Du gehst gar nicht
It’s nothing but time and a face that you lose
I chose to feel it and you couldn’t choose
I’ll write you a postcard
I’ll send you the news
From a house down the road from real love
(Stars – Your Ex-Lover Is Dead)
Du bist wirklich ein Geschenk des Himmels, du schäbige Person. Wenn ich mich nicht so sinnlos in dich verrannt hätte und du dich nicht so unglaublich verstörend benommen hättest, würden mir jetzt die Worten und die Gedanken fehlen. Und die Geschichten, um mein Publikum zu unterhalten. Du einfältige und entgleiste Person, ich danke dir aus ganzem Herzen.
Und jetzt stellen Sie sich folgendes vor, liebe Leser: Diese Person, die ich meine, ist vollkommen verrückt. Sie ist jung, immens jung und sie ist dumm, man glaubt nicht wie dumm sie ist. Leider merkt man es zu Anfang nicht, weil sie gelernt hat, schlau zu tun. Sie kann Ihnen das Neueste aus der Politik erzählen und auf soziale Missstände hindeuten, sie weiß wie das Wasser in den Wasserhahn kommt, kann Regale anbohren, sie kann singen und tanzen und sich gut kleiden. Sie kann schreiben, als sei der Teufel hinter ihr her und sie hat Meinungen, Lebenserfahrung und einen guten Geschmack. Sie hat einen Busen ganz rund, wie man ihn nur selten sieht und ihre Beine sind lang wie die Frankfurter Allee. Ihren Hintern hat der Himmel geformt und auch wenn man beim Gesicht Abstriche machen muss, bleibt der Gesamteindruck ein höchst verlockender. Aber der ganze schöne Schein verkleidet eine Fassade der Dummheit und Einfalt. Das Potential war da, doch der Minderwertigkeitskomplex hat es aufgefressen.
Denn stellen Sie sich vor, diese Person schießt am Tag zehn Fotos von sich selbst und zieht dabei ein dummes Gesicht, von dem sie glaubt, es sei sexy. Sie hängt die Fotos in einem Kreis um sich selbst an ihren Zimmerwänden auf und sieht sich an und will sich damit beruhigen und vergewissern, dass das Bild im Spiegel nicht das Alleingültige von ihr ist. Manchmal sieht ihr Gesicht aus, als sei ein Lastwagen dagegen gefahren und dass ich das trotzdem schön finde, ist lediglich eine perverse Laune meiner Natur.
Sie kennen mich, liebe Leser. Ich bin ein Mann von Geschmack und Gefallen. Ich weiß, was ich will und dass ich solch eine Person ganz und gar nicht will. Eine so laute und vorlaute, eine so grelle und grässliche Person, so etwas kommt mir in der Regel nicht ins Haus. Und jetzt verliebe ich mich gerade in so eine, die es in all ihrer Unmöglichkeit eigentlich gar nicht geben kann. Gerade ich, der Genießer und Bonvivant, vielleicht der Einzige in Berlin, der noch weiß, was gut ist. Sie hat mich mit viel Vergnügen auf die falsche Fährte gelockt, sich selbst bewiesen, dass sie das Unmögliche schaffen kann: mich alten Dandy in die Falle locken, ihre langen Beine durch meinen Schritt hindurch hinter meinem Hintern verhaken und mich zu sich heranziehen, an ihren tröstenden Busen. Und das hat sie geschafft, das Meisterwerk hat sie vollbracht, der Wölfische wurde domestiziert, für kurze Zeit als bloßer Schäferhund abgestellt. Und die reservenzerreibenden Grabenkämpfe, um diese ungünstige Verstrickung wieder aufzulösen, waren das nötige Übel, um endlich wieder schreiben zu können.
Jetzt, da ich gelöst bin und gelöst habe, habe ich ihre leblose Hülle in meinem Arbeitszimmer stehen. Da schlüpfe ich hin und wieder hinein wie ein Parasit und erlebe die Welt mit ihren Augen. Das ist ein trauriges und großartiges Gefühl. Ich habe wieder einen Antrieb, endlich wieder einen Anlass. Die alte Hülle, das alte Gewissen war abgenutzt, ich habe soviel über die alten Unwetter geschrieben, dass beinahe die Sonne angefangen hätte, zu scheinen. Gerade noch rechtzeitig hast sie das Schönste verhindert. Gerade noch rechtzeitig hat sie mich zur Verzweiflung gebracht, die schäbige, schöne Person. Das Dumme ist nur, dass ich sie nicht genug geliebt habe, um länger als ein paar Monate aus ihr zu berichten. Das Dumme ist, dass mir bald der Stoff ausgehen wird und ich eigentlich jetzt schon vorsorgen und die nächste Katastrophe anleiern sollte. Aber keine Sorge, eine Weile häng ich auch noch auf ihrem Block rum.
18. Januar, 2007 um 11:42
I´m not sorry I met you. I´m not sorry it´s over. I´m not sorry there´s nothing to say hieß das mal bei mir, als es noch ums Schlittschuhlaufen ging. Hübsch, sehr hübsch. Wenngleich ich mich heute zu alt fühle für sowas. Auch zu schwach, um mal der Wahrheit die Ehre zu geben. Dieses Schnippschnapp schnippschnapp einszweidrei, das wird einfach zu anstrengend, wenn man mal ein gewisses Alter überschritten hat. Da denkt man dann nur noch an Dieter Stolte und grinst still in sich hinein. Tichtuch, Tichtuch, ach Gottchen, dann kommt eben ein neues drauf, so dramatisch ist das nun auch wieder nicht.
18. Januar, 2007 um 11:49
Das ist jetzt das erste Mal, Ratz, dass ich mich von meinem großen Versteher nicht ganz verstanden fühle. Ums Zerschneiden gehts da gar nicht. Eher ums Verstümmeln. Der Protagonist ist ein emotionaler Serienkiller, der sich aus der Haut seiner Opfer eine Kuscheldecke macht. Nur dummerweise ist er dieses Mal an die falsche geraten. Ein Schweigen der Lämmer für Serienblogger quasi.
18. Januar, 2007 um 11:50
Und auch das ist gelogen.
18. Januar, 2007 um 11:54
Macht ja auch nix. Aber weils mir grad einfällt: Für den Fall, dass der Serienkiller die Innereien net mag, nur immer her damit. Am Wochenend gibts Semmelknödel, da tät ein Lüngerl gut passen.
18. Januar, 2007 um 12:30
Abstriche beim Gesicht – welche Quotierung hat sowas im Vergleich zur Güte ihrer Schreibe?
18. Januar, 2007 um 12:45
Gesicht ist alles. Schreibe ist nichts.
18. Januar, 2007 um 13:15
Immer diese perversen Naturlaunen.
18. Januar, 2007 um 15:59
Ich glaube, wenn sich mal einer in mich verlieben sollte, würde ich mir wünschen, er würde nicht so von mir denken. Aber vermutlich muss er so von mir denken, wenn er sich wieder entlieben soll.
18. Januar, 2007 um 19:21
Wenn wenigstens noch einer weiß, was gut ist, gibt es noch Hoffnung für die Hauptstadt! Noch einE dazu, und von Berlin aus könnte die neue Geschmacks-Arche-Noah ablegen. Ein tröstliches Szenario in einer windumtosten Welt.
21. Januar, 2007 um 12:18
Ich komme nicht umhin, Sie zu zitieren: Bleiben Sie Wolf.