Das Mädchen meiner Bäume
Wie ich an anderer Stelle bereits musikalisch preisgab, hab ich ständig Scherereien, weil ich ständig verliebt bin. Vor allem unglücklich verliebt. Das ist nicht nur heute so, das war auch zu dem Zeitpunkt so, zu dem folgende Geschichte spielte.
Ich saß also unglücklich verliebt mit meinen beiden besten Freunden des hiesigen Sommers in einer nahezu leeren Rockerkneipe und wünschte mir, dass etwas passiert. Letzte Woche war etwas passiert. Sie war in die Kneipe gekommen und ich wäre fast gestorben vor Schreck. So etwas sollte natürlich nicht passieren. Etwas anderes bitte, aber vielleicht auch was mit Mädchen. Meine Sommerfreunde alberten herum und erfanden Spitznamen für mich wandelndes Elend, während ich zwei Mädchen beobachtete, die sich an den Tisch neben uns setzten. Eine davon war grellblond, verrückt angezogen und rot im Gesicht. Die andere hatte ein Gesicht wie ein Engel und trug eine rote, weite Jeans. Nun muss man wissen, dass rote Jeans für mich ein Alarmsignal sind. Die Zeiten, in denen ich rote Jeans und auberginefarbene Jeansjacken trug, vermisse ich genauso wenig wie meine damaligen Zeitgenossen. Aber wer wusste schon, was grade wieder modern war bei den ganzen Rockmädchen, Indiegirls und Britpopgören.
Ich weiß gar nicht mehr genau, wie es passierte, aber plötzlich saßen die beiden Mädchen bei uns albernen Alkoholikern und scherzenden Schwermütigen am Tisch. Das Engelsgesicht und ich hatten uns vorher schon ein klein wenig das alte Auge gegönnt, aber dass die Mädchen gleich Ernst machen und rüberkommen, hätte wohl nicht einmal der tätowierte Hüne hinter dem Tresen prognostizieren können, der unsere beiden Tische genau beobachtet hatte. Kein Wunder, wir waren und blieben die einzigen Gäste. Vermutlich hatten die Sommerfreunde aber auch einen provokanten Slogan zum Nebentisch rübergelassen, den ich mir mal wieder nicht getraut hätte. Aber freilich war’s mir recht, schließlich hatte ich somit Gesellschaft von Engelsgesicht. Meine Kollegen wollten aber nicht unbedingt mit Rotgesicht vorlieb nehmen und entfernten sich bald gen studentische Wohnstuben. Rotgesicht war betrunken genug, um sich bis zur nächsten Kreuzung anzuschließen, so dass ich mit Engelsgesicht alleine blieb.

Weder Engelsgesicht, noch München, sondern ein Teenager im Holland Park, London.
Ich überredete den Engel, mich zum Dienstagsprogramm des nächstgelegenen Clubs zu begleiten und auf dem Weg dorthin sah ich, dass mein Engel ab unter dem Busen eher eine Wallküre war, wenn Sie verstehen was ich meine. Und in der Disko schlief sie auch noch auf meinem Schoß ein und ich konnte nicht mal aufs Klo gehen. Ich muss wohl ziemlich betrunken gewesen sein, anders kann ich mir nicht erklären, warum ich mich breitschlagen ließ, sie auf dem Gepäckträger von Schwabing nach Milbertshofen zu fahren. Schon auf der Schwelle zum mittleren Ring dachte ich ans Aufgeben und daran, mich vielleicht einfach auf den Ring zu legen, damit ein nächtlicher Schwertransporter meinem jämmerlichen Dasein ein Ende bereiten konnte. Oder mich zumindest von dem Schwertransporter auf meinem Gepäckträger erlösen. Gerade ich, der meinen Sommerfreunden immer vorhielt, mit Frauen die verständnisvolle Sozpädnummer abzuziehen, fuhr jetzt dieses kleine, schwere Mädchen quer durch München. Und jetzt erkläre ich Ihnen, warum der Weg nicht nur strapaziös, sondern auch über alle Maßen lang war.
