Die Burns-Verschwörung (2)

Folge 2, in der nicht viel passiert, aber Burns immerhin hinter schwedischen Gardinen Lunte riecht und das obwohl er nicht mal auf eine verschärfte Omertà stößt.

Ich bin kein guter Detektiv. Ich war auch noch nie einer. Schon als Kind hat mir meine Ungeduld einen Strich durch die akribische Aufrechnung von Fakten gemacht. Selbst auf der Suche nach versteckten Süßigkeiten in der elterlichen Speisekammer konnte man mich schnell das Interesse verlieren lassen. Wenn ich mich nachts oft geschmeidig wie eine Katze in die Küche stahl und meine diebischen Hände lautlos das Regal hinaufglitten, war die Ausbeute gleich null, sobald meine Mama die Süssigkeiten nicht in der üblichen Plastikschüssel, sondern im Brotkorb daneben versteckt hatte. Und das vermutlich nicht einmal mit Absicht. Auf Recherche hatte ich eben damals schon keinen Bock. Gottseidank war mein Herr Papa mit derselben Ungeduld gestraft. Sein Vorteil war allerdings, dass er laut fluchend den Weg zurück ins Schlafzimmer antreten durfte. Ich hingegen musste still und unentdeckt bleiben.

Man sieht, die Kernkomepetenzen eines zwielichtigen Ermittlers mögen vorhanden sein, aber an der Gründlichkeit da hapert es mitunter ganz gewaltig. Auch jetzt, da ich keine Süßigkeiten, sondern den verschwundenen Kollegen Rationalstürmer finden soll, erscheint es mir mehr als müßig, alle etwaigen naheliegenden Spuren zu verfolgen. Mehr zu meiner eigenen Beruhigung rufe ich auf Ratzes Mobiltelefon an, das aber wie erwartet abgeschaltet ist.

Seine letzten Blogeinträge kann ich mir auch nicht mehr im Detail ins Gedächntnis rufen, ich habe noch was mit seiner Bekannten Muddi im Kopf und dass Selbige seine Lügengeschichte von den schweren Verbrühungen durch einen Kochunfall hat auffliegen lassen. Moment, apropos Lügengeschichten! Der Skandal vom empathieerweckenden aber von Grund auf erstunkenen „Spagetti Incident“ hatte so manchen hellhörig werden lassen, der in Sachen Tatsachen zwischen den Zeilen diverser Blogs unterwegs war. Hat sich ein enttäuschter Wahrheitsliebender am Blogger seines Vertrauens gerächt? Welche schlafenden Hunde hast du nur geweckt, Ratze?

Aber wie gesagt, Details sind nicht mein Steckenpferd und so galoppiere ich am Folgeabend meines Ausflugs mit Kollege Neo-Bazi in die Hotelbar in der Zionskirchstraße, wo ich mich am Tresen bei seinem letzten Berlin Besuch mit dem Rationalstürmer über besagten Nudelskandal unterhalten habe. Hat da wohl jemand seine Ohren zu lang gemacht? An jenem bierseligen Abend, nach dem ich eine Woche unter Fieberanfällen litt, so dass ich schon glaubte, jemand habe mir ein SARS Zäpfchen im Tannenzäpfle aufgelöst? Die DJane und die Kellnerin, diese brünetten jungen Biester aus Schweden, sie haben uns an diesem Abend toxisch und ästhetisch fest im Griff gehabt, soweit ich mich erinnern kann.

„Hej Fräulein! Har du en cigarett för mig? Jag glömmde mina“, lege ich selbstbewusst in bestem Schwedisch gegenüber der DJ-Frau los.

„Ich dachte, du hättest aufgehört. Außerdem kenn ich den Spruch mit dem Vergessenhaben schon von dir. Nur mit Telefonnummer statt Zigaretten“, kontert sie mich in astreinem Deutsch aus.

War ich so besoffen an jenem Abend, dass ich sie nach ihrer Nummer gefragt hatte? Mit dieser alten rhetorischen Kamelle? Sah mir gar nicht ähnlich, normalerweise frage ich: „Darf ich Ihnen Feuer für ihre Votivkerze anbieten?“, und das klappt immer, ich schwöre. Aber jetzt nur nicht den Wind aus den Weiden nehmen lassen, Burnse.

