Das falsche Tagebuch: 24. April 2017

Bin kurz los, hab meinen Geldbeutel bei Steinecke geholt. Hatte ihn heute morgen dort vor dem Laden liegenlassen. Frau hinter der Theke sagt, ich habe Glück, dass ihn ein Kunde in den Laden gebracht hat. Göbe nicht mehr viel so ehrliche Leute, sagt sie. Glaube ich nicht, denke ich. Ich habe mein Portemonnaie schon an die sechsmal verloren und noch nie hat jemand auch nur einen Cent rausgenommen. Vielleicht sieht man aber auch den Schwerbehindertenausweis darin und bekommt ein schlechtes Gewissen. Es ist nicht meiner, falls das jemand fürchtet. Wär mir fast lieber er wärs.

Auf dem Weg zurück zum Büro ist wieder dieses Ding passiert, wo ich alles so genau wahrnehme. Jeden Schritt. Jede Rille meines Turnschuhs, wie sie den fuckin‘ Asphalt berührt, einzelne Haare an den Ohren, die der Wind streift. Das geht oft einher mit einer Art angenehmem Stromschlag, den meine Finger in den Brustkorb weiterleiten, bis es kribbelt, am Hals, über den Kiefer bis fast hoch unter die Wangenknochen. Das wird manchmal durch Musik getriggert, aber seit letztem Jahr kann ich diese „Zeitlupen-Funktion“ immer öfter nach Wunsch einschalten. Manchmal denke ich, umgekehrt fühlt sich der Rote Blitz, wenn er durch die Gegend rennt und alles steht still, einfach nur, weil er so schnell ist. Ich hingegen bin plötzlich zu langsam, aber das fühlt sich mindestens genau so metahuman an.

Wenn ich dann vor der Bürotür stehe und ganz genau spür, förmlich sehe, wie der Bart vom Schlüssel sich im Innern des Türschlosses einfügt, sich die einzelnen Metallteile ineinander verzahnen, dann halte ich mich nicht für achtsam oder „aware“, sondern einfach nur für ein wenig überdreht und deshalb besonders langsam und bedacht auf diese Langsamkeit. Dass mir das Gefühl gefällt und ich mich währenddessen über nichts anderes im Leben aufregen muss, kann man mir ja nicht verübeln.

Jetzt sitze ich da und esse eine Schokolade mit Macadamia-Nüssen, hör Tom Petty und schmeck das erste Mal seit der Erkältung letzte Woche wieder was in vollem Ausmaß. Kein Fazit. Wozu auch.

2 Kommentare zu Das falsche Tagebuch: 24. April 2017

  1. mq
    24. April 2017 at 21:55

    Superheld mit Schwerbehindertenausweis. Genial. Slomo Berni: Du bist der Größte!

  2. Su
    25. April 2017 at 17:42

    Metahuman, oder? So philosophisch und transzendental ist dein heutiger Tagebucheintrag, dass man versucht ist, erstmal alles andere stehen und liegen zu lassen, um still vor sich hin zu sinnieren und in sich hinein zu horchen: kriegt man das hin, dass einem auch so ein „Ding“ passiert? Mir an meinem Schreibtisch ist’s nicht gelungen. Wahrscheinlich, weil die meisten meiner Art sich nicht durch Langsamkeit überdrehen, sondern von der absoluten Reizüberflutung regelrecht niederschmettern lassen.
    Und was soll ich dir sagen: ich hab noch nicht fertig korrigiert. (Was jetzt nur du verstehst, aber tant pis!)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.