August 2005 archive

Litrez: Der neue Ikea ist da!

Lange bevor überhaupt ein Erscheinungsdatum bekannt war, irrlichterten schon die irrsten Spekulationen durchs Web. Ein Protagonist wird im neuen Ikea den Löffel abgeben. Wer könnte es wohl sein? Sollte Billy endlich ins Gras beissen, oder wurde dem kleinen Snille vom sinsistren Poäng der überfällige Garaus gemacht? Natürlich werde ich mich hier nicht in Pointenverderbung verdingen, sondern vielmehr einige literaturkritische Eindrücke zum neuesten Machwerk des umtriebigen Schweden vermitteln.

Auch im neuen Ikea dominiert die induzierte Duz-Form. Der omniscient narrator bricht seinen stream of consciousness mit diesem kecken imperativischen Stilmittel und rüttelt den Leser an den wichtigen Stellen auf, wie etwa

    Schau dich bei uns um und stell dir aus einem riesigen Auswahlmenü die Küche zusammen, die dir am besten gefällt. Das geht leichter als du denkst.

Aber im Prinzip ist das Schnee von gestern. Was mir im aktuellen Opus von Ikea auffällt und was ich nicht nur als neu, sondern als geradzu innovativ klassifizieren würde, ist der spontane Einsatz von onomatopoetischen Phrasierungen wie sie mein Freund Fons Tensfelder nicht besser im seinem Seminar unterrichten könnte.

    Ta-daah! Endlich haben wir auch unsere Sofas kleingekriegt.

Bemerkenswert hier natürlich auch der autobiographische Seitenhieb in „klein(ge)krieg(t)“, ganz klar eine giftige Anspielung auf die Razzia in einer Filiale im hessischen Wallau, die den Autor zu schärferen Allegorien zwingt als jemals zuvor. Zudem sorgt eine „antike Beizung“ des gängigen Ikea-Vokabulars für einen härteren Duktus, der die Handlung unbarmherzig bis zum großen Finale antreibt. Die Grandezza des neuen Ikeas liegt aber letztendlich im ambigen Einerlei aus massiver Kiefer und leichtherzigen Polyesterfasern. Das geht auch zum Wohl von Pathos-Allergikern, soviel sei verraten.

Durch seine durchkomponierte Rhetorik und dem wiederkehrenden Einsatz von „Ink Terms“ (z.B. „lasiertes Eschenscharnier“, „arretierbarer Wippmechanismus“) lässt der neue Ikea allerdings einiges an Fallhöhe vermissen. Die Geschicke von Klippan sorgten zumindest in der Vergangenheit für mehr Empathie. Aber ich will nicht zuviel verraten.

Route 666

Wenn die H. aus dem Kliniknähkästchen plaudert, bleibt kein Auge trocken. Bei Nasenhaarentfernern im Anus und kleinen Parfüm Flacons in der Harnröhre, bei perversen Freiern im Krankenzimmer und marodierenden Gangs auf der Intensivstation entsteht selbst beim gepflegtesten Hinterhof Barbecue ein wildromantischer Hang zur Normalität.

Dazu gesellen sich freilich auch die bei Jung & Alt beliebten Geschichten aus Swingerclubs, Sexbars und Drogenstrichen und nicht zu vergessen die delektable Drogenanekdote an sich. Zu vorgerückter Stunde staunt man dann über Depressionen und verlustiert sich mit den lässigsten Obsessionen der Saison.

Immer wieder gerne gehört auch: Geschichten die das Leben schrieb über Geschiedene, Getrennte, Trennbare, Fremdgehende, Sichfremdwerdende und Fremde in der Nacht. Dreiecksgeschichten, Dreizacksgeschichten, Dreisprung- und Eisprunggeschichten. Hochzeiten, Todesfälle, Geburten und andere Kindereien, bunt gemischt mit ein bisschen Hautkrebs, dem ein oder anderen bösartigen Unterleibsgeschwür oder einem achtfachen Bandscheibenvorfall. Als leichte Appetithappen vor den großen Tragödien serviert man gerne mal ein wenig Sex und Gewalt aus dem eigenen Privatleben. Es muss ja nicht immer Kaviar sein.

Halber Schlaf

Die Finsternis raschelt wie ein Gewand,
Die Bäume torkeln am Himmelsrand.

