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Fünf Fragen zur deutschen Rock’n'Rollkultur

Gestern führte ich ein längeres Gespräch mit Leuten aus Dänemark, England und Berlin über die deutsche Musikszene. Wir stimmten darin überein, dass sich die Volkswirtschaftler a la Kastelruther Spacken, Hell(ene) Fischer und Flops Silbereisen auf dem Echo eindeutig selbstbewusster in Szene zu setzen wussten als ihre Kollegen aus der Rock- und Popkultur. Armes Deutschland war wohl die allgemeine Verbalisierung des Status Quo der Popindustrie nach dieser Veranstaltung. Der zwanghaft addierte Glamour und die pochernde mediale Begleitung auf der ARD haben eigentlich noch deutlicher gemacht, welch ein Jammertal die deutsche Musikindustrie ist. Fünf Fragen haben die obigen Leute und ich uns gestellt, auf die wir keine sicheren Antworten wussten. Lediglich Ahnungen, wobei ich im Gegensatz zu den Engländern und Dänen nicht den Part des Optimisten übernommen habe.

1. Gibt es in Deutschland (speziell in Berlin) keine stilsicheren, guten jungen Bands? Macht sich niemand die Mühe, sie zu entdecken oder machen die deutschen einfach nur Techno und Stubenrock, für den man in der gesamten Brick Lane Hausverbot bekäme. Ich habe selbst ein paar Jahre lang in Berlin geprobt und live gespielt und ich habe die deutschen Ting Tings oder Rifles auch nirgendwo entdeckt. Aber in der Stadt der zugezogenen Kreativamokläufer muss es doch mehr geben. Wo sind also die deutschen Nachwuchsbands? Und jetzt sagt bitte niemand Emergenza oder vertröstet mich mit Hirnrock wie Super700 und Klez.e.

2. Ist das Grundbedürfnis des (ost)deutschen Volks nach Gothic und Volksmusik überhaupt soweit zu unterdrücken, dass auch Platz für guten Rock’n'Roll ist, der nicht nach Schema Biedermond funktioniert? Kann man einem Volk schlechten Geschmack austreiben? Ist schlechter Geschmack eine Mentalität?

3. Wenn so viele Kanadier, Engländer und Skandinavier ehrfürchtig auf Berlin blicken oder direkt dahin ziehen, warum scheint der interkulturelle Einfluss, der sich in der Galerienkunst, in der elektronischen Musik und im Design schon längst deutlich macht an der Popkultur abzuprallen?

4. Warum gibt es in einem Monster von Stadt wie Berlin nicht jeden Tag mindestens 10 Spots, wo junge Bands spielen, die es zu entdecken gilt? In London brauchst du nur in einen Pub gehen und im Keller oder im Nebenzimmer spielen 3 Bands pro Abend. Und diese Läden sind voll.

5. Würden ausländische A&Rs und Produzenten das entdecken, was wir selbst in uns nicht sehen? Vielleicht gar im Osten des Landes? Oder müssten auch Alan McGee und Konsorten resigniert aufstecken?

26 haben herzlich gelacht bei “Fünf Fragen zur deutschen Rock’n'Rollkultur”

  1. T.M. sagt an:

    Ähm … es gibt eine deutsche Rock’n'Roll-Kultur?

    3) Amerikaner, Briten, Australier wissen oft nur wenig über Deutschland, d.h. auch wenig über Berlin. Deutschland, das ist Autos und Bier, wobei mit Autos Porsches gemeint sind, und die Tatsache, dass man so schnell fahren kann, wie man will.

    4) Mit Verlaub, Berlin ist ein gigantischer Magnet für gescheiterte Existenzen, Loser und Versager, die nirgendwo sonst überlebensfähig wären. Was will man also erwarten?

