September 2005 archive

Das Gespür fließt

Die Seelenraketen werden auf den Weg geschickt und erwecken dabei die alte Traurigkeit. Unten stehen wundersam blaue Straßenlaternen und erleuchten mit ihrem weichen Licht den Weg. Egal ob das grelle Weiß die sanften Schatten beiseite schaumschlägt, das Gespür fließt. Ein glitzernd weißer Fluß aus Schatten. Das Gespür bewegt sich. Ein glitzernd schwarzer Fluß aus Schatten.

Unbegrenzt umblätterbare Notizblöcke nehmen das ganze alte Leid auf und sind bereit für göttliche Einträge. Es brennt nicht mehr so auf der Haut. Egal, ob die Zeugen in meinem Kopf bereitwillig aussagen oder meine Hoffnung mein Erinnerungsvermögen vollends verwässert. Egal, ob dieser erstaunliche Wille mir immer noch beisteht, das Gespür fließt. Ein glitzernd weißer Fluß aus Schatten. Das Gespür bewegt sich. Ein glitzernd schwarzer Fluß aus Schatten.

Das alles umspannende Geflecht aus Ruhe wird artgerecht zusammen mit allen fünf Sinnen verpackt. Oben drauf legen wir diese rastlos komponierenden Ideen, welche Zäune niederreissen können. Es spielt keine Rolle ob dieses vollmundig versprochene Leben vorbei geht, egal ob dieser seltsam stattliche Wille an meiner Seite ausharrt, egal ob das grelle Weiß die sanften Schatten beiseite schaumschlägt, das Gespür fließt. Ein glitzernd weißer Fluß aus Schatten. Das Gespür bewegt sich. Ein glitzernd schwarzer Fluß aus Schatten. Das Gefühl wächst.

(frei übersetzt nach „Feel Flows“ von den Beach Boys. Erschienen auf dem Album „Surf’s Up“. )

Bilder einer Ausstellung

Ich beim Bierholen in langer Schlange. Ich beim Whiskey-Cola trinken. H. sagt: „Der Typ auf dem Bild sieht aus wie der Zombie aus Gothic 2“. Ich beim Bierholen in langer Schlange. Ivar auf der Suche nach der Toilette. Ivars Freund Magnus auf der Suche nach der Toilette. Ich beim Bierholen in langer Schlange. Ich und H. auf der Suche nach neuen Cover-Motiven. Ivar auf der Suche nach Magnus. Magnus auf der Suche nach Ivar. Ich, H. und Ivar beim Konsum von starkem isländischem Schnapps. Ich im zwanglosen Thekengespräch mit dem Berliner Umland. Lärmiger Ausstellungsraum voller betrunkener Isländer mit einem Haufen Spagetti auf dem Boden. Ich und H. im Strandbilder-Expertengespräch mit attraktiver Galeristin. H. im Fachgespräch mit Sicherheitspersonal: „Gehört der schlafende Hund zur Installation?“ Ich auf der Suche nach der Toilette. Ich beim Bierholen in langer Schlange. Ivar beim Umarmen von jedem neuen Gesprächspartner. Ich im Fachgespräch über die Möglichkeiten von fertigen Architekten auf dem Produktdesignerstellenmarkt. Ivar beim Vergessen sämtlicher Namen sämtlicher neuer Bekannter. Ich in langer Schlange vor dem Klo. H. auf der Suche nach Blättchen. Wankender Ivar inmitten einer betrunkenen Bande lauter Isländer. Ivar auf der Suche nach Zigaretten. Ivar an alle Zigaretten ausgebend. H. beim Bierholen in langer Schlange. Ich endlich betrunken.

Teenage Dirtbäck

(Nach dem infamosen Erfolg der Backwarenserie, jetzt der große Heimatbäckerroman)

Sehen sie sich das Foto unter dem Artikel an. Wenn sie sich jetzt nach links wenden und die Hauptstraße bis zur großen Kreuzung hinauflaufen, dann stehen sie nicht nur vor dem Maibaum (falls er nicht gestohlen wurde), sondern zu ihrer Rechten befindet sich auch die Bäckerei Pfifferling. Stellen Sie sich nun vor, Sie wären wieder vierzehn und folgendes spielte sich ab:

