Kritik zu Dunkirk

Nolan hat einen Film über Raum und Zeit gemacht. Let’s get the Zeit-Shit out of the way: Als ich kapiert habe, dass da drei verschiedene Zeitebenen auf mich zu kommen, war ich erst mal abgeturnt. Am Ende musste ich aber zugegeben, dass Nolan dieses Mal kein Gimmick draus macht und auch keine Plottwists oder allzu unvorhersehbaren Begegnungen der Protagonisten vorbereitet, sondern sich einfach die Zeit(!) nimmt, um die Handlungsstränge chronologisch stimmig miteinander zu verheiraten.

Noch wichtiger ist der Raum. Dünkirchen liegt nur ca. 40 Km von England entfernt, deshalb kann man auch einfach mal schnell sein Boot in England losbinden und nach Frankreich in den Krieg schippern, um ein paar Soldaten zu retten. Andererseits kann ein Seeweg von 40 Kilometern so weit wie zwischen Himmel und Hölle sein, wenn einfach nicht genug scheiß Boote da sind, und die wenig vorhandenen in den Hades gebombt werden.

Was mich schon immer am meisten am Krieg erschreckt und fasziniert hat, ist der Alltag und das Leben zwischen den Schlachten, was ja letztlich am meisten Zeit(!) einnimmt. Exemplarisch: das stoische Warten und Anstellen in Aldi-Schlangen (wegen dem prämierten Gin) der englischen Soldaten. Sidenote: Hätten die Nazis nicht so viele Bomben im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt (Sand dämpft die Explosion), sondern mehr Boote versenkt, wäre die Evakuierung des Britischen Expeditionsheers nicht so glimpflich verlaufen.

Erfreulich, dass in dem Film weder viel erklärt noch gesprochen wird. Fionn Whitehead gehört die Zukunft. Tom Hardy spricht ein bisschen mehr als die anderen, aber dafür hat er mal wieder eine Maske auf und muss sich mit seltsamen Stimmlagen und Akzenten in den Vordergrund audio-method-acten. Die Spitfire-Szenen gehören dennoch zum eindrucksvollsten, was ich je an Flugoptik im Kino gesehen hab. Als ob man selbst drinsitzt und sich ärgert, dass man bei der letzten Tanke nicht rausgefahren ist.

Was der Film letztlich sein will, ist mir nicht ganz klar. Ein Lehrstück in Sachen enggeschnürter und intelligenter Actionfilm auf jeden Fall. Ein Lehrstück in Sachen menschliches Durchhaltevermögen vielleicht auch, obwohl ich grade das nicht so interessant finde, denn den meisten bleibt ja nichts übrig. Die Leistung der Zivilbevölkerung zu würdigen hat seinen Platz verdient, v.a. wenn sie durch so einen unfassbaren Charismatiker wie Mark Rylance repräsentiert wird.

So froh ich um die für Nolan fast abartig kurze Laufzeit von 100 Minuten (Interstellar war fast drei Stunden lang) und über die unblutige ab-12-Fassung bin – ein bisschen mehr Horror tut solchen Filmen gut, damit niemand vergisst was für ein load of bullshit Krieg dann doch ist – da kannst du noch so durchhalten wollen oder dich über Raum und Zeit hinwegsetzen.

PS: Bonuspunkte und Abzug gleichzeitig für Churchills legendäre Rede am Ende. Gibt dem Ganzen eine zu pathetische Note für meinen Geschmack, finde ich aber gleichzeitig toll, weil so die Live After Death von Iron Maiden losgeht, als Präambel für die Dogfight-Hymne „Aces High“

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