Salzburg

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass meine eigentliche Erinnerung an Salzburg völlig durch die morbide Version von Murnberger (Film) und Wolf Haas (Buch) ersetzt worden ist, oder ob die Stadt tatsächlich so totenschläfrig ist, wie ich sie am Freitag gesehen habe. Vielleicht war es auch der schwere Winter, der auf das Tal drückte. Die Berge, die fast bedrohlich nahe waren und sich mit jedem Schneegestöber zu nähern schienen. Vielleicht war es die Tatsache, dass einem hauptsächlich alte Leute begegneten und man den wenigen Jungen nicht im Dunkeln hätte begegnen wollen. Vielleicht war es der Juwelendiebstahl, von dem mir der Taxifahrer berichtet hatte, der nur ein paar Meter von dem Kaffeehaus stattfand, wo ich mein Handy und meinen Magen auflud.

Vielleicht war es der Kapuzinerberg, den ich mich nicht weiter hinaufgehen traute, weil die Holztreppe so vereist war. Oder der Obdachlose, der sich im Vorgarten der Kirche hoch oben auf dem Berg in einen Geräteschuppen verschanzt hatte und raschelte als ich vorbeiging. Vielleicht war es aber auch nur der schwere Winter. Diese komplette Abgeschiedenheit von allem, was mir gerade aus einer Stadt wie Berlin geläufig ist. Vielleicht ist es die Ähnlichkeit zu Regensburg, das ich im Winter auch oft als problematisch empfand in seiner gothischen Bedrückung. Vielleicht ist es das, was Thomas Bernhard in seinem, jüngst aus dem Nachlass veröffentlichten, “Meine Preise” schreibt:
Wie hasse ich diese mittelgroßen Städte mit ihren berühmten Baudenkmälern, von welchen sich ihre Bewohner lebenslänglich verunstalten lassen. Kirchen und enge Gassen, in welchen immer stumpfsinniger werdende Menschen dahinvegetieren. Salzburg, Augsburg, Regensburg, Würzburg, ich hasse sie alle, weil in ihnen jahrhundertelang der Stumpfsinn warmgestellt ist.

15. Februar, 2009 um 19:04
Er hat schon nicht ganz Unrecht, der Bernhard. Wer einmal den verblödeten italienisch-amerikanisch-japanischen Lindwurm gesehen hat, der sich – unaufhörlich rasselnd und schnaufend und fressend – durch die Getreidegasse schiebt, der wird über soviel Mozartkugelstumpfsinn Galle kotzen wollen vor Hass.
Trotzdem krieg ich eine unendliche Sehnsucht bei deinem Text und deinen Bildern. Der Blick vom Kapuzinerberg über die Salzach auf diese verfluchte Festung, das gänzlich untypische Trakl-Gedicht in Stein auf dem Weg dort hinauf, die Gedanken an die paar Schritte von der Obus-Haltestelle an der Pferdeschwemme zum allerallerbesten Bosna-Würschtlstand in der ganzen Stadt, die Vorstellung vom Mirabellgarten an einem Frühlingstag, die vielen metallernen Kreuze auf dem Petersfriedhof – all das pumpt mir viel zu lang nicht aufgefrischte Erinnerungen ins Bewusstsein.
Mein letzter Besuch ist viel zu lang her. Bald zehn Jahre liegt die Urne meiner Oma schon unter dem rosafarbenen Grabstein aus Untersberg-Marmor. Ich glaub, ich wart noch auf den Frühling, dann fahr ich hin.
Schöner Beitrag, Burnstl. Dankschön.
15. Februar, 2009 um 19:46
Tut mir angesichts deines Kommentars schon fast wieder leid, dass ich so geschimpft hab grade. Jetzt wo ich die Bilder so seh, find ich’s eigentlich auch einigermaßen liebenswert, aber das Gefühl vor Ort war ein beklemmendes.
15. Februar, 2009 um 20:37
Die jungen Leute sind gerade alle daheim bei Mama. Sind doch schließlich Semesterferien.
15. Februar, 2009 um 20:43
Das hab ich nicht bedacht. Stimmt, da ist ja eine Universität.
17. Februar, 2009 um 06:23
Ja Salzburg, mit Bernhard (der führende Zeppelin toter Literaten) ist schon alles gesagt. Nur die Bosna als einziges Highlight mit weltweitem Alleinstellungsmerkmal läßt mir ein bisschen Frieden mit dieser touristisch gezuckertern Proletenstadt.
17. Februar, 2009 um 14:00
Als unverbundener Besucher ist das sicherlich eine Schau, dieses Salzburg. Ich bin unter der Perspektive eines beruflich bedingten Wohnortwechsels da hin gereist. Da ist der Gruselfaktor natürlich höher.
18. Februar, 2009 um 04:35
Oh Gott…naja München & Wien ist in 2 Studen-Nähe. Da muss man schon viel bezahlt bekommen, ich kenne dort nur einen der viel bezahlt: Er ist rot und riecht nach männlicher Kuh.
19. Februar, 2009 um 13:20
…der Parkplatzwächter vom Casino?
Aber das mit Regensburg wird ja fast schon manisch.
22. Februar, 2009 um 21:16
meine hausärztin hat mir nicht umsonst diesen rat mit auf den weg weg von salzburg gegeben “wissen sie, ich sag es allen meinen jungen patienten, salzburg ist nicht gut für sie, schaun`s dass sie wegkommen so schnell es geht.”
23. Februar, 2009 um 00:16
stt: dein Kommentar hing länger im Spam fest, weil “Casino” drin vorkam. Sorry. Und ja “manisch”. Endlich ist mal wieder was eine Manie. Dachte schon, ich wär jenseits von Wahn und Witz.
MCH: so gefühlsmäßig würd ich ihr recht geben.
23. Februar, 2009 um 14:26
weisst, herr burnster,
hättst was gsagt, dass’d vorbeikommst, hätt ich meine stadt ganz schnell in a schöneres gwand gschmissn!
schad’, dass ich vorher nix gwusst hab. Aber vielleicht hättst ja eh keine zeit g’habt.
23. Februar, 2009 um 23:49
hätt ich den zusammenhang zwischen dir und salzburg hergestellt, hätte ich einen kontakt hergestellt. weil in einem schöneren gewand seh ich die leute ja immer gern. so a schaß.
24. Februar, 2009 um 08:13
vielleicht gibts ja ein nächstes Mal.
Ich las ganz oben bei deinen Twitter-Ansagen, dass du nach Sbg unterwegs bist, da ich aber nicht twittere, konnte ich dir da keine Nachricht hinterlassen. Und wär wahrscheinlich eh zu spät gwesn.