sieben tage in berlin
Ach, Berlin. Ich mag’s ja eigentlich, dass man hier kein Fachmann sein muß. Man muß kein Fotograf sein, um Fotos, kein Künstler, um Kunst, kein Filmer, um Filme, kein Journalist, um Reportagen und kein Talentierter, um Karriere zu machen. Jeder macht und kann alles, je nachdem wer sich gerade zum Medienschaffenden berufen fühlt, legt los. Davon hab ich sicher in der Vergangenheit schon öfter profitiert und im Prinzip ist die niemals enden wollende Quereinsteigerei eine faire Sache. Wenn man sich eingefahrene Strukturen in München ansieht, wo jeder Produktionsfirmenprakti schon so tut, als wäre er Alchemist und der Gesellschaftsjournalist noch mit Limousinen durch die Gegend fährt, könnte man sich freuen, dass in Berlin jeder alles darf. Könnte.
Die Wahrheit sieht leider so aus, dass neben den wenigen guten Ideen, die hier entstehen, sich auf der anderen Seite kulturelle Müllberge formieren, die von Menschenhand gar nicht mehr abzutragen wären. Gottseidank vergisst der Mensch, weil das Netz tut’s nämlich nicht. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte, mich zu vergessen. Ein paar fiktionale Exempel statuiert an einer typischen Berliner Medienwoche:
Ab Montag gibt’s ein neues Online-Magazin für junge Menschen mit multioptionalen Fieberfantasien von der großen Selbstverwirklichung und beschissenem Klamottengeschmack, vorwiegend aus Schwaben. Mit Texten über Musik und Lebenskultur wie aus dem Ausschuss der unter 14-jährigen Jetzt.de-User.
Am Dienstag erscheint ein neues Stadtmagazin (Print), das ganz anders als alle anderen ist, weil nur total abgefuckte Bohemians dafür schreiben und die Typo so total abgefahren ist, dass kein Mensch sich auf den Text konzentrieren kann.
Am Mittwoch gründet sich eine neue Social Community mit dem klangvollen Namen www.werbumstwen.de, wo man sich endlich über sexuelle Querverbindungen seines Bekanntenkreis auf dem Laufenden halten kann und natürlich selbst ein paar neuen Verbindungen schaffen. Moment, eigentlich eine gute Idee.
Am Donnerstag hat der neue Film von Filmhochschulabsolvent XY Premiere, der eine Jugend im Osten behandelt und die Leute schon nach wenigen Minuten ganz ganz müde macht. Nur die denken, das wäre Betroffenheit.
Am Freitag kommt dann die neue Platte von XY raus, mit einer ganz verrückten Musikrichtung: Elektropunk.
Am Samstag macht Designerin XY eine Sause, bei der sie ihre neue Modelinie vorstellt, die sich dadurch auszeichnet, dass sie in Rollkragenpullils Löcher auf Achselhöhe hineinschneidet und sie in der Waschmaschine einlaufen lässt.
Am Sonntag eröffnet dann ein neues vegetarisches Restaurant, wo es nur Butterbrote gibt.
Und vielleicht gesellt sich in einer guten Woche noch ein neues Portal für Musikvideos hinzu, wo man sich – der ALLERLETZTE Schrei – seine eigene Playlist zusammenstellen kann. Wowee!
Man verstehe mich nicht falsch, ich möchte gar nicht woanders wohnen. Ich möchte nur manchmal einfach nicht aus dem Haus gehen, keine Mails lesen oder gar nicht die Augen aufmachen.
24. Januar, 2009 um 17:49
Klingt super. Jetzt muß ich da sofort hin. Ich könnte mal meine Gemälde zeigen.
24. Januar, 2009 um 21:18
Hey – endlich mal einer der Berlin beschreibt wie es tatsächlich ist!
Genial!!! :)
PS: Bin selbst Ur-Berliner und weiß, wovon du redest. Wie recht du doch hast.
24. Januar, 2009 um 22:38
Wann gehen diese Menschen eigentlich mal wahlweise Geld verdienen oder ganz normal feiern?
25. Januar, 2009 um 01:27
Ja, ist irgendwie vorbei mit dem schönen Schein. Und den schönen Scheinen. Scheint so. Möglicherweise sells Substanz? Gib mir mal ne Flasche Bier …
25. Januar, 2009 um 13:28
kid37: bin mir sicher, dass ihnen da auch jemand ein bier ausgeben würde
Matias: zuspruch von einem nativen adelt meine schimpferei natürlich. ich bin ja ansonsten gerne gast in ihrer stadt hier. sie sollten mal hören, wenn ich über münchen schimpfe.
