kollegen in dem Café garantiert der einzige über vierzig und sieht aber nach siebzig aus. Er ist ohne Zweifel ein Relikt einer Kaffeehauskultur, die schon im letzten Jahrhundert längst ausgestorben war. Und das in einer Stadt, in der der arbeitslose Hipster und Student das gastronomische Service-Ruder fest in der Hand hält und damit auf berufliche Tugenden wie Schnelligkeit, Freundlichkeit und Flexibilität einschlägt, bis sie sich nicht mehr rühren. Der Kellner ist ein Grund, warum ich gerne am Sonntag eine Stunde dort verbringe. Selbst dem größten Sonntagsgewühl trotzt er noch eine unheimliche Ruhe ab und die Gewissheit, dass nichts so wichtig ist, wie der nächste Kaffee, aber nur, wenn er ohne Umstand und diese grässliche Hast serviert wird.

Von uns hat der Kellner erst länger nicht Notiz genommen. Dann hat er ein Getränk am falschen Tisch abgestellt und zwei statt einem Käsekuchen gebracht. Am Ende hat er vergessen, dass wir zahlen wollten. Wir haben ihm aber auch den irrtümlichen New York Cheescake abgenommen und ihm ein bisschen mehr Trinkgeld als normalerweise gegeben.

Schnee von gestern

Vor ein paar Tagen bin ich dahin gefahren, wo ich herkomme. Wo der Schnee statt Chaos noch eine allesumarmende Schwere mit sich bringt. Und wo jeder Feldweg besser geräumt ist als unsere Straße in der Mitte von Berlin. Die Autobahn dorthin scheint durch Raum und Zeit gereist zu sein. Das rhythmische Schlagen gegen die altersschwachen Stoßdämpfer von meinem Ford erinnert mich an unsere Klassenfahrt nach Berlin 1991. Als die Autobahn nach Hof noch dem Volk gehört hat und aus losen Betonplatten bestand. Alles bricht und zerbirst im Angesicht der Kälte, der Rest rostet sich weg oder säuft dieser Tage hemmungslos ab. Kein Wunder, dass die Leute sich wie wild verheiraten und vermehren, wo sie doch sonst keine Kontrolle mehr über irgendwas ausüben.

Zuhause gibt es eine Menge Kinder mittlerweile. Und es ist nicht so, dass ich ein ausdrücklicher Befürworter des Spaßregimes bin, das Kinder unter sechs Jahren im Pulk über uns Erwachsene ausüben, aber in meiner Familie haben sich die Zustände durch die vielen Kinder verbessert. Man kann jetzt fast von einer Großfamilie sprechen. Mit nahezu südländischen Zügen. Alle schreien durcheinander, ständig wird gegessen und gekocht, dauernd kommt jemand, dauernd geht jemand. Das hat die Nachdenklichkeit der vergangenen Jahrzehnte fast in Vergessenheit geraten lassen. Alle sind wieder verbindlich und es gibt eine neue Herzlichkeit, eine Lebensqualität, endlich ein halbwegs gutes Argument gegen das Leben in der Stadt. Von der Gastfreundlichkeit muss man nicht reden. Das ist ein niederbayerisches Haus voller begabter Köche und höflich erzogener Menschen. Hinfahren war eine Winterreise, zurückfahren mehr wie eine Fahrt über eine endlose Brücke. Ich weiß auch nicht genau, was ich eigentlich sagen wollte, als ich anfing, das hier zu schreiben. Vielleicht nur, dass es schön war daheim.

Fahrschule Schwanitz – Das Musical (feat. Nora Tsch.)

