Juli 2006 archive

Rat mal, wer dran ist!

Burny Burnster aus Kreta. Beziehungsweise gerade aus Kreta. Oder auch wieder hier. Ich entschuldige mich in aller Form für die Zeit des Darbens während meiner Sommerpause, aber zum einen gab es dort, wo ich mich herumgetrieben habe, nur Internetanschlüsse mit Verbindungsgeschwindigkeiten von Eheanzeigen aus dem 18. Jahrhundert und zum anderen hatte ich einfach keinen Bock auf Blog. Sondern auf..

Berg- und Talfahrten auf, über und durch ganz Kreta. Auf Meersuhlen, auf Strandschnarchen, auf Rakiwetttrinken und Souflakischlachten. Auf Klippendinnieren, auf Wellenstechen, auf Frappeerfrischen und auf die ganz große Leckmichamarsch-Einstellung gegenüber Berlin und der Alltäglichkeit.

Aber der Lauf aller Dinge ist flussabwärts und deshalb geht es jetzt auch wieder wie gewohnt und verlässlich weiter bei eurem kleinen, aber großkotzigen Journal aus Morbid, Berlin und dann lernt ihr auch den Jürgen aus Kreta kennen. Seid gespannt.

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Sagen des Altertums

Vor 13 Jahren zog ein junger Rebell aus, um das Fürchten zu lernen. Er wollte die Götter der Antike herausfordern und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, wurde er doch von einem unheilvollen Seelenkummer heimgesucht, denn seine Liebste ward ihm durch einen ganz und gar Shakespearhaften Konflikt mit deren Elternhaus entrissen worden. In der letzten Nacht in der Heimat hatte er noch seine Helena kennengelernt – Monate später sollte er sie das erste Mal küssen – und mit dieser neuen Idee im Kopf reiste er mit seinem Freund Helmet ins ferne Griechenland, um Zeus und seinen Olympianern frech ins Gesicht zu spucken.

Und so erlebten Helmet und unser junger Rebell die wildesten Abenteuer. In Athen lotste man die unbedarften Mittellosen in ein Freudenhaus, aus dem sie nur knapp entkommen konnten und Aphrodite aus Rumänien zurückliessen. In ihren Drinks vermuteten sie Betäubungsstoffe. Auf Santorin verbrühte sich Helmet am Auspuff seiner Straßenmaschine das halbe Bein, während unser Rebell alle zwei Meter die Verkleidung seines Rollers verlor. Nachts gaben sich unsere Helden als Türsteher aus, lernten Australier mit Namen Marx Engels kennen, trennten unzertrennliche Krankenschwestern, retteten verlobte Engländerinnen vor vollgedröhnten Italienern und stellten fest, dass Ios keineswegs mit Erholung gleichzusetzen war. Aus dem Walkman erklang “Fuckin Hostile” von Pantera und von weit weg tönte irgendwo in einem Straßencafé “Wish You Were Here” von Pink Floyd.

Ein paar Jahre später setzte unser Held mit seinen Erzeugern noch einmal nach Korfu über und musste dort vor dem Rückflug persönlich von den Stewardessen zum Flugzeug begleitet werden, weil er sich so in ein Gespräch mit einer zungengepiercten Düsseldorferin verbissen hatte. Aber das ist eine andere Geschichte von der ionischen See. Wenn alles gut geht, wird unser in die Jahre gekommener und nicht mehr ganz so rebellischer Berliner Odysseus am Montag erneut in die Agäis aufbrechen, um den Göttern noch einmal zu trotzen und sich das zu nehmen, was ihm zusteht. Nämlich jede Menge Spaß.

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Nordstrand: Hauptsaison

Verzeihung, wenn ihr hier gerade nicht die gewohnte Mischung aus Ego-Entertainment und emotionaler Grabschändung vorfindet, aber ich bin so berauscht von diesem Sommer am Nordstrand, dass ich eigentlich nichts zu sagen habe. Ich überbrücke die Zeit zwischen WM-Ende und Bundesligastart mit Tischtennis, Studio Braun, guten Bands, guten Freunden und guten Drinks. Nächste Woche kommt hoffentlich auch noch ein “echter” Strandurlaub dazu. Schreiben Sie auf: T…Tatze.

