Die Burns-Verschwörung (1)

Folge 1, in der Burns von einem – im wahrsten Sinne des Wortes – alten Bekannten angehalten wird, eine Mission zu erfüllen, die eigentlich nur der Auftakt zu einem schlecht kopierten David-Lynch-Plot sein kann. Immerhin lässt sich unser Protagonist nicht von der erstbesten Fehlfährte ins Unterholz tricksen.

Heike Makatsch sieht mich mit sorgenvollem Blick an. „Burns, ich weiß nicht, wie das mit uns weitergehen soll. Du weißt, ich bin liiert und es nicht okay, dass wir uns treffen. Vergiss den Kuss gestern Abend an der Haustür.“

Ich habe dieses Gespräch erwartet, auch wenn ich es nicht gerade herbei gesehnt habe. Wäre auch zu schön, um wahr zu sein. Endlich die Makatsch für mich alleine.
„Heike, ich hab auch keinen Bock, das jetzt hier künstlich in die Länge zu ziehen. Du weißt, dass ich dich gerne mag, aber ich werd auch nicht auf die Knie fallen.“

Mit zusammengezogenem Magen stehe ich auf, werfe Geld auf den Tisch und verlasse das Lokal. Diese kleine melodramatische Nachtmusik sei mir gegönnt, nachdem mein Plan, den Heikesack zu zumachen, nicht funktioniert hat. Ich wandere selbstvergessen in dieser Hundekälte die Chorinerstraße in Richtung Nordstrand hinunter, als plötzlich ein Wagen neben mir hält. Es ist ein weißer Mercedes, ein Strichacht. Die Tür geht auf und jemand herrscht mich an: „Einsteigen, Freundchen.“

Ich habe heute Nacht ohnehin weder noch etwas vor noch etwas zu verlieren und nehme auf dem Rücksitz des Mercedes Platz. Der Chauffeur startet den Wagen und ich frage kühl: „Wohin soll’s denn gehen, Kollegen?“.

„Dorthin, wo du noch nie zuvor gewesen bist“, ertönt es heiser vom Beifahrersitz.

„Also ins Fitness Center“, feixe ich, doch mein Gesprächsgegenüber scheint nicht gerade mit Humor gesegnet zu sein.

„Nach dieser Nacht wird nichts mehr sein wie zuvor“, kommt es nochmals suggestiv von vorne.

„Das sag ich zu den Frauen auch immer“, gebe ich langsam gelangweilt von soviel Pathos zurück und stoße erneut auf Teflon in Sachen Schenkelklopfer. Wir durchqueren die von Silvester verprügelte Stadt wortlos und erst auf Höhe von Dreilinden dreht sich mein ernsthafter Entführer zu mir um.

„Opa Edi, äh Agent Neo-Bazi“ editiere ich sofort meinen Fauxpas. Und wie von der Tarantel gestochen, injiziert es sich mir: Der Club der halbtoten Dichter, mein virtuelles Stammlokal ist wohl doch nicht nur eine reine Feierabendinstitution für Laptop-Stubenhocker

„Ist ja gut, Burny, diesmal sind wir nicht zum Spaß hier. Du kennst mich. Wenn ich mit meinem Rheuma bis nach Berlin fahre, dann muss etwas im Argen liegen. Wir von der Marine haben es in den Knochen, wenn ein Sturm naht.“

An einem kleinen, tristen Rastplatz halten wir. Ein einzelnes Auto steht vor dem Klohäuschen. Bazi steigt aus und ich folge ihm zu dem Auto.

„Der Kollege Rationalstürmer hat vor wenigen Wochen seinen Blog geschlossen, du erinnerst dich vielleicht. Die Gründe hat er für sich behalten. Das hier ist sein Auto. Von hier an verliert sich seine Spur. Wir nehmen an, er war auf dem Weg nach Berlin.“

„Aha. Ich kann dir leider auch nicht mehr dazu sagen, Bazzle. Was soll ich denn nun hier?“

„Ich will, dass du Ratze findest. Es ist nur so ein Gefühl, und es kann auch nur meine wetterfühlige rechte Kniescheibe sein, aber irgendetwas stimmt hier nicht. Ich glaube, da steckt mehr dahinter und die Ursachen für Ratzes Verschwinden liegen irgendwo in der so genannten Blogosphäre.“

„Was treibt dich zu der Annahme?“, frage ich.