Sie kommen mit ihrem roten Klapprad, das Sie Knight Biker getauft haben und dem Sie schwarze Punkte aufgesprüht haben, so dass es aussieht wie ein Marienkäfer, also Sie kommen mit diesem Fahrrad mehr angesprungen als angefahren, mehr angepfiffen als angerauscht. Den Bordstein vor der Bäckerei springen Sie mit Knight Biker und Bravour locker hinauf, hauen oben noch eine Vollbremsung und den anwesenden Kollegen einen Servus hin. Dann betreten Sie die Bäckerei Pfifferling, wo Sie der Bäcker Sepp betreten ansieht, weil schon wieder die grünen Frösche, welche Sie so unbändig gerne verzehren, ausständig sind. Als Surrogat muss Esspapier, die Brauseuhr und eine Speckschlange herhalten. Der Bäcker Sepp beugt sich über die Vitrine und sein unwahr wirkendes, ellenlang pomadiges Rockabillyvorderhaar trieft sanft über die Backwaren, während er nach ihn molestierenden Fliegen schlägt. Es ist Sommer in Grafentraubach.

In der Bravo trägt die Sängerin Sandra einen Minirock, darunter eine schwarze Nylonstrumpfhose mit weißen Ringelsöckchen darüber und sie selbst tragen weiße Tennissocken über der hautenganliegenden Stretchjeans. Draussen sitzen schon die Compadres und begrüßen Sie mit wenig virilen Spitznamen wie Wum oder Wende. Um 13 Uhr kommen die Mädchen aus der Schule aber Sie nennen sie nur unterkühlt „Die Weiber“. Ihre Freundin hat Nachmittagsunterricht und so berichten Ihnen deren Freundinnen, dass Sie von ihr in der Hauptschule Laberweinting mal wieder als „der Depp“ tituliert wurden. Das verweisen Sie freilich ins Reich der Legende und kaufen sich noch ein Calippo, reden mit „den Weibern“ über die neue Destruction-Platte und zeigen bei der Gelegenheit ihr bestes Stück, haha, die „Creeping Death“ Maxi von Metallica in grünem Vinyl, her. Alsbald stößt Ihre Freundin, die man landläufig Frieda Frosch nennt, zu der Gruppe, doch sie tut so, als kenne sie Sie nicht. Sie lassen sich Ihre Bestürzung nicht anmerken, kaufen noch einen Bazooka Joe (Kaugummi) und überlegen, ob sie Frieda nicht demnächst mit Schimpf und Schande vom Hof jagen sollten.

Zunächst aber sollen „die Weiber“ hingehen, wo der Pfeffer wächst, den Sie neulich statt Salz zum Tequila probiert haben. Jetzt wird erstmal mit den Compadres über Fußball gesimpelt, doch als die Rede darauf fällt, warum Sie am Mittwoch nicht im Training waren und dass der Pommern Franz, der Ex-Dorfpolizist von Mallersdorf und jetziger A-Jugend Trainer sich darüber mokiert hat, lenken Sie das Thema geschickt auf die Dorfbandenrivalität, die entstanden ist, weil der Hunze was mit der Rebecca angefangen hat, obwohl er doch noch mit der Leitner Michi beinander war und deren Bruder jetzt deswegen sauer ist.

So streicht der träge Sommernachmittag ins niederbayerische Flachland kurz vor der Oberpfalz und bevor Sie sich wieder auf den Weg zu dem auf dem Foto abgebildeten Ausgangspunkt machen, verabreden sie sich mit den Compadres und „den Weibern“ auch für den nächsten Tag wieder „beim Bäck“.

Stellen Sie sich das nur einmal vor.

Latest Craze: Gräbertausch

Und wenn wir dann tot sind, tauschen wir einfach unsere Gräber. Weisst du, wir beauftragen jemand, der die Leichen austauscht und dann ist das so als hätten wir den Wohnungsschlüssel des anderen. Natürlich wird das von den lieben Angehörigen, den öästig Hinterbliebenen und den falschen Freunden niemand bemerken, aber es geht ja um unsere persönliche Häme, wenn beispielsweise die Marlies, die alte Kuh, bei mir am Grab rumflennt und in Wirklichkeit liegt ihre älteste und schärfste Nebenbuhlerin drin. Oder der Robert kniet sich, theatralisch wie er nun mal ist, vor deine Grabplatte, während ich ihm drinnen den skelettierten Mittelfinger entegen recke.

Ehrlich, was für ein Spaß. Nach einer gewissen Zeit können wir dann auch wieder zurücktauschen. Obwohl…, kommt auf die Gräber an. Wenn du natürlich so ein schickes Mausoleum bewohnst, kann es sein, dass ich da nicht mehr freiwillig ausziehe.

