Das falsche Tagebuch: 24. Juni 2016

Klar bin ich heute morgen erschrocken wegen dem Brexit. Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet. Dann hab ich mich geärgert, weil wieder mal das Einem-obskuren-Obrigkeitssystem-das-man-nicht-verstehen-will-Beleidigtsein dahintersteckt und natürlich die Angst vor Solidarität. Die Angst, dass Solidarität was kosten könnte. Es darf bloß nix kosten, um Gottes Willen. Im Prinzip ist dieser Rechtsruck die Speerspitze einer Umsonstbewegung. Dann hab ich mich aber wieder beruhigt, weil Europa am Ende dieses quälend langen Rechtsrucks zu einer neuen Vernunft kommen muss und das nicht ohne Geburtswehen passieren kann. Ich hoffe, ich bin da nicht zu naiv.

7 Kommentare zu Das falsche Tagebuch: 24. Juni 2016

  1. mq
    25. Juni 2016 at 07:11

    Das ist nicht naiv, sondern vermittelt die Hoffnung, dass dieser ganze nationalistische Scheissdreck irgendwann ein Ende findet. Die Masse ist grundsätzlich dumm, dafür gibt es ausreichende geschichtliche Belege, oder: „Scheisse muss gut schmecken, Milliarden Fliegen können nicht irren.“ Volksabstimmungen sind ein Irrweg der Demokratie. (Immerhin hat rund die Hälfte der Briten gegen den Brexit gestimmt.)
    „Lebbe geht weiter“, hat ein Frankfurter Fußballlehrer gesagt. Und da ist der wieder, dieser verdammte Fatalismus.

  2. Su
    25. Juni 2016 at 10:37

    Meine einzige Genugtuung (naiverweise meinetwegen) ist, dass die beleidigten Trotzwähler anscheinend schon jetzt einen gehörigen Kater haben und damit auch nicht hinterm Berg halten. Vielleicht nimmt man sich ein Beispiel und das verhindert in Zukunft solche kindischen und in die Irre führenden Protestanwandlungen. Alle anderen Rechtsgerückten sind aber wohl unverrückbar festgefahren und die Vernunft wird nicht so leicht bei ihnen Einzug halten.

  3. Burnster
    25. Juni 2016 at 12:51

    Es ist aber auch völliger Irrsinn, bei sowas eine Volksabstimmung zuzulassen. Demokratie funktioniert ja nicht umsonst per gewählten Volksvertretern und nicht direkt via Volk. Wenn das Volk im Gesamten mündig wär, dann bräuchte es keine Vertreter. Alle Macht dem Volke ist Horseshit. Von mir aus: Alle Macht dem Teil des Volks, das kein Volldepp ist. Aber das denkt wahrscheinlich auch ein Erdogan. Summa summarum: Demokratie ist eine Kontextwissenschaft. Aber Volksabstimmungen, die keine absolute Mehrheit benötigen bleiben echt besser bei Hundebesitzern und Fahrradfahrern, die sich „ihre“ Rechte erstreiten.

  4. stt
    27. Juni 2016 at 10:52

    Auch wenn es mir widerstrebt:
    „Vox populi, Vox Rindvieh!“ und das hätte sich Cameron und seine Camarilla dann doch wohl anders gedacht. Aber bilden wir uns bloß nichts ein: wenn hier in D ein ähnlich gelagertes Referendum (z. B. „Zurück zur D-Mark?“) abgehalten würde, würden wir uns hinterher nicht auch wundern, warum und wieso das Ergebnis so ganz anders als erwartet ausgefallen wäre? Das ist halt der Preis der Freiheit, den eine Demokratie zu zahlen hat.

  5. St. Burnster
    27. Juni 2016 at 13:38

    Eh klar. Ich bin mir sicher, dass ich nicht das gleiche unter sensus communis (wo wir schon Latinismen krachen lassen) verstehe wie die interessierten Menschen in Sandalen, die sich am Samstag bei uns am Nordbahnhof um den AfD-Stand geschart haben, um zusammen mit dem älteren Herrn am Stand über den Brexit zu diskutieren.

  6. Magenta
    27. Juni 2016 at 15:34

    Stimmt alles, was ihr sagt. Und trotzdem kriege ich ein ganz unbehagliches Gefühl, bei dieser „Boah, sind die alle doof“-Attitüde (von der ich mich ausdrücklich nicht ausnehme). Und ein noch schlechteres Gefühl bekomme ich, wenn ich mir die Haltung anschaue, mit der wir alle die ehemals stolze Arbeiterklasse (so viel Pathos muss sein) betrachten – ihre Arbeit wird nicht mehr wertgeschätzt, und dass sie womöglich andere Sorgen haben, als die Zwischenfinanzierung einer Eigentumswohnung in einem gentrifizierten Viertel ist auch ziemlich egal. Stattdessen verkommt eine ganze Bevölkerungsschicht zu Trash-TV-Protagonisten. Einfach nur „doof“ ist zu einfach. (Und wie gesagt – all das muss ich mir auch selbst vorwerfen. Shame on me.) Plus die, die sehr wohl clever genug waren, um die Tragweite ihrer Entscheidung zu vorauszusehen, und sie trotzdem getroffen haben, weil sie asoziale Egoisten sind.

  7. St. Burnster
    27. Juni 2016 at 19:46

    Stimmt schon, dass wir jetzt so ein bisschen von oben herab diagnostizieren. Aber selbst in meiner Hardcore/Punk-Hörer-Jugend habe ich dem Staat zumindest so weit vertraut, dass er in der Theorie die richtigen Werte vertritt und sie deshalb auch dem Bürger ans Herz legen darf, euphemistisch gesprochen. Natürlich könnte man jetzt argumentieren, die anämische (Poschardt-Deutsch) Bürgeransprache mancher Volksvertreter sei schuld am Verdruss und Misstrauen der Leute, aber auch da macht man es sich zu einfach. Es ist eine Mischung aus einer zu kurzfristig angelegten Politik und der wölfisch-hausmeisterlichen Natur vom Homo inpoliticus, der instinktiv vor seiner eigenen Haustür kehrt. Das muss man den Leuten halt austreiben, wenn man in einer Solidargemeinschaft lebt. Aber da geht’s ja schon los: die meisten ahnma (Digga) gar nicht, dass sie in einer solchen leben und halten es für beinahe infam, wenn sie plötzlich für jemand, den sie nicht kennen, auch nur ein Säckchen Reis abgeben sollen. Und ich hab jetzt nicht und eigentlich auch oben schon nicht über die Briten geredet. Nennen wir die Mehrzahl der Leute also von mir aus nicht dumm, sondern im humanistischen Sinn ungezogen.

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