„Das hier.“ sagt Opa fast tonlos und holt vom Beifahrersitz des leeren Wagens einen Stapel Zettel und drückt ihn mir in die Hand.

500.000 Beine unter
dem Meer.
Eine Welt im räudigen
Umbruch. Manuskript.

Mir schwant nichts Gutes, obwohl mir bereits jetzt klar ist, dass es sich bei dem Manuskript nur um einen falschen Fünfziger handeln konnte. Der 500-Beine-Mann war viel zu naiv, um sich einem Kidnapping im großen Stil zu verschreiben. Das einzige was der kidnappen konnte, war meine Zeit. Puh, die Blogosphäre. Ich seufze, denn ich weiß nicht wo ich da anfangen soll, bei all den zwielichtigen Bloggern. Zunächst einmal in Berlin, beschließe ich. Schließlich schien der Rationalstürmer die Mutterstadt der ungefragten Publikation angesteuert zu haben. Aber wer sagt denn, dass der Bazi überhaupt Recht hat mit seinem Bloggerverdacht?

„Burny, du musst die Reise zur Wahrheit jetzt antreten“, sagt Bazi und plötzlich kommt es mir vor, als würde sein weißes Haar sich in eine weite Kapuze und Edi sich in eine Art Mönch verwandeln. Aber das waren sicher nur der Absinth und das schwierige Gespräch mit Heike.

„Ich verlasse dich hier. Am Ende wirst du nicht nur den Rationalstürmer, sondern mit etwas Glück auch dich selbst finden“, verhallt Bazis Stimme auf dem menschenleeren Rasthof, als er zu seinem Chauffeur in den Strichacht steigt und mich alleine zurücklässt. Ich setze mich in Rationalstürmers leeren Wagen und atme tief durch. Kurz darauf bin ich eingeschlafen.

Im Traum reicht mir Don Alphonso Tee in einer Tasse aus dem vorvorigen Jahrhundert, während ich in weißen Gewändern barfuß über den Marmorboden einer großen Halle wandle. Eine Halle wie aus dem Münchner Justizpalast. Alphonso spricht mit tiefer Stimme, als würde man Vinyl zu langsam abspielen. Ich kann nicht verstehen was er sagt. Plötzlich stehe ich im Park von Sanssouci vor einer gigantischen Freitreppe, die zu einem Anwesen hinaufführt. Ganz oben steht der Rationalstürmer und er winkt mir zu. Ich hetze die Freitreppe hoch, doch je näher ich ihm komme, desto mehr wandelt sich seine Visage und als ich oben ankomme, ist es Opa Bazi, der mich anspricht, ohne die Lippen zu bewegen. „Wenn du die Augen aufmachst, fängst du an Feuer zu legen.“ Und ich mache die Augen auf.

Ich sitze immer noch in Ratzes Wagen, der Schlüssel steckt. Ich fahre los, zurück nach Berlin und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es hier um viel mehr geht als um das Verschwinden des Rationalstürmers. Ich muss an Heike Makatsch denken, während ich mir eine Zigarette anzünde und den Wagen zurück in die große Graue lenke.

Fortsetzung folgt..

36 Kommentare zu Die Burns-Verschwörung (1)

  1. vita
    6. Januar 2006 at 18:27

    Das ist höchst bemerkenswert. Sie werden`s Dir auch weiter erzählen. Aus den Eingeweiden der Erde schneidest du formvollendete Stücke und legst sie uns vor auf weißbestickten Servietten. Ach wie gut dass niemand weiß…
    Chapeau.

  2. dolce vita
    6. Januar 2006 at 20:51

    Hallelujah! Das ist gaaaanz große Literatur! Liest sich wunderbar.

