Diamanten sehen am Prenzlauer Berg
Dieser Text stammt aus dem Nachlass von St. Burnster und wurde ursprünglich am 29. Dezember 2006 vom Autor verfasst, aber nie veröffentlicht. Da ich mir aber sicher bin, dass er diesen Text im Sinne seines Prenzlauerberg-Zyklus irgendwann noch vorstellen wollte, setze ich ihn hiermit online. Der etwas längere Text greift die für Herrn Burnster typischen sinistren Berlinbilder auf und kontrastiert sie durch die optimistische Emblematik vom funkelnden “Diamanten im Winter”. Und er ist bemerkenswerterweise aus der Sicht einer Frau geschrieben.
Alfons K. Tensfelder, Barcelona, April 2007
Und sie schreibt: “Ich muss das niederschreiben bevor der schlimmste Teil der Kälte beginnt und ich meine Finger nicht mehr bewegen kann. Was wir bisher an Winter gesehen haben, war ein schlechter Witz und ein schlechter Vorgeschmack auf die Horrormonate, die uns noch ins Haus stehen. Da kommen irgendwelche Klugscheißer aus Bayern und wollen uns Berlinern erzählen, dass unser Winter gar nicht so schlimm sei, grau sei es doch überall. Macht euch nur weiter was vor, ihr Ambientetouristen, ihr verwöhntes Studentenpack. Unser Winter wird euch schon noch das Fürchten lehren. Ich für meinen Teil fürchte mich ganz fürchterlich. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich niemanden und nichts was mich vor dieser gräßlichen Kälte schützen könnte. Jetzt, ein Jahr später haben wir uns zwar wieder eimal getroffen, uns sozusagen eine kleine Wiederbelebung, ein Revival gegönnt. Und so schön es auch war, irgendwie habe ich das Gefühl, wir verfaulen zusammen, wenn wir uns sehen. Als wäre vor langer Zeit ein Verwesungsprozess in Gang gesetzt worden, der nicht aufzuhalten ist. Und wer ist denn da sonst, der mich halten könnte? Wer findet mich denn so hübsch, wie ich mich selbst gerne finden würde? Da kann ich hunderte von Selbstporträts auf meine Myspace-Seite stellen, nach drei Tagen finde ich mich wieder so durchschnittlich wie zuvor. Nicht einmal das. Ich empfinde mich als hässlich und es tut weh, das aufzuschreiben. Aber ich muss das alles aufschreiben. Es ist das einzige was ich kann und wie ich Spuren hinterlassen kann. Aufschreiben.
Aufschreiben wie die Nasskälte der Husemannstraße die Spitzen meiner Schuhe auflöst, sich weiter frisst, meine Beine hoch bis in meinen Kopf. Und ich hoffe, dass sie dich Arschloch erwischt. Dass sie dich wegfrisst aus mir. Dass du und dein verdammtes Erbe in mir vor Kälte erstarren und ich es nur noch ausscheißen muss. Es ist ein schlechter Scherz, wenn einem die Klarheit kommt. Das soll die Erlösung sein, die uns der Buddhismus verspricht? Die Klarheit zu besitzen, die Wahrheit zu erkennen, zu begreifen, dass man eine naive, depressive, sentimentale Kuh ist, die einem Typen hinterher trauert, der sie nicht nur betrogen, sondern dazu auch noch verlassen hat? Das ist Masochismus, nicht Buddhismus. Aber damit hat sich der Pisser unsterblich gemacht. Bescheiss mich, verlass mich und ich werde dich ewig lieben. Ein Jahr, es war nicht mal ein ganzes Jahr. Wie tief kann man sinken, wenn eigentlich dachte, man kann schwimmen? Und warum bedeuten die Geschenke nichts? All das Talent, all die Streicheleinheiten, alles verblasst neben diesem einen lächerlichen Makel. Den Makel, von dem Einen nicht gewollt zu werden. Einen mit dem ich zusammen die Diamanten des Winters gesehen habe. Von denen ich dachte, nur ich könnte sie sehen. Es tut so verdammt weh, das aufzuschreiben. Es ist unangenehm, es nimmt keinen Druck von mir, es verstärkt ihn. Lass eine SMS von ihm kommen, damit ich diese elende Selbstreflektion wieder zum Teufel schicken kann. Dorthin, wo sie hergekommen ist.
Was ich jetzt tun werde, nachdem ich diesen Mist hier aufgeschrieben habe, ist folgendes. Ich werde meine dicke Jacke mit den Daunen anziehen und darunter etwas, das meinen Busen etwas betont und nicht allzu winterlich aussieht. Ich werde auf das Konzert von Torchous gehen und wenn das andere Arschloch nicht ganz dumm ist, kommt er da auch hin. Dann wird er wieder jammern und ächzen, dass er mir nichts bedeutet und dass ich ihn nur als Raucherpflaster missbraucht habe, aber erstens ist das ja nur sein gekränkter Stolz und zweitens wird er am Ende sowieso mit mir ins Bett wollen. Da kann er mich noch so schäbig behandeln, ich weiß wer die Fäden in der Hand hält. Und dann werde ich ihn besoffen an der Bar sitzen lassen, oder ich werde ihn küssen und das Gefühl haben, alles gegen die Wand zu fahren. Das gibt mir dann für einen kurzen Moment das Gefühl, dass etwas passiert in dieser bewegungslosen Wintertristesse. Dass sich was tut im guten alten Prenzlauer Berg. Vielleicht ist er auch da und spricht nicht mit mir, obwohl er natürlich nur wegen mir gekommen ist. Dann knutsche ich vielleicht mit Niko, der mir Koks anbieten wird, was ich nicht nehme, weil ich Angst davor habe, ausser ich will wiederum alles an die Wand fahren, dann würde ich zugreifen. Aber das werden wir ja alles sehen und in ein paar Stunden werden wir mehr wissen. Ich weiss nicht, wieviel ich noch schreiben kann diesen Winter. Die Kälte frisst meine Finger auf, ich kann kaum mehr spüren, wie ich tippe. Ich gehe jetzt raus. Prenzlauer Berg, ich komme, ihr könnt mich alle mal.