Rette dich in das Herz der Nacht,
Grabe dich schnell in das Dunkele ein,
Wie in Waben. Mache dich klein,
Steige aus deinem Bette.

Etwas will über die Brücken,
Er scharret mit Hufen krumm,
Die Sterne erschraken so weiß.

Und der Mond wie ein Greis
Watschelt oben herum
Mit dem höckrigen Rücken.

(Georg Heym, 1887-1912)

Meiner Seele unendliche See

Eine Bitte von einem Kater namens Virtute

Für Herrn Ole aus Absurdistan.

Warum spielst du nie mit mir? Dieses Wollknäuel langweilt mich langsam. Du pennst ja schon genauso viel wie ich und ausserdem isst du nie etwas. Mit wem sprichst du da eigentlich immer? Ich hab schon das ganze Haus nach deinem Besucher durchsucht, aber alles was ich bisher gefunden habe, war Hausstaub, der im Schatten der Nachmittage hin-und hertanzt. Und was diese bitteren Lieder betrifft, die du da vor dich hin singst: Die sind vollkommen nutzlos. Und besser geht es dir dadurch sicher nicht.

Lass uns die Bude doch mal etwas durchlüften, Kollege. Laden wir uns ein paar Leute ein, zum Beispiel die scharfe Mietze aus dem ersten Stock. Deine Schwester kann von mir aus auch kommen, wenn sie ihren dämlichen Dachshund zuhause lässt. Dummer Köter.

Und erinnere sie doch bitte an das Rauschen dieser Kassette, „Der moderne Mann“, „Der kalte Krieg“ und das Literaturverzeichnis. Damit können wir dann alberne Gesellschaftsspiele spielen und Mädchengetränke dazu schlürfen.

Dann verbreiten wir die alte, banale Lüge vom „Blick zurück ohne Reue“ und vielleicht kannst du später ja mal ausprobieren, deine ganzen Verlustqualen über den rasiermesserscharfen Rand des ausklingenden Jahrhunderts zu hängen. Und dann schwadroniere doch mal übers Wetter, oder wie das Wetter früher so war.

Für die Speisen sorge übrigens ich. Und zwar mit den ganzen Vögeln, die ich bis dahin erlegt habe. Ihre süßen Federchen werden die Enttäuschung über die kleinen Portionen wettmachen.

Und jetzt leg dich hin und leck dir die Sorgen von deiner weißen Haut. Kehr den ganzen Schrecken unter den Teppich und fühl dich endlich mal stark, du Weichling. Immerzu starrst du in den Fernseher, und der interessiert mich nun weiß Gott nicht. Ich schwöre, dass ich dich demnächst mal ganz fürchterlich in die Wadel beißen und von deinem Blut kosten werde.., wenn du nicht endlich mit diesen selbstzerstörerischen Lügen aufhörst, die du wiederkäust, seit du mich hierher geholt hast. Verdammt, ich weiß doch, dass du stark bist.

(frei übersetzt nach Weakerthans – Plea From A Cat Named Virtute)

Das ist meine Lilly.

Heatseeker

Calamities are of two kinds: misfortunes to ourselves, and good fortune to others. (Ambrose Pierce)

Wenn es überschäumt, kann man versuchen, es aufzuwischen. Mann kann es auch weiter anfeuern. Die Wahrheiten trauen sich aus der Deckung an solchen Abenden. Die Seilschaften fliegen ans Licht und wer jetzt noch die Übersicht behält, ist der König dieser maliziösen Nacht.

Überschwemmte Anrufbeantworter, Kettenrasseln und Drohgebärden, das Sorgerecht um den Absinth, das Angebot einer freundlichen Übernahme, die Offenbarungen des Johannes, ein freundlicher Nervenzusammenbruch und die Einsicht, irgendwann das Schlachtfeld zu verlassen, um nicht wieder als letzter die Toten zählen zu müssen. Was für ein außergewöhnlich großer Spaß. Was für ein Misthaufen. Was für ein Schuss.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal

Der Prenzlauer Berg hat sich heute abend grotesk lieblich herausgeputzt, seine Fassaden goldgebräunt, so dass die Abendsonne ihr Licht- und Schattenspiel mit Außenstuck, französichen Balkons und Fensterfronten unter Idealbedingungen vollziehen kann. Der spanische Wein und die rauchige Chorizo legen einen weiteren Weichzeichner über meine Auffassungsgabe und mit mulmiger Faszination ruhen meine Augen auf einem Typ Frau, der mir eines Tages noch den endgültigen Garaus bereiten wird.

