The Facial Network

Ich schulde mir selbst und vielleicht auch dem einen oder anderen Leser noch eine Entschuldigung, warum ich entgegen meiner gemeinen Wettereien wieder bei Facebook bin und dort eine oberflächliche Bekannschaft nach der anderen anhäufe. Die Wahrheit ist auch eher eine hässliche, falls jemand jetzt die ultimative Rechtfertigung für Selbstdarstellung im Internet erwartet.

Wieder angefangen habe ich, weil ich eine Seite für die Gebruder Grim (die übrigens immer noch dringend einen Bassisten suchen), erstellen wollte und dazu mein Profil reaktivieren musste. Dann habe ich schamlos alle Leute mit Gebruder-Infos bombadiert und dabei ist mir aufgefallen, dass ich nach ein paar Leuten tatsächlich ein bisschen Zeitlang hatte, jetzt, wo es dieses Blog-Geklüngel so gut wie nicht mehr gibt. Die perfiden bis abartigen Nörgeleien vom Rationalstürmer bekommt man derzeit nur bei Facebook, weil da seine ganzen weiblichen Fans sind. Andererseits gehe ich jetzt auch gar nicht mehr auf sein Blog, was nicht so schlimm ist, weil er ja eh nichts mehr schreibt. Bei meinem anderen Lieblingsblogger Kid37 ist es ganz gut, dass er nicht auf Facebook ist (meines Wissens nach), denn so bin ich förmlich gezwungen, sein Blog zu lesen, wenn ich seine Nähe spüren will. Ich selbst habe damit begonnen, auf Facebook auch andere Inhalte als die meiner Band zu posten, es bleibt allerdings immer ein Gefühl der Leere zurück, denn wenn Leute, die einem sowieso gewogen sind, auf den Like-Button drücken, ist das nicht dasselbe wie einen jungfräulichen und größtenteils anonymen St. Burnster-Leser zu textficken.

In meinen ersten Facebook-Jahren habe ich mich fast ausschließlich als Freund hinzufügen lassen, weil ich zu arrogant war (ich habe es damals Stolz genannt), um bei irgendjemand um Freundschaft zu betteln. Mittlerweile habe ich keine Skrupel mehr. Du hast mich einmal getroffen und mir mal Feuer gegeben, du bist mein Facebook-Freund. Ich genoss die Vielfalt von Informationen und Meldungen aus bizarren Welten, die durch die weniger engen Bekannten eintrudelten. Die Leute, die man besser kennt, erhoben in ihren Updates und Statusmeldungen dafür oft das hässliche Gesicht der Beifallserheischung und das war mir dann furchtbar unangenehm, zumal ich mich als Applausometer missbraucht fühlte und jemand nicht aus reiner Höflichkeit eine geistige Glanzleistung bescheinige, nur weil er mir mal ein Bier spendiert hat (oder Feuer gegeben). “Es wäre besser, ich hätte dein Facebook-Profil nie gesehen.” Das galt früher natürlich auch für plötzlich bloggende Freunde (und Ex-Freundinnen).

Eine Weile lief es gut bei Facebook und ich war auch tatsächlich wieder so aktiv wie zu den guten alten Myspace-Zeiten, falls sich noch jemand an das Jahr 1974 erinnern kann, the year myspace broke, wie uns die Geschichtsbücher heute beibringen. Dann begann etwas, was ich schon von meinem Leben in Berlin her kenne. Es wurde von Tag zu Tag lauter, oder ich wurde von Tag zu Tag hellhöriger. So wie mir die Stadt und ihre Informationen, ihre Baustellen und Cluberöffnungen, ihre Konzerte und wandernden Szenebezirke von Tag zu Tag lauter vorkamen, so viel lauter empfand ich die Persönlichkeiten von über vierhundert Leuten, die bei jedem Öffnen des Browsers auf mich herniederregneten. Beides, die Stadt und die Facebookfreunde sind irgendwann in puren Schädellärm ausgeartet. Und so wie ich in Berlin nur noch wenige Leute empfange oder treffe, die Infos aus der Stadt in meine Wohnung hineintragen könnten, so habe ich bei Facebook die Updates unzähliger Leute geblockt, um nicht von ihren Emotionen – weil nichts anderes sind ihre sogenannten Updates und Informationen – überdröhnt zu werden.

Jetzt gibt es Google Plus, und es klingt so, als hätte Google mein Problem verstanden, indem es mir genug Möglichkeiten gibt, den Strom ungefragter Persönlichkeitsausstöße zu sortieren, zu ordnen oder gleich ganz fernzuhalten. In Wahrheit fühle ich mich jetzt noch nackter, weil ich die Handhabung nicht verstehe und irgendwie auch nicht mehr verstehen will. Und darüber hinaus auch gar nicht mehr weiß, warum ich überhaupt zu einem sozialen Netzwerk greifen soll, wenn man von Veranstaltungslogistik einmal absieht. Ich habe auch keine Lust mehr, darüber zu schimpfen, vielleicht ist das die endgültige Resignation gegenüber dem Internet, dem ich meinen gesamten Berufsweg zu verdanken habe, gegen das ich aber eigentlich immer nur gestritten habe. Warum ich dann aber trotzdem bei Google Plus bin und bei Facebook immer noch mehr Freunde sammle, das ist das Paradoxon hier. Vielleicht ist es die Angst zurückgelassen zu werden, vielleicht ist die Selbstsicherheit nicht groß genug, dem sozialen Netzwerk den Rücken zuzuwenden, vielleicht brauche ich doch noch mehr Zuneigung, als die, die meine Familie mir gibt. Vielleicht will ich aber auch nur die Gebruder Grim und mein nächstes Buch promoten.

