Das falsche Tagebuch: 25. Mai 2016

Auf dem Weg nach Hause von der Physio mit dem Fahrrad am Grasmäher vorbei. Alter Charité-Campus, ein Ort ohne Zeit. Und oh Mann, der Geruch von frisch gemähten Gras. Immer der Geruch von Neuanfang für mich. Wenn früher bei uns daheim der Garten gemäht wurde, war erstmal der Heuschnupfen weg, außerdem konnte ich wieder besser Länderspielklassiker re-enacten und überhaupt war die Laune in der Familie gut. Unser Garten war anfangs so groß und unbepflanzt, dass wir einen Mini-Bulldog zum Mähen hatten. Jahrelang träumte ich davon, ihn selbst zu fahren, mein Onkel hatte mich einmal hinten drauf mitfahren lassen. Als ich alt genug war, wurde der Bulldog verschrottet und durch einen handelsüblichen Handrasenmäher ersetzt, der selbst neu nie ansprang. Ab jetzt durfte und musste ich rasenmähen und als ob das nicht schlimm genug gewesen wäre, pflanzten meine Eltern auch noch Obstbäume, Sträucher und hoben einen kleinen Teich aus. Fukkin Trauerweide, aus wars mit Länderspielen. Heute natürlich ganz hübsch, der Garten.

Jetzt grade was mit der Bandscheibe wieder. Schmerz am Morgen, du machst dir keinen Begriff, wenn du das noch nicht hattest. Ischias. Von dem ich dachte, der tut nur Leuten wie unserer Haushälterin damals weh. Die übrigens auch noch mit dem Bulldog den Rasen mähen durfte. Was ich vergesse: die Haushälterin war damals so alt wie ich jetzt. Goddamn it, der Schmerz macht mich so dumpf oft. Und in anderen Momenten so klar und so entscheidungsfreudig. Weil man ja nicht jünger wird yada yada. Seit etwa einem Jahr bin ich überhaupt seltsam nervös. Reiss mir Barthaare aus und kratze mich im Gesicht. Das ist natürlich Neurodermitis, da schwingt was ins Gemüt. Angst ist es vermutlich. Ist ja immer Angst. Bisschen Existenz, bisschen Kinder, bisschen Selbstwert. Andererseits bin ich wurschtiger denn je. Oder wie es im Englischen heißt: fresh outta fucks to give. Ich mach mich für niemanden mehr krumm außer meine Familie, das rentiert sich auch gar nicht mehr in meinem Alter. Die Praktikumszeit ist vorbei. Führungspositionen und oberes Management können andere besser.

Ach so, ich würde trotzdem gerne eine Kultur- und Sportwebsite wie seiner Zeit Grantland (jetzt dann: The Ringer) ins Leben rufen, habe aber arge Zweifel ob es in Deutschland eine Mischklientele für Sport, Pop, Literatur und Computerspiele gibt. Inhaltlich hart selektiv, soft-spoken, smarter Humanismus wieder dem gehässigen Essayismus, wohlmeinender und trotzdem bärbeissiger Humor. Das liest keine Mehrheit, oder? Dazu noch ein Podcast-Netzwerk mit eloquenten Leuten, die mehr plaudern als referieren? Ist ja beim Brennerpass schon schwer, Sport und Popkultur gleichermaßen an interessiertes Publikum zu bringen. Andererseits sagt mein Nachbar T. zu meinen Bedenken: Wenns keiner macht, machts keiner.

Hab ganz viel unbekannten Kram im Biosupermarkt eingekauft. Also Kram, der eigentlich alles andere als Bio wirkt, den’s aber als Zugeständnis an den REWE-Mainstream geben muss. Russisch Brot zum Beispiel. Hau ich mir jetzt alles gleich rein. Dieser Duft von gemähtem Gras hängt mir immer noch in der Nase. Erinnert mich auch an frisch gepflegte Friedhöfe.

5 Kommentare zu Das falsche Tagebuch: 25. Mai 2016

  1. Su
    26. Mai 2016 at 09:41

    Lieber B,

    immer wieder köstlich, aber macht auch nachdenklich, das Falsche Tagebuch. Die Bandscheibe kennt wohl nicht jeder, wohl aber das yada yada. Nur soviel: jemand, der in deinem Alter schon den Ausdruck „nicht mehr in meinem Alter“ verwendet, hat augenscheinlich schon die Flinte ins Korn/Gras bzw das Handtuch geworfen,
    Schön zu lesen, dass da dann gleich noch das „Ach so“ folgt. Ich sag’s wie dein Nachbar T nur my way: don’t knock it till you try it!

    Always on your side/site Su

  2. Burnster
    26. Mai 2016 at 10:13

    Ach, das muss nicht nachdenklich machen. Es ist ja auch ein falsches Tagebuch.

  3. Su
    26. Mai 2016 at 10:17

    Ach so.

  4. Markus
    6. Juni 2016 at 09:04

    Das mit der Wurschtigkeit fand ich interessant… bei mir bleibt gern mal eine Formulierung hängen, in dem Fall lustigerweise nicht das sehr originelle „Fresh outta fucks“ sondern das „Ich mach mich für niemanden mehr krumm“ – wie schafft man das? Lebenserfahrung, Aha-Moment, Buch-Empfehlung? #askingforafriend

  5. St. Burnster
    17. Juni 2016 at 10:48

    Haha, asking for a friend!
    Ach, das ist ja keine Leistung, das ist nur Sturheit und mangelnde Toleranz für das was man selbstherrlich für Bullshit hält. Manchmal beraubt man sich dadurch auch Geld und Sympathien, manchmal gewinnt man’s genau damit. Ich find das Leben an sich ziemlich super, aber auch ziemlich nervenaufreibend. Um’s zu stemmen, versuche ich so weit wie irgendwie möglich, mein Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten. Und das mach ich dadurch, dass ich mich nicht gängeln lassen. Jetzt lebe ich aber auch gottseidank in einer Gesellschaft, die mir das ermöglicht. Frag mal einen Syrer, für wen der sich krumm machen muss, damit niemand seine Familie umschießt.

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