Während falsche Hoffnungen und verfrühte Aufgabegedanken sich im mahlzeitsbegleitenden Gespräch ins Gehege kommen und man verbale Türen vor der Nase zugeknallt kommt, obwohl man noch die Klinke in der Hand hält, während man selbst aus dem Vollen schöpft und andere aus dem Nähkästchen plaudern, während all dieser Zeit wechseln sich zahlreiche Anwärter auf den Titel Müllcontainer des Abends ins Spiel mit dem garausenden Typ Frau ein, die da in dem weißen Rock im Sand sitzt.

Seinem Gegenüber die Blickestreue zu halten, fällt schwer, wenn das Fräulein bei jedem Griff in die Tasche zwischen ihren Wildlederstiefeln die Farbe ihrer Unterwäsche in den Raum wirft. Der Isländer rügt mich zurecht, ich würde ihn aus einer Konversation herausblocken, die er ohnehin nur mit sich selbst führt. Diese Zigarette ist der nächste logische Schritt hinein in diese Nacht, denke ich und bestelle einen neuen Gin & Tonic an der Außenbar.

Es herrscht schon tiefe Nacht hier im artifiziellen Sandareal und ich frage mich, wer denn nun endlich einmal „Norman Three“ verdient hat. Das Liebeslied mit dem repetetivsten Refrain, den ich kenne. Ich glaube, elfmal singt Norman Blake am Ende „Hey, I’m in love with you. And I know that it’s you“ und mit jedem Mal klingt es intimer. Aber keine Kandidatin hat sich dieses Songs als bisher würdig erwiesen, denke ich verbohrt und während ich in Kandidatenkategorien denke, huscht bereits der Nächste an das blonde Fräulein heran und doziert Unsägliches über den Berliner Nachthimmel. Ich will es doch gar nicht hören.

Wenn ich die Augen schließe, kann ich mich bei dem Spanier an den goldbraunen Fassaden mit jemand anderem als dem Isländer weiterunterhalten und doch gelangen Teile der Strandbar in die Konversation. Zudem tauschen sich die Statisten immer mehr aus. Der Sand vermengt sich mit dem Straßenstaub und die feiste Dämmerung der Sredzkistraße verliert aus pseudochronologischen Gründen gegen die sich ausbreitende Dunkelheit über der Museumsinsel. Und immer noch bin ich in zwei Nächten gleichzeitig, was ein ganz wundervolles Gefühl ist.

Und unten die Ströme
Come on over, break some bread. Close the window and we lay on the bed.

Bis einer howlt!

Das lauteste Konzert dem ich je beiwohnen durfte war weder Motörhead, noch Manowar. Nein, es war der Black Rebel Motörcycle Club, der mir die Augen vor lauter Gitarren tränen liess. Die auf dem recht krachledernen Zweitling „Take Them On, On Their Own“ basierenden Livekonzerte scheinen jedoch nicht zwangsweise wegweisend für das neue Album „Howl“ (22.08.05) gewesen zu sein.

Schon der Einstieg „Shuffle Your Feet“ klingt mehr nach einem Hippiegottesdienst als nach einem Motorradtreffen. „Howl“ ist eine reine Rootsplatte, die sich in uramerikanischem Fahrwasser voller Gospel- und Blueszuflüsse fortbewegt. Und Tradition wird nicht nur musikalisch großgeschrieben. Auch der beim Beatnik Buddha Alan Ginsberg entliehene Albumtitel repräsentiert die Rückbesinnung auf die Wurzeln amerikanischer Rockmusik und Beatpoesie.

Wem das alles zu sehr nach Spiritus-Sanktus klingt, den kann man beruhigen: Hinter dem ganzen Bluesfolk-Getue offenbart sich das gewohnt souverän spartanische Songwriting. „Howl“, „Sympathetic Noose“ und „Weight Of The World“ sind so wertvoll wie verloren geglaubte Brautigan Memoiren. Mal sehen, in welcher Lautstärke man diese Platte auf die Bühne bringen kann. Ich will niemanden weinen sehen, wenn’s laut wird.

Howl doch!

Vom Suchen und Finden der Langeweile

Als alter Dietl Fan musste ich mir „Vom Suchen und Finden der Liebe“ dann doch irgendwann zu Gemüte geführen. Sicherheitshalber habe ich auf den DVD Release gewartet, da kann man zur Not bei den ausartenden, süskindschen Nuscheleien vor- und bei Prominacktaufnahmen zurückspulen.