    Ob schlechter Geschmack eine Mentalität ist, ist eine interessante Frage. (ganz abgesehen davon, ob die suggerierte Aussage, dass die Deutschen einen schlechten Geschmack hätten, zutrifft) Ich bin überzeugt davon, einiges Potential wird durch deutschen Perfektionismus (das ist zweifellos eine Mentalität) verbrannt, man setzt sich hohe Ansprüche und schafft dann nicht, ihnen gerecht zu werden, als Hörer wie als Musiker. Zweitens: das deutsche Nationalbewusstsein hat unter dem Krieg und der Teilung dermassen stark gelitten, dass es praktisch keine nennenswerte deutschsprachige Äusserung ausserhalb Deutschlands mehr gibt. Letzteres mag beispielsweise die französische Sprache auch betreffen (die italienische übrigens nicht), im heutigen Deutschland allerdings (d.h. von der DDR-Musikszene einmal abgesehen) betrachtet man die deutsche Sprache nicht einmal mehr im Inland als richtig tauglich, ja, trotz Lindenberg und Grönemeyer. Die Deutschen hatten international immer dort Erfolg, wo sie nicht stimmlich oder nicht deutsch aufgetreten sind: Tangerine Dream, Kraftwerk, die Scorpions. Aber ein Verzicht auf die eigene Sprache ist bereits ein Geburtsfehler, man muss schon einiges zu bieten haben, um das wettzumachen.

    Fury ist manchmal ganz brauchbar, find ich.

  2. Burnster sagt an:

    T.M.

    Das durch die Kriege zerhackte deutsche Nationalbewusstsein mag unser Naturell mit Sicherheit gravierend beeinflusst haben, aber wir reden hier von einer Generation, die schon vom kalten Krieg kaum mehr was mitbekommen hat. So ganz kann ich das nicht mehr gelten lassen.

    Zudem muss ich beim Verzicht auf die deutsche Sprache das Gegenbeispiel Rammstein anbringen. Und eigentlich auch wieder nicht, denn das pure Deutschsein als Anmutung (ob nun mit oder ohne deutschem Text) reicht dem Ausland als kulturelle Exportlegitimation. Aber in den Augen der Jungen muss das doch eine Form von Deutschtümelei sein und damit adhoc verdächtig. Es muss doch eine Gegenbewegung zu diesem Bild des roboterhaften Deutschen geben. Fühlt sich da denn niemand bemüßigt? Das ist es, was mich wundert.

    Das mit Berlin ist eine Polemik. Ich bin mir durchaus der großen Menge an Luftikussen hier bewusst, aber bei der bloßen Anzahl an Kunstschaffenden aus allen Bundes- und Zentralismus wie in Paris oder London, like it or not. Aber in musikalischer Hinsicht scheint er eben nicht zu funktionieren.

    Fury In The Slaughterhouse?

  3. stilhäschen sagt an:

    Ich möchte wetten, daß so manche Bands, die oben unter “gut” laufen, kaum ein Musikbegeisterter (und eben das ist die Mehrheit nicht) mehr so bezeichen würde, wären sie erst einmal richtig erfolgreich.

    Will sagen: den Mainstream muß man schlecht finden, um sich selbst zu positionieren, abzuheben, als Qualitätsjunkie zu outen. Naturgesetz. Und da können wir doch alle froh sein, daß der Mainstream Silberwaffelfischernaidoogeschwaddel ist – am Ende fände man sich eines Tages mitwippend auf der Kaufhausrolltreppe!

  4. T.M. sagt an:

    … ah, einer Generation also, die auch längst nicht mehr richtig wissen kann, was Rock’n'Roll eigentlich ist, der Generation Klingelton, die bei Bohlen vorsingt, oder wenn das nicht klappt “irgendwas mit Medien” macht. Und wie gesagt, auch ihre Eltern haben schon keinen (west-)deutschen Rock’n'Roll gehört, gespielt schon gar nicht, und im Osten hatte man grundsätzlich einen anderen Stil und andere soziale Voraussetzungen zu dessen Entstehung (wobei trotz allem Beachtliches entstanden ist).

    Ja, Fury in the Slaughterhouse. Nicht immer, aber beispielsweise auf der “Home Inside” und stellenweise auf manch früherer. Für mich jedenfalls immer klar die bessere Alternative, was Musik aus Hannover angeht.