Besuch aus der Provinz

„I take my rage to town, I’ve come to tear you down.“

Seit Monaten habe ich darauf gewartet. Jetzt gehe ich in die Stadt hinunter. Vielmehr steige ich hinunter. Zu dem Pöbel, zu den ungerecht Thronenden und den ungerechterweise Enthronisierten. Euer Schnapps und eure Weiber, alles gehört jetzt mir. In bestechender Rücksichtslosigkeit werde ich euch schamanisieren und keinerlei Betreuung spenden, wenn jemand mein Lebensmodell gefällt. Ich scheiß auf jeden feuchten Händedruck, ich will euer Blut an meinen Händen sehen. Ich will, dass ihr euch fürchtet, ihr dort unten in eurer weiß angepinselten und abgewinselten Stadt, wenn der Mann mit dem schwarzen Herz aus den Bergen kommt. Schließt all eure Kneipen und Läden, stellt die Steinigungen ein, denn ab morgen trage ich das Feuer unter euch, und ihr Hundesöhne und Töchter werdet in Flammen aufgehen, wenn ich komme. Die Krüge hoch.

Nordstrand: Saisonende

Lichter gehen jetzt die Tage …
(Georg Heym)

Lichter gehen jetzt die Tage
In der sanften Abendröte
Und die Hecken sind gelichtet,
Drin der Städte Türme stecken
Und die buntbedachten Häuser.

Und der Mond ist eingeschlafen
Mit dem großen weißen Kopfe
Hinter einer großen Wolke.
Und die Straßen gehen bleicher
Durch die Häuser und die Gärten.

Die Gehängten aber schwanken
Freundlich oben auf den Bergen
In der schwarzen Silhouette,
Drum die Henker liegen schlafend,
Unterm Arm die feuchten Beile.

Ein weißes Tanzkleid kommt

Mein umher lichternder Blick folgte solange den Lichtern die von der Decke auf den Boden stürzten, bis mir schwindlig wurde. Ich war ohnehin bereits angeschlagen von einem windumrauschten Freiluftkonzert, einer Erwärmung für Gin & Tonic und einer hartnäckigen Erkältung. Jedem Tag seine Ultima Ratio und so hatte es mich in das atomare Café verschlagen, um mich endgültig verstrahlen zu lassen und weil ich hoffte, dass das Mädchen mit dem Tanzlächeln mich nochmal heimsuchen würde.

Sie kam und schritt alsgleich zu Werke auf dem sprichwörtlichen Tanzboden der Tatsachen. Lächelnd, leise und von einer ästhetischen Logik, wie sie nur Frauen an einem windigen Tag wie diesem an die Nacht legen konnten. Ich drehte mich mit ihr, aber außer Sichtweite, ich verbarg mich unter den irren Lichtern und den ballonartigen Gesichtern ihrer Bewunderer. Erst in allerletzter Instanz kämpfte ich mich durch die Schlangen von servilen Hohlköpfen und sagte ihr etwas ins Ohr, an das ich mich bereits Stunden später nicht mehr erinnern konnte. Sie antwortete mit etwas, das ich nicht verstand und dann blies sie der halbwarme Münchner Fön hinfort in die Sendlinger Mordsnacht. Monate später sah ich sie wieder, da waren ihr Tanzlächeln und ihre Telefonnummer bereits vergeben.

Burnsters Wahlnacht: Herrschaft des Bayers?

Die Realität:
Gestern strahlte ProSieben das drakonische Endspeispektakel „Herrschaft des Feuers“ aus, passend zum recht kruden Wahlhergang und der folgenden drakonischen Vanitas diverser (Über)regionalpolitiker. Burns saß aufmerksam vorm Fernseher und sah den Drachen zu.

Der Traum:
Es war schon spät, als ich mit dem Fahrrad von H. nach Hause wollte. Er hatte mich gefragt, ob ich nicht bei ihm schlafen wollte, wegen der Drachen. Immerhin sahen sie bei Nacht am schärfsten. Ich verneinte, denn es war noch nicht ganz finster und H.s WG war mir auch ein wenig zu schäbig. So schwang ich mich auf mein Fahrrad und radelte auf dem schnellstmöglichen Weg die Ortschaft hinunter zu meinen Eltern. Durch den Park ging es am geschwindesten. In präzise einkalkulierten drei Minuten würde kein Drache auf der Welt die Gelegenheit finden, mich vom Fahrrad zu rösten. So raste ich durch den Park, vorbei an der großen Birke, bis ich an dem großen Eisenzaun und vor verschlossenen Toren stand.