10 Kommentare zu The Facial Network

  1. mq
    12. Juli 2011 at 20:07

    Bei der Information, dass du und der Rationalstürmer auf Facebook aktiver seid als in euren Weblogs, kam ich tatsächlich einen Moment lang in Versuchung, ihr verdammten Teufel. Ein Feuerzeug habe ich zwar noch irgendwo, aber letztendlich keine Lust mehr zu rauchen.

  2. stt
    13. Juli 2011 at 07:35

    Mein Vater mich vor Jahren mal gefragt -es war eher ein Stoßseufzer- Internet, ja Internet, was ist der Internet?
    Und jetzt bin ich dran: Facebook respektive Google Plus, ja Facebook respektive Google Plus, was ist der Facebook respektive Google Plus?

  3. St. Burnster
    13. Juli 2011 at 09:31

    mq: na ja, eher der ratzmann. ich halt mich zurück. und ich rauch ja eigentlich auch seit einem 3/4 jahr nicht mehr. bleib einfach hier, ich kümmer mich um dich.

    stt: was ist was? heißt doch diese schöne wissensreihe.

  4. kid37
    13. Juli 2011 at 12:26

    Gut, die Blogwelt ist kalt und leer und grau geworden wie eines dieser alten Fachgeschäfte, die sich in der Fußgängerzone tapfer gegen Handy- und Ein-Euro-Läden behauptet, dabei aber von Tag zu Tag von weniger Kunden besucht wird. Dieses Facebook kommt mir aus der bloß betrachtenden Ferne vor wie eines dieser kunstlichtbedröhnten, überlauten Einkaufspassagen vor, eine eigene, überdachte Welt mit nur wenigen Ausgängen nach draußen, vollgefüllt mit Menschen, die Essen vor sich hertragen, Tüten hinter sich herziehen und von Outlet zu Outlet strömen. Ich schaffe das leider nicht, ich bin alt. Dieses neue Dings allerdings klingt interessant, vielleicht…

  5. mark793
    13. Juli 2011 at 13:56

    Herr Kid, so völlig falsch ist Ihr Eindruck vom Facebook ingesamt sicher nicht. Aber wenn man näher herangeht, sieht man vielleicht auch, dass es sogar Platz für Nischen gibt, in denen man mit ein paar Leutchen Kontakt halten kann, die sich sonst ein bisschen rarer machen im Netz.

    Bei gu+ sind im Übrigen auch schon Accounts wegen Pseudonymität gekickt worden. Ich habe da inzwischen mal ein bisschen rumgespielt und rumgeguckt, zögere aber noch, eine offizielle Repräsentanz zu eröffnen.

    Und Herr Burnster, fühlen Sie sich frei, mich bei FB mit Ihrem Metalkram vollzuspammen. ;-)

  6. St. Burnster
    13. Juli 2011 at 14:06

    kid37: ja? klingt es wirklich interessant? warum?
    mark793: sie wollten es so. (..und können sie bass spielen?)

  7. mark793
    13. Juli 2011 at 16:42

    Mit 15, 16 hab ich mal aushilfsweise gebasst, aber wirkliche Könnerschaft war damit nie verbunden. Und als die Gitarristenstelle wieder vakant wurde, endete das Intermezzo als Tieftöner.

    Also wenn ich heut nochmal was anfangen müsste, ginge es wohl eher in Richting Cello oder Kontrabass (Berlin ist zudem sauweit weg vom Westzonenrand).

  8. kid37
    13. Juli 2011 at 17:32

    (Himmel, da oben sind mir ja einige Sätze verheddert.) Ich habe es selbst noch nicht gesehen, hatte aber den Eindruck, es könne etwas “erwachsener” zu organisieren sein. Ob ich es brauche? Wahrscheinlich nicht wirklich. Ich veranstalte keine Partys.

  9. Rationalstürmer
    13. Juli 2011 at 20:19

    Ach Burnstl, jetzt ist mir fei richtig a bisserl warm ums Herz geworden. Und das, trotzdem du so eine abgekochte Sau bist und das Facebook so schamlos für die Musik und die Bücher benutzt. Andererseits – Musik und Bücher – was kanns für einen schöneren Grund geben …

    Was meine weiblichen Fans betrifft: Das schaut nur so aus. Ich bin doch so komplett vom Markt und hab noch dazu einen solchenen Ranzen gekriegt, dass das Thema Groupies absolut keine Rolle spielt. Ich schimpf halt einfach saugern und mach hin und wieder ein himmelblödes Video, und weil mein Scheff Facebook ausdrücklich erlaubt hat, pack ich das ganze Zeugs halt dort nei anstatt in mein Blog (welches obendrein ja auf einem Umsonstaccount mit übel wenig Platz läuft – und fürs Inswordpressneifuchsen bin ich einfach zu faul).

    Aber die Sehnsucht nach der guten alten Blogzeit – und vor allem nach den guten alten Blogleuten – ist schon manchmal arg.

  10. burnster
    14. Juli 2011 at 10:18

    kid37: Ich würde aber auf Ihre Parties gehen. Aber ansonsten glaube ich nicht, dass man g+ braucht, weil man ja auch kein FB braucht, sondern lediglich nutzt.

    mark793: ich meld mich, wenn ich bei der Klassik angekommen bin. Muss erst noch durch die Metalphase, wie alle großen Gitarristen;)

    Ratz: Du bist vom Markt? Das wäre ja einen Abschiedseintrag auf ordentlich.reingehauen wert, oder?

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