  5. mac sagt an:

    zu 4.)
    mir fallen spontan dazu ein:

    - Schokoladen (MI und DO oft SEHR hohe qualität der Bands!) (http://www.schokoladen-mitte.de/)
    - White Trash
    - Ä in Neukölln (http://www.ae-neukoelln.de/programm.html)
    - Lux (http://lux-berlin.net/veranstaltungen/)
    - Antje Oklesund (http://www.antjeoeklesund.de)
    - Intersoup (http://www.myspace.com/intersoup)
    - Hanswurst
    - ,,,, usw.

  6. Burnster sagt an:

    Stilhase: Aber wo ist der andere Stream? Der, der wo sich gegen den Mainstream positioniert? Gibt es ihn überhaupt? In England, Skandinavien oder Amerika muss ich nicht lange suchen. Die Infratsruktur von Websites und Uniradios offenbart eine fantastische Bandbreite. Bei uns scheint es ja weder die Bandbreite noch die Infrastruktur zu geben.

    T.M.: Ohne dir zu nahe treten zu wollen, aber Fury ist in so einer Diskussion die deplazierteste Band überhaupt. Langweilig, unglamourös, kopistisch, alt. Ich hab sie auch gehört mit 16, das geb ich offen zu. Aber wenn ich die Uhr richtig lese, haben wir 2009 und ich bin 34;)

    mac: righty, schokoladen war ich schon lange nicht mehr, aber der bietet so etwas. ist denn mittlerweile schon wieder mehr los? last time i looked: 6 zahlende gäste.
    white trash: meistens ausländischer trashpunkkuddelmuddelirgendwascooles
    Imtersoup: recht kleinkünstlich, als ich da in der nähe noch gewohnt habe.
    Antje Oklesund: stimmt!
    Ä, Lux und Hanswurst: kenn ich nicht
    Viel isses nicht, aber ich werd mir die mir bis dato unbekannten Läden auf jeden Fall anschauen. Bin auch für Empfehlungen zu haben. Pirate Cove und NBI fällt mir noch ein. Im Magnet und im Knaack tut sich nicht so viel in Sachen kleine Bands.

  7. stilhäschen sagt an:

    Ich sehe den Stream schon, seine Infrastruktur ist z.B. Bayern2-Zündfunk, Tapete Records, das Label L’Age d’Or. Zugegeben, das meiste ist eher Hamburg als Berlin – aber ich weigere mich eh mitzuglauben, daß dieses Berlin kulturprägend für ein ganzes Land (dessen südliche Einwohner schon die mittleren nicht verstehen und andersrum, nur um mal eine nötige Bandbreite anzuskizzieren) sein soll.
    Seine Repräsentanten sind z.B. Spillsbury, Niels Frevert, ClickClick Decker, Gysbert zu Dingenskirchen und deren LastFM-Radio-Derivate (noch so’n Medium) und meinetwegen auch Kettcar und Wir sind Helden. Die übrigens hatte ich vor deren ersten Album übers Internet gefunden, grottige Mitschnitte von Clubkonzerten an der Ostsee, als MP3 über Tauschbörsen, da war die Musik noch rau und wild und nicht so gekämmt wie später auf CD. Und das ganze Zeug gibt’s heute auch noch, ich bin mir sicher. Sogar einfacher zu finden.
    Aber natürlich nicht so einfach wie der Mainstream.

  8. stilhäschen sagt an:

    Ich vergaß Peter Licht, Erdmöbel und meinetwegen auch Peter Fox. Klee. Tom Liwa/Flowerpornoes. Dirk Darmstädter/Jeremy Days. Olli Schulz, Tomte, Rainer von Vielen, Bernd Begemann, Blumfeld, Jens Friebe, Die Sterne, Tele, Fotos. Muß man nicht alle gut finden, aber das ist, was ich in die Schublade “deutsche Popmusik” stecken würde. Zugegeben, da fehlt ein bißchen Rock’n'Roll.

  9. Rationalstürmer sagt an:

    Ich hab ja eh keine Ahnung mehr von dem, was da draußen so passiert (oder eben nicht) und muss mich deswegen heftig kopfnickend auf Frage 2 kaprizieren.

