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Eine Entrüstung

Der Staatsdienst muß zum Nutzen derer geführt werden,
die ihm anvertraut werden,
nicht zum Nutzen derer,
denen er anvertraut ist.

(Marcus Tullius Cicero, Staatsmann)

I

m Grunde genommen hab ich dem Staat vertraut. Nicht den Politikern, nicht der Polizei, nicht dem Kapital. Aber dem Staat, dem Land. Und im Grunde genommen tue ich es noch. Die Bedrohung meiner Existenz kam und kommt stets aus der Mitte der Gesellschaft, aus der Dummheit, der Gehässigkeit und dem Neid meiner Mitmenschen. Und die Bedrohung kam und kommt aus mir selbst. Die Bedrohung ist der krankhafte Wille zum Prestige, dem erbarmungslosen Streben nach Erfüllung.

Nie sah ich den Staat als meinen Gegner an. Ich nahm ihn nicht ernst, ich nahm ich noch nicht einmal wahr. Und vielleicht ist das der beste Staat, den man nicht wahr nimmt. Vielleicht ist das der eigentliche Sympathiewert, dass er keinen Wert hat, dass er einen weder erfreut, noch tödlich kränkt. Und tödlich gekränkt hat er mich nie wirklich. Enttäuscht hat er mich oft und erfreut damit, wenn ich vor lauter Unaufälligkeit wieder vergessen konnte, dass er mich enttäuscht hatte. Die Regierung als sein vor- und angeblicher Advokat hat stets die Enttäuschungen in die Wege geleitet und sie hat auch die jüngste Kränkung vorgenommen.

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Die sprichwörtliche Räson, die der Staat sich gerne zuschreibt, hat seine Advokaten nicht daran gehindert, sich von ihm loszusagen. Und er hat zugesehen. Und er sieht zu, wie man mir die eigene Rede in Abrede stellt, mir Vorschriften und von mir Mitschriften macht. Mir in den Rücken fällt, die alten Versprechen bricht, die mich ihm im Ursprung vertrauen ließen. Es ist eine unfassbare Kränkung und das eigene Wohl, das er seine Schergen verargumentieren lässt, das kann ich ihm nicht mehr glauben. Mit Wohl hat das nichts mehr zu tun, wenn es für andere ein Unwohl bedeutet. Ich bin in schlechter Verfassung dieser Tage und das ist er auch. Er taugt kaum noch, um mich zu schützen vor den Übergriffen der Moderne. Den Google-Earths und Stalker-Engines des sozialen Internets. Der Wirtschaft, die mich erst röntgt und dann bestückt. Jetzt ist auch er eingefallen in meine innere Zone. Und über mich her. Dass das mehr denn je einen Rückzug ins Private zur Folge hat, ist das perfide Ergebnis seines perfiden Vorgehens. Aber genau das Perfide, das ist das Neue, das Unangenehme.

Der hier illustrierte Zorn ist ist ein privater und vielleicht auch ein marginaler. Die eigentliche Entrüstung ist, dass sich kaum jemand entrüstet.

11 haben herzlich gelacht bei “Eine Entrüstung”

  1. nath sagt an:

    die groesste scheisse nehemn wir hin.
    hauptsache der zug faehrt puenktlich ein und nimmt frau erna motzend zur murmeltherapie,
    und margret suckale laesst fuehrungsseminare in garmisch revue passieren.
    rittlings.buecher mit kotze koennt ich fuellen.ich reg mich zu sehr auf.
    abgang.

  2. Opa sagt an:

    Danke Mann.

  3. creezy sagt an:

    .

  4. mark793 sagt an:

    Robert A. Wilson hat das mal ganz gut beschrieben:

    “Je allgegenwärtiger die Kontrolle der Regierung, desto misstrauischer und vorsichtiger werden die Leute. Und je mehr Leute zeigen, dass ihnen das Vertrauen in die Regierung fehlt, desto mehr wird sich die Regierung genötigt sehen, sie zu bespitzeln, um ganz sicher zu gehen, dass sie sich nicht so weit entfernt haben, um eine Rebellion auszubrüten oder noch mehr hausgemachte Bomben von der Oklahoma-City-Art zu legen. Die Regierung wird also immer mehr schnüffeln, und die Leute werden immer vorsichtiger werden.”

    Wie das “vorsichtiger werden” die Ausübung unserer Grundrechte konterkariert, das hat der große Meister der Konspirologie leider nicht weiter ausgeführt. Womöglich ist das Klima schon so von Paranoia verpestet, dass deswegen die große Entrüstung ausbleibt. Ich fürchte indes, die meisten sind schon zu sediert, um überhaupt klar zu sehen, was abgeht. Die wenigen, die ihre Stimme erheben, sind einsame Rufer in der Wüste, die den regierenden Polit-Paranoikern zudem die Vorlage liefern, die Schraube noch weiter anzuziehen. Es ist eine verkackte no-win-Situation.

  5. MC Winkel sagt an:

    Happy Pessimism.

  6. kid37 sagt an:

    “The best government is that which governs least.”

    Thoreau sollte auch wieder mehr gelesen werden, gleich heute fange ich an. Denn es stimmt: Erstaunlich wenige schlagen Alarm. Verglichen jedenfalls mit diesem “Buhu, meine Bildersammelstelle im Internet übt “Zensur” aus”.

  7. Burnster sagt an:

    Ich weiß nicht, Mark, ob sie sediert sind. Ich glaube eher, es interessiert niemanden, weil ein Rückzug ins ausschlließliche Privatinteresse schon längst stattgefunden hat. Die Albernheiten der letzten Jahre unserer Politiker haben nicht das Vertrauen, sondern noch schlimmer, das Interesse derartig verschüttet, dass man als Otto Normalmissbraucher schon kaum mehr mitbekommt, was in der Welt der Administrativen vor sich geht. Aber vermutlich trifft das dann doch genau die Konnotation von “sediert”.

    Die Flickr-Spenden-Affäre, Herr Kid, hatte tatsächlich in Bloggerkreisen eine größere Tragweite, das ist mir auch aufgefallen.

  8. Jan sagt an:

    Bei der Klage bin ich dabei! 0,55 EUR sollte es eigentlich jedem wert sein…

  9. Burnster sagt an:

    Der Gegenwert bei Erfolg wäre ein Unbezahlbarer;)

  10. Michael sagt an:

    Wir sollen an die Herausforderung der Globalisierung glauben.
    Wir sollen uns anstrengen und dennoch ist leider ein gewisser Verzicht angeblich unumgänglich.
    Wir sollen mehr konsumieren.
    Wir sollen fernsehen.
    Wir sollen vögeln, dass es endlich wieder mehr deutsche Kinder gibt.
    Von denen dann so viele in Armut leben wie seit frühkapitalistischer Zeit nicht mehr.
    Ich glaube “denen” schon lange nichts mehr.
    Aber ich glaube an die Freiheit und die Bürgerrechte.
    Ich will Herrn Schäuble nicht mehr sehen.
    Und ich finde das gut. Und das auch.

  11. Olli sagt an:

    Da ja in den letzten Jahren vorwiegend Politik für die Minderheit gemacht wurde ( Die “Wirtschaft”, bzw., Kapitaleigner), fand ich den Artikel “Wieviel Demokratie verträgt der Kapitalismus?” hier (das PDF runterladen) ganz interessant.

    Olli

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