  3. Michael
    6. Januar 2006 at 21:57

    Na ja, wegen der Heike hätt’s ja nicht soviel Gedöns sein müssen, aber im Ernst, die Story macht mir mächtig Spass, schnell mehr davon – bitte ;-))

  4. Rabe
    6. Januar 2006 at 22:30

    Ein gar grauslicher Gedanke durchfuhr mich soeben. Was ist, wenn es den guten Rationalstürmer gar nicht gibt? So wie Bielefeld? Nicht auszudenken …

  5. Michael
    6. Januar 2006 at 22:39

    @Rabe
    Udo Lindenberg soll ja mal jemand in Bielefeld getroffen haben…

  6. Rabe
    6. Januar 2006 at 23:01

    Oh je, der auch …?

  7. das dritte und
    6. Januar 2006 at 23:09

    großartigst, herr martins brenner!

    höchst gespannt auf die fortsetzung,

    undway

  8. Fish
    7. Januar 2006 at 00:03

    Geschlossenes Ratze-Blogger-Wohnheim (Was war eigentlich sein letzter Eintrag?), eine „Entführung“, Beene im modrigen Wasser. Alles sehr mysteriös. Hat der Máximo Líder wieder seine schrundigen Finger im Spiel? Wohl eher nicht. Der weiss doch gar nicht wie Blogossphäre geschrieben wird.

    Sind womöglich Drogen im Spiel? Waffenschmuggel? Eine Ahnung habe ich schon. Ist aber alles Spekulation. Wie vieles.

    Der Cooperatores-Veritatis-Burnster löst den Fall auf jeden Fall. Freue mich schon auf die Fortsetzung(en). Und den Soundtrack zum Film zum Buch zum…

  9. Nachtgespräche
    7. Januar 2006 at 02:25

    Alles wunderbar, nur ein Kuss von Heike M. gehört für mich zu den schrecklichsten Alpdrücken. Er muss sein, wie wenn sich ein schwarzes Loch und ein Tsunami die Hand geben und Dich hinwegreissen, in Dimensionen die ich mir gar nicht vorzustellen mag…

  10. burnster
    7. Januar 2006 at 04:32

    Sie werden bald sehen, Herr Uhlig, es geht noch schrecklicher. Die Dimensionen, die sie jetzt als grausig empfinden sind nur eine brüchige Mensur über dem eigentlichen Holz vor der Hütte.

    Und der Soundtrack, lieber Fish, der ist in Arbeit. Schließlich arbeitet unsere Corporate Marketing Abteilung auch schon an winkenden Rationalstürmer Action Figuren.

    In Bielefeld, bester Michael, wird sich aber keinerlei Sequenz abspielen, da wir seltsamerweise keine Drehgenehmigung von der Stadtverwaltung erhielten.

  11. glam
    7. Januar 2006 at 07:17

    wehe, sie vermasseln es sich mit heike… heike heißt heike, weil heilig. also bitte etwas gnade vor recht!

  12. Nachtgespräche
    7. Januar 2006 at 12:20

    Lieber Burnster,
    das hört sich ja mächtig spannend an. Lassen Sie mich raten: Das „Reissverschlussverfahren mit Heike M.“ wird uns drohen.
    Oh Gott, oh Gott, ich bin um meinen Mittagsschlaf beraubt!

  13. burnster
    7. Januar 2006 at 12:36

    Nein, nein. Der Protagonist bleibt erst einmal alleine, trinkt und raucht. Wer will denn einen liierten Ermittler sehen, ich bitte Sie, Herr Uhlig. Und wenn ich nur selbst wüsste wohin die Reise geht könnte ich auch schon mal einige Hinweise hier einfädeln, aber ich selbst bin ja Opfer meiner kreativen Willkür.

  14. vita
    7. Januar 2006 at 13:46

    Musen sind verhältnismäßige Arbeitsmittel.

  15. Rationalstürmer
    7. Januar 2006 at 13:57

    Musen SIND. Das muss reichen.