An jeder zweiten Kreuzung musste ich halten, damit Lene – nach vier Stunden wusste ich dann auch ihren Namen – mir die Bäume anhand ihrer Blätter erklären konnte und ich raten musste, um welchen scheiß Baum es sich handelte. Lene hatte nämlich gerade Abitur gemacht und absolvierte im Moment ein Praktikum an einer Baumschule. Von Kindesbeinen an war sie Feuer und Flamme für Holz und Blätter und strebte sukzessive nach ihrem Praktikum auch eine Ausbildung zum Förster, Verzeihung, zur Försterin an. Ich spare mir den Kalauer mit dem Holz vor der Hüttn, das konnte nämlich meinen Abend auch nicht mehr retten. Als wir nach gefühlten drei Stunden Fahrt endlich bei ihr zuhause ankamen, ging selbst meine letzte Hoffnung in Rauch auf. Ein bisschen fummeln und knutschen und dann friedlich einschlummern und von Buchen und Birken träumen. Weit gefehlt. Holzlene wohnte noch bei ihren Eltern und hätte ihr Vater mich bei seiner Jüngsten im Eichenholzbettkasten erwischt, hätte er mich wohl über Nacht an die Kastanie im Innenhof gebunden, die ich im Übrigen auch nicht erraten habe. Ich konnte in meinem Zustand ohnehin den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.
Lene ahnte wohl, dass sie nun endgültig bei mir auf dem Holzweg war, deshalb übergab sie mir einzelne Seiten eines ehemaligen Reklamheftes, die mit einer Schleife zusammengebunden waren. Es handelte sich um ihre Lieblingsausschnitte eines Stücks von Eugene Ionesco. Theater des Absurden, wem das nichts sagt. Ich solle es ihr bald hierher zurückbringen, es bedeute ihr viel. Das hab ich natürlich nicht getan. Ich glaube, ich habe es auf dem Rückweg auf einen Baum geworfen.
31. Mai, 2006 um 07:26
herr burnster,
alleine der titel ist presiverdächtig.
nur eins hat gefehlt: “ich kann dicke menschen sehen!”
31. Mai, 2006 um 08:24
von Schwabing nach Milbertshofen? na da war aber wer voll…
ach ja, die frauen… ich hätts auch gemacht… hört sich irgendwie vertraut an diese geschichte…
31. Mai, 2006 um 08:42
lässt sich die flüchtigkeit junger jahre besser beschreiben als mit “Sommerfreunden”? höchstens noch mit verblühenden kastanien.
31. Mai, 2006 um 08:47
Chris: Ich konnte sie eben nicht mehr so gut sehen.
Suedwind: Ich war zu der Zeit noch Hardliner. Umso voller muss ich gewesen sein.
Sabbeljan: Tja, da schwingt ja auch ein Flüchtigkeitsseufzer mit.
31. Mai, 2006 um 08:57
„holzlene” ist herrlich!! im laufe der geschichte schwankte ich zwischen mitleid und lautem gelächter. auf jeden fall eine schöne geschichte, wie sie bestimmt fast jeder schon ein paar mal durchgemacht hat – könnte man fast eine serie oder ein stöckchen draus machen …
31. Mai, 2006 um 08:58
Liebe Emma, meinst du wirklich, jeder hat schon mal eine angehende Försterin oder einen angehenden Förster im Nachtleben getroffen?
31. Mai, 2006 um 09:37
Haha, nein, das bestimmt nicht. Aber jeder hatte bestimmt schon mal „seinen” Förster oder Försterin in Form von jemandem, der oder die sich als schrullig, merkwürdig oder einfach nur völlig wahnsinnig herausgestellt hat.
Wäre auf jeden Fall mal interessant zu lesen, was es noch für lustige Geschichten gibt. Und meine Freundin heiratet bald sogar einen Förster. Und sie ist nicht Gärtnerin, sondern Journalistin. :-)
31. Mai, 2006 um 09:55
Jahre her, außer der Hand-Marie keine regelmäßige Frau zur Hand und ergo hohe Bereitschaft bzw. nicht die geringsten Skrupel, im damals von Al Gore neu erfundenen Internet auf die Suche nach den Chromosomenhaufen meiner Begierden zu gehen. Eine der skurrilsten Begebenheiten war ein Blind-Date in Tittmoning. Auf dem Weg zur Burg (hübsch) hat sie mir eröffnet, dass sie gern Bäume umarmt. Mir ham dann noch einen Kaffee getrunken und ich bin wieder gefahren.
31. Mai, 2006 um 10:17
Versteh ich nicht. Der Gepäckträger ist doch der ultimative Test zur Fahrgestellüberprüfung. Oder hatte die engelsgesichtige Wallküre womögliche nur Röhrenknochen?
31. Mai, 2006 um 10:23
Im vorletzten Absatz glaubte ich kurz, Du würdest es fertig bringen und behaupten sie hätte in einem Baumhaus gewohnt…
31. Mai, 2006 um 10:37
Mein Gott, Herr Burnster. Mein Beileid. Mein aufrichtiges Beileid.
