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Mein Migrationshintergrund

South Central, Hasenbergl, Hellersdorf, Harlem. Jedem Gecko sein Ghetto. Ich hab Regensburg.

Manchmal muss ich mich schon wundern, wie friedlich mein Berliner Leben bisher verlaufen ist. Von nahezu-Handgreiflichkeiten im Straßenverkehr und diversen Pöbeleien auf dem Tanzboden mal abgesehen, hab ich mir in den letzten fünfeinhalb Jahren weder eine Watschn eingefangen noch eine ausgeteilt.

Ganz anders in Regensburg, einer Stadt mit einem quasi nicht existenten Krawallhintergrund (von katholisch geprägter Pädophilie mal abgesehen) und einer zumindest in den 90ern bombig florierenden Wirtschaft. In einer Stadt, die man als Ortsansässiger gerne als die italienischste in Deutschland bezeichnet und wo man die Altstadt so totsaniert hat, dass sich die Cocktail-Franchise-Tränken samt BWLer-Pack gegen die alternativen Ausläufer der Kneipengründungskultur in den 80ern durchsetzen konnnten und die wenigen namhaften Einkaufsmöglichkeiten sich aus der Altstadt in Einkaufszentren im Speckgürtel verjagen lassen haben. In einer Stadt also, wo das Verbrechen und der Bürger gleichermaßen schläft, statt sündigt.

Und dennoch war es Regensburg, das mich in die bisher heftigsten Gewaltexzesse meiner sonst recht faden Vita verwickelt hat. Vielleicht ist es das bayerische Gemüt, das die Leute so rauflustig macht, vielleicht ist es was in der Luft, aber höchstwahrscheinlich ist es vorneweg die Tatsache, dass ich in einer der wenigen Spätkneipen der Stadt gearbeitet habe. Das muss man sich mal vorstellen, wir hatten bis drei geföffnet und galten schon als Spätkneipe. Damals war die Sperrzeit noch nicht gefallen und wir waren ein Feuchtbiotop aus allen Schichten des Regensburger Nachtlebens und erwehrten uns per Türsteher der Klientel, die eigentlich in die zwei Kneipen gehörte, die noch länger aufhatten. Im Grundsatz gaben wir uns seriös: weiße Hemden, Krawatten und fortgeschrittene Kenntnisse von Schumanns Barbuch waren Plicht. Wer einen Gimlet versaute, wurde abgemahnt und wer seine Gläserregalputzschicht nicht ernst nahm, durfte noch eins zusätzlich polieren. Es wurde also Wert auf Ordnung und Sauberkeit gelegt. Das funktionierte meist auch bis ein Uhr ganz gut, denn bis dahin war nix los. Als dann die anderen Kneipen schlossen, spülte es gerade am Wochenende die Leute mit einer derartigen Urgewalt in unseren Keller, dass man sich am liebsten im Bierlager versteckt hätte. Und so kam es, dass sich entweder die ein oder anderen notorisch giftigen Wimmerl am Türsteher vorbeischleimten oder so mancher Wolf nach dem 10. Gin Tonic seinen Schafspelz verließ, aber nicht mehr die Kneipe. Und dann ging der Zinober los.

“Nein, es gibt kein Bier mehr. Würdest du bitte austrinken und gehen? Nein, der Kollege muss auch gehen. Nein, der bleibt nur sitzen, weil er zur Belegschaft gehört.”

Und gelegentlich artete das Ganze in eine Rauferei aus. Eben noch hatte ich beim Ausgang einen Gast im Full Nelson, plötzlich kugelte ich schon mit ihm die Treppe ins Lokal hinunter. Mein Chef, stets ein wackerer Mitstreiter wenns hart auf hart ging, packte mich und fing an, mich im Schwitzkasten zu würgen, bis er merkte, dass er den falschen hatte. “Hoppala, Burnster, ‘schuldigung.” Und schon schnappte er sich das nächste Opfer. Ein anderes Mal biss mich ein Gast in den Arm, bis ich blutete und ein anderer strangulierte mich mit meiner Krawatte, während ich auf ihm lag und auf ihn einhämmerte. Einmal bedrohte uns einer mit einer abgebrochenen Flasche Budweiser und in einer ganz anderen Kneipe schlug mir ein Abschiedsunwilliger mit der Faust ins Gesicht. Ich kann mich an die meisten Scharmützel gar nicht mehr im Detail erinnern, ich weiß nur, dass ich selbst nie richtig zugeschlagen habe. Zumindest nie ins Gesicht. Und auch nie unprovoziert jemand in den Full Nelson genommen. Obwohl, da bin ich mir nicht mehr so sicher. Und es hat nie Spaß gemacht. Es war noch nicht einmal so, dass man sich danach unter Kollegen die blutigen Hemden angeschaut hat und sich Hi-Five gegeben hätte. Und wenn’s mir zu idiotisch wurde, habe ich sowieso die Polizei gerufen.