So, jetzt habt ihr eine weitere Staffel Kavka Vs. The Web überstanden. Also gleich. Vorher stehen euch noch praktische Verhaltensregeln in der Welt des Off- und Online Datings ins Haus, am lebenden Objekt aufgezeigt von Nora Tschirner (der echten Lena M-L) und Dieter Schwanitz (dem echten Markus K.). Dazu Onkel Berni als Band der Woche, mit denen ich weder verwandt noch verschwägert bin. Hätte es für den Grand Prix Eurovision nicht so ein albernes Casting gegeben, ich bin mir sicher, Dieter Schwanitz würde uns morgen in Oslo vertreten. (Musical am Ende der Show)


“Flirt School Musical” mit Nora Tschirner – Staffelfinale

Kavka vs The Web – Präsentiert von Dell | MySpace Video

Wie ich einmal die Melancholie verlor*

Nothing to regret
(Slayer – Dittohead)

Es gab einmal eine Zeit, da war ich der Melancholie fetteste Beute Deutschlands. Ich brauchte nur morgens aus dem Fenster schauen und schon überkam mich die Erinnerung an Exfreundinnen, Autofahrten in bayrischen Sommern meiner Jugend oder Studentenparties mit Schwarzem Afghanen im Nussjoghurt. Und das war nur beim Aus-dem-Fenster-schauen. Frag nicht, was passierte wenn ich zum Aus-dem-Fenster-schauen auch noch Musik gehört habe. Ich hab diese Melancholie immer angenommen. Hab immer gedacht, mein Gott, was soll’s, du bist halt so ein Melancholischer. Und als Speichermedium hab ich sie benutzt. Speichermedium für wie man sich gefühlt hat. An die Fakten erinnerst du dich ja in den meisten Fällen, aber selten wie etwas gerochen hat, oder wie einem der Bauch mitgespielt hat oder anderes metaphysisches Zeug. Die Musik und die Melancholie, das war also der Speicherstand von meinen Herzensabenteuern der vergangen Jahre. Damit hab ich mich abgefunden.

Irgendwann ist die Melancholie aber von einem Tag auf den anderen weg gewesen. Ich will jetzt nicht auslassen, dass das koinzidierend mit einer Frauengeschichte zusammengefallen ist, aber es war schon erstaunlich. Weil da zerreisst du dir jahrelang das Herz und zermarterst dir das Hirn, alles wegen ein paar Liedern und Wetterszenarien und dann stehst du eines Morgens auf und schaust aus dem Fenster wie jeder normale Mensch auch. Jetzt war ich aber nicht neu verliebt oder so über Gebühr Glückbetankt, dass die Melancholie praktisch von der Glückseligkeit erquetscht worden wäre. Ganz im Gegenteil: das Mädel, um das es jahrelang ging, war von heut auf morgen unter die Kofferpacker gegangen, und hatte mir das noch schlagende Herz herausgerissen und gesagt: “Schau, das Ding schlägt doch immer noch, ich weiß gar nicht was du hast.”

Also von guten Zeiten keine Rede. Und auch nicht davon, dass ich ab dieser Amputation nicht mehr an dieses Unmädchen gedacht hätte. Geärgert hab ich mich noch oft und geflucht wurde wie ein Unwetter. Aber die Melancholie, die war weg. Wenn man es simplifiziert, ist die Melancholie ja ein Mittelweg aus Verzweiflung und Hoffnung und genau dieser Mittelweg war plötzlich verschwunden. Wutanfall oder Spaßausbruch, aber kein Mittelweg mehr. Das war dann schon gewöhnungsbedürftig am Anfang. Du sitzt im Auto und da kommt ein melancholisches Lied, das du mit diesem Unmädchen gehört hast, die Sonne scheint aufs Amaturenbrett und du spürst nichts. Da hätte jetzt auch was von Slayer laufen können, gleiches Resultat. Keine Melancholie. Keine Seele, kein Gefühl, noch nicht einmal ein Gedanke. Ein bisschen war das so, als hätte man den Geruchssinn verloren. Aber da sieht man mal, wie der Mensch gleich wieder undankbar wird. Weil auch wenn ich mir jahrelang eingeredet habe, du musst die Melancholie annehmen, das gehört nun einmal zu dir wie der grässliche Wind zu Ostberlin – in Wirklichkeit hat mich die Melancholie ganz oft gehandicappt im Leben. Vor allem im alltäglichen Leben.