Ich muss das hier noch aufschreiben, bevor ich der Kälte für diesen Winter endgültig unterliege. Es ist sechs Uhr früh. Ich bin gerade nach Hause gekommen und mir ist so kalt, dass ich es schon grotesk finde, überhaupt noch am Leben zu sein. Das Konzert war hübsch. Ich war hübsch. Ich hab einen Diamanten gesehen im Schnee. Er war winzig und für das menschliche Auge eigentlich nicht zu erkennen. Es war in der Marienburgerstraße, auf dem kleinen Platz, da sind wir gesessen. Genauso wie im Spätsommer. Ich hatte meine Hand in seiner Hose, und ich war voll mit dem Koks von Niko. Und irgendwann dazwischen muss ich eine SMS von dem Idioten, der mich sitzen gelassen hat, bekommen haben. Ich wollte wirklich alles gegen die Wand fahren. Aber irgendwas hat in dieser Nacht gefunkelt. Einer von diesen Diamanten, die nur ich sehen kann. Jetzt nur noch ich. Ich glaube, ich gehe jetzt ins Bett, ich bin todmüde. Morgen kann ich das Haus nicht verlassen. Ich werde mich mit Dunkelheit umgeben und warten, bis die Woche anfängt. Es ist zu kalt in Berlin, es ist so furchterregend kalt und das noch für Monate. Ich würde jetzt gerne die Augen schließen und so über alle Limits hinaus verschlafen, dass es Mai ist und in Wärme erwachen kann. Und wenn ich schon erfriere, dann bitte im Schlaf. Dann wach ich eben gar nicht mehr auf. Das habt ihr dann davon.”
30. April, 2007 um 10:48
Das erinnert mich an Dostojewski. Da ging es um Sankt Petersburg und nicht Berlin, aber. Was indes ein Kompliment ist
BestesterTotester.30. April, 2007 um 11:22
Kälte -Müdigkeit – Schlaf – Tod.
Erfroren bei Minus 16, Februar 93 im Volkspark.
30. April, 2007 um 13:07
Wunderbar, lieber Kollege, wunderbar, dass Sie der Nachwelt dieses Dokument nicht vorenthalten.
Ich denke ohnehin gerade an eine Ringvorlesung über das Schaffen unseres lieben Verschiedenen: Klingende Topoi eines Untergangs oder Totgefickt ist auch gestorben – Zur Homonymie von Grab und Schoß im Berlinwerk von St. Burnster.
Lassen Sie uns doch einmal gemeinsam nachdenken, inwieweit nicht vielleicht sogar eine interdisziplinäre Herangehensweise an dieses Vorhaben wünschenswert sein könnte.
30. April, 2007 um 13:22
Eine Ringvorlesung hätt dem Burnstl gefallen. Unter interdisziplinär hätte er wohl eine Vorlesung seines Werks beim Littich-Wirt in Grafentraubach verstanden. Saufen für und wider den Exitus. Im August dann auch gerne mit unserer ganzen Blosn dorthin.
30. April, 2007 um 18:30
Im August könnte man dann auch meinen 67sten da feiern, wenns mi bis dann no ned derbreselt hot. Beim Littich-Wirt auf der Wiesn.
30. April, 2007 um 19:25
Du, von mir aus gern, Edi. Da würd ich dann jetzt schon mal einen Flug owa von Barcelona buchen.
30. April, 2007 um 21:07
Ich find das plötzlich ganz schön traurig. Habe gerade erfahren, dass eine Schulfreundin von mir tödlich verunglückt ist. Am 28 April, also gerade mal vor zwei Tagen. Sie hatte gerade ihren 24. Geburtstag gefeiert. Ich hab deshalb ne Gänsehaut, während ich den Text lese und hier diesen Kommentar schreibe.
30. April, 2007 um 21:57
Das täte dem Burnstl bestimmt aufrichtig leid. Aber er hat immer gesagt: “Dem Tod kann man ins Gesicht lachen, dem Verlust nicht.”
1. Mai, 2007 um 19:04
Das Leben kann manchmal verdammt kurz sein. Aber im Fall von Burnster können wir getrost sagen „Er hat seines gel(i)ebt! Die Frauen vergöttert! Den Suff geehrt!“
Wer arbeitet eigentlich gerade an seinem „Best of Burnster“-Album? Das könnte schön bei einer Burnster-Benefit-Lesung verscherbelt werden. Für die vielen kleinen Burnster, die zurück geblieben sind …