„Du hast uns doch belauscht damals, Schweden-Schönheit. Für wen arbeitest du? Spucks aus, oder du wirst nie erfahren, wohin ich neulich dein farbiges Vinyl von der ersten Roxette hinversteckt habe. Kleiner Hinweis, schau mal ins Gin-Regal.“

„Skurk“, sagt sie nicht ohne verhohlene Anerkennung. „Ich hab es nur wegen dem Geld gemacht. Es war für den Don.“

„Welchen Don? Dahlmann oder Alphonso?“

Wie oft habe ich diese dumme Unterscheidungsfrage schon hinterher schicken müssen? Ich wäre ein reicher Mann, hätte ich jedes Mal fünf Euro dafür bekommen. Dass die Leute aber auch nie vollständig auf Fragen antworten konnten. Diesem Land ging es nicht umsonst so schlecht. Ok, die Dame war Schwedin, aber die hatten da ja vor ein paar Jahren auch diese dringlichen Reformen angepackt. So einen Ombudsmann könnte ich übrigens jetzt auch grade gut gebrauchen bei der zähen Korrespondenz mit der verstockten Smöre-Trulla hier.

„Also welcher jetzt? Fons oder Dalle?“ hake ich ungeduldig nach.

„Fons Tensfelder hat damit nichts zu tun. Der war seit Wochen nicht mehr hier. Das letzte Mal im September mit dem Don.“

Mein Magen veranstaltet unerwartete Spirenzien. Fons Tensfelder war mit einem der Dons hier gewesen? Wie konnte das sein? Woher kannte die schwedische Schaluppe den Tensfelder? Und wie konnte er da gewesen sein, wenn ich nicht da gewesen war, wo der Tensfelder doch lediglich eine von mir erfundene Kunstfigur war? Mein Arsch fing langsam an, auf Grundeis zu gehen.

„Welcher Don denn nun, Herrschaftszeiten? Vilknen Don, Zefix?“

„Der mit dem weißen Haar“, funkelt sie mich an.

Aha, der Dahlmann also. „Aha, der Dahlmann also“, sage ich dann laut.

„Ich kenne seinen Namen nicht. Es ist nicht der Fons Tensfelder. Der ist ein guter Kerl. Ich mag ihn sehr.“

Das wird ja hinten höher als vorne. Plötzlich erscheint mir der verschwundene Rationalstürmer nur noch eine Marginalie zu sein. Bin ich in einer schlechten Fight-Club-Parodie gestrandet? Wohlmöglich im Write Club (Killer Pointe, wa)? Vögle ich als Fons Tensfelder wohlmöglich längst die scharfe Schwedin aus der Hotelbar ohne mich als Burnster daran erinnern zu können? Ewig schad wär das. Und was hat der Don vom Prenzlauer Berg mit dem ganzen Bohei hier zu tun? Ich lasse den Rest vom Whiskey meiner Kehle einen Kurzbesuch abstatten und ziehe die Schwedin ruckartig her zu mir und meine Lippen verharren kurz vor ihren, als ich sage: „Wenn der Tensfelder hier nochmal auftaucht, rufst du mich sofort an, Kindchen. Meine Nummer steht auf dem Zehner, der am Tresen liegt.“ Ich stehe auf und will gehen.

„Deine Rechnung macht aber 14 Euro“, entgegnet sie kühlturmig und ich schäme mich ein wenig. Doch dann gibt sie mir einen Kuss auf den Mund und ich ihr dafür zwei Euro Trinkgeld. Nur dumm, dass Heike Makatsch gerade ihren hübschen Kopf durch die Tür hereinstreckt, während die Schwedin mich küsst. Und das, wo ich ihr vor einer Stunde diese SMS geschrieben habe: „Heike, ich meins todernst mit Dir. Echt.“ Gut, sie ist eh mit ihrem affigen Musikerfreund da, und es tut mir gar nicht mehr so leid, als ich in die unverfroren kalte Nacht am Zionskirchplatz hinaustrete. Blöde Makatsch. Die wird schon noch sehen, wo sie hinkommt mit so einem Musikerbandit. Immerhin hat sie jetzt gesehen, dass ich auch andere knutschen kann. Schwedinnen zum Beispiel. Die Wurzel aller weiblichen Eifersucht. Schwedinnen, Heike, ja, haste mitbekommen?

Einer alten sakralen Gewohnheit folgend, betrete ich die Zionskirche und setze mich in eine der Bänke, um nachzudenken. Ich weiß nicht, warum ich es nicht bemerkt habe, aber es scheint sich jemand hinter mich gesetzt zu haben und flüstert mir jetzt mit einer Stimme etwas zu, was klingt wie eine Telefonansage der Strato GmbH, so drohend monoton, mein ich damit.

„Suche nicht den Don. Er wird dich finden wenn es soweit ist.“

„Welcher Don, zum Henker? Alphonso oder Dahlmann!?“ schreie ich ungehalten und drehe mich um, aber da sitzt überhaupt niemand mehr.

