Aus St. Burnsters Memoiren:
Die große Kommentarkrise 1988
Und so sehr mir mein Zuhause auch fehlte,
so sehr erkannte ich auch, dass es Zeit für das Bodenlose war.
Ob ich je zurückkehren würde, ich wusste es nicht.
Ich schätzte es nicht noch nicht einmal.
(St. Burnster Tagebücher 1977-1982)
ch weiß noch ziemlich genau wie das damals war. Anfang der 80er war ich mit Burnster.de auf dem Olymp der zeitgenössichen Popkultur. Wie Wilde trieb es uns von einer Bloglesung auf die Nächste. Unser Name überall in bunten Lettern auf Handzetteln und in den Tageszeitungen. Wir begossen uns mit Gin Tonic bis wir nicht mehr stehen konnten, erst dann betraten wir die Bühne. Wir kleideten uns in Schwarz und Totenköpfe zierten unsere Wappen. Unsere Grotesken handelten vom Tod, vom Verderben der Großstadt und der blutigen einzig wahren, alles zerfetzenden Liebe. In Scharen kamen die Bewunderer, in Scharen auch die Neider. Wir bespitzelten uns gegenseitig und knallten uns unsere Visits per Day um die Ohren. Wir fickten uns querfeldein durch die gesamte Szene und unsere Entourage war immer ein Stückchen größer als die unserer Neider. Wir zettelten Fehden und Kriege an, wechselten die Fronten, schlugen Fenster ein und zeigten uns nackt. Wir hielten uns Praktikantinnen und rissen ihnen nach Feierabend die Kleider vom Leib, wir gaben uns Namen wie Heilige und Kinder und nichts Intimes war uns noch geblieben, was wir noch nicht veräußert hatten. Die Nächte waren irr, die Kneipen und die Clubs Berlin schwollen an mit unserer Präsenz, man erkannte uns, man verkannte uns, aber man ernannte uns. Zu Zukünftigen, zu Neuen, zu den Besseren der alten Welt. Wir wollten nie Geld und wenn wir welches bekamen, verbrannten wir es. Eine höhere Ordnung beseelte uns, eine höhere Aufgabe erhellte uns. Das Dunkel, das uns umgab leuchtete in finsterer Nacht, weil die anderen nichts zu sagen wussten und ihr Dunkel, ihre Einsamkeit in Bedeutungslosigkeit versickerte, weil sie sich nicht äußerten, sich nie äußerten. Wir aber äußerten uns, wir veräußerten uns, wir gaben unsere Seele und wollten ein bisschen Fickerei dafür. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ich weiß nicht mehr, wie genau es passierte, aber wir alterten schneller als jeder Normalsterbliche. Unsere Biografien entgabelten sich, die einen nahmen Geld, die anderen blieben starr und unbeweglich auf ihrer Scheinideologie vom richtigen Blog hocken. Ein paar Leute fingen an Geld zu verdienen, andere gaben auf und die meisten machten einfach weiter, weil sie nie etwas anderes gelernt hatten. Und so ging auch unser Kommentarwesen dahin. Es siechte, es schleppte sich dahin, aber im Jahr der großen Krise 1988, erfolgte der Todesstoß. Kaum mehr jemand erkannte uns auf der Straße wieder, niemand schrieb mehr Emails, wenn wir mal ein paar Tage nichts geschrieben hatten und kaum jemand kommentierte. Nun gab es nichts mehr zu verlieren, die verhasste Blogroll wurde zum Teufel gejagt und die Höflichkeitsbesuche bei Kollegen und Konkurrenz allesamt abgesagt. Wie Eremiten in Schauruinen fristeten wir fortan unser Dasein und schlossen uns buckelig vor schlechtem Gewissen und ohne nennenswerten Erfolg der Twitterbewegung an. Ohne Follower, ohne Incoming Links und ohne Kommentare saßen wir am verkommenen Rande der Stadt und schmollten. Missverstanden und verkannt, ein trauriger Abglanz von dem, was einst hätte sein können. Mit Schadenfreude verfolgten wir jedes neue Scheitern und mit Neid jeden Aufstieg. Die alten Weggefährten hatten sich in alle Winde zerstreut, es gab keine Lesungen mehr und selbst die ehemaligen Giganten unter uns wurden nicht mehr ins Fernsehen eingeladen. Als die erste Twittershow live auf RTL lief, wussten wir, dass es vorbei war. Am Ende der 80er Jahre sah es so aus, als wären Blogs tot und verdorben.
In meinem nächsten Rückblick erzähle ich euch von dem magischen Comeback der Blogs in den 90ern, wie ein Mann namens Frank L. alleine dem mächtigen Twitter Einhalt gebot und Blogger plötzlich wieder die Schlagzeilen beherrschten und sogar in großen Samstagabend-Unterhaltungsshows ihren Platz fanden. Und wie ich mit meinen Blogmemoiren auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste landen konnte.
26. August, 2008 um 14:38
Rückmeldung.
In welchem Jahrzehnt leben wir denn?
26. August, 2008 um 15:08
Ich hab dich damals eh nicht gelesen
26. August, 2008 um 16:38
Dein Schreibstil erinnert mich an Hunter S. Thompson. Gefällt mir!
26. August, 2008 um 19:28
Was war das noch, Twitter? Ach, das gedrehte Eis. Auf der Karte ganz links unten, neben “Brauner Bär” und “Dolomiti”. Durfte ich ja nie.
26. August, 2008 um 20:22
Juri: 2000er, was fragstn so doof?
sno: das sagen sie alle.
robopirat: merci.
stilsen: klar, warst einfach noch zu jung und überdreht.
26. August, 2008 um 21:43
Alles gut, Samstag durfte wieder ein Blogger im Sonntagabendprogramm kochen. Zur besten Tatortsendezeit. Er hat gekocht, er hat’s vergeigt, denn er hatte nicht gebloggt. Auch nicht getwittert. Wir sind wieder wer. Wir wissen nur nicht wer.
26. August, 2008 um 21:43
Oh mein Gott! War das jetzt etwa ein Kommentar?
26. August, 2008 um 21:46
um himmels willen, welche blogger denn bitteschön? sascha lobo zählt übrigens nicht als blogger.
27. August, 2008 um 10:10
C.R.E.A.M.! $, $, Bill y’all!
Um was ging’s noch?
27. August, 2008 um 10:18
Sascha Lobo kann ja auch nur Zuckerwasser. Es ist der Blogger, der mit dem Winkelsen auf Balkone klettert und Tennisspielern Spielkonsolen vor laufender Kamera erklärt.
31. August, 2008 um 14:36
Wie Wilde… Kim Wilde?
Großes Selbstreferenz-Kino!