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Wenn einem die Natur kommt

Da haben am Wochenende die Mitglieder der Initiative “Reclaim Tempelhof” gebrüllt, man solle die Zäune vom Flughafen Tempelhof entfernen und den Bürgern unbegrenzten Zugang zum neu eröffneten Flughafen-Park gewähren. Und ich brülle zurück: Verstärkt die Zäune, setzt mehr Türsteher und Parkpatrouillen ein.

Wären wir in München, Köln oder Bochum, würde ich die oben genannte Initiative vermutlich gutheißen, aber den Berlinern kann man einfach kein öffentliches Grün in die Hand geben, ohne dass sinnlos rohe Exkremente walten. Klar gibt es auch vermeintlich sinnigere Einwände von öffentlichem Interesse wie die Prävention von Drogenhandel und Jugendkriminalität, aber mich persönlich schreckt bei öffentlichen Grünflächen immer noch am meisten ab, dass man sie nicht als Grünfläche nutzen kann. Ich kenne eine Menge Berliner, die mich in meinen ersten Monaten als Neuankömmling schräg angeschaut haben, wenn ich mich nach Herzenslust mit dem Arsch voraus ins Grün gepflanzt habe, und bald verstand ich warum.

Du kannst ja in dieser Stadt nirgendwo – und da sind noch nicht einmal die nobleskeren Altwest-Siedlungen ausgenommen – eine Grünfläche betreten, ohne dir jeden Schritt genau zu überlegen. Und es sind ja eben nicht nur diese ganzen antiautoritär erzogenen Tölen (ja, ich meine die Hunde), die ihr Geschäft überall so verrichten, dass kein Platz für die volle Breite einer Decke verbleibt – nein, es sind fast genauso oft ihre Herrchen und vermutlich auch die Frauchen, die ihrer Natur freien Lauf lassen.

“Aber Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt..”. Ich weiß nicht, ob die Leute wirklich alle den Woyzeck gelesen haben, aber das haben sie verinnerlicht. Es ist ein Wildgebisel und Gescheiße, dass einem schlecht werden kann. Und wenn nicht geschissen wird, dann halt gebumst und gefixt und Hauptsache schnell weg mit dem Kondom oder der Nadel. Ich erinnere mich an einen Dreh in dem von mir eigentlich ins Herz geschlossenen Humboldthain, bei dem ich den Park einer intensiven Bodenprobe unterziehen musste, einfach nur um festzustellen, wo ich mich hinlegen kann, ohne mir AIDS zu holen.

Okay, ich übertreibe ein bisschen, aber was ich sagen will: Lässt man die Berliner von Anfang an ohne jegliche Kontrollinstanz auf das riesige Flugfeld von Tempelhof los, ist das Ding in einem halben Jahr völlig verwahrlost und am Ende hat niemand was davon, ausser die Hardcore-Griller und die Dealer, die ihren gestreckten Dreck anderswo nie loswerden würden. Man überlässt schöne Freiflächen mit Natureinsprengseln einfach nicht der entfesselten Menschheit, schon gar nicht der Berliner Menschheit. Das hat sich weder beim Central Park noch an der Adriaküste bewährt.

Ich weiß, ich weiß: Ich reaktionäre Drecksau, ich.

22 haben herzlich gelacht bei “Wenn einem die Natur kommt”

  1. Caro sagt an:

    Deswegen fahr ich gern an den Stechlinsee. Oder sonst wo hin in meine schöne Heimat Brandenburg. (Wenn’s da nichts schönes gibt.. aber Natur!) Dort kann man nämlich Grünflächen betreten ohne Angst zu haben. Ich mag ja Berlin echt… aber das geht gar nicht…
    (Ps. ich mag auch die hungrigen Hunde sehr, die sich gleich zu dir auf die Decke legen, wenn du was essbares dabei hast.)

  2. St. Burnster sagt an:

    Hmm, Stechlinsee. Ich glaub, da war ich noch nicht.

    Es ist ja auch kein Geheimnis, dass das Berliner Umland Grünflächen ohne Wohlstandsschmutz bietet, weil wo keiner mehr wohnt, da auch kein Wohlstand und stellenweise noch nicht mal ein Stand. Auf jeden Fall Daumen hoch für Brandenburg. Und wenn das ein Bayer mit Vorfahren aus dem Bayerischen Wald sagt, muss doch was dran sein;)

  3. creezy sagt an:

    Recht haste ja.

  4. textorama sagt an:

    Von wegen reaktionäre Drecksau. Da stoße ich in selbe Horn, und das obwohl ich nicht in Berlin lebe. Es scheint ein Naturgesetz zu geben, dass diejenigen die die “Haltung nach mir die Sintflut” ausleben immer und immer wieder damit durch kommen jede noch so schöne Grünanlage in eine Müll- und Fäkalienhalde zu verwandeln. Mir gefällt der Gedanke de Exkreminators von Tom. Die verdammten Kackbratzen ihren eigenen Scheiß fressen lassen.
    Ich bleib im Schwarzwald. Da gibts schon genug Zeug um sich aufzuregen. In Berlin würde ich wahrscheinlich durchdrehen.

