Eine kurze Liebesgeschichte
All the news just has your name on it
It’s an open door when the bricks are laid
But you’ve got space for something more
You gotta have some faith when you give up ground
Lose the fight still toast the day
I’m left with pillow talk
All I hear is whispering and heavy hearts
Hanging round you beat the seasons
You can’t keep up
But they can’t keep you down
I’m just happy you stuck around
(Promise Ring – Become One Anything One Time)
Das ist ein magischer Moment. Ich bewege mich rückwärts in der Zeit, je weiter ich die Oranienburgerstraße entlang gehe. Es ist einer dieser magischen Momente, in denen Vergangenheit und Gegenwart sich auf einen einzigen Ort einigen können und ich in zwei Jahren zugleich existiere oder in keinem einzigen. Ich weiß ganz genau, wie ich vor zwei Jahren hier lang gegangen bin, meinen Hut in der Hand und die Schminke verschmiert im Gesicht. Genau wie heute Nacht habe ich mir noch etwas zu essen gekauft, bevor ich den langen Fall ins Bett, hinein in einen sehr ungewissen neuen Tag getätigt habe. Damals habe ich stundenlang mit einer jungen Russin herumposiert und gezüngelt, damit ich dich nicht mit dem schlechten Selbstbewußtsein empfangen musste, das mir damals in der Regel zueigen war. Am nächsten Tag, um vier Uhr wollest du ankommen, aber alles verzögerte sich und ich schlich stundenlang um die Zionskirche herum. Ich glaube, ich war sogar im Inneren, kniete mich auf die Holzbank und faltete die Hände wie zum Gebet. Ich hatte mich extra krankschreiben lassen, um mich auf deine Ankunft vorzubereiten. Es war nicht das erste Mal, dass du nach Berlin kamst, aber dieses Mal war alles anders. Dieses Mal wolltest du bleiben und die Stadt schien es zu wissen. Sie ruhte und wartete, während sie früher ihre Paraden auf die Straßen geschickt hatte, um dir einen gebührenden Empfang zu bereiten. An jenem Tag war alles still. Keine Helikopter, keine aufgescheuchten Tiere im Berliner Zoo, keine gesperrten Straßen, die Stadt erwartete dich im Stillen, während ich nervös um die Zionskirche schlich.
Es war circa sechs Uhr, als du endlich kamst. Ich kann mich noch so genau erinnern, wie du aussahst. Du trugst einen weiten schwarzen Rock und eine raffiniert gemusterte Strumpfhose. Deine Haare waren glatt und ausgekämmt, dein blonder Pony ließ dich älter und strenger aussehen, als du es zu der Zeit warst. Du warst unpersönlich und kurz angebunden wie immer und ich schleppte die alte Matratze aus dem Keller hinauf ins Wohnzimmer für dich. Wir redeten und tranken, wir gingen in die Roberta und redeten weiter. Ich war so verliebt in deine Beine und die raffinierte Strumpfhose, obwohl ich nicht wusste, warum du hier bist. Als ich dich ins Bett brachte, war ich endlich ruhig. Die Tatsache, dass du im Zimmer nebenan schliefst, ließ mich seit Monaten ruhig schlafen. Morgens um sieben öffnetest du die Tür zum Schlafzimmer und sahst mich mit den größten und neugierigsten Augen an, die so ein kleines Mädchen zu Stande bringen konnte. Ich weiß nicht mehr, ob du mich etwas gefragt hattest und ob ich dich gehört hatte und wenn, ob du meine Antwort überhaupt abgewartet hättest, aber du sprangst in mein Bett, wie eine neugierige und gelangweilte Katze. Und die Katze wollte mit dem verschlafenen alten Mann spielen. Und nie wieder alleine auf der alten Matratze im Wohnzimmer schlafen. Die folgenden Tage waren verschneit und eiskalt, aber du richtetest dich und die Wohnung auf Teamgeist ein. Als die ersten Frühjahrswinde eines Abends durch unser Wohnzimmerfenster bliesen, fingen wir an, zugrunde zu gehen. Deshalb höre ich hier auf zu erzählen, denn das soll ja eine schöne Geschichte bleiben. Meld dich doch mal, wenn du mal wieder zufällig gar nicht in meiner Gegend bist.
20. Februar, 2007 um 10:53
Dass ist jetzt wie im Kino: Beim ersten scheinbaren Happy-End wird ausgeblendet. Abspann. Schade, dass die schöne Geschichte nicht schön ausging…
20. Februar, 2007 um 11:03
Welche Liebesgeschichte geht schon gut aus? Im schlimmsten und besten Fall endet sie mit dem Tod eines Partners im hohen Alter. Und so ist es doch gut, sich manchmal einfach auf die liebenswerten Kapitel zu beschränken.
20. Februar, 2007 um 13:44
Auf der Oranienburgerstraße verliebe ich mich auch immer, wenn ich spät abends sie hinunterschlender.
20. Februar, 2007 um 14:06
Bateman, du bist ein Penner. Heb dir solche Kommentare doch für die Spaßtexte auf.
20. Februar, 2007 um 16:12
danke für eine andere perspektive und ja, sehr gut beschrieben wie anders sich doch eine stadt anfühlen kann wenn etwas besonderes passiert. ich spüre es jedesmal, aber komischerweise eher immer danach.
20. Februar, 2007 um 16:58
»Im schlimmsten und besten Fall endet sie mit dem Tod eines Partners im hohen Alter.«
So habe ich das bisher noch nie gesehen. Aber ist ist wohl wahr. Doch um ehrlich zu sein, bin ich jetzt auch nicht wirklich froh über diese Erkenntnis.
20. Februar, 2007 um 23:16
ich mag deine gratwanderungen zwischen fiktion und wirklichkeit. manchmal glaub ich, keiner deiner texte ist fiktiv.
21. Februar, 2007 um 00:12
Liebe R., ausschließlich fiktiv ist sowieso keiner. Aber ich bin durchaus in der Lage zu variieren. Der vorliegende hat allerdings echt schweres Übergewicht in Richtung Wirklichkeit.
Und Sno*: Sorry, aber da müssen wir alle durch.
21. Februar, 2007 um 11:01
schöner text. still got the blues for her?
21. Februar, 2007 um 13:17
Rossi: Nö.
21. Februar, 2007 um 14:54
mhmhm … frage: hat er in den letzten satz bewusst oder unbewusst ein kinozitat gebastelt ?!
21. Februar, 2007 um 17:49
Mir ist bewusst, dass das Zitat in abgewandelter Form bei “Singles” verwendet wurde, ich meine es allerdings ein wenig anders. Den Adressaten erreicht es im Zweifelsfall.
21. Februar, 2007 um 17:59
dann: sehr gut.
22. Februar, 2007 um 16:51
.. und eine träne geboren aus verwirrung kullert die roten wangen hinunter in den teich, in dem die liebe ertrunken war.
(hm irgendwie musste ich jetzt was geschwollenes von mir geben. nehmts mir nicht übel)