Ich mein, du gehst in den Supermarkt und musst dringend einkaufen, weil daheim alles weg, und plötzlich stehst du vor dem Gewürzefachregal und siehst den Kümmel, von dem sie damals gesagt hat, den kaufen wir dir jetzt, weil du ja nicht immer nur mit Salz würzen kannst. Heute weiß ich, dass ich das sehr gut kann, aber das ist eine andere Geschichte. Na, auf jeden Fall stehst du vor dem Gewürzefachregal und starrst auf den Kümmel und musst fast heulen. Der Supermarkt schiebt seine Regale ganz dicht an dich heran und du fühlst dich furchtbar ertappt und bloßgestellt so in der Öffentlichkeit mit deiner Melancholie. Du rennst nach Hause, ohne die Sachen gekauft zu haben und es ist gleich Sonntag und nichts ist daheim. Und nur wegen der Melancholie. Das Kapitel Melancholie nach Alkoholgebrauch möchte ich eigentlich noch nicht einmal ansprechen. Was sich da oft für Szenen in Bars und Diskotheken abgespielt haben. Wie oft mir da die Melancholie schon einen Strich durch den Wochenendfick gemacht hat, ach, ich will’s gar nicht wissen.

Ja und heute ist sie weg, die Melancholie. Jetzt sind aber in der Zwischenzeit in meinem Leben durchaus schlimmere Sachen passiert als so ein Herzherausriss von so einem Unmädchen. Und es ist nicht so, dass ich mich nicht geärgert hätte oder auch ein bisschen globalverzweifelt. Aber von Melancholie war da keine Spur. Nichts hab ich erhofft und nichts bedauert. Es war halt wie’s war und jetzt ist es wie’s ist. Jetzt hör ich euch sagen: Ach, entweder der lügt uns an oder der ist eine ganz arme Sau, wenn der gar nicht mehr melancholisch sein kann. Und ich gebe es zu: ein bisschen merkwürdig ist das schon heute immer noch, einfach so in der Früh aus dem Fenster schauen und einfach nur den Verkehr sehen. Oder die Müllabfuhr. Aber man gewöhnt sich ja an alles.

*Diese Geschichte stammt aus der Reihe KURZSCHLUSS, einer Initiative von dragstripgirl.de. Weitere Beiträge zum Thema “vergessen/vergessen werden” findet man bei

To01
Kleinodyssee
Bisaz
Bastmaat

Der Austritt

Mir ist es ja schon peinlich, wenn ich meine Blogeinträge vom letzten Monat lese und mit größer werdendem chronologischem Intervall wird’s nicht besser. Ganz unangenehm sind dann allerdings die alten Tagebucheinträge. Ich geb dir Recht, es ist ja schon beschämend genug, überhaupt Tagebuch geführt zu haben (sag ich manchmal auch übers Bloggen), aber dann noch den selbstmitleidigen Mist lesen zu müssen, das ist gelebte Überschreitung der egozentralen Schmerzgrenze.

Normalerweise les ich ja auch nicht hinein in meine alten Tagebücher, aber neulich hat mir das Finanzamt ganz viel Geld weggenommen. Beziehungsweise neulich hab ich gemerkt, dass mir das Finanzamt ganz viel Geld weggenommen hat. Und das ging so: Ich bin eigentlich schon zu Studentenzeiten aus der Kirche ausgetreten. Eigentlich wollte ich schon mit vierzehn austreten, aber da hab ich ja noch bei meinen Eltern gewohnt und da hätte mein Templer-Opa mitbekommen, dass ich nicht mehr in der Katholischen bin und meiner Mama sicher eine Szene gemacht, die ich ihr nicht hätte zumuten wollen. Hatte ja auch so schon genug Kummer mit mir. Also, der Opa ist nicht wirklich ein Templer, aber einerseits war ihm die Katholische immer so wichtig, er war ja auch so mit dem Pfarrer Schmeißer, andererseits hatte sein Auftreten immer so etwas mystisch-kreuzfahrermäßiges, wenns um Kirchenbelange ging. Vor allem an Weihnachten, aber lassen wir das.