  5. spltny sagt an:

    Yap, bitte bleib im Schwarzwald.
    Und der Verfasser dieses Artikels (“die Berliner..”) sollte sich mit seinen deutlich durchscheinenden Kleinbürgeranwandlungen besser auch mal überlegen, ob er nicht doch wieder zurück ins Ländle zieht.

  6. stt sagt an:

    Durch irgendwas muss ja Berlin als Hauptstadt herrausragen. Und wenn es nur die Kackhügel sind.

  7. burnster sagt an:

    creezy: ich hab in dem fall ja gar nicht gerne recht.

    texto: wie gesagt, kein exklusives berliner phänomen. und durchdrehen muss man hier nicht. kann man aber und das kann gelegentlich auch ganz heilsam sein.

    spltny: einen niederbayern in verbindung mit dem ländle zu bringen hat nicht unoft zu unsanften prellungen geführt. also obacht, freindal.

    stt: ne, ne, das ist schon eine schöne stadt hier mit durchaus “herausragenden” eigenschaften, aber man muss ja nicht alles gutheissen, nur weils mit dieser viel gepriesenen berliner liberalität ettikiert wird. wie man an solchen spinnern wie obigem kommentator siegt, führt die narrenfreiheit ja auch oft zur narretei.

  8. spltny sagt an:

    Wenn ich hier als “Spinner” gemeint sein sollte.. Falls du es noch nicht wusstest, Spießer bezeichnet man hier als “Schwaben”, egal aus welchem Kaff sie nach Berlin gekommen sind.
    Kacke ist kacke, das ist überhaupt nicht das Ding. Das Ding sind Zugezogene, die sich mit arrogantem Tonfall von vornherein ins Abseits stellen, indem sie meinen, über die Bevölkerung als “die Berliner” herziehen und ihre Auffassung von “Recht und Ordnung” aus der niederbayrischen Heimat importieren zu müssen. Dein lächerlicher Lokalpatriotismus tut da sein übriges.
    Als selber Zugezogener muss ich sagen, dass die Attitüde solcher verkappter Provinznudeln die Stadt auf Dauer erheblich weniger lebenswert macht als kackende Hunde.

  9. St. Burnster sagt an:

    Meine Frau, eine gebürtige und begeisterte Berlinerin, sagt:
    “Über die Zugereisten regen sich nur die Zugereisten auf.”

    Das gibt dir, spltny, jetzt wahrscheinlich nicht zu denken – wie auch – aber ich muss mich manchmal selbst ermahnen, wie kleinlich und spießig man doch tatsächlich geworden ist. Nicht wegen der Hundescheiße, sondern weil man sich einfach zu oft über so Illusionshandwerker wie dich aufregt. In diesem Sinne: geh in Frieden, mein zugereister Bruder.

  10. creezy sagt an:

    Wir sollten mal grillen auf dem T-Feld, Heimspiel spielen, solange da die Kanülen noch nicht rumfliegen …

  11. vert sagt an:

    “und überall liegt scheiße, man muss eigentlich schweben,
    jeder hat ‘nen hund aber keinen zum reden”

    aber das ist nur provinzielle kleingeistigkeit von zugezogenen wie peter fox, dem alten urschwaben.

    (irgendwie hatte ich das auch schon mal . aber gut, wer hat sich noch nicht drüber aufgeregt…)

  12. Holgi sagt an:

    Der Britzer Garten ist sehr schön. Da ist ein Zaun drum und es kostet Eintritt. EUR 20,- für eine Jahreskarte. Das ist sehr wenig, aber offensichtlich immer noch genug, um die Arschlöcher abzuschrecken – und aufs Schöneberger Südgelände darf man mit der Karte auch drauf.

    Ich hoffe, dass das Tempelhofer Feld in Zukunft auch dergestalt betrieben wird. Anders scheint es in Berlin ja leider nicht zu funktionieren.

  13. Seb sagt an:

    Unterschreib. (auch wenn das Central Park Beispiel falsch ist. Da geht es nämlich ohne Zäune.)

    gebürtiger Berliner in der (min.) 7. Generation und Wahl-Neuköllner. (auch wenn ich Blut und Boden-Abstammungslehre verachte.)

  14. Hagen sagt an:

    Der Zaun hat doch nur einen einzigen Grund: das Tempelhofer Feld von Leuten freihalten, die sich es dort länger als 12 Stunden am Tag bequem machen wollen. Und wem nutzt das etwas? Den Bauherren, die demnächst ihre “Town-Houses” dort aufstellen wollen.