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Verfolgungswahn

Wir suchen niemals die Dinge, sondern das Suchen nach ihnen.
Blaise Pascal

Wir verfolgen das Endspiel. Danach verfolge ich den Plan, in ein Leben nach der WM einzudringen. Ein paar Drinks mehr und wir verfolgen Mädchen, die uns mit Hilfe der Polizei abhängen und uns unabsichtlich in eine Feier locken, aus der heraus ich eine Halbgöttin in Weiß verfolge und sie zurück bringe. Ein alter Song von Mary J. Blige folgt uns nach Hause und Dr. D. tanzt, wie wir es nicht für möglich gehalten haben. Erinnerungen aus dem hohen Norden und dem tiefen Süden folgen uns in den wüsten Osten und am Ende verfolgen wir dieselben Ideale wie gestern, aber dazwischen erfolgt jede Menge Spaß. Ciao, WM-Zeit, du wirst uns noch lange in unseren Erinnerungen an dieses Jahr verfolgen.

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Die Gewalt und das Verlangen

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Ich bin ein giftiges Gemisch aus Gewalt und Verlangen an diesen Tagen. Ein Brodeln. Die Hitze treibt die Wut und das Wollen aus den Poren. Die Haut tropft und ist zum Zerreissen gespannt. Die Gewalt und das Verlangen, die Hitze und die Wut, es zerreisst den Tag, es zerreisst die Nächte. Es kühlt nicht ab. Und es soll nicht mehr.

Es droht Gefahr an jeder Ecke, ich hab ein Gespür, eine Nase für Gefahr. Nur das Gespür nicht verlieren. Du gehst auf Zehenspitzen durch Straßenschlachten, du trinkst einen Kaffee auf den Schauplätzen der Brutalität, du zettelst sie an und mogelst dich an ihren Auswüchsen vorbei, während ich inmitten der Tumulte stehe. Ich will etwas wollen, was andere geben, ich will nichts spendieren, ich will nur noch einholen. Das Arschloch, das die Faust in die verregnete Dämmerung schlägt, damit ihr euch wundern könnt, euch abwenden, weil ich inmitten des Gewitters, statt mitten unter den Unterstand suchenden stehe.

Ich bin ein giftiges Gemisch aus Gewalt und Verlangen an diesen Tagen. Ein Brodeln. Die Hitze treibt mich an wie einen Motor und sie treibt mich zum Wahnsinn. Niemand beruhigt mich, nicht einmal Sufjan Stevens. Nicht einmal ich beruhige mich. Ich zerreisse den Tag, ich zerreisse die Nächte und der Regen kommt zu spät, es kühlt nicht ab. Und es soll nicht mehr.

Da draußen

Schüler: Lehr mich den Weg der Befreiung.
Meister: Wer bindet dich?
Schüler: Niemand.
Meister: Warum dann Befreiung suchen?

(Buddhistische Weisheit)

Es gibt ein Leben da draußen. Manchmal nehme ich daran teil und manchmal nicht. Manchmal, wenn ich daran teilnehme, habe ich immer noch das Gefühl, dass ich kein Teil davon bin. Dann trinke ich, arbeite ich und ficke ich wie alle Anderen und habe immer noch das Gefühl, kein Teil der Menge zu sein. Wenn ich dann kein Teil der Menge bin und weder ficke, arbeite noch feiere, dann fühle ich mich wie ein Tourist in einem Land, dessen Gepflogenheiten ich kaum kenne und keineswegs beherrsche.

Es ist wie Urlaub in Lorette De Mar mit zwanzig. Man sagt mir, hier blüht der Exzess, hier kannst du Sex finden, hier regiert der Spaß. Und es ist wie verhext, aber ich kann nicht dabei sein. Es geht einfach nicht. Obwohl ich zuhause in Regensburg trinke wie ein Vieh und den Röcken erfolgreich hinterher jage, ich kann nicht einsteigen ins Lorette De Mar Gefühl. Ich stehe da und blicke aufs Meer und die Lautstärke der Anderen bedrängt mich nur.

Ich frage mich, ob ich jemals aufhören werde, mich fremd zu fühlen. Ob ich jemals Herr der Gesamtlage sein werde. Ob ich jemals nicht das Gefühl haben werde, dass etwas ganz Großes an mir vorbei zieht. Ob ich jemals sagen kann: Das bin ich und ihr seid kein Teil davon, ohne das geringste Verlangen, ein Teil von euch zu sein.

Es gibt ein Leben da draußen. Komm und hol es dir, sagt man mir. Sei ein Teil davon. Und während so viele denken, ich sei das Leben da draußen, so bleibe ich doch hier drinnen und denke, sie sind es und ich werde es nie sein. Nichts davon ist wahr, nichts davon ist falsch. Alles was passiert, passiert einfach und wir alle sind ein Teil davon.

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