Schwabing ist tot

Außen. Vor der Haustür eines Altbau Mietshauses. Der Stadtteil Schwabing in München.
MAX holt Umzugskisten aus seinem Auto und schleppt sie mühsam zu Hauseingang. Sein Freund PHIL hilft ihm schweigend. Die HAUSMEISTERIN kommt hinzu.
HAUSMEISTERIN
Sie, Herr Sommer. Passen’s fei auf, dass Sie nichts heraussen stehen lassen, wenn Sie die Wohnung einräumen. Nichts unbeaufsichtigt lassen. Da treibn sich ganz finstere Gestalten rum mittlerweile in Schwabing.
MAX (mit Umzugskiste auf dem Arm)
Aha.
HAUSMEISTERIN
Ja, ja. Weil Sie müssen wissen, dass des alles nimmer so ist wie früher. Seit diese ganzen Ausländer sich’s an der Münchner Freiheit bequem gmacht haben, ist Schwabing fürchterlich runtergekommen.
MAX
Soso.
HAUSMEISTERIN
Ja, ja. Ich würd ja an Ihrer Stelle sofort des Schloss auswechseln. Wer weiß ob Ihr Vormieter ned noch an Schlüssel hat.
MAX (stellt die Umzugskiste ab)
Wer war denn mein Vormieter?
HAUSMEISTERIN
Der Herr Al Sahif. Ein ganz Gschlamperter. Der hod seine Pflanzen imma in der Badwann zücht. Wahrscheinlich war’s a Haschisch. Nehmen Sie Haschisch, Herr Sommer?
MAX
Iwo, Frau Bäumel.
HAUSMEISTERIN
Mei, in den Siebzigern, da hat man des alles halt mit so einer Leichtigkeit genossen, aber jetzt mit den ganzen ausländischen Drogendealern… des is alles ganz kriminell jetzt. (brüllt) Lanka, gehst jetzt endlich her du Miststück!
(Ein großer Mischlingshund kommt um die Ecke)
MAX (zu Phil)
Jetzt hau ma noch den Fernseher naus und dann sperr ma den Wagn erstmal zu.
PHIL
Jawohl, Chef.
HAUSMEISTERIN
Wissen’s, die Lanka hob ich in Sri Lanka kennengelernt. Eine ganz junge Hundedame war sie… und heimatlos. Ich habs damals net mit nach Deutschland nehmen können, weil’s der Hubert verboten hat. Aber dann hab ich die Frau Schlüter, Ihre Nachbarin, hingeschickt mit Geld für den Zoll. Und die hat die Lanka dann hergeholt. (brüllend zum Hund) Gehst jetzt her, du blede Kuh.
MAX
Sie, Frau Bäumel, ich muss jetzt wirklich wieder a bisserl was arbeiten. Verstehen’s schon, gell?
HAUSMEISTERIN
Ja, aber eines sag ich Ihnen. Wenn Sie recht laut sind, dann muss ich bei Ihnen klingeln. Des Haus ist sehr hellhörig und mein Balkon liegt genau gegenüber von Ihrer Wohnung. Ich hab mei Balkontür immer offen. Sie sind ja hoffentlich kein Musiker.
(geht zum Umzugsauto und guckt hinein. Sieht Gitarrenkoffer)
Spielen Sie ihre Gitarre lieber im Englischen Garten bei den anderen Studenten.
MAX
Freilich.
HAUSMEISTERIN
Also, dann viel Glück in Schwabing. Es is ja nimmer des was einmal war, brauchen’s nur die Clemens Strasse da nunter gehen, da werdn Sie sich wundern, was sich da für Leut rumtreiben. Des ist nicht mehr die Boheme, die ich kenne. Schwabing ist tot, Herr Sommer. Schwabing ist tot.
MAX
Aha.
29. Juni, 2006 um 09:51
Eine echte Boheme spielt also Gitarre im Park. Von der Hausmeisterin kann man noch viel lernen.
29. Juni, 2006 um 09:57
Die Frau Kuschmelka hats ja auch schon ganz lang gsagt mit diese Ausländer. Wehret den Anfängen, hats gsagt. Etz hammer den Dreck im Schachterl.
29. Juni, 2006 um 10:01
Jawoll, ganz genauso ist sie, die Hausmeisterseele.
Nicht nur in Schwabing – auch in Meidling.
Großartig, Burns!
29. Juni, 2006 um 10:27
Wohlbekannter Dialog, wär als Szene gut umzusetzen, wobei die Hausmeisterin im Verlauf des Films natürlich ins Gras beissen muss.
