Kritik zu The Hateful Eight

Kurz nach dem Kinobesuch (ich sah die ewig lange 70 mm-Version) wollte ich diese Kritik mit einer häufig im Film verwendeten Vokabel bestreiten: horseshit.

Dann aber hab ich begriffen, dass das mehr die Enttäuschung als meine Meinung über diesen Film ist. Enttäuschung darüber, dass Tarantino immer noch der alte Scharlatan ist und sich in meinen Augen nicht zum großen Auteur entwickelt hat. Dann wiederum: warum sollte er?

Aber langsam (im wahrsten Sinne): Hateful Eight ist eigentlich ein Schritt zurück für Tarantino, weg von der ungewöhnlich klar umrissenen Heroik von Bill, Basterds und Django. Es ist die period-piece-Variante von Reservoir Dogs: ein Haufen mörderisch selbstsüchtiger Leute trifft sich auf engstem Raum und bringt sich mehr oder weniger gegenseitig um. Natürlich ist der Film zumindest formal ein Western, dann wiederum spielt das gar keine so große Rolle. Tarantino kennt alle Western-impliziten Konventionen aus dem FF, zitiert aber nicht einfach nur vor sich hin (wie man ihm das gerne zu Unrecht vorhält), sondern strickt sich wie jeder gute Westernregisseur sein eigenes inhärent plausibles Universum daraus. Das ist diesmal sogar frei von den üblichen Anspielungen auf Popkultur (wenn man Western nicht als solche bezeichnet), was ich erfrischend fand.

Und dieses neue Universum, das mit Django Unchained vielleicht nur den nackten Rassismus gemein hat, sieht fantastisch aus. Die ersten schneeverwehten, körnigen Einstellungen a la McCabe und Mrs Miller, das lange Verweilen auf dem Wegkreuz, die Kutschfahrt mit dem Blizzard im Nacken – Exposé und Chapter One sind lässig, innovativ und mysteriös zugleich. Dann beginnt das Kammerspiel und damit das Dilemma.

Die Schauspieler, allen voran Jennifer Jason Leigh und Sam Jackson, sind alle on top of their game – Tarantino musiziert mit diesem Ensemble. Aber gerade das täuscht darüber hinweg, wie wenig seine Figuren eigentlich zu sagen haben (selbst wenn sie viel sagen), wie stereotyp sie sind (Roth muss wohl als süffisant geschwätziger Waltz-Ersatz herhalten) und wie irrelevant ihre Gespräche sind, wenn sie nicht gerade dem Plotfortschritt dienen. Ich behaupte: so einem Ensemble reichen auch fünf Minuten, um die Figuren auszufüllen, es müssen nicht 1,5 Stunden vergehen. Das Tarantino das mit voller Absicht in die Länge zieht, ist sein gutes Recht, aber es darf mich ja trotzdem zermürben, vielleicht will er auch das genau so. Auf deutsch: ich habe mich gelangweilt und mich gefragt:

Warum hat Tarantino genau diesen Film gemacht? Ich würde es wirklich gerne wissen. Wollte er einfach mal einen Bürgerkriegswestern machen, ist der Film ein Kommentar zum „Schlachthaus USA“, der langen Tradition seiner zivilen Gewalt-Exzesse, oder war das einfach der nächste Film, der Tarantino nach Django einfiel und ihm Spaß bereitete? Natürlich kann der Reiz genau darin liegen, darüber zu spekulieren, aber ich mir fehlten nach zwei Stunden Zoopalast, einem halben Liter zuckerfreier Cola und einem Energiegetränk die Anhaltspunkte und die Schlusskapitel haben mich noch mehr verwirrt. Wirkten sie auf mich doch wie das pflichtbewusste Abspielen ein paar mittelinteressanter Story-Twists plus der refrainartigen Brutalität von Tarantino-Filmen.

Ein amerikanischer Kulturkritik-Podcast lobt Tarantino als „master manipulator“ seines Publikums und auch er selbst sieht sich laut eines Artikels (mir ist entfallen welcher) als jemand, der das Publikum dazu bringt, in den abartigsten Situationen zu lachen oder Leuten die Daumen zu drücken, die man im nächsten Moment in die Geschlossene einweisen möchte. Aber das ist keine Kunst. Das ist Tarantinos leichteste Übung, das hat er in vielen seiner Filmen bewiesen und ausgereizt. Ich mag nicht der verlässlichste Filmkritiker sein, aber für mich hat sich seine Grauzonen-Moral genau wie die laute und explizite Gewalt ästhetisch erledigt. Ich wage sogar zu behaupten, sie ist nicht mehr zeitgemäß.

In erwähntem Podcast wird die Anekdote einer Dozentin herangezogen, die amerikanischen und russischen Studenten gleichermaßen Hamlet beibringt. Die amerikanischen Studenten nehmen zunächst an, Hamlet sei der Held und folgen nur zu bereitwillig seiner Moral und Sicht der Dinge, die russischen entlarven ihn augenblicklich als den „unreliable narrator“, der er ist. Jetzt möchte ich Tarantino nicht die Fähigkeit absprechen, gekonnt und vielleicht sogar im Ansatz gesellschaftskritisch mit den moralischen Erwartungshaltungen seines amerikanischen Publikums zu experimentieren, aber das Spiel ist doch zu leicht zu durchschauen für jeden, der wenigsten Pulp Fiction gesehen hat. Für mich hat das an massiv Faszination eingebüßt, allerdings sprachen die Ovationen im Kino eine andere Sprache, was das deutsche Publikum angeht.

Ich bin unglaublich gespannt auf Tarantinos nächsten Film. Bis Hateful Eight hatte er mich immer überraschen können und eines Besseren belehren, und ich musste mir eingestehen, wie wenig Fantasie und Talent ich ihm schon wieder zugetraut hatte. Sogar der im letzen Viertel ins Belanglose abkippende Django Unchained ist bis zum Tod von Waltzs Charakter eine wundervolle Roadshow aus echtem Western, Western-Zitat und peppigen Tarantino-ismen. Doch diesmal hatte ich zum ersten Mal das Gefühl der Mann kocht doch nur mit Wasser und wären da nicht immer wieder diese unglaublichen Schauspieler und seine Art, sie zu führen, bliebe manchmal tatsächlich nur horseshit übrig.

2 Kommentare zu Kritik zu The Hateful Eight

  1. Herr Jeh
    2. Februar 2016 at 19:02

    Das ist ungefähr das, was ich auch über den Film denke, glaube ich. Ich überlege seit Samstag, wie ich den Film nun eigentlich finde und ich fürchte, die Antwort ist: geht so.

  2. St. Burnster
    2. Februar 2016 at 19:38

    Genau, das wär die kurze Version meines Vortrags: „Geht so.“

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