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Der Leser

Manchmal ist Bloggen wie Büroarbeit. Eigentlich hat man keine Lust, aber man fühlt sich verpflichtet. Wenn man ein guter Blogger ist, verbirgt man seine Unlust und De-Inspiration und kommt erst recht mit einem Killertext um die Ecke. Wenn man ein schlechter Blogger ist, schreibt man Müll, von dem man denkt, er könnte die Leute interessieren und wenn man ein cooler Blogger ist, lässt man es einfach und macht sozusagen “blau”. Ich kann an einem Tag gut, an einem anderen mies und an einem dritten saucool sein. Heute Abend versuche ich meine Unlust zu verbergen und arbeite an einem mehr oder minder widerwärtigen Text über Mädchen auf dem Selbstfindungs-Selbstvernichtungstrip in kalten und desolaten Prenzlauer Berger Nächten. Nichts Neues also bei mir, aber zumindest nichts für public fuckin demand. This psychotic son of a bitch is doin’ it his way or the high way. Und während ich noch am tristen Höhepunkt von “Diamanten sehen am Prenzlauer Berg” sitze, klingelt es plötzlich an der Tür. Das erstaunt mich, schließlich ist es zwanzig nach zwölf. Ich drehe die Musik leiser und gehe durch den langen Gang zur Gegensprechanlage. “Wer da?”, frage ich. “Ein Leser.”, kommt es mir entgegen. Ich betätige den Türöffner und warte, wer da die vier Stockwerke zum neuen Nordstrand Büro hochkommt. Es ist ein Typ in meinem Alter mit kurzen schwarzen Haare und hellen Augen. Er reicht mir ernst die Hand und stellt sich als Daniel Amrey vor. Ich geleite ihn in mein Zimmer, in dem ich mir eine Art Büroecke eingerichtet habe. Ich bitte ihn, auf dem Stuhl gegenüber meinem Schreibtisch Platz zu nehmen.

“Was kann ich für Sie tun?”, frage ich ihn.
“Interessant, dass Sie offensichtlich denselben Musikgeschmack wie ich besitzen.”, sagt er, während sein Blick auf meine Platten und CDs fällt, die an einem Regal hinter ihm lehnen. “Und Sie lesen genauso gerne Thomas Bernhard, sehe ich.”, ergänzt er und mustert die Bücher hinter meinem Schreibtisch.
“Was kann ich also für Sie tun, Herr Amrey?”, wiederhole ich.
“Nun, ich habe mich gefragt, ob Sie mir zu Liebe aufhören könnten zu bloggen.” Seine Stimme bleibt gesenkt, als er das sagt und er sieht mich nur ganz kurz an, bevor sein Blick wieder im Zimmer umherschweift.
“Ihr Zimmer sieht aus, wie ich meines immer einrichten wollte. Aber ich habe leider nicht genug Platz in meiner Wohnung.”
“Wo wohnen Sie denn?”, will ich wissen.
“Ach, in der Christinenstraße, unweit von hier.”, entgegnet er.
“Schön, da habe ich auch mal gewohnt.”, freue ich mich und bin gleichzeitig ein wenig wehmütig beim Gedanken an die alte Wohnung. Dann fällt mir ein, worum er mich eben gerade gebeten hat.
“Warum soll ich aufhören zu bloggen, Herr Amrey? Wie meinen Sie das?”, greife ich den Diskurs auf.

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“Ach, es ist nur so, dass ich mich so entblößt und ertappt fühle. Vielleicht klingt das albern in Ihren Ohren, aber ich fühle mich immer angesprochen von Ihren Geschichten. Es ist so, als würden Sie mich kennen, als würden Sie über mich schreiben. Das macht mich nervös. Manchmal erkenne ich sogar meine Tage und Nächte in ihren Mitschriften wieder. Und dann die seltsame Vorliebe für dieselben Orte und Lieder. Es ist schon gruselig. Jeden Tag, wenn ich aufstehe, gehe ich mit zitternden Händen an den PC und rufe als erstes Ihre Seite auf. Und was da steht, lässt mir manchmal das Blut in den Adern gefrieren. Es ist mein Leben, ganz echt aufgenommen und wiedergegeben kommt es mir vor. So wie es da steht, kann es immer sein. Und oft ist es genau so. Ich verstehe das nicht. Woher kennen Sie mich, woher meine Gedanken, woher meine Tage, woher meine Nächte? Und woher meine dunklen Geheimnisse? Das ist ein absurder Zufall, der sich in grotesker Frequenz wiederholt, sage ich mir. Sie bringen mich noch in Teufels Küche. Meine Freunde und Bekannten lesen jeden Tag mit und erfahren Dinge, die ich vor ihnen verbergen will. Meine Liebhaberinnen, meine Freundin, sie geraten sich in die Haare, sie verlassen mich, sie gehen und kommen wieder, sie verhalten sich vollkommen verrückt, seit Sie diese Dinge über mich schreiben. Sie sprechen mit meiner Zunge und alle denken, ich bin das. Mein Leben hängt auf seltsame Weise von dieser Website ab, ich verliere langsam die Kontrolle über die Dinge. Ich verliere die Kontrolle über mich selbst. Und deshalb bitte ich Sie höflichst, nicht mehr zu schreiben. Oder schreiben Sie wenigstens nur über Musik oder Filme. Aber nicht mehr über mich, über die Mädchen und den Tod. Das geht doch niemanden etwas an. Ich will einfach nur tun, was ich will, ohne diesen furchterregenden Spiegel. Ich fühle mich vergiftet, so als wäre ich von Grund auf schwarz hinter meiner Haut und könnte diesem verschlingenden Schwarz nicht entkommen. Meine Seele braucht eine Zeitlang Ruhe und ich muss diese Seite vergessen und die schrecklichen und widerlichen Geschichten auf ihr. Die Wahrheiten wie die Lügen. Ich weiß ja selbst nicht mehr, was real ist und was von Ihnen erfunden. Ich bitte Sie inständig, Herr Burnster, schließen Sie diese Seite. Wenigstens für eine Weile. Ihren Lesern sind Sie doch sowieso längst entwichen mit ihren kaputten Geschichten und ihrer isolatorischen Selbstherrlichkeit. Das können Sie doch niemanden mehr zumuten, diese defätistische Arroganz, diese bittere Ignoranz für ihre eigenen Unzulänglichkeiten als Schreiber. Da sprechen doch sicher auch ihre Zugriffsstatistiken eine deutliche Sprache. Ich meine, was Sie da schreiben, ist keine Kunst, es ist einfach nur überheblich und hässlich. Bitte hören Sie auf. Hören Sie auf, bevor es zu spät ist. Ich bitte Sie inständig. Hören Sie jetzt auf, solange es noch geht.”