    Da liegt nämlich meiner Meinung nach schon ein recht dicker Hund begraben. Es ist ein Geschmacksproblem. Dabei würd ich nicht mal so weit gehen zu behaupten, die Leutchen hätten alle a priori ein solches und würden sich daher generell wie die Fliegen auf den größten musikalischen Scheißhaufen stürzen. Aber sie wird ihnen halt eingetrichtert – und das ohne jede Not und oftmals wider besseres Wissen, wie das Stilhasi mit der Peter-Fox-Nennung und bedrückend offenbart (Tschuldigung, aber das musste sein, und da hab ich ja noch gar nix zum Muschistreichler Darmstädter gesagt …)

  10. Burnster sagt an:

    Stilhaserl:
    Ist schon wichtig, dass man die genannten Bands nicht vergisst, aber nenn mich Musikerpolizist, wenn ich behaupte dass unter den genannten einfach die Qualität bzw. die Aktualität seht stark schwankt. Und du sagst es ja selbst, da fehlt die Attitüde, das Charisma bei so manchen Kandidaten.

    Die goldenen (sic!) Zeiten von LADO sind längst vorbei und somit auch die Minirevolution der von nach Hamburg gezogenen Bands wie Blumfeld, Sterne und Tocotronic. Das war damals ein Aufbruch, jetzt isses Altherrennachdenkpogo. Die Zeiten sind vorbei, wo man mit Hamburger Schule noch was anderes als eine Erziehungsanstalt gemeint hat. Spillsbury, ja das hatte kurzzeitig was. Die Emofraktion um Tomte und Kettcar ist mit Verlaub textlich ein Unding. Dichter und Denkerpunk at its unentspannst. Ich hab das neue noch nicht gehört, aber die ersten beiden Fotos-Alben waren eine runde Sache. Nicht meine, weil zu sehr woanders hin schielend, aber besser gut kopiert als schlecht komponiert. Peter Fox ist die große Ausnahme. Undeutsch mit deutschen Texten, großstädtisch, weltmusikalisch und trotzdem hardcore lokalkoloriert. Und dabei noch erfolgreich und eine verwegene Fresse. Und dann ist da noch der fürchterliche Niedergang des deutschen Hip Hops zu erwähnen. Da gabs auch mal junge Wilde. Schon wieder aus Hamburg. Und sorry wegen Berlin, ich hab niemanden gesagt, er soll hierher ziehen. Aber es hat keiner auf mich gehört. Und so haben wir jetzt den Salat. Und jetzt will ich auch Ergebnisse sehen.

    Und insofern, Freund Ratzer, kann ich auch bei deiner Quertreiberei gegen den Fox ausnahmsweise nicht in den Kanon gehen. Da hätte ich beim Haserl seiner Aufzählung ganz andere Dornen im Auge. Olli Schulz, sag ich nur. Und ja, auch den Muschistreichler. Gut, dass sie nicht auch noch Maxi Hecker gesagt hat. Aber den kennen ja nur die Chinesen.

    Ich will aber auch noch ein paar Beispiele neuerer deutscher Musik nennen, die ich voll vertreten kann. Sonst heissts wieder, ich maul nur rum,

    Super700 (verkopft aber mit Ibadet und ihren Schwestern stilbildend)

    Peter Licht (da stimm ich dem Haserl zu)

    Fotos (wie erwähnt)

    Bratze (auch Abzüge wegen Germanistentexten)

    Jennifer Rostock (weil ständig besoffen und ulkige Sängerin, aber musikalisch hart an der Grenze, geb ich zu)

    Anna Rikje Rosenthal (süß, aber auch so darf Musik sein)

    Bonaparte (mummenschanz per exellanz)

    Get Well Soon (auch ge- bis verkünstelt, aber designmäßig vorne dabei)

    International Pony (uneingeschränkt)

    Und sicher fallen mir jetzt ein paar wichtige nicht ein. Aber nach einer Strömung sieht das nicht aus. Und auch nicht so, als wär da irgendwo Geld zu holen.

  11. Matze sagt an:

    Ha!

