Helene (2002)
ie war zwanzig und ein Rohdiamant, um den sich die Männer scharten, die sie immer wieder mit larmoyanter Ausdrücklichkeit auf die asexuelle Natur ihrer Freundschaft mit ihnen hinwies, so als würde es ihr leid tun, nicht mit allen fünfzehn, die sie gleichzeitig umwarben, schlafen zu können. Ihr Name war Helene und sie war trotz ihrer eigentlichen Schönheit – ihr dunkelbraunes Haar ließ Konstantin bei jeder Berührung mit seinen Wangen zittern – von jugendlich gleichgültiger Ungepflegtheit. Sie roch oft sanft nach Schweiß und Zigaretten und hatte schlampig rasierte Beine. Sie trieb sich auf Poetry Slams und Lesungen, auf Konzerten und in Theaterstücken rum, so als würde sie mit Surfern am Strand abhängen und Bier trinken. Man konnte nie sagen, ob sie es genoss, sie selbst zu sein, oder ob sie es anwiderte. Es war nichts aus ihr herauszubringen, es gab nichts zu interpretieren. Helene, die schöne Helene, hatte sich in Konstantin verliebt, als er ihr von Rosa erzählt hatte. In diesem Moment wusste Helene, dass sie ihn nie ganz bekommen konnte. Sie hatten sich auf einem Konzert kennen gelernt und sie hatte einem betrunkenen Konstantin stundenlang von ihren männlichen Freunden erzählt, bis dieser vor Müdigkeit auf dem Tisch des Nachtlokals zusammenklappte und sein Bier über den Tisch verschüttete. Konstantin ließ sich lange von ihrer spröden, manchmal fast verletzend unnahbaren Art umgarnen, sie war immer da, auch wenn sie so wirkte, als wollte sie nicht hier sein.
In der für Konstantin neuen Stadt zeigte sie ihm ihre Plätze, ihre Orte der Sehnsucht und des Fernwehs. Sie gab den Dingen, den Plätzen, Namen, die er nie hatte wissen wollen, sie nannte für ihn die Stadt beim Namen, den er nie hatte nennen wollen. Sie erschuf eine mythische Stätte, nur weil sie ihn bei der Hand nahm und ihm zeigte, wo er hingehörte, obwohl es nur sie war, die ihrer eigenen Geographie Form und Gestalt verlieh und sie ihn an ihre Plätze binden wollte, nicht aber an sie. Das alles ließ ihn taumeln, bis er letztendlich nachgab. Sie verließ ihren Freund für ihn und nachdem er sie endlich geküsst hatte, gab er es auf, sich ihrer spröden Zuneigung zu widersetzen. Er ließ sich hinab in ihre Arme gleiten, doch sie fing ihn nicht auf. Sie hatte Angst vor ihm, Angst vor seiner plötzlichen Zuneigung, Angst vor seiner Sexualität, Angst vor seinem Alter, vor seinen Launen, aber am meisten erschreckte, ja fast terrorisierte sie seine Liebenswürdigkeit, wenn er ihr nachts durch ihr Haar fuhr, wenn er ihren Hals küsste, wenn er ihre Hand nicht mehr loslassen konnte, bevor er einschlief. Sie roch seine Einsamkeit und es machte sie einsamer, als sie es jemals zuvor gewesen war. Nach zwei Monaten verließ sie ihn, weil sie merkte, dass er Rosa gehörte und diese Ausrede ihre einzige Chance war, zu verschwinden. Sie hatte ihm eh keine Chance gegeben, aber sie musste ihn erst besitzen, um ihn verlassen zu können.
15. Oktober, 2007 um 10:04
Sie heißen zwar nicht immer Helene, aber der Charakter ist sehr gut für diese Art von Frau umschrieben. thx.
15. Oktober, 2007 um 11:11
na wenn das mal nicht wieder ein sehr feiner burnster-text ist. und dieser schlusssatz.
15. Oktober, 2007 um 16:42
Gestern, als meine Akimba mich fragte, warum Günther Grass im TV als Dichter und nicht als Schriftsteller bezeichnet wurde, da tat ich mich mit der Antwort etwas schwer. Heute würde ich sagen: “Akimba, sieh her, da reimt sich nix und es sieht auch nicht aus wie Schillers Glocke, aber das hat ein Dichter verfasst!”
15. Oktober, 2007 um 16:48
Ein wunderschön verklausuliertes Kompliment. Herzlichen dafür, Schrö!
16. Oktober, 2007 um 10:27
Wunderschön geschrieben. Congrats!
22. Oktober, 2007 um 11:36
Anfang der 80er kannte ich eine Lady, die war dieser hier sehr ähnlich. Sie kam vom Niederrhein und hiess Susanne. Wir trafen sie immer im Crash und waren bestenfalls welche von der übrigen 15 :-) Mein Kumpel und ich, wir nannten sie immer nur “Substanze”….