Einen anderen Tobsuchtsanfall an meiner eigenen Person löste ich aus, weil ich meiner Exfreundin einen minimalen Rempler gegeben hatte und sie ihren Rotwein verschüttete. Total assi von mir, keine Frage, aber dass mir ihr Freund – immerhin ein Realschullehrer – in die Regensburger Nacht hinterher stürzt, mich von hinten umreisst und mich ermorden will, hatte ich dann doch nicht erwartet. Irgendwie hab ich ihn abschütteln können. Weniger glimpflich wäre vermutlich eine Konfrontation mit der hiesigen Gruppierung von arabisch-stämmigen jungen Männern verlaufen. Da saß mir eines Abends ein führendes Mitglied in der Bar gegenüber und deutete auf seinen Bauch.

“Weißt du, was ich unterm Hemd hab? Ist mein Messer. Kannst du sehen, wenn du meine Freunde nicht in Bar lässt.”

Tja, was sagt man da. Natürlich will man nicht, dass der Mann denkt, man hätte was gegen seinesgleichen Messerwerfer (sind ja auch nur Künstlert), zum anderen lässt man sich nicht gern erpressen und bedrohen und zum dritten lässt man sich nicht gern abstechen. Also hab ich gar nichts gesagt. Aber die Araberjungs waren weiß Gott nicht die Schlimmsten. Einer guten Freundin wurde mal von einem sehr inländischen Zeitgenossen mit der Gaspistole gewunken und gesagt: “Ich bring dich um, du Schlampe.”

Erst als ich die Gastrotätigkeit beendete und nach München zog, endete die Spirale der Gewalt. Dort gabs nur noch ein paar Diskoschubsereien im Atomic. Indessen starben drei meiner ehemaligen Stammgäste innerhalb eines einzigen Jahres in Regensburg. Der eine, auch ein Gastronom, hing sich gegenüber von meiner ehemaligen Wohnung vor seinem Fenster auf. Der andere fiel besoffen in einen Glastisch und unser ehemaliger Türsteher erwischte eine Überdosis irgendwas.

Und ich? Ich erlebe ausgerechnet in Berlin die friedlichste Zeit meines Lebens. Selbst im niederbayerischen Kaff wurde mit Bierflaschen nach mir geworfen.

18 haben herzlich gelacht bei “Mein Migrationshintergrund”

  1. Max sagt an:

    Dem Gewalt-Gefälle kann ich nur zustimmen. Als ich nach Kreuzberg kam war ich von SPON gewarnt, dass in meiner Straße und Busanbindung dank hiesiger Gang mit wöchentlichen Attacken zu rechnen ist. Aber nix war, die standen immer nur rum, nicht mal Dope wollte man mir andrehen, obwohl ich durchaus deren Zielgruppe hätte sein können. Kurz bevor ich auszog, kam es dann zufällig doch mal wenigsten zu mündlichen Kontakt und ich war überrascht wie gut erzogen, die schlecht angezogen Burschen waren, man siezte mich sogar.

    Naja, zurück in auf Heimatbesuch in der österreichischen Kleinstadt, gabs gleich mal Steinwürfe von Kids wegen gehens auf der anderen Straßenseite und Stunden später einen Faustschlag wegen reden mit irgendeiner Frau. Auch die lokale Polizei umkreiste mich Tags drauf bedrohlich mit dem Einsatzfahrzeug wegen rumstehens an der Kreuzung, drehten dann aber wieder ab, vielleicht haben sie es gerochen, dass ich aus Berlin komme und mit mir nicht zu spaßen ist.