Fortsetzung folgt…
Folge 1 finden Sie hier

22 Kommentare zu Die Burns-Verschwörung (2)

  1. Rationalstürm...
    10. Januar 2006 at 01:01

    Noch einen! Reiche mir aus Lethes Fluten
    Den letzten kühlen Becher der Erquickung!

  2. das dritte und
    10. Januar 2006 at 01:09

    a gegege,

    der tensfelder. in argentinien ist der gewesen, der tensfelder. und jetzt pass auf, brenner, ich schreib das nur ein einziges mal. und das bleibt jetzt auch unter uns, brenner. die heiße spur. ich sage nur so viel: mahlzeit. heiße nudeln und ein hüftiges saft-steak. na?

    a gegege, der tensfelder.

  3. Malcolm
    10. Januar 2006 at 09:05

    Alkohol, Sex, willige schwedische Matronen – das entwickelt sich ja fast wie zu einem meiner lieblings Bukowski Bücher!

  4. Ole
    10. Januar 2006 at 10:04

    Hatten Roxette nicht irgendwann auch mal ne Split-EP mit Ace of Base in gesprenkeltem Picture-Vinyl rausgebracht? :)

    Ansonsten halte ich die Luft an und harre gespannt der Fortsetzung. Das hier hat das Potenzial, enorm groß zu werden!

  5. MC Winkel
    10. Januar 2006 at 11:28

    Wenn ich jetzt den Corleone ins Spiel bringe, versau´ ich Dir doch keine Pointe, oder?

    Und was zur Hölle sollte das mit dem abgeschnittenem Pferdekopf in meinem Wasserbett, Burns. Ich habe mit Ratze´s veschwinden doch nichts zu tun!

    Bzgl. der Schwedin: Kannst Du haben. Kannst Du gerne alle haben.

  6. burnster
    10. Januar 2006 at 11:36

    Hast wohl schlechte Erfahrungen mit Schwedinnen gemacht, Embok? Der Pferdekopf ist wohl ein Werbegeschenk der örtlichen Rossbratwurstfirma. Damit hab ich nichts zu tun.

  7. bittersweet choc
    10. Januar 2006 at 12:57

    du solltest die frage nicht auf zwei dons beschränken und den dritten aus der mancha ins boot holen. ausserdem: heike hätte ich auf jeden fall besser gefunden als irgendso’ne schwedin. pah!

  8. burnster
    10. Januar 2006 at 13:26

    War doch ohne Zunge, zudem zieht Heike ja lieber mit diesem 1,90 großen Typen um die Häuser.

  9. Don Bosco
    10. Januar 2006 at 13:57

    Ist ja „nicht viel passiert“, diesmal.

    Respeckt!

  10. Malcolm
    10. Januar 2006 at 14:56

    Ob es wohl möglich wäre… Also… vielleicht ist das ja auch zuviel verlangt, aber… Nur ein oder zwei erwähnende Zeilen…Ähm… Naja, vielleicht könnte ich, also ich jetzt, ne? Ich würd gern mit der Sarah Kuttner knutschen, wenn die Heike schon besetzt ist. Ob sich das wohl einrichten ließe?

    Hach, war ja doch nicht so schwer!

  11. bjk
    10. Januar 2006 at 17:10

    macht spaß, das lesen! nur weiter so.

  12. CuNHell
    10. Januar 2006 at 19:14

    sehr fett.

  13. Fish
    10. Januar 2006 at 19:33

    Mit Don Quixote und Don Bosco wären es schon vier Dons. Fehlt nur noch Don Johnson. Donnerwetter.

  14. sabbeljan
    10. Januar 2006 at 21:14

    fuer „SARS Zäpfchen im Tannenzäpfle“ gibts schon mal nen vorvertrag. (wenn ich welche vergeben koennte)

  15. Burnster
    11. Januar 2006 at 10:34

    Das ist nicht so auffällig, tatsächlich.

  16. Burnster
    11. Januar 2006 at 10:37

    Das ist übrigens der Post mit der Nummer 404. Bezeichnend.

  17. fraufrank
    13. Januar 2006 at 10:15

    1. grandiose idee
    2. wann gehts weiter?

  18. schroeder
    13. Januar 2006 at 10:46

    Ich mag Recherche… nur verstecken mag ich nichts. Deshalb hatte mein Vater auch nie Probleme nachts die über Wochen nicht angerührten Weihnachts- oder Ostersüßigkeiten in meinem Zimmer zu finden…

    starke Fortsetzung. Ich will mehr!

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