Das erste verdammte Mal war der Südausgang des Parks verschlossen. Jetzt musste ich den gesamten Park nochmals durchqueren, um wieder auf die Hauptstraße zu gelangen und von da aus den längeren Weg nach Hause nehmen. Doch das dauerte alles zu lang. Bis dahin würden sämtliche Feuerviecher der Stadt bereits Witterung aufgenommen haben. Mir schwante Übles, doch ich trat in die Pedale was die Beine hergaben. Nach ungefähr 50 Metern hörte ich ein Schnauben hinter mir es wurde höllisch heiß hinter meinem Rücken.

Und heiß war mir noch immer, als ich mich in kaltem Schweiß unangekokelt, aber mit einem gehörigen Schrecken versehen in meinem Bett wiederfand. (File Under Burner ergibt Sinn.)

Friday Night’s Alright For Fighting

Eine eher larmoyante Woche verabschiedet sich in einen saftlosen Freitag. Eigentlich sollte ich ausgeruht sein, doch eine rauschhafte, nihile Müdigkeit hat sich meiner unlängst bemächtigt und passe ich einmal nicht auf, nimmt mich Morpheus in seine wiegenden Arme und taucht mit mir unter den Teich meines Bewusstseins, in dem es keine Inhalte, nur dumpfen Schlaf gibt. Lediglich beim Auftauchen streifen wir gelegentlich verfaulendes Algengewächs auf dem Weg in die Sickergrube meiner Erinnerung.

Als der Bürotag geht, kommt der Regen. Und er ist im wörtlichen Sinne nassforsch. Er watscht mir das Gesicht ab, er löchert mein Hemd und er treibt mich zurück in meine Residenz über dem Nordstrand, der auch schon mal illustrer aussah. Morpheus klingelt, aber ich mache nicht auf, soll er seine Broschüren anderen Insomnösen andrehen. Ich klettere in mein Cockpit aus Spuren, Samples und VST Plugins und streiche den Freitag abend dunkelblau mit Songtexten wie diesem:

She says: hang on in there. I know she don’t. I thought she would. And I wish I could.

In Verleumdung jegliches Lebens ausserhalb dieser Wohnung verstricke ich mich immer tiefer in dem einzigen was ich gerade mal einigermaßen kann. Als ich fertig bin, fehlt mir die Stimme und die Lust den Tag so enden zu lassen. Ist es doch meine hehrste Aufgabe, sich allzeit der Gezeiten zu erwehren und das unmögliche möglich zu machen. Was in diesem Falle heisst, nochmal Berliner Nachtluft inhalieren, bis einem schwindlig wird.

Gegen eins schwimme ich in einem Thymianvollbad, gegen halb zwei treibe ich schon durch den von Regen entweihten Prenzlauer Berg. Ich bin halbseiden mit einer alten, viel zu jungen Liebschaft verabredet und als sie nicht in dem Klub auftaucht, bin ich luxuriös erleichtert. Eine sympathisch toxidierte Menge Engländer, Iren und Deutsche bewegen sich sehr unpeinlich zu großartiger Musik. Modest Mouse. Art Brut. Maximo Park. Und überhaupt: Alright, don’t worry we’ll all float on. Die Mädchen sind überwiegend hübsch und überwiegender verstört, prächtig anzusehen, so wie die Jungs die sie ausführen.

Die chemische Reaktion zwischen Wodka und dem Energiegetränk beginnt und das Blut fängt an, leise zu rauschen. Über der Tanzfläche thront ein Teufel ohne Kokain. Nur er, sein Drink und seine Lust am Überleben. Ich forme ein großes Herz mit den Gedanken und zersteche es mit meiner Biestigkeit. Ich gefalle mir in der Rolle des Ausschwärmenden. Aber auch in der Rolle des Heimkehrers. Und in der Rolle des stetig Fallenden und ewig Steigenden. Kurzum, ich bin betrunken. Auf dem Nachhauseweg sehe ich nach, ob meine Band noch im Café um die Ecke lebt und trinke noch einmal auf den Triumph der Nacht über den Tag. Als ich am Nordstrand ankomme, steht Morpheus schon frierend vor der Tür. Ich schließe ihm auf und lasse ihn seine Arbeit verrichten.

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