Daniel Amrey erhebt sich und geht aus dem Raum, nicht ohne bedächtig die Tür hinter sich zu schließen. Ich bleibe ein paar Sekunden sitzen und halte den Atem an. Ich zünde mir eine Zigarette an und starre auf meinen Monitor, wo der Eingabebildschirm von WordPress geduldig auf mich wartet. Nach einer Weile fange ich an zu schreiben.

23 haben herzlich gelacht bei “Der Leser”

  1. Lu sagt an:

    die geister, die er rief.

  2. mq sagt an:

    Auch die Leser können an einem Tag gut, an einem anderen mies und an einem dritten saucool sein. Hr. Amrey hatte gestern vermutlich einen miesen erwischt.

  3. Opa sagt an:

    Es sind die Dämonen, die in jedem von uns wohnen. Manchmal, und das ist ein Zufall, wollen sie gleichzeitig heraus. Aus dir und aus mir, aus ihm und aus ihr.

  4. Lenny_und_Karl sagt an:

    Unheimlich! Passiert so etwas öfter? Das dich auch Leute auf der Straße ansprechen, weil sie meinen dich zu kennen? Zufälle haben Bedeutung würd ich sagen.

  5. mek sagt an:

    Auf die Gefahr hin, dass er sich die Makatsch angelt.

  6. Burnster sagt an:

    Wehe!

  7. eine leserin sagt an:

    tu es einfach. schreib nicht mehr. das ist es doch, was du sagen willst, right?

  8. creezy sagt an:

    Das wäre jetzt auch eine gute Einleitung zur Blogschließung gewesen (der Virus der Bloglustlosen treibt ja gerade um).

    Ts, ts Daniel Amrey ist so ein Weichei. Das Mainzelmännchen-Foto ist lustig.

  9. Burnster sagt an:

    Den Teufel werd ich tun, eine Leserin.

  10. MC Winkel sagt an:

    Auch wenn das der Geschichte jetzt ein wenig an Brisanz nimmt: Dieser Amrey war letzte Woche auch bei mir! Mit ähnlichem Wunsch.

    Ich sag’s Dir, Burns: Scient*logy weiss nicht mehr, wie man uns (TAG) sonst stoppen könnte! Lass Dich nicht beunruhigen. Aber such’ Dein Zimmer nach Wanzen ab. Bei mir hat er eine Auf meinem Monitor platziert, die war nur stecknadelkopfgroß!

    You won’t stop,
    you can’t stop!

    Isso.

  11. Burnster sagt an:

    Biste sicher, dass Amrey auch bei dir war? Ich hab auch schon von einem Typen namens Nelwik gehört.

  12. Rationalstürmer sagt an:

    Hast du zugnommen?

  13. Dr.Sno* sagt an:

    Ach mei, von allein ist der Amrey (also der mit “e” und “y”) da doch nicht auf so einen Blödsinn gekommen. Vermutlich hat ihn auch einer gebeten seinen eigenen Blog einzustellen. Wohl auch einer seiner Leser, schliesslich schreibt der Typ doch auch ins Internet. So hört man jedenfalls.

  14. Burnster sagt an:

    Rationalmausi, hast du was eingenommen?

  15. Rationalstürmer sagt an:

    Okay. 1:1

  16. rene sagt an:

    Bei mir war grade ein Leser, der hieß Folkert. Der hat mich auch gleich abgemahnt. Leser haben was unheimliches an sich, oder?

  17. rene sagt an:

    Oh, vergessen: famoser Text, Herr Meier!

  18. Burnster sagt an:

    Rasi: Fair.
    Reni: Merci!

  19. MC Winkel sagt an:

    Nelwik, der Saque, war mit und klaute Bier.

  20. Herr Paulsen sagt an:

    Brillant.

  21. Da Godfather sagt an:

    es tut schon eine innere poetische kraft haben tun, wenn man sich das selbstfindungs-selbstvernichtungs-geschehen mit den damit entstehenden assoziationen&bildern wieder und wieder auf der zunge zergehen lässt…

    … und am ende mit einer selbstfindungs-vernichtung dasteht. das hat was. was mir gefällt…

  22. dopey sagt an:

    Was ist das fürn schickes Notebook? Apple?

  23. Burnster sagt an:

    Ganz uncool: HP

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