Durch die Tage und die Jahre
Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.
(Dylan Thomas – Do Not Go Gentle Into That Good Night)
nter uns: Krepiert sind die wenigsten auf dem Weg. Zu Grunde gegangen diverse Male, aber wer hat schon den wilden Abgang a la Sid Vicious gemacht? Am Ende haben uns doch die Ehefrauen, Kinder und Familien aufgefangen, ob wir uns die nun ausgesucht hatten oder nicht. Also kann man eigentlich jetzt schon vorausgreifen und sagen: Das wird nicht schlecht ausgehen. Ein Happy End kann es eh nicht geben, aber das setzt ja kein Ende mit Schrecken voraus. Also worum machen wir uns dann konkret Sorgen? Darum, dass wir eine Frau heiraten, die im Alter unansehnlich wird, dass unsere Kinder die Musik von Bushidos Kindern hören? Dass wir nicht genug Drogen genommen, nicht genug gesoffen, nicht genug gefickt hätten? Oder vielleicht doch die große Liebe verpasst, an einem kalten Novembertag auf dem Weg zur U-Bahn. Oder einfach nur, dass wir nicht genug Geld zur Seite legen können, um so etwas wie eine Rente unser Eigen zu nennen. Irgendwie kommen wir schon durch. Irgendwie kommen wir schon über die Runden hin zur Zielgeraden.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass man ab und an vom Weg abkommt. Stell dir vor, du bist rundum zufrieden. Es läuft im Job und mit dem Weib deiner Wahl und du ahnst nichts Böses, weil du jede Ecke, hinter der es sich verbergen könnte, gut kennst. Und dann sitzt du eines Abends im Lokal und sie schneit herein aus der herzlosen Kälte Berlins, vor der du dich zu schützen gelernt hast. Sie bringt die Kälte in die Stube und dennoch wird dir höllisch heiß, als sie dich bei der Hand nimmt und nach all denen Jahren endlich an ihre Brust lässt. Das ganze Spektakel kann nur eine viertel Stunde dauern und Jahre deines Lebens verändern. Das alte Leben geht stiften und im Umbruch geht die ganze schöne Fassade zum Teufel. Ganz am Ende bist du allein, weil selbst die hereingeschneite Versuchung dich hinaus, zurück in den ewigen Winter hinter der Friedrichsstraße gestoßen hat. Du fängst nach all den Jahren wieder an zu saufen, stehst von deinem Chefsessel auf und arbeitest wieder hinterm Tresen. Fünf Jahre später mit Augenringen, Hängebacken und Doppelkinn erholst du dich langsam von der hart erarbeiteten Misere. Es ist Dezember, es ist schön warm in der Kneipe, die dir mittlerweile gehört und draußen ist es saukalt. Sie schaut vorbei, wie’s dir geht. Sie ist über vierzig und nur noch ein D-Promi, jetzt kann sie endlich bleiben. Ein wenig verwittert und ein wenig erschüttert probiert ihr euer Glück erneut und in ein paar Jahren wird es wieder schief gehen. Aber irgendwie werdet ihr durchkommen. Irgendwie kommt ihr über die Runden. So wie all die Jahre und immer.
19. November, 2007 um 05:37
ich kenn die schlampe,ich erkenne den mann.
der text heisst barbara.
sehr gut.
19. November, 2007 um 12:38
Da weißt du offensichtlich mehr als ich, lieber Nath. Und Barbara heißt meine Mama, also Vorsicht!
19. November, 2007 um 12:45
Alle werden es nicht schaffen (Schwund ist immer).
19. November, 2007 um 15:51
Aber schon die meisten von uns.
20. November, 2007 um 00:26
die einen schaffen es besser.
die anderen anders.
alles mist.
es geht nur um die kunst.
edles motiv. staffelei wär jetzt schön.
20. November, 2007 um 00:32
Es sind genau diese Erfahrungen, die kleben bleiben. Nach jeder Frau, deren Verschwinden einem zum Umstieg auf Flüssignahrung zwingt, wächst man doch ein Stück mit. Und ist doch vorher so blind und verletzlich wie zuvor. Auch wenn man sich nicht so fühlt.
20. November, 2007 um 01:53
vorher wie zuvor? ähm. moment. :)
aber ich schweife ab: grandioser text, bestester. b-files for bachmannpreis!
20. November, 2007 um 05:00
hau mir eine rein.
dann bleibt mir nur noch xx fuer den text.
sorry ,alder.
nath
20. November, 2007 um 22:23
Texte wie dieser und burnstige Ausdrücke wie die hart erarbeiteten Misere ziehen mich immer wieder hierher … und das Foto zwischen den Zeilen ist ein Gemälde.
21. November, 2007 um 02:05
Und wegen Leuten wie Dir mach ich den Scheiß hier. Auch.
Und aus demselben Grund les ich auch andere Blogs wie Deinen.
26. November, 2007 um 12:24
Meine Gastritis wird hiervon auch nicht besser. Aber was soll’s. Zum Glück ist der Depressionsmonat bald vorbei und wir bereiten uns generalstabsmäßig auf das Fest mit dem abgesägten Nadelbaum vor. Das ist ja schließlich auch jedes Jahr.