    Um Hundekot oder Sauberkeit geht es unseren Politikern doch überhaupt nicht. Diese Probleme ließe sich z.B. auch durch eine Präsenz des Ordnungsamtes lösen. Oder mit speziellen Flächen nur für Hunde, so wie in der Hasenheide.

    Wenn ich einen Park haben will, der wie geleckt aussieht, gehe ich in den Britzer Garten.

  15. St. Burnster sagt an:

    Holgi: Rightly so. Der Britzer Garten ist großartig. Die Südberliner Verwandtschaft geht da auch gerne hin und deren lebenslanger Expertise vertraue ich voll und ganz.

    Hagen: Das Thema “Townhouses” und woher die ganzen Leute kommen, die sich sowas leisten in einer Stadt, in der es angeblich kein Geld und keine Jobs gibt, ist ein ganz anderes Thema, auf das ich noch zu sprechen komme demnächst. Ich für meinen Teil mag meine Parks geleckt und wenn ich das Bedürfnis habe, aufzubegehren oder mich entgegen der Konventionen zu bewegen, dann brauch ich dazu weder Scheiße noch Abfall. Ich tu’s einfach.

  16. Modeste sagt an:

    Ach, der Britzer Garten. Den mag ich. Ich mag aber auch den Tiergarten, diesen völlig unglaublichen Ort. Hinsetzen, und da haben Sie recht, würde ich mich da aber in der Tat nie.

  17. Die Reize Frankfurts sagt an:

    [...] Gewaltphantasien so überkommen, wie bei der Ansicht solcher Schweinereien. Wer so was macht, lebt auch so, hier oder in Berlin. Nur, wozu [...]

  18. HANGTAETER sagt an:

    was fuer eine wahrheit …. zugegeben, in berlin habe ich ausser beruflichen kurzaufenthalten keine erfahrung mit den drexkoetern, bzw. deren “haltern” gemacht. in hamburg jedoch, fuerhin eine der schoensten staede deutschlands ist fuer mich hundekackehausen, was hier an die halter, bzw. deren verlaengerter, vierbeiniger verstand hinterlaesst, habe ich in der menge und intensitaet sonst in keiner stadt deutschlands gefunden. egal wo, es ist kaum zu uebersehen. inzwischen herrsche ich die haltenden kacker lautstark an und sorge fuer entsprechend rote gesichter.
    btw, es gibt fast nichts duemmlicheres als die gesichtsausdruecke der halter, die den kackenden toelen beim geschaeft zusehen, seit meiner kindheit, frage ich mich, was dieses aus dem gesicht springende, offensichtliche unvermoegen des beimkackenzusehen wohl bringt …. e-kel-haft. drextoelen/drexhalter

  19. creezy sagt an:

    Die Jahreskarte von Grün Berlin GmbH erlaubt für die 20,– Euronen auch den Besuch der Erholungsgärten Marzahn, die ich fast noch einen Tick schöner als Britz finde. Das Tempelhofer Feld wird übrigens auch von Grün Berlin verwaltet –und ja, das Gelände hat (mindestens) zwei abgetrennte große Hundeauslaufflächen.

    @Hagen
    Der Zaun hat auf dem TH auch noch andere Gründe, die Wetterstationen z. B. sind auf dem Feld noch in Betrieb. Die will man nach einer bestimmten Uhrzeit x nicht ohne Bewachung dem Volk überlassen müssen.

  20. St. Burnster sagt an:

    Creezy: Die Gärten der Welt. Kenn ick natürlich. Hab ich schon schöne Fotostrecken von erstellt. Der Spießer in mir lässt sich nach diesem Artikel samt Kommentaren nun definitiv nicht mehr kaschieren.

  21. creezy sagt an:

    Ach mit dem rausgehen und sich zur Natur bekennen, das hattest Du schon immer – anders kenne ich Dich nicht. Da sag ich pragmatisch: jedem seine Droge. Die einen blau (Tom Kaulitz), die anderen grün (da Burnster). ;-)

  22. burnster sagt an:

    stimmt schon, aber irgendwie bin ich da auch schizophren. weil trotz meiner bajuwarischen herkunft ging und geh ich nie bergwandern oder fahr selten ins grüne. mir wäre es am liebsten wenn das grüne hierher zu mir in die stadt käme. allein die vorstellung, dass ich nicht mehr innerhalb von 5 minuten in irgendeinem kino oder in einem erträglichen café oder kneipe bin, jagt mir angstschauer den rücken hinab. am liebsten würde ich wohl in einem nicht allzu überlaufenen ferienort wohnen, wo es ein kino und ein paar schöne cafes und restaurants gibt. am gardasee oder in der toskana, in kalifornien oder auf mallorca zum beispiel. dann wiederum, wer würde das nicht.

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