Jetzt hab ich also geduldig gewartet mit dem Austritt bis ich nicht mehr aktiver Teil der Kirchengemeinde Grafentraubach-Laberweinting war. Danach bin ich als Student zwar in Regensburg angesiedelt gewesen, dort aber nicht mit dem Hauptwohnsitz angemeldet. Und man weiß ja wie das ist als Student. Hast du tausend Sachen zu tun: Bandprobe, Barkeepern, Saufen und Weiber knutschen, kannst du nicht einfach so auf’s Amt und den Hauptwohnsitz ummelden. Man bedenke auch die Öffnungszeiten von solchen Ämtern. Kannst ja höchstens morgens direktamente nach dem Fortgehen hinkriechen, aber im Suff vergisst man ja dann auch immer das Wichtigste, wie z.B. den Personalausweis oder die Bearbeitungsgebühr ist längst versoffen. Summa summarum hat’s offensichtlich noch ein paar Jahre gedauert, bis ich mich umgemeldet hatte und damit auch beim Standesamt Regensburg gegen die Unsumme von 25 Mark meinen Austritt aus der katholischen Kirche vollziehen konnte.

Irgendwann 2006/2007 bin ich so wüst durch die Gegend gezogen, also adressatisch, dass weder ich noch die diversen Meldeämter mehr wussten, was sie mit mir anfangen sollten, also rein meldetechnisch. Und so schnell kannst du gar nicht ummelden, so schnell hast du schon wieder ein RK in der Konfessionsspalte. Ich hab’s natürlich in der Hitze der Umzugsgefechte auch nicht gemerkt und so hat mein ehemaliger Arbeitgeber schön das Schutzgeld an den lieben Gott bezahlt, ohne dass es mir aufgefallen wäre. Aufgefallen ist es aber gottseidank meinem Steuerberater. Jetzt brauchst du nicht glauben, dass das Finanzamt oder das Bürgeramt dir glauben, wenn du sagst, du wärst längst nicht mehr in der Katholischen. Nein, da liegt die Beweislast bei dir und nur bei dir. Was machst du jetzt? Du telefonierst dich in Regensburg durch die Ämter bis du beim Standesamt herauskommst, wo man dir sagt: Beglaubigte Austrittserklärung, überhaupt kein Problem, allerdings bitteschön sechs Euro und das Jahr des Austritts.

Ja, puh, das Jahr des Austritts, schon klar. Jetzt weißt du von deiner Studentenzeit schon mal gar nicht mehr genau, von wann bis wann sie stattgefunden hat, geschweige denn, wann der Kirchenaustritt war. Und jetzt musst du Anhaltspunkte sammeln. Du bist in dem Jahr des Austritts mit dem Paul in Stadtamhof im Biergarten gesessen. Also schon mal Sommer. Dann der Paul. Mit dem Paul hattest du eigentlich nur am Anfang deiner Beziehung zur C. was zu tun, weil eigentlich komischer Typ. Muss also am Anfang der Beziehung zur C. gewesen sein. Also 1997, weil so Beziehungsanfänge behält man im Kopf, weil man dann als Frau sagen kann: Jetzt sind wir schon drei Jahre zusammen und planen immer noch keine Zukunft miteinander.