    4) hab’ ich mir erst gestern auch gedacht. Meine Suche nach Venture-Kapital-Gebern verlief aber bislang ergebnislos…

  12. Burnster sagt an:

    Tja wo nix wächst, da keine Großbauern.

  13. Quasipresseschau 202 | NIGHTLINE sagt an:

    [...] Fünf Fragen zur deutschen Rock’n’Rollkultur Gestern führte ich ein längeres Gespräch mit Leuten aus Dänemark, England und Berlin über die deutsche Musikszene. Wir stimmten darin überein, dass sich die Volkswirtschaftler a la Kastelruther Spacken, Hell(ene) Fischer und Flops Silbereisen auf dem Echo eindeutig selbstbewusster in Szene zu setzen wussten als ihre Kollegen aus der Rock- und Popkultur. Armes Deutschland war wohl die allgemeine Verbalisierung des Status Quo der Popindustrie nach dieser Veranstaltung [...]

  14. Ina sagt an:

    Gehe ich mit T.M. konform. Der Deutsche wurde in den letzten Jahren doch darauf konfektioniert, Musik nur noch als Fast-Food zu konsumieren. Popstars, DSDS usw. sind durchaus erfolgreiche Formate, deren gecastete “Stars” dann auch dementsprechend Reibach machen. Warum bekommt denn ein Thomas Godoj einen Echo? Genau, weil er im letzten Jahr am meisten verkauft hat.

    Und im nächsten Jahr ist das nächste Deutsche Superpopstarstalent an der Reihe. Warum soll denn eine Plattenfirma groß Geld in die Hand nehmen und versuchen, einen Act teuer und langfristitig aufzubauen, wenn es doch viel schneller und billiger geht? Dem Herrn A & R sein Job ist ihm auf jedenfall sicherer, wenn er mit Michael Hirte im Studio an seinen Mundharmonika Gewinsel schraubt, als wenn er bei der Open Stage im Café Arschloch in Kreuzberg auf die nächsten Notwist wartet. Und eben, Deutschland war noch nie der fruchtbarste Boden für gut gemachte, kredible Rock-/Popmusik. Muss man sich vielleicht so auch mal eingestehen.

  15. Burnster sagt an:

    Halt, halt, halt, Ina. Diese Castingformate kommen aus Amerika und sind auch in allen anderen Ländern zu finden. Und nirgendwo scheiden sie die Geister so wie bei uns. Eine American Idol Gewinnerin wie Kelly Clarkson mag den Main Stream versinnbildlichen, trotzdem macht ein Indietyp wie Ted Leo eine großartige Coverversion aus einem ihrer Songs. Die Verkrampfung verdanken wir nicht DSDS oder Popstars, das entwächst einer viel eigentlicheren Einstellung zu Kultur. Konfektioniert wurden wir ergo nicht, haben wir uns höchstens lassen.

    Die A&Rs gehen heutzutage eher auf Nummer sicher, da stimm ich dir zu. Das müssen sie auch, weil sich ihre Unternehmungen ja refinanzieren wollen. Die Musikindustrie ist keine Charity-Gesellschaft. Ich habe aber A&Rs kennengelernt, die haben nach den richtigen Bands die Augen weit offen gehalten, aber nur die falschen vorgefunden. Da war einfach nichts. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da hat der A&R einer ehmaligen Firma Bands gesignt, einfach weil er irgendetwas signen musste. Weil es im Budget war. Nichts hätter er lieber getan als eine innovative junge deutsche Band zu signen. Aber da war nichts und vielleicht ist da auch jetzt nicht so viel. Ich weiß, die ganzen Bands in ihren Proberäumen würden mir widersprechen. Ich mach selbst schon seit zig Jahren Musik und ich hätte mir ja selbst nicht guten Gewissens einen Plattenvertrag geben können. Ich erinnere mich, als Super700 ihre erste EP veröffentlichten. Mehrere kleine und große Labels waren an der Band interessiert, obwohl ihre Musik weder besonders hip noch kommerziell war. Es war einfach das originellste, was grade auf dem Markt war. Oder warum glaubst du, sind Bands wie Madsen oder Itchy Poopskid die Vorzeigebands auf 7 von 10 kleineren Open Airs. Weil da sonst nichts ist. Aber vielleicht irre ich mich. Ich bin kein A&R und will auch kein Manager sein, aber rein als Privatmensch hab ich mir vorgenommen mich ins Cafe Arschloch zu setzen und zu schaun was sich da so beim Open Stage tummelt. Um mir dann vielleicht am Ende genau das einzugestehen, womit du deinen Kommentar beschließt.