  16. schroeder
    7. Januar 2006 at 14:22

    “Wohin soll’s denn gehen, Kollegen??.
    “Dorthin, wo du noch nie zuvor gewesen bist.? ertönt es heiser vom Beifahrersitz.
    “Also ins Fitness Center?

    Geil, geil, großartig…. und es wurd und wurd nicht weniger pointiert. Klasse, Spitze, toll!
    Will weiterlesen…

  17. schroeder
    7. Januar 2006 at 14:25

    ps… ich mag Heike auch. Auch wenn sie „Stand By Your Man“ singt. Was dem Protagonisten jetzt vielleicht grad nicht so zugesagt hat .-)

  18. Fish
    7. Januar 2006 at 14:48

    Mensch Ratze, sie werden gesucht, von wo aus schreiben sie denn? Aus einem Sonnenstudio?

  19. Rationalstürmer
    7. Januar 2006 at 15:46

    Bist a rechta Sauhund, Burnse.

  20. Nachtgespräche
    7. Januar 2006 at 16:21

    Irgendwann werden Musen unverhältnismäßige Arbeitsmittel und bedürfen des Reissverschlussverfahrens.

  21. Robert
    7. Januar 2006 at 17:17

    Reissverschlussverfahren, hoffen wir dass das unserem Helden auf dem Weg nach Berlin nicht passiert. Kann man sich dort doch ohne Stadtplan so schlecht orientieren, wenn man sich nicht auskennt. ;)

    Großes Kino, ich hoffe auf baldige Fortführung des Entführungs-Epos.

  22. Pullach
    7. Januar 2006 at 20:15

    Wir müssen den Wagen wechseln, der weiße Strichacht ist zu auffällig. Und achtet mir auf den Don!

  23. burnster
    7. Januar 2006 at 20:37

    Ich fand den Wagen auch ein wenig dick aufgetragen, um ehrlich zu sein.

  24. dieJulia
    8. Januar 2006 at 11:29

    Der Rationalstürmer: ein Mythos zu Lebzeiten! Wäre nicht bald einmal ein Wikipedia-Artikel über ihn fällig?

  25. sabbeljan
    8. Januar 2006 at 13:51

    haben sie fuer nachher geleitschutz? der tarnname „lass uns freunde bleiben“ wuerde mich nicht mit gelassenheit fuellen. sie sind da in etwas ganz und gar trilichtiges geglitscht.

  26. Ole
    9. Januar 2006 at 01:08

    Ich glaube, Perser war ich bislang noch nie und nicht. Aber jubeln wäre ne tendenziell enorm denkbare Option nach der Lektüre dieses Textes. Oder den Daumen nach oben drehen. Oder beides. Oder schlafen gehen. Erst eins, dann das andere. Große Sache, Alter. Mehr davon!

  27. Malcolm
    9. Januar 2006 at 08:48

    Jetzt warte ich schon drei Tage auf eine Fortsetzung… Langsam ist mal gut, oder? Los jetzt!

  28. burnster
    9. Januar 2006 at 11:08

    Morgen gehts weiter, darf ich schon mal proudly ankündigen.

  29. MC Winkel
    9. Januar 2006 at 11:26

    Mehr Absinth, Buzzcap!

    Und wehe, es gibt kein Makatsch-CL im Abspann.

    BTW: Wusstest Du, dass die Heike eine Schilddrüsenüberfunktion hat? Vielleicht kann diese Information als Scoring-Grundlage genutzt werden…

  30. r0ssi
    9. Januar 2006 at 12:08

    großes kino, burnster! bitte mehr peyotl einwerfen und weiterschreiben! r0ssi, member of the we-adore-heike-gang

  31. Jule
    9. Januar 2006 at 23:12

    Lieutenant Julia speaking!
    Chanting old Soul-Songs right now, hahaha.
    [Orthographiemodus: off]

    Wie wird es weitergehen?
    Bin gespannt wie nur was. Und das tut schön langsam weh.
    Hauen’s bittschön in die Tasten, Commander Burnster! Es ist fad da im interstellaren Raum!

    Lieutenant dieJulia over.

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