DA: ab 35
DE: bier ist doch die ehrlichste form von selbstverwirklichung.
25. Januar, 2009 um 15:54
ab 35? fuck, dann bleibt mir nicht mehr viel zeit.
25. Januar, 2009 um 19:56
hey! habe das gefühl dir in deinen ausführungen recht zu geben, wohne auch in berlin. aber irgendwie ist mir der verabsolutionstext zu allgemein, als das ich wirklich wissen würde, was du meinst. kannst du vielleicht mal ein paar beispiele geben (in einem neuen blogeintrag vllt), was für berliner projekte du für deine ausführungen beispielhaft findest und warum du die sachen als müll empfindest? was du denkst, warum das ganze müll ist. und vielleicht nen projekt, was du als vorzeigenswert und sinnvoll hältst und warum? dann würd ich dich vielleicht auch besser verstehen und andere sicherlich auch.
25. Januar, 2009 um 20:27
frank: du bekommst noch ein jahr extra von mir.
oma lausewitz: als journalist würde ich das gewissenhaft nachtragen. als vorlauter blogger belasse ich es bei andeutungen und halbwahrheiten. das exakte verständnis von anderen ist mir eigentlich gar nicht so wichtig. mir gehts nicht um den diskurs, mir gings in diesem fall ums pure stänkern. ich hab meine exempel für die 8 punkte schon in petto, verliere mich aber jetzt ungern in einzelheiten. jeder soll das transportierte “gefühl” mit eigenen variablen besetzen. wenn du’s wirklich genauer wissen willst, dann gerne per mail.
oops, habe ich mich gerade erklärt^^?
25. Januar, 2009 um 21:18
wieso per email? wovor fürchtest du dich?
25. Januar, 2009 um 21:57
vor dem diskurs.
25. Januar, 2009 um 22:15
die sache mit den vegetarischen butterbroten klingt doch auch ganz vernünftig. (es sei denn, man ist auf mett)
superneuundtolle offline-geschäftsidee für einige stadtviertel:
an jeder straßenecke mit wasserdampf und hochdruck betriebene schuhreinigungsvorrichtungen.
nötig wär’s gelegentlich.
25. Januar, 2009 um 22:58
der diskurs wär ja dann auch per email. aber egal, ich will den auch nicht. keine zeit, wenig lust. aber nenn dochmal die kinder beim namen. 2- 3 projekte und 5 zeilen dazu, warum sie sinnlos sind. dann ist das auch kein auschweifender diskurs für dich.
26. Januar, 2009 um 01:44
vert: auf mett sein klingt extrem nach neuer partydroge!
lauseomi: zoomer (nichts was es nicht woanders gibt und biederer betreuungsansatz bei meinungsmacher), hobnox (wozu?), bands wie jennifer rostock (klauen von leuten, die bei leuten klauen), vegetarische currywurstbuden (äh?), online magazin dessen namen ich vergaß, aber wo ich neulich ungefragt eine mail zum start bekommen hab.
26. Januar, 2009 um 06:30
is‘ adoptiert!
26. Januar, 2009 um 10:39
hab ich hier geklaut: http://www.amazon.com/Wowee-Zowee-Pavement/dp/B00000JHAL
26. Januar, 2009 um 11:45
mach doch da mal nen richtigen blogeinbtrag draus burnster, damit auch andere das lesen können und nicht nur die interessierten kommentierenden. und dann schick den projekten den blogeintrag . .vielleicht stößt du ja ne qualitätsdebatte an ..
26. Januar, 2009 um 13:09
ich hab die letzten jahren beruflich zu viele solcher qualitätsdebatten geführt, auf hohem budget- und reichweiten-niveau, und ich tue es gelegentlich immer noch. aber nicht auf dieser seite und nicht mit diesem beitrag. das ist ein privatblog, hier bin ich frei schnauze, mal mehr, meistens weniger fundiert. nix für ungut, oma:)
26. Januar, 2009 um 13:12
aber gut, dass du so nachbohrst, bringt mich ein bisschen zum überdenken meiner eigenen schreibstrategien.
26. Januar, 2009 um 16:59
ich find eben, das solche anonyme kritik eigentlich immer ins leere geht. ist gut um sich den eigenen frust von der feder zu schreiben, aber verändern tut es leider nichts. nichts für ungut, viele grüße und danke für den dialog.
31. Januar, 2009 um 19:01
[...] 7 Tage in Berlin (immer wieder, immer wieder) [...]
6. Februar, 2009 um 21:25
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