  16. christoph kratistos sagt an:

    Rammstein hat die gesamte NDH international bekannt gemacht. Außer dem hier erwähnten Kommerzpop und Indie-Geficke (erstaunlich, dass weder Polarkreis 18 noch Slut erwähnt wurden) gibt es auch Bands wie Eisbrecher oder Megaherz, die ein gewisses internationales Ansehen haben.

  17. stilhäschen sagt an:

    Buben, das mit dem Diskutieren üben wir aber noch, oder?
    Eine Aufzählung ist eine Aufzählung ist eine Aufzählung, da braucht man nicht wie in gefundenes Fressen reingrätschen, sich rauspicken, was einem nicht passt und rumplärren, daß doof ist, wer das gut findet.
    Darum geht’s nämlich nicht mal, ganz abgesehen davon, ach. Ich schließ mich an: alles hoffnungslos, das ganze Land, wir sollten alle auswandern.

  18. Burnster sagt an:

    Christoph: Es geht ja nicht um internationales Ansehen, es geht schlicht und einfach um den Nachwuchs. Und ich kenne wede Megaherz noch Eisbrecher besonders gut, aber wenn dieser martialische Volksrock das beste ist, was Deutschland zu bieten hat, dann wirklich gute Nacht. Aber wenn du dich über “Indie-Geficke” echauffierst, wirst du auf diesem Blog eh nicht besonders viele Brüder im Geiste finden.

    Stlihase: Ich argumentiere ganz im Sinne der Diskussion, ergo diskutiere ich. Deine Aufzählung unterstreicht, dass es eine Art von Bewegung gab, aber jetzt eben nicht mehr, Und dass ein paar der deutschen Bands eben genau jene Espritlosigkeit an den Tag legen, die sie so bieder wirken lässt. Ein wenig Säure bei der Umschreibung sei mir auf meinem eigenen Blog gestattet. Zudem bringe ich ja auch Gegenbeispiele. Würde ich etabliertere Bands mitaufzählen, wären da Klopper dabei, wo nicht nur der Rationalstürmer denken würde: “Jetzt hat er sie nicht mehr alle.” Aber das ist ja das Schöne an Musikgeschmack, da darf jeder mal Bad Cop spielen.

    Und auswandern sollte man sowieso, nicht wegen der Musik, sondern wegen dem Wetter. Denn ein halbes Jahr Winter tausch ich gerne gegen nonstop Hispano- oder Italopopgedudel.

  19. Rationalstürmer sagt an:

    … der schlimme Verdacht, dass du sie tatsächlich nimmer alle haben könntest, hat sich mir eh schon bei deiner – zugegeben in ihrer Überzeugungskraft leicht einschüchternden – Lobpreisung von Peter Fox aufgedrängt.

    Zweifelsohne ist der Mann in Sachen Derziehtseindingkerzengeradedurch einer der sympathischeren Protagonisten in der ganzen Causa. Nur dass er für meine Begriffe mit seinem weltmusikalisch-großstädtischen Tralala – das doch letzten Endes auch wieder nix anderes ist als verkopft-verkotzter Kastanienallee-Pop – schön langsam, aber sicher zum Hubertvongoisern von Kreuzberg verkommt.

    Und Hasilein, nicht sauer sein. Der Burnstl hats ja so schön gesagt: Jeder darf mal Bad Cop spielen. Und nur weil die Diskussion grad nicht ganz so muckelig ist wie bei Johannes B. Kerner, sind wir ja lang noch keine bösen Buben.

    Achja, fränkischen Rocknrollnachtrag mit Republikqualität hätt ich dann auch noch: The Audience vo Herschbrugg und natürlich die famosen Robocop Kraus.