31. Mai, 2006 um 11:20
Bei uns im hohen Norden gab’s ja früher den Begriff “durchförstern” als Synonym für den Höhepunkt intimer Zweisamkeit. Nach der Geschichte ist der Begriff spätestens zu überdenken. Statt entblättern nur Blätter anstarren, statt wilder Leidenschaft hinter blickdichten Büschen nur schnöde Erörterungen von Wildwuchs wie Giersch?! Auch mein Beileid hast Du, und eine spannendere Frau verdient!
31. Mai, 2006 um 12:23
Always in trouble…?
Lieber Herr Burnston,
jedenfalls hat die unglückliche Liebe der glücklichen gegenüber den Vorteil, dass sie nicht so einfach zu „ernüchtern“ ist.
Und – Hand an die Klampfe – ist sie nicht irgendwie auch produktiver…, z.Bsp.
als poetischer Bypass für’s „Kleinstadtherz“
P.S.: Echt gute Mucke…!
31. Mai, 2006 um 12:27
Scheiss auf die Produktivität:)
31. Mai, 2006 um 13:40
Tschja, bösen Zungen behaupten sogar, angehende Försterinnen seien nicht einmal mit Spanish Fly zum spanischen Verkehr zu überreden; was angesichts des üppig beholzten Hüttenfoyers schon schade ist/bestimmt war.
Richtig Butze; schmiet wech das Reklamgekritzel. Es gab da schließlich eine Sache, die Dir auch etwas bedeutet hätte. Und da nahm sie ja auch keine Rücksicht.
31. Mai, 2006 um 13:54
Sehr gutes Schlusswort, Emfringe!
31. Mai, 2006 um 14:37
Ich hatte, das aber nur so nebenbei, einst ein G’spusi mit dem *Sohn* eines Försters.
31. Mai, 2006 um 15:09
Aha, Jule. Und hat er dich ins Unterholz gelockt?
31. Mai, 2006 um 15:11
manche Frauen muss man sich halt schön trinken, was ja am Anfang auch gut geklappt haben muss. Anscheinend war die Heimfahrt zu lang, da hätten sie nochmal nachtanken sollen…
31. Mai, 2006 um 15:21
Nein, Burns, er entpuppte sich rasch als eher phlegmatische Natur.
Weshalb das Gspusi auch denkbar bald ein Ende fand.
31. Mai, 2006 um 15:32
haha, sehr gute story. ich hoffe, das baummädchen hat keine unterlagen von ihnen (telnummer, adresse, richtiger name)?
31. Mai, 2006 um 15:48
Nada hat sie. Aber vielleicht jetzt.
1. Juni, 2006 um 08:00
also, burnie, jetzt schummelst du ein wenig: wallküren erkennt mann doch sofort. es gibt doch niemanden auf der welt, der stundenlang nur in gesichter sieht (ausser mir), seien sie auch engelsgleich. neenee!
1. Juni, 2006 um 09:21
Aber der Suff lässt einen ignorant werden.
1. Juni, 2006 um 09:43
Nicht nur der Suff.
1. Juni, 2006 um 09:50
Aus der Notgeilheit eine Tugend machen, willst du doch sagen, Razzle, oder?
1. Juni, 2006 um 09:51
leute, das glaube ich euch noch immer nicht! egal ob suff oder wasauchimmer – wobei ich gerne wüsste, was das wasauchimmer sein könnte.
1. Juni, 2006 um 10:11
Das kommt mir so vertraut vor… gut, dass man heute drüber lachen kann, damals hätte ich mich drei Tage lang gegiftet wie ein Irrer :-)
1. Juni, 2006 um 11:15
Bittersüße, dann kennst du einfach die falschen Männer.
Burns, !
2. Juni, 2006 um 11:07
herzlich gelacht. die mädchengeschichte les ich hier immer am liebsten!
8. Dezember, 2006 um 14:53
[...] Schließlich fügte auch ich mich dem Druck der modernen Zeiten und dem meiner Entourage und eröffnete meine erste Myspace-Präsenz, die im übrigen bald mit Liedern aus Barcelona gefüttert werden wird. Und schon wieder wurde ein gewisser Herr Rationalstürmer der Comebackist des Monats. Und ich traute mich endlich mit der Geschichte vom Mädchen meiner Bäume an die Öffentlichkeit zu gehen. Ach ja, und in Köln war ich auch kurz, aber mit Urlaubsvertretung. [...]