Die Stadt in uns
There’s a fire forming
Not so far from here
Out on the east coast maybe
It resides in you my dear
We’re worn out on all courtesy
We’ve made our curtain calls
Like vampire bats deprived of blood
Into the new york city night we crawl
(Alkaline Trio – Queen Of Pain)
In dieser seelenlosen Zeit empfindet er die Gespräche, die morgens aus dem Fernsehen kommen, als tröstlich, fast heiter. Er kann seine Augen noch nicht öffnen, dafür sind sie zu verklebt, aber er kann immer blind nach der Fernbedienung greifen und den Fernseher einschalten. Irgendwer sitzt da immer bei irgendeinem Frühstücksfernsehen und unterhält sich. Darauf ist Verlass. Weit mehr Verlass als auf die vage Hoffnung, dass sich jemand mal wieder mit ihm unterhalten könnte. Irgendwann wird er aufstehen und dann werden sich zwar jede Menge Leute mit ihm unterhalten, aber die Essenz dieser Gespräch wird lediglich eine Kraftraubende sein.
So steht er an diesem Morgen auf, aber statt unter Leute zu gehen, geht er hinunter an den Fluß und geht an ihm entlang, bis er irgendwann das Ende der Stadt erreicht hat. Die Stadt hört auf und da ist eine Wiese an dem Fluß. Er dreht sich nochmals zur Stadt um, betrachtet stumm ihre Türme, hört in der Ferne ihren Lärm und geht dann weiter. Nach einer Weile kommt ihm ein anderer Passant entgegen. Dieser grüßt ihn höflich und fragt: “Wohin gehen Sie?”.
“Ich weiß es noch nicht. Aus der Stadt raus.”, antwortet er.
“Warum?”, fragt ihn der Entgegenkommende.
“Weil ich genug habe von ihr. Wohin gehen Sie?”
“Ich gehe zurück in die Stadt. Ich war lange weg.”
“Warum kehren Sie zurück?” Jetzt ist er neugierig, was der Rückkehrer antworten wird.
“Ich habe nicht das gefunden, was ich außerhalb der Stadt gesucht habe. Ein wenig Ruhe, immerhin. Ein bisschen Beschaulichkeit, aber die Träume vom Funkfeuer, den Lichtern und den Autos haben mich immer wieder heimgesucht. Ich muss zurück und die Dinge zuende bringen.”
“Was zuende bringen?”, insisitiert er jetzt und der Fremde antwortet gereizt:
“Die Dinge, die ich da gelassen habe. Was sonst? Einen schönen Tag wünsche ich.” Er geht weiter auf die Stadt zu und lässt ihn stehen.
Nach ein paar Tagen hat er sich bereits viele Kilometer von der Stadt entfernt und er trifft kaum mehr auf Wegweiser, welche in die Richtung der Stadt weisen. Die Wege werden ungerader und die Straßen enger und schlechter geteert. Er führt keine Gespräche, er geht nur weiter und lässt sich zweimal am Tage nieder, um wortlos in einem Gasthaus zu speisen. Abends nimmt er sich eine Pension, um morgens früh zu erwachen, kalt zu duschen und weiterzugehen. Nach einer Woche kommt er in einen kleinen Ort, der ihn an sein Heimatdorf erinnert. Er setzt sich zur Ruhe und erinnert sich an die Nächte in der Stadt.
Der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Er fasst sie an, sie verfällt in einen Tanzschritt. Der Gin brennt ihn aus und er schwitzt wie ein Schwein. Sie lächelt ihn an, sie tanzt für ihn. Er berührt sie, doch seine Berührung fällt wieder in sich zusammen. Er kann sich nicht konzentrieren vor lauter Schmerz. Er sieht nur noch das Ende, wie sie geht, wie sie ihn verlässt. Wie er schon wieder verlassen wird. Dabei ist sie jetzt da und tanzt für ihn, will ihn. Sie nimmt seine Hand und hält sie fest, seine nasse, seine ölige Hand. Er starrt die Barkeeperin an, er bestellt einen Drink, er lässt ihre Hand los. Er geht nach Hause. Alleine. Er muss alleine sein. Und er tut kein Auge mehr zu, weil sie nicht da ist. Und er muss alleine sein. Die Stadt hämmert weiter an seine Tür. Er hat Fieber. Er geht um 7 Uhr nochmals raus. Er ruft sie an, er erreicht sie nicht. Er erreicht den Club. Er schläft auf dem Klo ein. Er wacht auf und geht heim, aber er kann nicht schlafen. Die Stadt hat nicht aufgehört zu pulsieren und jetzt wo sie an einem dunsthaften Sonntag Morgen ruht, kann er nicht schlafen. Der Fernseher funktioniert nicht. Wozu die ganzen Mühen? Wozu dieses Leben?
In dem Dorf, in dem er jetzt lebt, spricht er nicht viel. Er arbeitet ein wenig und lässt die Abende vorüberziehen. Auf seiner Terasse sitzt er und denkt an die Stadt. Fragt sich, ob sie noch durch die Nächte schwebt mit ihren angefressenen, schäbigen Schwingen, so wie damals, als er sie das erste Mal gevögelt hat. Die Apathie des Landlebens hat ihm vielleicht sein eigenes gerettet, denkt er. Kein Tag hat nun mehr ein Ziel ausser die folgende Nacht. Und die Nacht braucht keinen Stil mehr, denn er verbringt sie im Schlaf. Gerade noch gerettet, denkt er. Und er hat einen Fernseher im Schlafzimmer. Das ist wichtig, denn gerade in dieser seelenlosen Zeit empfindet er die Gespräche, die morgens aus dem Fernsehen kommen, als tröstlich, fast heiter.
5. Juni, 2007 um 19:26
dorf stadt, gespräch, keine lomminikation-
mensch der is doch schon da.
gefällt mir sehr, hat im mittelteil was von rose
5. Juni, 2007 um 20:06
Wenn überhaupt, dann hat Rose was von mir. Ansonsten danke.
5. Juni, 2007 um 20:43
That’s Life. The pure Life.
Guter Text, verdammt guter Text sogar.
6. Juni, 2007 um 04:14
minimalkraft,gehen, inderrueckblende maximale energie,angstbluete-
das sedierende dorf ,perfekt ausbalanciert durch tv- kokain im blut.
offenerschluss da am anfang stehend.
gut!
n.
6. Juni, 2007 um 09:49
Flucht bringt in den seltensten Fällen das, was man sich davon erwartet.
6. Juni, 2007 um 09:55
Danke für die obigen Blumen.
Manchmal ist es schwer, zwischen Neinsagen und nicht mehr Jasagen zu unterscheiden.
6. Juni, 2007 um 21:54
Wenn überhaupt, dann hat Rose was von mir.
Oha, ich muss in mich gehen …
7. Juni, 2007 um 01:03
Aber nicht zu tief bitte. Das tut meistens weh.