  20. Burnster sagt an:

    HubertvonGoisern von Kreuzberg ist ja grimmepreisverdächtig. Und natürlich, die große Ausnahme: Robocop Kraus. Allerdings seit dem letzten Album auch ein wenig an Präsenz eingebüßt.

  21. meistermochi sagt an:

    aber es gibt diese bands doch.

    sie kommen aus hamburg.

  22. Burnster sagt an:

    dann zähl mal auf, ich bin gespannt. (und ich rede von jungen und noch existierenden bands: blumfeld, tocotronic und sterne zählen nicht.)

  23. Wallis sagt an:

    Die Deutschen kommen mit international konkurrenzfähiger Popkultur auch kaum in Kontakt. Im Fernsehen wird immer noch synchronisiert, die Originalpopkultur aus den USA und England kommt verspätet, mies übersetzt oder gar nicht bei uns an. Mal sehen wann Flight of the Conchords in schlechter Synchronfassung auf Pro7 ankommt. Schwedische Bands haben jahrelang erfolgreich britische Bands imitiert, gut imitiert, weil sie quasi aufwachsen wie britische Kids und entwickeln sich jetzt daraus weiter. In Deutschland fängt sowas langsam an, Get Well Soon ist so ein Fall, kopiert aber für meinen Geschmack viel zu genau, was es wieder langweilig macht.
    Was in Deutschland ankommt hat sich in anderen Ländern meist schon bewährt, die Deutschen sind es also nicht gewohnt etwas zu entdecken. Zudem herrscht eine große Skepsis gegenüber neuen deutschen Bands. Die (Musik)-Medien und Konzertveranstalter unterstützen sie nur widerwillig und gehen lieber mit den ausländischen Acts auf Nummer sicher. Der Mut zum Risiko ist ja eh keine deutsche Eigenart. Und was man auch nicht vergessen sollte ist die Infrastruktur in anderen Ländern: Die Skandinavier und Engländer stecken viel Geld in Popmusik, junge Bands können gratis Studios nutzen und bekommen Unterstützung bei Touren ins Ausland. All das gibt es in Deutschland nicht.
    Hier wird immer dem deutschen Markt vertraut. Für einen Schweden ist gleich klar “Schweden reicht mir nicht, ich muss in ganz Europa präsent sein”.

  24. Burnster sagt an:

    Danke, da sind ein paar ganz wichtige Punkte dabei. Auf die Conchords kann ich zwar auch im Original verzichten aber der hochqualitative Kopismus der Skandinavier ist eine Art Popunterricht für deren Nachwuchsbands. Und wie ich aus verschiedenen Gesprächen mit Schweden weiß, wird die musikalische Populärkultur dort an vielen Ecken und Enden gefördert. Das geht mit Schulbandprojekten los und endet nicht bei staatlichen Proberäumen und Subventionen für Nachwuchswettberwerbe.

    Bei den Engländern kommt das alte Unwort vom “popkulturellen Erbe” hinzu. Das ist kein Vergleich, da brauchen wir noch nicht mal anzusetzen als Deutsche. Pop als Brauchtum.

  25. Wallis sagt an:

    Allerdings werden die Qualitätslevel auch sehr unterschiedlich gedeutet. Was in Manchester vollbetrunkene Briten-Teenies mitgröhlen und in der großen Pubschlägerei enden läßt, wird hier auf einem Intro-Event von seitengescheitelten Studenten goutiert.
    Das hab ich nie verstanden…

  26. Burnster sagt an:

    Fratellis fallen mir da ein. Und das ist wirklich eine sehr schöne und sympathisch austeilende Anmerkung von dir. Seh ich genauso, möchte aber annotieren, dass volltrunkene Briteens eigentlich zu jeder Musik mitgröhlen und den Abend in einer Schlägerei enden lassen könnten. Kommt dann einfach nur drauf an, ob sie anwesend sind oder nicht. Auch eine Form der Kulturbegeisterung.

Dein Servus hier:

(Wenn du mir schon unbedingt einen Link hineinposten musst, unterstreich ihn doch bittschön, damit ihn ein jeder sieht. Dankschön.)