29. Juni, 2006 um 10:29
Ah geh, immer diese hysterischen bayerischen Hausmeisterweiber. Sans halt ah bissel hyperkritisch, wenn’s um die Musi und dan Haschisch geht. Aber’s Hundi dann mit Leinsamenöl traktieren, bis er die aus Südostasien geschmuggelten Koksbeutel sauber ausg’schissen hat.
29. Juni, 2006 um 10:30
Lecker, lecker!
Meine Schwester hat gestern von einer ähnlichen Hausmeisterin erzählt. Die wollte sie dann aber Sonntags noch zum Bratenessen bei sich in der Küche sehen und meinte auch so Sätze, wie “Also ihr Vormieter hat ja einmal sogar bis Eins in der Küche gesessen und geredet, so geht das aber nicht, finden sie doch auch oder?”
29. Juni, 2006 um 10:48
Mann kann sie ja kaum “Landplage” nennen, weil sie ja eher in der Stadt auftreten.
29. Juni, 2006 um 11:38
Prima. Da fahr ich jetzt hin. Danke für die Einstimmung.
29. Juni, 2006 um 11:58
Immer gerne. Einen Erlebnisbericht kann ich dann ja sowieso in drei Stunden im Rebellmarkt lesen:)
29. Juni, 2006 um 12:53
Lanka gehört, grad mit der etymologischen Herkunft, klar ganz nach vorn in der Kategorie “Hundenamen, die es zu selten gibt”. Auch sonst großes Kino. Ich kann ihren (unerwähnten) Putzmittelkittelgeruch förmlich riechen.
29. Juni, 2006 um 17:09
Schwabing unterscheidet sich ja scheinbar immer noch durch Tatsachen wie die, dass so manche Mieterin für eine schöne Altbauwohnung in der Destouchstrasse zwangsweise die Hausmeisterinnentätigkeiten gleich mit übernimmt.
Bin ja gespannt ob die sich in 20 Jahren dann auch so anhört…
29. Juni, 2006 um 17:39
Das schreibt nach einem Podcast, Bones. Die Hausmeisterin Bäumel schön hochpitchen… Das wäre so genial! Machst Du´s?
29. Juni, 2006 um 17:42
Mal sehen, Winslow!
29. Juni, 2006 um 22:38
Da muss ich doch sofort an einen meiner Lieblingsdialoge aus “Monaco Franze” denken:
Monaco: Wenig los heute, na ist noch früh am Abend.
Thommy Gottschalk als Disco-Türsteher: Nee, das hat mit früh nichts zu tun. Disco ist nämlich out
Monaco: Was, Disco ist out?
Thommy: Logo
Monaco: Ja wo gehen die jungen Leute denn jetzt hin in Schwabing?
Thommy: Du, in Schwabing gehen die nirgendwo mehr hin, denn Schwabing ist auch out!
…
Und wenn das der Thommy schon 1982 wusste, dann muss es ja stimmen…
Ansonsten war ich erst vor kurzem in Minga, g’fallt hat’s mir scho. Für ein paar Tage…
29. Juni, 2006 um 23:28
Super Dialog aus einer super Serie. Meine Seele ist irgendwie münchenverhaftet, obwohl ich Berlin lieber mag und aus Niederbayern komme. Ich kanns mir auch nicht erklären und noch viel weniger kann ich mir helfen.
30. Juni, 2006 um 08:39
Baoh, Schizophren zu sein stelle ich mir schon ganz schön hart vor. Aber Schizophren zu sein und dabei einen Bayern UND einen Preussen in der gleichen Brust und Seele vereinen, das muß megahart sein. Soll ich den Burnster mal für’s Bundesverdienstkreuz vorschlagen! ;-)
30. Juni, 2006 um 13:03
Nicht nur Schwabing, jetzt ist auch noch der Gernhardt Robert tot. Ein trauriger Moment.
3. Juli, 2006 um 16:01
Oh mei, Schwabing, naa des is ja wirklich nix g’scheids mehr. Do ziagst liaba woanders hi, z Minga; vielleicht nach Neihaus’n oder oda ganz in d’ Schdood nei..
11. Juli, 2006 um 20:09
Ja in Schwabing gibt’s a Kneipn
de muaß ganz wos bsonders sei
Gibt es die Kneipe denn noch? Dann wäre ja Schwabing noch zu retten und man müsste nur die Einheimischen drauf hinweisen.
11. Dezember, 2006 um 12:57
[...] Dass Massenbegeisterungsphänomene wie die WM natürlich auch den sinsistren Misanthropen in mir wecken, hat sich ja sicher eh jeder gedacht. Deshalb war dieser Beitrag dann eher auch eine Pflichtübung. Ein kleiner dialogischer Schwenker nach München und die schlussendliche Begründung, warum Schwabing tot ist, war dann noch notwendig, um nicht die ganze Zeit über Fußball zu schreiben. [...]