    Das gefährlichste der Hauptstadt ist das Lohnniveau, es prügelt einfach weiter, jetzt wo ich bereits hartz4verblutet am Boden liege umso mehr.

  2. MC Winkel sagt an:

    Oben/unten, links/rechts – mir hat man die Lippen an allen Ecken genau je 1x aufgeschlagen. Ich muss sagen: zurecht.

  3. meistermochi sagt an:

    grandios!
    -

    übel so ein glastischtod.

  4. creezy sagt an:

    Danke. Das ändert meine Urlaubspläne dieses Jahr dramatisch. Also doch nicht Regensburg sondern der Neuköllner Swinger Club vonne Ecke. Da grinsen immer alle so selig.

  5. Burnster sagt an:

    max: ja, manchmal ist das leben in der provinz tatsächlich das bedrohlichere. intellektuell ja ohnehin.

    mcwinkel: gibt’s da schon ne geschichte auf whudat?

    mm: ganz übel.

    creezy: sag bescheid wie’s war.

  6. Fuxbeck sagt an:

    Das heißt, seit der Mario Basler und Du ausgebürgert wurdet, ist Regensburg eine friedliche Stadt?
    Dem Fiaschtn sei Duarl ist, seit seinem Ableben, auch anders geworden.
    Die will nur manchmal mit der Frau Huber ein par Hexen verbrennen.

  7. ker0zene sagt an:

    So ist es in der Provinz. Bei Konfrontationen gleich den Blutdruck am Anschlag, weil es keine Auslaufzonen gibt. In der großen Stadt läßt man sie laufen, genug Platz.

  8. flyhigher sagt an:

    und wieder einmal stelle ich fest: ich lebe in meiner eigenen, heilen Welt. Und sche is’!

  9. burnster sagt an:

    fuxbeck: ach, jetzt versteh ich. die gloria moanan Sie. ach, die hat ihre herrenjahre doch auch schon hinter sich. von der geht keine gefahr mehr aus. noch nicht einmal für die, diwo oiwei sovui schnaggsln dan.

    ker0zene: ein wahres wort. ohne auslauf, so hab ich mich bisweilen gefühlt in regensburg.

    fly: da würd ich dann auch bleiben, wenns da so schön ist;)

  10. Christa sagt an:

    Super, jetzt weiß ich auch, was ein “full nelson” ist ^^

  11. Burnster sagt an:

    das war die fleißaufgabe, christa, sehr gut:)

  12. Don Alphonso sagt an:

    Unter dem Pflaster ist die Oberpfalz. Das darf man nie vergessen. Oberpfalz. Da ist das völlig normal.

  13. Burnster sagt an:

    Das mag sein, ich war mal Bierbeifahrer bei T&T (jetzt Paulaner) und hab das Umland beliefert. Was da um 7 Uhr früh schon in den Boazen sitzt, möchtest du nicht wissen.

  14. Don Alphonso sagt an:

    Hey! Bei uns ist der Barthelmarkt. Nichts, nichts ist mir fremd.

  15. stt sagt an:

    Wie hieß denn die Spätkneipe? Die Maxbar kann es ja nicht gewesen sein.

    Wer wirklich was auf sich gehalten hat, der ging zum Starkbieranstich nach Adlersberg. Einmal im Jahr die Fresse vollkriegen reicht dann aber auch.

  16. Burnster sagt an:

    das war natürlich die wunderbar. und auf dem adlersberg, da hat sich mal einer den kopf weggeschossen 5m weg von mir. ab da bin ich nicht mehr hingegangen. das hatte ich schon verdrängt.

  17. Thorstena » Migrationshintergrund Harz sagt an:

    [...] der Freude am Raufen, die ihm in Regensburg weitaus ausgeprägter erscheint als in Berlin. “Mein Migrationshintergrund” hat er seinen Text genannt, und bei diesem Aufhänger habe ich mich beschämt darin [...]

  18. Meli sagt an:

    Erstmal: Kompliment an den Autor, wenn auch erschreckend, aber gut geschrieben!

    Aber zum Inhalt: Bayern sind eben anders drauf (Oberpfälzer Mentalität) ;-) aber man muss dazu sagen das es in der Gastronomie (besonders bei Kneipen die so lange offen haben) generell so zu geht,

    nicht nur in unserem “Kaff”.

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