Tatsächlich ist mir der Herr Dietl seit „Late Night“ etwas zu affektiert und gesamtkunstwerkverliebt. Das tragikomische aus-dem-Leben-greifen, das er mit „Monaco Franze“, „Kir Royal“ oder dem Golden Oldie „Münchner Geschichten“ so vortrefflich vorexzerzierte, ist einer allegorischen Verliebtheit in das eigene Schaffen und – noch schlimmer – in die eigene Biografie gewichen.

Dietls Anspielungen auf seine Vroni-Ferres-Obsession sind prädominant in dem Film, was verzeihbar wäre, leider sind sie zudem auch grätenlangweilig. Sich das antike Drama (Orpheus und Eurydike) inkl. hellenistisch mythischem Flair an Bord zu holen und eine Art stakkatoverregnetes Antikberlin zu erschaffen, das scheinbar nur aus Museumsinsel und Borchard zu bestehen scheint, ist nicht mehr nur als Stilmittel abzutun, sondern artet in eine wahre Materialschlacht aus. Dieser Schulterschluss gelingt Woody Allen in „Mighty Aphrodite“ deutlich besser. Und überhaupt: sprechende Namen gehören verboten.

Charakterliche Tiefe entsteht übrigens weder bei der dauernölenden und neuerdings chronisch überbewerteten Alexandra Maria Lara, noch beim dietlesk maskierten Moritz Bleibtreu. Geradezu widerlich tuntet Heino Ferch als Hermaphrodit durch die Unterwelt, Uwe Ochsenknecht nervt mit seiner Evergreen-Mimik vom tattrig Virilen und von Anke Engelke sieht man wenigstens Arsch und Titten (die Damen mögen mir die Drastik verzeihen, ich hab den Film nicht gedreht).

So sehr ich den alten Dietl verehre – ihm aber jede Weiterentwicklung zubillige – und so sehr ich das geradezu viktorianisch manierliche Dialogpingpong von Dietl und Süskind schätze: dieser Film jubelt einem Dietls beginnende ästhetische Demenz in einer monströsen, lamentistisch kitschigen Überdosis unter. Da muss man sich wundern, wie er (der Dietl) da noch so viel Leerlauf unterbringen konnte.

MC Winke Winke und seine Alte

The City’s Ripped Backside

Mit ihrem Milchkaffee und einer Packung Zigaretten steigt sie auf die oberste Plattform ihres Zuckerbaudachs. Sie ist in dieses Haus gezogen, um über der Stadt zu wohnen. Um über der Stadt spazieren zu gehen. Sollten die Leute ruhig auf der großen Allee wandern, sie schwebt über die Dächer und Fluchten. Hier oben erscheint ihr Traum von der Musikerkarriere umsetzbarer als unten. Und so schäbig die Pappdächer und alten Antennen an den Herbsttagen wirken, der ungebändigte Himmel im Oktover veredelt alles. Und wenn das Flachdach vom Abendlicht in Gold gegossen wird, erscheint ihr die Straße dort unten wie ein Fluss.

An einem anderen Tag kommt er auf das Dach. Zufällig und sensationslüstern. Achtlos gegenüber den Feinheiten ihrer Himmelskultur. Er spricht schön, doch damit kaschiert er nur seine nervöse Zielstrebigkeit. Er ist ohne Hoffnung, aber ohne dass sie ihm fehlen würde. Er ist im Stande, ihr Dach, ihr Dasein zu verwüsten, an einem einzigen Tag. Dann wird er wieder hinabsteigen, ohne sich zu erinnern, je hier oben gewesen zu sein. Sie fürchtet ihn, aber natürlich lässt sie sich gerne von ihm verfolgen, an diesem frühen Abend auf dem Dach. Fast beiläufig injiziert er ihr das Gift der Bodenständigkeit und nachdem er weg ist, kann sie keine Begeisterung mehr auf dem Zuckerdach empfinden. Lange Tage verbringt sie in ihrer Wohnung unter dem Dach, ohne wieder hinauf zu steigen. Irgendwann ruft er an, sie packt ein paar Sachen zusammen und geht die sechs Stockwerke hinunter, bevor sie auf die große Allee tritt.

Going up in style