Hmm, 1997. Moment, aber du erinnerst dich plötzlich, dass du dir beim ersten Date mit C. auf dem Weg ins Paletti die Finger wundgefroren hast. Und dass du eine Woche vorher was mit der Dings hattest und da warst du danach mit ihr frühstücken, wo sie gesagt hat, wenn du nicht anrufst, dann redet sie nie wieder ein Wort. Und bei dem Frühstück hats von draussen ganz eklig kalt hineingezogen. Und die Dings hast du nie angerufen, weil du ja dann mit der C. zusammen warst, und die war überhaupt damals die Allertollste. Aber wurscht, weil Hauptsache Winter war’s und der Kirchenaustritt war aber im Sommer wegen dem Biergarten und da warst du schon eine Weile mit der C. zusammen. Du weißt, dass du nach dem Austritt mit dem Paul im Spitalgarten warst und dich gefragt hast, ob dich jetzt gleich der Blitz triffft, wegen dem Austritt aus der Gemeinschaft mit dem lieben Gott. Ja, wir Katholischen wir sind so dauergestresst wegen unserm Chef. Weiß man ja nie, ob der gerade zuschaut und was er so ausheckt. Glaubenspanik lebenslang, da kannst du aus der Kirche austreten sooft du willst.

Im Endeffekt ließen meine Erinnerungen zwar nur den Schluss zu, dass der Austritt im Sommer 1998 erfolgt ist, aber dann war da noch das Wunschdenken. Weil das Wunschdenken hat mir nämlich gesagt, dass ich sicher viel früher als 98 aus der Kirche ausgetreten bin. Zumal ich ja schon seit 1993 in Regensburg gewohnt hab, da kann’s ja nicht sein, dass ich viereinhalb Jahre für das Ummelden und den Kirchenaustritt gebraucht hab. So ein fauler Hund wirst du ja nicht gewesen sein, denk ich. Also hat das Wunschdenken den eigentlich sorgfältig recherchierten Fakten völlig widersprochen und dann hat nur noch eins geholfen: Der Blick ins Tagebuch. Weil, wenn du schon so ein pathetischer Lalli warst, dann hast du sicher auch aufgeschrieben, wie sich das angefühlt hat, aus der Kirche auszutreten. Und dann sicher auch mit Datumsangabe. Wär typisch. Da steht ja auch mit Datum drin, wann du das erste mal die Dings, die so sportlich daherkam, verräumt hast, weil direkt der Abend nach dem Korfu-Urlaub. Gut, schau ich also hinein in die Sommer 1995 und 1998 und vergleiche die Einträge. Und dann kommt so ein Humbug zu Tage, aber in keinem Jahr was über den Kirchenaustritt. Am Ende lassen die Eintragungen wieder nur Mutmaßungen zu:

    Montag, 31. Juli, 1995
    Ich träumte vom Ende der Welt, an dem ich mit unerschütterlichem Lebenswillen teilhatte.

Könnte natürlich ein Hinweis auf den Kirchenaustritt gewesen sein. Weil wie gesagt: diese Glaubenspanik. Ende der Welt, wenn du aus der Kirche austrittst. In scharfer Konkurrenz dazu aber ein Eintrag aus dem Sommer 1998:

    Sonntag, 17. Mai, 1998
    Ich fühle mich gerüstet für antike Schlachten, während ich im Schlamm meines Hausgartens einsinke.

Wie ich mich kenne, ein Aufbruchsdogma mit Hinweis auf die kleinbürgerliche Existenz, die einen so einlullt, dass man nicht richtig großmännisch denken kann. Aufbruch gleich Religionsverlust, vollkommen denkbar aus meiner Sicht.

Aufgrund der Indizienlage hab ich aber dann beim Standesamt Regensburg angerufen und auf gut Glück behauptet, der Austritt hätte 1998 stattgefunden. Und was war los? 1998, Volltreffer, allerdings am 30. April 2008. Muss wohl ein früher Sommer gewesen sein, weil ich war ja mit dem Paul im Spitalgarten gesessen danach. Der Templer-Opa denkt sicher heute noch, dass ich in der Katholischen bin.

austritt

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